2012_08_11_schmal

 Bild: epd-Bild / Norbert Neetz

Dominus flevit - der Herr weinte

Tagesthema 10. August 2012

Der Zehnte Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag

Israelsonntag

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Die Franziskanerkapelle "Dominus Flevit" ("Der Herr weinte") auf dem Ölberg in Jerusalem. Auf die Fundamente einer kleinen byzantinischen Kirche des 6. Jahrhunderts setzte der italienische Architekt A. Barluzzi einen Neubau in der Gestalt einer Träne. Als Jesus vom Volk umjubelt in die Stadt einzog, weinte er beim Anblick Jerusalems, weil er den Untergang der Stadt kommen sah (Lk.19,41-44) Bild: Norbert Neetz / epd-Bild

Was während des gesamten Kirchenjahres immer wieder aufleuchtet, wird in den evangelischen Kirchen einmal im Jahr explizit zum Thema gemacht: die Verbundenheit von Christen und Juden. Am Israelsonntag, dem 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest, denken evangelische Christinnen und Christen an Israel als das von Gott bleibend erwählte Volk, an Gemeinsamkeiten von Christen und Juden und an die komplexe, vielfach mit Schuld beladene Geschichte der Kirchen im Umgang mit den jüdischen Gemeinden und dem Judentum.

Die Entwicklung des Israelsonntags zeigt die Problematik der Geschichte der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum: Seit dem 16. Jahrhundert wurde der 10. Sonntag nach Trinitatis als Gedenktag der Zerstörung Jerusalems gefeiert, im 19. Jahrhundert warb und sammelte man an diesem Tag für die Mission unter Jüdinnen und Juden. Das intensive theologische Nachdenken in den letzten Jahrzehnten trug Früchte und führte in den evangelischen Kirchen zu einer neuen Verhältnisbestimmung gegenüber dem Judentum. Die EKD gab in den Jahren 1975, 1991 und 2000 Studien dazu heraus. Seit dem Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland 1980 verabschiedete jede Landeskirche – mit Ausnahme der neu fusionierten Kirchen – eine Erklärung zum Thema Christen und Juden. Einige Mitgliedskirchen der EKD hat zudem eine entsprechende Passage in ihre Grundordnung bzw. Verfassung eingefügt. Auch der Israelsonntag erhielt eine neue Ausrichtung. Die Treue Gottes zu seinem Volk Israel, wie sie Paulus im Römerbrief vehement betont, gibt Christinnen und Christen Grund zur Dankbarkeit und zur Erinnerung an das, was sie mit den jüdischen Geschwistern gemeinsam haben: das Vertrauen auf den einen Gott, das von der Liebe bestimmte Verhalten zu unseren Mitmenschen und die Hoffnung auf eine durch Gott bestimmte Zukunft.

Barbara Eberhardt, Pfarrerin der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und Theologische Referentin von Begegnung von Christen (aus: Wächter Jerusalems. Arbeitshilfe zum 10. Sonntag nach Trinitatis - 12. August)

Wächter über deine Mauern

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Bodo Wiedemann

„Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden.“

(Aus Jesaja 62,6-12)

Die Ungeduld ist deutlich zu spüren. Die volltönende Verheißung vom Ende des Exils in Babylon aus dem 40. Kapitel des Jesajabuches ist immer noch nicht erfüllt. Die Freude, dass alle Sklaverei des Volkes Israel in der Fremde zu Ende ist und man die aus Babylon Heimkehrenden von den Mauern Jerusalems aus fast schon sehen kann, glimmt nur noch vor sich hin.

Vielleicht sind ja einige wenige schon zurückgekommen. Aber triumphal war das nicht. Da steht fast alles noch aus. Vermutlich reagiert der Verfasser auf die allgemein depressive Stimmung damals. Die trostlose Wirklichkeit zu Hause in Jerusalem kollidiert mit dem erhofften Neuanfang. Das Warten auf die Heimkehrer nervt die zu Hause Gebliebenen.

Und so holt der Autor gleichsam zu einem liturgischen Kraftakt aus. Die Wächter auf den Mauern Jerusalems, die in der alten Verheißung den Zug der Heimkehrenden von fern schon begrüßen, sollen jetzt Gott in den Ohren liegen. „Lasst ihm keine Ruhe!“ Da ist, was Jerusalem betrifft, noch alles offen. Der Tempel ist zerstört. Die Stadt liegt in Trümmern. Die Bewohner warten auf Erlösung. Wie lange noch? Es ist ein intensives „Kyrie eleison!“, ein „Herr, erbarme dich!“, das auch das Ende der wirtschaftlichen Ausbeutung beschwört.

Zum Gebet um Hilfe kommt die Selbsthilfe: „Räumt die Steine hinweg!“ Das Aufräumen und Forträumen der Trümmer ist ein erster Schritt zur Erfüllung des Erhofften. Diese Jesajaworte haben in der kritischen Zeit am Ende der DDR in den Friedensgottesdiensten eine große Rolle gespielt. Sie waren der Impuls, keine Steine zu den Demonstrationen mitzunehmen und gewaltlos zu bleiben. Darüber zerbröckelte schließlich auch die Mauer.

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Blick auf Jerusalem durch das Fenster der Kirche "Dominus Flevit" auf dem Ölberg. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Bild: Norbert Neetz / epd-Bild

Am Sonntag des Gedenkens an die Zerstörung Jerusalems lenkt das den Blick auf die Situation im Heiligen Land. Die Mauern wachsen dort. Viele Steine liegen im Weg. Jerusalem ist die vom verheißenen Frieden immer noch verlassene Stadt. Dabei sollen sich dort am Ende der Zeiten nach Micha 4 unter Gottes Friedensherrschaft alle Völker versammeln. Zwei Völker leben schon dort. Aber sie schaffen den Frieden nicht. Er wird immer wieder ausgebremst. Die Versuche der Einsichtigen auf beiden Seiten gehen ins Leere.

Es gibt immer neue Traumatisierungen. Die Hoffnung auf Frieden zerplatzt wie ein unerfüllbarer Traum. Immer wieder! Was also tun? Das Beten intensivieren! Die Bitte um Gottes Hilfe, den versprochenen Frieden eintreten zu lassen, öffnet vielleicht den Blick auf eventuell doch noch für von beiden Seiten tragbare Lösungen und stimuliert dann auch das Handeln. Aus Ermattung wird Ermutigung, an der Erfüllung des Erbetenen mitzuarbeiten.

Viele haben Freunde im Heiligen Land – auf beiden Seiten. Es gilt, sie zu fragen, wie wir helfen können, und ihnen so zu zeigen, dass sie nicht verlassen sind.

Die Andacht wurde verfasst von Superintendent i.R. Bodo Wiedemann (aus: Evangelische Zeitung)

Landesbischof: Besondere Beziehung zwischen Kirche und dem Volk Israel soll in Kirchenverfassung

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Landesbischof Ralf Meister. Bild: Jens Schulze

„Ich wünsche mir eine Diskussion über das besondere Verhältnis von Kirche und Judentum mit dem Ziel einer Verfassungsänderung unserer Landeskirche“, sagte Landesbischof Ralf Meister in seinem Bericht vor der hannoverschen Landessynode. Dies sei in seinen Augen hilfreich, damit auch folgende Generationen sich mit dieser Beziehung auseinander setzten. „Die Beziehung zwischen Kirche und Israel hat einen besonderen Ursprung und sie hat eine gemeinsame Erwartung, anders als alle anderen Beziehungen zu anderen Religionen.“

Lesen Sie weiter: Bericht von der neunten Tagung der Landessynode im November 2011

Gemeinschaft von Christen und Juden

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Landesbischof Ralf Meister. Bild: Cordula Paul

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat im März dieses Jahres zur "Woche der Brüderlichkeit" in Hannover das besondere Verhältnis zwischen Christen und Juden hervorgehoben. "Die Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk ist ein Teil unseres Glaubensverständnisses", sagte Meister am Sonntag seinem Manuskript zufolge. Dennoch hätten die Kirchen Schuld auf sich geladen: "Die Kirchen stellten sich während des Nationalsozialismus nicht an die Seite der verfolgten Jüdinnen und Juden. Nur wenige Christinnen und Christen hatten den Mut, solidarisch zu handeln und Widerstand zu leisten."

Diesjährige Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit

Der Herr weint

Und als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Lukasevangelium 19, 41-44

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Ausstellung zum Thema:
"Man hat sich hierzulande daran gewöhnt..."

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Die Ausstellung "Man hat sich hierzulande daran gewöhnt...“ Antisemitismus in Deutschland heute ist bis zum 29. August im Foyer des Hauses kirchlicher Dienste (Archivstr. 3, 30169 Hannover) zu sehen. Bild: HkD

Die Ausstellung "Man hat sich hierzulande daran gewöhnt..." Antisemitismus in Deutschland heute ist bis zum 29. August im Foyer des Hauses kirchlicher Dienste (Archivstr. 3, Hannover) zu sehen. (Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr). Die Ausstellung informiert über die Gefahren und Bedrohungen durch Antisemitismus. Sie zeigt die Alltäglichkeit des Antisemitismus auf und thematisiert neue Formen. Ein wichtiger Aspekt ist die Frage, was man konkret gegen Antisemitismus unternehmen kann.

Nach wie vor hätten 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitische Einstellungen. Darauf wies Ursula Rudnick vom Arbeitsfeld Kirche und Judentum hin. Anders als in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Nationalsozialismus sei kein kontinuierliches Abnehmen des Antisemitismus zu beobachten, stattdessen sei – insbesondere für die vergangenen Jahre von einer Auf- und Abbewegung zu sprechen. Sie zitierte die Antisemitismus-Studie, die im Auftrag der Bundesregierung 2011 erschien: "Es spricht einiges dafür, dass die für die deutsche Situation seit Kriegsende kennzeichnende weitgehende Tabuisierung antisemitischer Äußerungen in der Öffentlichkeit durch eine mittlerweile bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken unterlaufen wird oder bereits unterlaufen ist. Dabei spielen vor allem eine mit Antisemitismus unterfütterte Israelkritik und die Abwehr von behaupteten Schuldvorwürfen wegen der nationalsozialistischen Judenverfolgung eine wesentliche Rolle."

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