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Bild: Andreas Pöge / epd

Singet dem Herrn

Tagesthema 11. August 2012

Die Motette von Johann Sebastian Bach

Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder.
Die Gemeinde der Heiligen soll ihn loben.
Die Kinder Israel sei’n fröhlich über ihrem Könige.
Sie sollen loben seinen Namen
im Reigen mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.

Psalm 149,1-3 in der Fassung des Chors der Mottete von Johann Sebastian Bach

Die Motetten von Johann Sebastian Bach

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Die Motetten Bachs, über deren Entstehung wir bis heute sehr wenig wissen, stehen deutlich in der kirchenmusikalischen Tradition des 17. Jahrhunderts (vgl. z.B. die Psalm- und Evangelienmotetten von M. Franck, Vulpius, Schütz u.a). Eigentlich war die Gattung Motette ja schon aus der Mode gekommen, doch hat den Leipziger Musikdirektor möglicherweise gerade dies gereizt. Er führt sie (wie die Kantate) in einer bis dahin unerhört virtuosen und komplexen Weise zur kompositorischen und klanglichen Perfektion.

Dem Musikalischen Lexicon (1732) von Johann Gottfried Walther, einem Vetter J.S. Bachs, zufolge ist eine Motette „eine mit Fugen und Imitationibus stark ausgeschmückte, und über einen biblischen Spruch bloß zum Singen ohne Instrumente (den General-Baß ausgenommen) verfertigte musicalische Composition“. Dies besagt, dass für die Motette im Gegensatz zur Kantate in der Regel keine freien Dichtungen (vgl. allerdings BWV 229), sondern Bibel- oder Choraltexte zugrunde gelegt wurden und bis auf die Continuogruppe gewöhnlich auf eine (die Singstimmen verdoppelnde oder sie ersetzende) Begleitung verzichtet wurde.
Der Leipziger Thomanerchor hat diese Stücke in ununterbrochener Aufführungstradition im Repertoire behalten. So berichtet Ernst Ludwig Gerber 1767, dass er eines dieser Werke „mit tiefer Erschütterung seines ganzen Wesens“ anhörte und auch Wolfgang Amadé Mozart soll bei seiner Durchreise im Revolutionsjahr 1789 beim Hören der Motetten J.S. Bach seine „innigste Verehrung“ ausgedrückt haben.

Bach-Werke-Verzeichnis 225

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Jochen Arnold

Der Text der doppelchörigen Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 225) ist Psalm 149 und 150 entnommen, was eine Entstehung zum Neujahrstag (vgl. die Kantate Singet dem Herrn, BWV 190) nahe legt. Schon der erste der vier Sätze fordert den Choristen ein hohes Maß an gesanglicher Virtuosität ab, insbesondere die Fuge Die Kinder Zion führt die Chorstimmen wie Instrumente durch den Satz. Dabei wird ein musikalischer Reigentanz, der von Koloraturen durchzogen ist, ebenso abgebildet wie der Klang von Pauken. Einen meditativen Ruhepunkt bildet der zweiter Satz, in dem eine Strophe aus dem Choral Nun lob, mein Seel, den Herren mit einer anrührenden Aria verbunden wird, die ein flehendes Gebet enthält. Theologisch reizvoll ist dabei die unterschiedliche „Sprechrichtung“ der Texte: Das Bitten von Chor 1 wird gleichsam von einer Zusage in Chor 2 (Choral) erhört. Darauf folgen ein energiegeladener achtstimmiger (Lobet den Herrn) und ein fulminanter vierstimmiger Satz (Alleluja), die an Tempo und Dynamik kaum zu überbieten sind. Hier herrscht reiner Jubel, besonders wenn sich das Tempo im Übergang vom 4/4-Takt zur abschließenden Fuge im 3/8-Metrum nochmals steigert.

Die klingende Dynastie - Wie Johann Sebastian Bach und seine Familie die Musikwelt geprägt haben

Cover

Wirtschaft, Politik und Kunst kennen ihre Dynastien – Familien, die über Generationen in einem Genre die Geschicke bestimmen. Besonderes aber spielte sich vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Mitteldeutschland ab: Keine Familie auf der ganzen Welt brachte es zu einer derartigen Häufung musikalischen Talents wie die Familie Bach mit ihrem berühmtesten Spross Johann Sebastian.

Wenn man in Berlin über den Sophien-Friedhof schreitet, sollte man einmal vor der Grabanlage IX-5-45+46 innehalten: Dort hat 1845 mit Wilhelm Friedrich Ernst Bach jener Enkel Johann Sebastians seine letzte Ruhestätte gefunden, der als letzter Namensträger in direkter genealogischer Linie diese einzigartige Musikerdynastie beendete, die wie keine zweite die Musikgeschichte prägte. Im gut 300 Kilometer entfernten thüringischen Wechmar liegen ihre familiären Wurzeln, wohin im 16. Jh. aus dem zu Ungarn gehörigen mährisch-slowakischen Raum ein „Weißbäcker“ immigriert war, der als Urahn der Bache gilt.

Was die anderen Mitglieder der Bach-Musikerfamilie gemacht und wo sie gewirkt haben, klären die Autoren im Thema Heft "Die Familie Bach"...

Die Themenhefte der Evangelischen Zeitung

Der „fünfte Evangelist“

Bach
Johann Sebastian Bach im Alter von 61 Jahren, von Elias Gottlob Haussmann, Kopie oder Zweitversion seines Gemäldes von 1746, Privatbesitz von William H. Scheide, Princeton, New Jersey, USA.

Johann Sebastian Bach, geboren am 21. März nach dem julianischen, am 31. März nach dem gregorianischen Kalender, aber auf jeden Fall im Jahr 1685. Gestorben ist er am 28. Juli 1750 in der Stadt, in der er die längste Zeit seines Lebens gelebt und gewirkt hat: in Leipzig war ein deutscher Komponist sowie Orgel- und Klaviervirtuose des Barock.

Zu Lebzeiten wurde Bach als Virtuose, Organist und Orgelinspektor hochgeschätzt, allerdings waren seine Kompositionen nur einem relativ kleinen Kreis von Musikkennern bekannt. Nach Bachs Tod gerieten seine Werke jahrzehntelang in Vergessenheit und wurden kaum noch öffentlich aufgeführt. Nachdem die Komponisten der Wiener Klassik sich mit Teilen von Bachs Werk auseinanderzusetzen begannen, setzte mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion unter Leitung von Felix Mendelssohn im Jahre 1829 die Bach-Renaissance in der breiten Öffentlichkeit ein. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehören seine Werke weltweit zum festen Repertoire der klassischen Musik.

Heute gilt er nicht nur im Raum des Protestantismus als einer der bekanntesten und bedeutendsten Musiker. Seine Werke beeinflussten nachfolgende Komponistengenerationen und inspirierten Musikschaffende zu zahllosen Bearbeitungen.

In der evangelischen Kirche gilt Bachs Musik als Gipfelpunkt der lutherischen Kirchenmusik und als „musikalischer Ausdruck der Reformation“. Der schwedische Bischof Nathan Söderblom ging 1929 so weit, seine Musik als „fünftes Evangelium“ zu bezeichnen.

Alle Motetten auf einer CD

CD-Cover

Die Vorzüge der Motetten von J. S. Bach rühmen hieße Eulen nach Athen tragen. In den vier großangelegten doppelchörigen Werken, darunter das jubelnde „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 225), die berühmte fünfstimmige Motette „Jesu,meine Freude“ (BWV 227) und das lange in seiner Echtheit umstrittene vierstimmige „Lobet den Herrn alle Heiden“ (BWV 230), begegnet uns Chorkunst in virtuoser Vollendung.

Ein Genuss für alle Experten, die mit einer neuen, profilierten Deutung konfrontiert werden. Und für Neueinsteiger, die mit Bachs Motetten eine neue Welt entdecken können.

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