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Bild: Dieter Sell

Schöner Schein

Tagesthema 12. August 2012

Straßenmaler bringen beim Festival in Wilhelmshaven das weltgrößte dreidimensionale Bild aufs Pflaster

Bunt statt grau - so präsentiert sich die Innenstadt von Wilhelmshaven. Straßenmaler verwandeln die City in eine sommerliche Open-Air-Galerie. Zum Publikumsmagneten entwickelt sich ein Beitrag für das Guinness-Buch der Rekorde.

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Gigantisch groß und dreidimensional füllt das Motiv den Valoisplatz in Wilhelmshaven: Über drei Stufen stürzt Wasser in ein schmales Tal, sammelt sich zu einem Fluss, der schließlich gemächlich an der Arche Noah vorbeizieht. Das riesige 3-D-Motiv, annähernd 2000 Quadratmeter groß, kann durch Fisheye-Lupen von einem Podest aus betrachtet werden. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Gigantisch groß und dreidimensional füllt das Motiv den Valoisplatz in Wilhelmshaven: Über drei Stufen stürzt Wasser in ein schmales Tal, sammelt sich zu einem Fluss, der schließlich gemächlich an der Arche Noah vorbeizieht. Die Straßenmalerei ist nicht nur die Attraktion des zweiten internationalen „Streetart-Festivals“ an diesem Wochenende in der Nordseestadt am Jadebusen. Mit dem Motiv will ein Künstlerquartett auch für das Guinness-Buch der Rekorde die weltgrößte dreidimensionale Straßenmalerei auf das Pflaster bringen.

Die Gruppe um Straßenmalerin Lydia Hitzfeld aus dem ostfriesischen Wittmund arbeitet schon seit ein paar Tagen an der 3-D-Schlucht. Festival-Initiator Michael Diers rechnet damit, dass die Fläche am Ende 2.000 Quadratmeter messen könnte. «100 Kilo Farbe haben wir schon verbraucht, weitere 100 sind wohl noch nötig», schätzt der Lebenspartner von Lydia Hitzfeld. Am Sonnabend muss alles fertig sein. Dann wird unter den Augen offizieller Zeugen gemessen.

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Die Straßenmalerin Lydia Hitzfeld springt über ihr Riesen-3-D-Bild. Bild: Dieter Sell  / epd-Bild

„Wir haben den Weltrekordversuch in England beim Guinness-Buch der Rekorde angemeldet“, sagt Hitzfeld, die vor neun Jahren ihr erstes Motiv in einer Größe von zwei mal zwei Metern auf das Pflaster gemalt hat. Heute denkt sie meist groß, wenn sie den Passanten ihre Kunst zu Füßen legt. Mit breitem Pinsel, Quast und Farbroller werden die Flächen nach einem vorher festgelegten Entwurf ausgemalt. „Das ist fast wie beim Malen nach Zahlen“, lacht die Künstlerin, die mittlerweile von dem Genre lebt. Bei Festen und Werbeaktionen verwandelt sie graues Pflaster in farbige Bilder.

Speziell bei der 3-D-Streetart streben alle Linien auf einen Punkt zu. Und auch nur von diesem Ort aus erschließt sich für das Auge die dreidimensionale Struktur. In Wilhelmshaven können Passanten von einem kleinen Podium aus den besten Blick auf die Arche werfen, die täuschend echt im Tal liegt.

Auf dem Podest ist Hochbetrieb, Schaulustige stehen Schlange: „Schau mal, die Klappe vorne am Schiff ist schon offen“, staunt ein kleines Mädchen, das im nächsten Moment vom Papa hoch gehoben wird, um noch besser sehen zu können. Auf der Arche watschelt eine junge Möwe, gerade so, als ob sie gleich einsteigen wollte. Schon jetzt scheint der Rekord zum Greifen nah. Es gilt, eine Bildfläche von 1.160 Quadratmetern zu toppen, die der Brite Joe Hill im November vergangenen Jahres in London dreidimensional bemalt hat.

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Die Straßenmalerei ist nicht nur Attraktion des zweiten internationalen "Streetart-Festivals" in der Nordseestadt am Jadebusen. Bild: Dieter Sell  / epd-Bild

Damit bei dem Rekordversuch zwischenzeitlich die Farbe nicht vom Regen weggespült wird, greift Hitzfeld in ihre Trickkiste. Der Pastellkreide hat sie einen Zusatz beigemischt, der das Bild haltbarer macht. So verblasst die Arche erst nach ein paar Wochen. Doch letztlich ist alles vergänglich, was Künstler aus Deutschland, Mexiko, den USA, Marokko, Italien, den Niederlanden, Frankreich und Rumänien am Wochenende auf das Wilhelmshavener Pflaster malen wollen.

Oft sind es religiöse Motive alter Meister mit hohem Wiedererkennungswert, die kopiert werden, erläutert Hitzfeld. Botticelli, Rubens und Rembrandt gehören zum festen Repertoire. Aber auch freie Entwürfe und eben 3-D-Bilder sind darunter. „Eine Jury entscheidet am Sonntag, welche Motive je nach Kategorie in Kreativität oder optischer Übereinstimmung, Farbintensität und handwerklicher Ausführung am besten gelungen sind“, blickt Mitorganisator Mirco Wenzel voraus.

Ideengeber Diers hofft auf Zehntausende Schaulustige und findet, dass die Arche als Leitmotiv des Festivals perfekt passt. Sie stehe für Aufbruch und Neuanfang. „Genau darum geht es auch in Wilhelmshaven mit seinem neuen Container-Tiefwasserhafen, dem Jade-Weser-Port.“ Und noch etwas schätzt Diers an den Straßenmalern. Etwas, was Wilhelmshaven nach seiner Einschätzung zuweilen fehlt: „Mit ihnen ist die Atmosphäre in der Stadt einfach wunderbar - die Künstler bringen Leichtigkeit.“

Von Dieter Sell (epd)

Kleiner Nachtrag

Der Weltrekord dürfte ihnen nicht mehr zu nehmen sein. Beim Wilhelmshavener Streetart-Festival hat ein Künstlerquartett das größte dreidimensionale Straßenbild der Welt gezeichnet. Das Werk misst 1.570 Quadratmeter und übertrifft damit deutlich das bisherige Rekord-Bild aus Abu Dhabi, das 400 Quadratmeter maß. Ihr Erfolg muss nun noch offiziell anerkannt werden.

Quelle: DeutschlandRadio Kultur