2012_08_03

Bild: pylonautin / photocase.com

„Jeder macht, was er am besten kann“

Tagesthema 02. August 2012

Stolz auf Kinderzirkus Giovanni

„Sie können stolz darauf sein, in Hannover den Kinderzirkus Giovanni zu haben“, sagte Bernhard Paul, Gründer und Direktor des Circus Roncalli, anlässlich der Verleihung des Prix Roncalli an den Kinderzirkus. Mit dem Preis möchte Bernhard Paul Nachwuchstalente fördern und ihre Motivation stärken, um der Zirkusgeschichte neue Impulse zu geben. Ein Besuch einer Roncalli-Vorstellung von Kindern der Kirchengemeinde Johannes der Täufer in Hannover-Wettbergen führte vor 13 Jahren zur Gründung vom Kinderzirkus Giovanni.

Ein begehrter Preis in der Zirkuswelt

Bernhard Paul verbindet seitdem eine fast dreizehn Jahre lange Freundschaft mit Giovanni. Er ist Giovannis Patenonkel und Geburtshelfer. „Das ist eine wunderbare Institution. In der heutigen Zeit, in der Kinder mit Fernsehen und Internet aufwachsen, ist das umso wichtiger“, sagte der 65-jährige Direktor.

Die Kinder sind kreativ geschult, haben sogar ein eigenes Orchester. Inzwischen wird ihre Arbeit von anderen Kinderzirkussen in Europa wahrgenommen und sie geben ihnen Impulse. „In der Zirkuswelt, gibt es nur wenige Preise und unter den wenigen kaum einen für junge kreative Talente, die den Mut haben neue Wege zu gehen“, sagte Paul. Der Preis, der zum zweiten Mal vergeben wurde, gilt als eine der begehrtesten Trophäen der Zirkusbranche. 2011 erhielt ihn in Wien die spanische Truppe „La Fiesta Escenica“.

Giovanni: Zirkus mit Orchester

Was die großen Artisten ihnen vormachten, wollten die Kinder, inspiriert von dem Zirkusbesuch 1982, unbedingt nachspielen. Das jährliche Zeltlager mit dem damaligen Pastor Berthold Schwarz musste deshalb unter dem Thema „Zirkus“ stattfinden. Das Zirkusvirus ließ sie nicht mehr los.

Den gespendeten Bauwagen verwandelten sie in einen bunten Zirkuswagen, aus roten Brettern auf alten Weinkisten entstand die Manege für die ersten Kunststücke. Seitdem fertigen die Kinder, Jugendlichen und ihre Eltern jede Requisite und jedes Kostüm selbst. Auch ein eigenes kleines Orchester hoben die Nachwuchstalente aus Wettbergen aus der Taufe, dem großen Vorbild „Roncalli“ entsprechend. Das Engagement blieb nicht unbemerkt. Drei Jahre später besuchten Roncalli-Artisten während ihres Gastspiels in Hannover die ersten öffentlichen Auftritte des Kinderzirkus Giovanni und 1988 übernahm Bernhard Paul die Patenschaft für das wachsende Kinderzirkusprojekt aus Wettbergen.

Unterricht gaben Roncalli-Artisten den Nachwuchstalenten und einmal im Jahr gibt Giovanni in der Manege des Patenonkels eine Vorstellung. Vorteilhaft für den Zirkus Giovanni: Die gesamte Einnahme fließt in die Kasse des Kinderzirkus, denn bis heute finanziert sich der Kinderzirkus nur durch Spenden. Für den Auftritt in der Manege des großen Vorbilds und Förderers reisen die Kinder und Jugendlichen ihrem Circus Roncalli europaweit hinterher.

Jeder macht das, was er am besten kann.

Die Welt des Kinderzirkus Giovanni hat einige der jungen Artisten so fasziniert, das sie das Hobby ihrer Kindertage zum Beruf machten und heute in der internationalen Artistenszene tätig sind. Inzwischen steht die zweite Generation Giovanni in der Manege.

Aktuell spielen und musizieren rund 50 Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis 19 Jahren im Kinderzirkus Giovanni. Der Grundsatz von damals hat immer noch Gültigkeit. Jeder macht das, was er am besten kann. Kinder haben Zeit, zu suchen, auszuprobieren und zu verwerfen. Sie dürfen etwas wagen und können auch scheitern. Der Weg ist das Ziel: Eine gemeinsame, zweistündige Vorstellung, in der jeder seinen Platz hat und unverzichtbar ist.

Anja Reuper, Evangelische Zeitung

Aus den Anfängen des
Kinderzirkus Giovanni

Seit 1976 veranstaltet die Kirchengemeinde Johannes-der-Täufer in jedem Jahr ein Kinderferienlager. Angefangen hat dieses Lager im Pfarrgarten von Wettbergen und stand unter dem Thema „Indianer“. Der Pfarrgarten erwies sich als zu eng. Deshalb pachtete die Kirchengemeinde für das nächste Ferienlager mehrere Morgen Land im 50 Kilometer entfernten Loccum. 

Das Gelände wurde von Eltern und Jugendlichen hergerichtet und es entstanden Versammlungsorte und eine Feuerstelle. Alle zwei Jahre stand ein anderes Thema im Mittelpunkt: von „Indianer“ zu „Germanen“, von „Zigeunern“ zu „Piraten“, von „Rittern“ zu „Tausend und einer Nacht“ und schließlich, nachdem der Circus Roncalli in Hannover gastiert hatte „Zirkus“. Für die Jugendlichen damals wie heute besteht ein großer Ehrgeiz das Ferienlager möglichst orginalgetreu zum Thema zu spielen.

Unmittelbar nach den Sommerferien begannen die Jugendlichen mit den Vorbereitungen für das Zirkuslager. Es wurden Aufsätze und Bücher zum Thema gelesen und ausgewertet. Bis zu den Herbstferien waren die groben Konturen für das Zirkuslager geschaffen. Arbeitsschwerpunkte wurden verteilt und es stand noch viel Arbeit an. Alte Bauwagen sollten bunte Zirkuswagen werden. Eine Manege musste gebaut, Entwürfe für Kostüme angefertigt und umgesetzt werden.

Eine Woche lang in den Weihnachtsferien war eine Gruppe der Jugendlichen im Winterquatier des Circus Krone in München und lernte dort den Alltag vor und hinter den Kulissen kennen. Die entscheidende Prägung bekamen die Jugendlichen vom Familienzirkus Adolfo, der sein Winterquartier in Hannover aufgeschlagen hatte.

Der Familienzirkus hatte nach einer verregneten Saison keine Rücklagen für den Winter. Die Jugendlichen organisierten Auftritte im Gemeindezentrum, Kindergärten und in Schulen. Sie lernten das wirkliche Komödiantenleben kennen. Als Dank für die Unterstützung revanchierte sich der Zirkus mit Unterrichtsstunden in Seiltanz, Clownerie und Akrobatik.

Am 24. Juni 1985 feierte die Johannes- der Täufer- Gemeinde ihr 400jähriges Bestehen. Zu diesem Anlaß stellten die Jugendlichen für das Sommerferienlager eine kleine Vorstellung zusammen. Es folgten Anfragen und einige wurden angenommen. Unter anderem ein Auftritt im Kulturzentrum am Lister Platz. Bei diesem Auftritt schauten einige Artisten des Circus Roncalli zu, der zu dieser Zeit sein Gastspiel in Hannover hatte.

Wenige Tage später lud Direktor Bernhard Paul zu einem Gastspiel im Circus Roncalli ein. Dies war der erste große Erfolg für den Kindercircus Giovanni. Neue Erfahrung brachte die Fahrt mit den Circuswagen und ein Gastspiel in Stade. Die Kinder und Jugendlichen spielten zum ersten Mal in einer fremden Stadt. Dieser Auftritt war Höhepukt und Ende der Saison für Giovanni. Nach dem ersten Auftritt im Fernsehen 1986 bei Max Schauzer schrieb dieser in unser Gästebuch: „Heute ein Platz an der Sonne - demnächst der Zirkus-Oskar für den Kinderzirkus Giovanni.“

Quelle: www.kinderzirkus-giovanni.de