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Bild: zach / photocase.com

Urlaubszeit - Zeit für Postkarten

Tagesthema 03. August 2012

Gottes Postkarte für mich

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Schon an der Hotelrezeption: Postkarten. Bild: privat

„Lieber Opa, viele Grüße aus Italien, das Wetter ist sehr schön. Wir haben schon viele Ausflüge gemacht.“ Darunter eine krakelige Unterschrift von Kinderhand, die erste Postkarte des Enkels an seinen Großvater. Lange wird sie noch an der Pinnwand hängen und erzählen von dem ersten handschriftlichen Kinderbericht über den Familienurlaub.

Jahr für Jahr in der Urlaubszeit taucht ein Relikt wieder in unserem Leben auf, das im Alltag der Flut von sms, mms, E-Mails und Facebook-Postings unterliegt: der handgeschriebene Gruß. Bunte Postkarten haben in diesen Wochen Hochkonjunktur, für manchen beginnt der Urlaub erst dann, wenn Ruhe zum Kartenschreiben eingekehrt ist. Warum noch mühselig Postkarten, Briefmarken und Postkästen in fremden Orten ausfindig machen, warum noch per Hand schreiben, wo doch ein digitaler Gruß auf dem Handy viel schneller geschrieben und abgesendet ist? Warum noch harte Stifte auf weiches Papier drücken und Grüße in königsblau verschicken?

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Bild:  andy-Q / photocase.com

Weil handgeschriebene Grüße mehr sind als nur ein Ritual oder eine nostalgische Reminiszenz. Die ersten Zeichen des Vierjährigen, die schwungvolle Schrift des Freundes, die letze Urlaubskarte der Großmutter aus den Tagen, als sie noch mobil war – all diese geschriebenen Erinnerungen bewahren ihre Lebendigkeit, ihre Persönlichkeit, manchmal auch über das Leben der Schreibenden hinaus. Tinte kleksen, überschreiben, durchstreichen, am Rande notieren - das Schreiben mit der Hand ist eine Kunst, die wir fast alle erlernt haben.

Sie verbindet uns mit Vorvätern und -müttern und läßt uns ganz persönlich sichtbar werden. Sichtbar in der Schrift, die für den Empfänger ein Bild von uns auf eine Postkarte malt. Vielleicht ist es altmodisch, aber bei den Worten im Lukasevangelium: „Freuet euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ (Lukas 10,20) werde ich mir immer einen persönlichen, handgeschriebenen Namen vorstellen. Gottes Postkarte für mich.

Landesbischof Ralf Meister (aus: Evangelische Zeitung)

Postkarten kennt die Bibel nicht - aber viele Briefe finden sich im Neuen Testament

Urlaubszeit - freie Zeit

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Beispiel einer Carte-correspondance als Ganzsache aus der Schweiz. Diese Karten waren die ersten Postkarten in der Schweiz, sie wurden erstmals ab 1. Oktober 1870 herausgegeben. Bild: commons / swiss postal service

Sie war zunächst ganz schlicht, Fotoaufnahmen und farbige Motive kannte sie noch nicht. Wer sie wirklich erfunden hat, ist unsicher. 1861 wurde die Postkarte in den USA patentiert, doch 1760 waren bereits von der Pariser Stadtpost erstmals Karten ohne Umschlag stadtintern versendet worden. Postamtlich-offiziell wurde sie 1. Oktober 1869 in Österreich-Ungarn unter dem Namen „Correspondenzkarte“ eingeführt.

In Deutschland wurde sie zunächst wegen der offenen Lesbarkeit noch aus „sittlichen Gründen“ abgelehnt, doch 1870 gingen auch hier die ersten Karten auf die Reise. Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 gab es die erste Verwendung von Postkarten in größerem Umfang. Nachdem für die mobilen Truppen ab 17. Juli 1870 Portofreiheit galt, wurden bis Dezember 1870 rund 10 Millionen „Feldpost-Correspondenzkarten“ in die Heimat verschickt. Für den internationalen Postverkehr wurde die Postkarte mit dem Berner Postvertrag ab 1. Juli 1875 zwischen 21 Ländern zugelassen und der Weltpostvertrag vom 1. Juni 1878 erweiterte ihren Geltungsbereich über den größten Teil der Erde.

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Nicht nur am Kiosk: Postkarten für den kurzen Gruß. Bild: privat


Gut dreißig Jahre nach der schlichten „Correspondenzkarte“ kam dank neuer Druckverfahren die Ansichtskarte mit bunten Aufnahmen auf der Vorderseite und einem Adress- und Textfeld auf der Rückseite auf den Markt. Sie wurde ein beliebtes Sammelobjekt, das mit entsprechenden Alben und Sammelkisten ein breites Angebot an Zubehör hervorbrachte. Die Sammlermotive spiegeln den Zeitgeist ganzer Generationen wieder und tragen so zu einer Dokumentation von Geschichte bei. Das Museum für Kommunikation in Berlin gibt mit einer Sammlung von rund 250.000 Postkarten ein eindrückliches Beispiel dafür.

Museum für Kommunikation