2012_08_09

Bild: FrankNFurter / photocase.com

Der Traum von der Brücke

Tagesthema 08. August 2012

Die Brücke ist das Thema. Heute. Gestern. Seit zwei Jahrzehnten.

Als sich die Menschen in Amt Neuhaus, der Gemeinde rechts der Elbe, nach der deutschen Wiedervereinigung, entschieden, wieder zum Bundesland Niedersachsen gehören zu wollen, war das nicht nur historisch begründet. Ein guter Grund war auch, dass ihnen eine Brücke über die Elbe bei Darchau versprochen wurde. Aber bis heute pendelt nur eine Fähre.

Die nächste Brücke wäre bei Dömitz – bei der Fahrt nach Lüneburg bedeutete dies einen Umweg von fast einer Stunde. „Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben“, sagt die 87-jährige Marianne Heinecke, „denn die stirbt bekanntlich zuletzt.“ Zuversichtlich klingt das dennoch nicht, eher enttäuscht. Und die Enttäuschung ist auch bei den anderen Bewohnern der Orte in der weitverstreuten Gemeinde hörbar. Bei manchen kommen dann schon mal Sätze über die Lippen wie: „War ja vielleicht doch nicht alles schlecht in der DDR.“ Oder: „Die Politiker heute sind auch nicht besser als die damals.“

Vom Gefühl her immer Hannoveraner

Doch so etwas will Friedrich-Wilhelm Hauel nicht hören. Der Kirchenvorsteher ist einer, der nach vorne blickt. Er ist selbstständig, hat mit seinem Sanitärbetrieb einige Arbeitsplätze geschaffen. „Er hat es geschafft, sich mit allen Anforderungen positiv auseinanderzusetzen“, sagt Pastor Matthias Schieferdecker. Hauel betone auch immer, dass die Menschen in Amt Neuhaus sich nicht immer als Opfer betrachten sollten. Denn zu DDR-Zeiten lebten sie im Grenzgebiet in ständiger Furcht vor Umsiedlungen. Dann fuhr unvermittelt ein Lastwagen vor, hat sich Pastor Schieferdecker berichten lassen, und dann dürfte nur mitgenommen werden, was auf die Pritsche passte.

Immer wieder wurden Familien ins Mecklenburgische verbracht. Zwar nur wenige Kilometer weit, dennoch „irgendwie Ausland“. Denn weder durch die Elbe, noch durch die Grenze ließen sich die Bewohner von Amt Neuhaus von ihrer Heimat „Hannover“ trennen. Auch heute fühlen sie sich als Hannoveraner. Das hat etwas mit den Grenzen des ehemaligen Königreichs zu tun, aber mindestens ebensoviel mit der Zugehörigkeit zur Landeskirche Hannovers. Selbst zu DDR-Zeiten sangen sie in Neuhaus, Stapel oder Vockfey bei Festen Lieder wie „Die lust'gen Hannoveraner“ oder „Auf der Lüneburger Heide“, auch wenn es den Offiziellen gar nicht gefiel, erinnert sich Marianne Matthies.

16 Gottesdienst monatlich in 10 Kirchen und Kapellen

„Neuhaus war traditionell Bauerngebiet“, sagt Hans-Heinrich Brusch, den hier alle nur als Heinz kennen. „Wir wurden im Kreis Bleckede geboren, nur eben auf dieser Elbeseite.“ Und in einem Bauerngebiet, sagt „Heinz“, siedelten sich eben viele Handwerker und Kaufleute an. „Hier gab es jede Menge Geschäfte, ganz anders, als auf der anderen Seite der Rögnitz, im Mecklenburgischen. Die großen Güter wirtschafteten mit Saisonarbeitern, vor allem aus Polen. Später siedelten diese dort als Kleinbauern und Selbstversorger – eine ganz andere Welt, da hinter der Rögnitz. Der kleine Bach trennte mehr als die breite Elbe. Die niedersächsische Exklave gehörte lange, bis in die 1970-er Jahre hinein, zur hannoverschen Landeskirche.

Aber auch danach, bis zur Wiedervereinigung, wurden die Kirchengemeinden gut versorgt. Zwei Pfarrer allein in Neuhaus, ein Katechet für die Christenlehre, der gleichzeitig Kantor war – davon kann das Pastorenehepaar heute nur noch träumen. Renate Schwarz-Schieferdecker und ihr Mann Matthias betreuen neben der Gemeinde in Neuhaus (mit den Kapellengemeinden Stiepelse, Krusendorf und Stückau) auch noch die Gemeinden Stapel (mit Haar und Konau) sowie Tripkau (mit Wehningen und Karßen). Die zehn Kirchen und Kapellen verteilen sich auf 243 Quadratkilometer. 16 Gottesdienste monatlich haben die Schieferdeckers mit ihren Kirchenvorständen vereinbart. Und selbst in Orten mit gerade Mal 200 Einwohnern sitzen dann schon mal 30, 40 Besucher im Gottesdienst.

Wie stark ist der Wunsch nach der Brücke wirklich?

So viel Treue zur Kirche müsse belohnt werden, klingt bei Pastor Schieferdeckers Forderung durch, die Landeskirche müsse mindestens eine Grundversorgung mit den Kasualien in allen Orten gewährleisten. „Dieses Gebiet hat noch mehr als alle anderen Regionen einen Anspruch darauf, weil die Menschen lange durchgehalten haben und mit großen Hoffnungen zurück nach Hannover kamen.“ Seine Befürchtung geht aber genau in die andere Richtung.

„Das neue Gebäudemanagement sorgt für neuen Stress. Wenn wir deswegen auch noch Gebäude verkaufen müssten und damit die letzten Treffpunkte schlössen, wären die Folgen nicht auszudenken.“ Immerhin: Sangesfreudig seien die Neuhäuser, sagt Matthias Schieferdecker. Ebenso stimmkräftig setzten sie sich für die Forderung nach der versprochenen Brücke ein. Es wurden und werden Brückenfeste gefeiert, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen. In Kürze soll im Landkreis beidseitig der Elbe darüber abgestimmt werden, wie stark der Wunsch nach der Brücke tatsächlich ist. Denn der Kreis müsste sich mit zehn Millionen Euro an den Kosten beteiligen. Problematischer aber dürften die Folgekosten sein, denn die Baulast würde beim Landkreis liegen, da es sich nicht um eine Bundesstraße handelt. „Und nun fürchten die Menschen in Amt Neuhaus, dass die Amelinghäuser sie vergessen könnten“, berichtet Pastor Schieferdecker. Er selbst sei aber überzeugt, dass auch die Menschen südlich der Elbe wüssten, wie wichtig die Brücke sei. „Die Entwicklung einer Region ist abhängig von ihrer Entfernung von einem Oberzentrum. Das darf nicht mehr als eine halbe Stunde sein. Um etwa so viel Zeit verlängert sich die Fahrt nach Lüneburg allein wegen der Fähre.“

Michael Eberstein, Evangelische Zeitung

Bisweilen idyllisch

Hitzacker – ein idyllischer Ort an der Elbe. Der Fluss ist auch anderswo schön: im Riesengebirge, an der Moldaumündung in Melnik, in der Sächsischen Schweiz, Pillnitz, Dresden, Wittenberg, am Gartenreich Dessau-Wörlitz, in Magdeburg, Tangermünde und Lauenburg. Aus Hamburger Sicht liegen diese Orte an der Oberelbe. Das ursprüngliche Tal der Niederelbe wurde nach der Eiszeit vom Meer überflutet. Hamburg rühmt sich, „Tor zur Welt“ zu sein; Hochseeschiffe fahren auf der Niederelbe in alle Weltmeere, vorbei an Hamburgs Elbvororten um Blankenese, an den Elbmarschen, Stade und Cuxhaven.

Die charakteristische Kugelbake wies den Kapitänen von der Nordsee aus den Weg in die Flussmündung. Die Niederelbe wird ausgebaggert, um noch größeren Schiffen die Zufahrt nach Hamburg zu ermöglichen. Für den Hafen ist das wichtig. Doch viele Menschen befürchten, dass Elbufer und Deiche den immer stärkeren Strömungen nicht standhalten. Die Elbmarschen könnten bedroht werden – mit ihrer alten Kultur, ihren Bauernhäusern, Obstbäumen, Kirchen und Orgeln. Auch die Oberelbe war in den vergangenen Jahrzehnten bedroht. Das wird an kaum einem anderen Ort so deutlich wie in Hitzacker. Jahrzehntelang verlief hier der Eiserne Vorhang. West und Ost stritten sich über den Grenzverlauf. Lag er am östlichen Elbufer, wie es die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges festgelegt hatten, oder in der Strommitte – wie zwischen zwei Nationen üblich?

Viele Menschen in Hitzacker und in Amt Neuhaus, das einst zu Hannover, dann zum DDR-Bezirk Schwerin gehörte und nun ein Teil Niedersachsens ist, erinnern sich noch an die Zeit, in der Patrouillenboote auf dem Fluss kreuzten, Menschen aus den Dörfern am östlichen Elbufer ausgesiedelt und ihre Häuser abgerissen wurden. Ein paar Kilometer von Hitzacker entfernt steht das vielleicht beeindruckendste Symbol für die jahrzehntelange Unüberwindbarkeit der innerdeutschen Grenze: die 1945 zerschossene Dömitzer Eisenbahnbrücke.

Zeugnis einer anderen Bedrohung ist in Hitzacker eine Spundwand, die den Ort seit einigen Jahren vor Überflutung schützt. Im August 2002 – vor genau zehn Jahren – regnete es tagelang am Oberlauf der Elbe. Langsam und unerbittlich wälzten sich gewaltige Fluten elbabwärts. Zuerst stand Prag an der Moldau unter Wasser, dann Dresden und Dessau, schließlich Hitz- acker. Die Katastrophe dauerte viele Tage lang an, Deiche brachen, Menschen ertranken. Weit über hundert Jahre lang hatte es keine derart grauenvolle Flut gegeben. Man lernte (hoffentlich!), dass eine Überschwemmung der Elbe einen anderen Charakter hat als am Rhein. Wasser im Rhein mit seinem starken Gefälle fließt rasch ab.

Aber an der Elbe bleibt es viele Tage lang stehen und drückt auf die Deiche. An Hitzackers Spundwand hat man sich inzwischen gewöhnt. Aber daran, dass die Elbe immer idyllisch ist, darf man sich nie gewöhnen. Man muss auch ihre Gefahren kennen und in richtiger Weise Verantwortung übernehmen für den Fluss und die Menschen, die an ihm leben. Doch in einer Hinsicht darf man aufatmen: Grenzfluss ist die Elbe nicht mehr, sondern sie verbindet Menschen und Landschaften.

Der Autor Hansjörg Küster ist Professor für Pflanzenökologie an der Leibniz-Universität Hannover

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