2012_08_06

Bild: Detlef Heese

Sommerkirche im Paradies

Tagesthema 05. August 2012

Zur Ferienzeit bieten niedersächsische Pastoren im Garten, Wald oder Schwimmbad besondere Gottesdienste an

In den Sommermonaten verlassen die Protestanten im Norden ihre Kirchengebäude und laden zu Gottesdiensten in den Wald, an den Badeteich oder in Gärten ein. Musik, Literatur und Kunst sind beliebte Themen dieser oft ganz anderen kirchlichen Feiern.

Weiße und leuchtend rote Hortensien, pinkfarbener Phlox und gelbes Mädchenauge begrenzen den Garten der Südstadtkirchengemeinde in Osnabrück. Die Gottesdienstbesucher haben sich unter der mächtigen Rotbuche hinter der Lutherkirche versammelt. Ein Holzkreuz, gezimmert aus dem Stamm des letztjährigen Weihnachtsbaums, markiert den Altar. „Sommerkirche im Paradies“ haben Lutheraner in Osnabrück ihre Gottesdienstreihe in den Ferien überschrieben. Überall in Niedersachsen sind evangelische Christen im Sommer zu besonderen Gottesdiensten eingeladen. Viele Gemeinden ziehen hinaus in den Pfarrgarten, den Wald, das Schwimmbad oder an den Badeteich.

Dr. Jochen Arnold: „Im Sommer nicht den Rolladen herunter lassen“

In Buxtehude verbinden Pastoren die Gottesdienste mit einer Ausstellung des Künstlers Otmar Alt. In Wolfsburg führen Laien ein Kirchspiel über das Leben des Heiligen Ludger auf. Der Kirchenkreis Osterholz hat die «Kirche im Grünen» schon seit Jahren vom Frühjahr bis zum Herbst ausgedehnt.

Der Direktor des Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim, Jochen Arnold, sagt, der Sommer sei schon immer eine Zeit besonderer Gottesdienste gewesen: „Wir empfehlen den Gemeinden ausdrücklich, in der Ferienzeit Themenreihen zu starten, besondere Orte aufzusuchen und sich mit benachbarten Gemeinden zusammenzutun.“ Gerade die vielfach geübte Kooperation über Gemeindegrenzen hinweg hat nach Arnolds Erfahrungen einen pragmatischen Hintergrund: „Wenn weniger Pastoren und weniger Besucher da sind, ist es sinnvoll, Gottesdienste nicht in jeder Kirche anzubieten, sondern an wenigen Orten zu zentralisieren.“

Es sei mitnichten vergebene Liebesmühe, die Gottesdienste draußen zu gestalten und sich bei der Vorbereitung viel Arbeit zu machen: „Es ist wichtig, dass Gemeinden gerade in der Sommerpause nicht den Rollladen runterlassen, sondern zeigen: Wir sind da.“ Attraktive Gottesdienste könnten Besucher anlocken, die sich von traditionellen Gottesdiensten nicht begeistern ließen.

Unter Bäumen noch schöner als in der Kirche?

Gärten und Pflanzen sind allgemein beliebte Sommerthemen. Die evangelisch-reformierte Gemeinde in Osnabrück arbeitet für ihre Sommerkirche mit dem Botanischen Garten der Universität zusammen. Aber auch Musik, Literatur und biblische Erzählungen finden sich landauf, landab als Schwerpunkte in den Programmen der Gemeinden. So geht es im Kirchenkreis Hittfeld um Liebesgeschichten in der Bibel, in Gifhorn um Jakobserzählungen, in Nienburg um Kirchenlieder, in Peine um Musikinstrumente und in Göttingen um Psalmen. Im Garten hinter der Osnabrücker Lutherkirche ist die Atmosphäre an diesem Sonntagmorgen leicht und licht. Alles scheint im Wachsen begriffen.

„Doch zum Wachsen gehört auch Vergehen“, sagt Pastorin Julia Telscher-Bultmann. Sie spricht von Vergänglichkeit, Krankheit und Tod. Mancher Blick geht nachdenklich hinauf in die Rotbuche. „Die Krone ist wie ein schützendes Kirchendach“, sagt nachher Besucherin Silvia Haase. „Aber ich kann mich beim Zuhören auch in die Bewegungen der Blätter vertiefen. Das ist noch schöner als in der Kirche.“

Martina Schwager (epd)