2012_08_14_schmal

Bild: Jens Schulze 

Treffen am Strandkorb 100

Tagesthema 13. August 2012

Kurprediger begleiten im Sommer Urlauber im In- und Ausland

Don Camillo im Strandkorb


Er ist so etwas wie ein Außenposten Gottes am Wasser - der Strandkorb des Kurseelsorgers Uwe Brinkmann im Nordseeort Bensersiel. Hier ist der Pastor bekannt wie ein bunter Hund. Das nutzen Gäste auch, um im Gespräch mit ihm ihre Seele zu erleichtern.

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Der evangelische Urlauberpastor Uwe Brinkmann (49) am Strandkorb 100 auf dem Strand des Nordseebades Bensersiel. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Er ist knallblau und für viele Menschen am Strand des ostfriesischen Badeortes Bensersiel eine echte Institution: Auch wenn die steife Brise mal Schauerwolken vor die Sonne bläst, ist der Strandkorb mit der Nummer „100“ ein wichtiger Stützpunkt für den evangelischen Urlauberpastor Uwe Brinkmann. Von seinem Mini-„Pfarrhaus“ direkt an der Wasserlinie hat er nicht nur einen grandiosen Blick auf den weiten Himmel über der Nordsee. Immer wieder kommen Badegäste zur „100“, die das Gespräch mit ihm suchen.

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Die Fahne der "Kirche unterwegs" am Strand des Nordseebades Bensersiel: Regelmäßig ist Urlauberpastor Uwe Brinkmann dort während der Sommerferien im Strandkorb mit der Nummer 100 am Wasser zu finden. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Der 49-jährige Theologe spricht selbst vom „Don-Camillo-Effekt“ in Anlehnung an die populäre und volksnahe Filmfigur des italienischen Dorfgeistlichen: „Die Leute bringen mir hier am Strand ein tiefes Vertrauen entgegen.“ So kann aus einem kurzen «Hallo» schnell ein längeres Gespräch werden. Für die Menschen da zu sein, ihnen zuzuhören, ist deshalb auch die Hauptaufgabe des Kurseelsorgers auf dem Familien-Campingplatz im Ort, der jetzt in der Hauptsaison von rund 3.000 Urlaubern bevölkert wird. Dazu sorgen noch einmal Tausende Gäste aus den Ferienwohnungen für Trubel an der See.

An der Küste zwischen Borkum und Cuxhaven arbeiten mit Brinkmann zurzeit zwölf Kurseelsorger, die Kanzel und Kirchturm gegen Seelsorge am Strand getauscht haben. „Zusammen mit den Urlaubsregionen in Heide, Harz und im Teutoburger Wald sind es etwa 100“, bilanziert Pastor Hartmut Schneider, der für die hannoversche Landeskirche die Kurseelsorge koordiniert.

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Der Strandkorb ist so etwas wie ein Außenposten Gottes am Wasser, denn viele Menschen am Strand wissen, dass sie hier den Kurseelsorger seit Jahren jeweils in den Sommerferien treffen und ansprechen können. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Doch nicht nur im Norden Deutschlands arbeiten Urlauberseelsorger. Auch in anderen Bundesländern und selbst international sind sie unterwegs. In diesem Sommer haben 220 Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neben Badeanzug und -hose auch den Talar im Gepäck.

In mehr als 100 Orten in vielen Ländern Europas verbinden sie nach Angaben der EKD für jeweils einen Monat ihren Urlaub mit der Seelsorge für die Menschen, die in den Ferienorten Erholung und Ruhe suchen. Das gilt auch auf den Meeren, denn 56 Geistliche begleiten Gäste auf Kreuzfahrtschiffen.

Uwe Brinkmann und seine Frau Andrea, selbst Diakonin, sind zwei Wochen in Bensersiel. In dieser Zeit singen sie mit Gästen „Lieder für die Seele“, gestalten Abendandachten und Gottesdienste, zu denen Besucher gerne auch in Flip-Flops und T-Shirt kommen können.

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Etliche Badegäste nutzen die Gelegenheit und sagen beim Strandkorb 100 kurz "Hallo". Daraus kann dann beim Strandspaziergang schnell ein Gespräch werden, das tiefer geht und in dem es auch um persönliche Krisen geht. Brinkmann hat Zeit, hört zu und sortiert die Gedanken, die im Urlaub manchmal übermächtig werden. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Seit 16 Jahren sind sie im Ort Stammgäste und freuen sich über die vielen Kontakte zu den Urlaubern, die ganz unabhängig von der Konfession entstehen. „Im Urlaub kommen die Menschen ins Nachdenken. Dann ist es gut, wenn einer Zeit hat, um ihnen zuzuhören und die Gedanken zu sortieren“, ist Brinkmann überzeugt.

Hier am Strand hat der Gemeindepastor und studierte Maschinenbauer aus Osterode am Harz schon Badegäste getraut und die Kinder von Feriengästen getauft. Aber Brinkmann steht auch in Krisen an der Seite der Urlauber. „Die Leute nehmen ja das, was sie im Alltag belastet, mit in die Ferien. Vieles, was sie sonst verdrängen, bricht dann hervor.“

Beim Spaziergang am Wasser kann es so auch um eine schwere Krankheit gehen, um den Tod eines Angehörigen, Arbeitslosigkeit, Jobwechsel oder um den Umzug in eine neue Stadt. Erst kürzlich kamen einer Besucherin im Kirchenzelt auf dem Campingplatz nach dem Gottesdienst die Tränen. Wie im Zeitraffer stand ihr plötzlich das ganze zurückliegende Jahr vor Augen - Erinnerungen, die nicht nur schön waren und die sie überwältigt haben. Brinkmann hat sich zu ihr auf die Holzbank gesetzt.

Für den Pastor selbst ist Bensersiel zur zweiten Heimat geworden. Hier hat er seine Frau kennengelernt. Hier war er über Jahre mit seinen drei Kindern am Strand. Und doch gibt es für ihn immer neue Begegnungen und Erlebnisse, die den passionierten Frühaufsteher faszinieren. Dazu gehört die Zeit gegen fünf Uhr morgens, wenn er vor der Kulisse von Wohnwagen und Zelten den Blick auf das Meer genießt: „Dann ist es hier besonders schön.“

Von Dieter Sell (epd)

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