2012_08_02

Bild: Maren Warnecke

Traditionen - Zurück, aber wie weit?

Tagesthema 01. August 2012

Streit um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonskirche und ein Rückblick auf Markenbewußtsein. Zwei Episoden einer Einschätzung des Wertes von Traditionen

Die Potsdamer Garnisonskirche

Potsdam – Ein Plattenbau, eine kleine Kapelle, ein Glockenspiel. Viel ist es nicht, was derzeit in Potsdam zu sehen ist, wenn man vom Hauptbahnhof der Brandenburger Landeshauptstadt in Richtung Wissenschaftsministerium läuft. Doch wo noch bis vor kurzem Fahrräder verkauft wurden, soll eines Tages eines der spektakulärsten Rekonstruktionsprojekte einer im Krieg zerstörten und von den DDR-Machthabern gesprengten Kirche vollendet werden: Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche – eines Gotteshauses, das wie kaum ein zweites mit preußischer Tradition verbunden ist.

Von 1730 bis 1736 ließ der preußische „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. das Gotteshaus im Stile des Barock errichten. Er wurde dort ebenso begraben, wie sein Sohn, Friedrich der Große. Und das Grab der preußischen Symbolfigur schlechthin zog die Menschen in ihren Bann. Napoleon Bonaparte besuchte deswegen das Gotteshaus, andere missbrauchten es: Die Nationalsozialisten inszenierten dort den „Tag von Potsdam“, den symbolischen Händedruck zwischen Adolf Hitler und dem greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Vor genau dem Gotteshaus, in dem auch einige der späteren Hitlerattentäter gelegentlich den Gottesdienst besuchten.

Ein Bauwerk wird hingerichtet?

Es waren preußische Traditionalisten, die als erste den tollkühnen Plan des Wiederaufbaus der Garnisonkirche hegten. Die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“, eine äußerst konservative Vereinigung ehemaliger Bundeswehrsoldaten, sammelte schon vor der Wende 1989 Geld, um das den Choral „Üb immer treu und Redlichkeit“ spielende Glockenspiel der Kirche wieder zu errichten.

Dabei wollte der Vorsitzende der TPG, Max Klaar, die Kirche von Anfang an in eine konservative Tradition stellen: Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, Kirchenasyle oder die zu Beginn der Spendensammlungen noch aktuelle Beratung von Kriegsdienstverweigerern sollte es dort nicht geben, lauteten Klaars Bedingungen für den Wiederaufbau. Doch mittlerweile hat sich der Verein aufgelöst, die von ihm gesammelten gut sieben Millionen Euro für den Wiederaufbau der Kirche werden von der „Stiftung Preußisches Kulturerbe“ verwaltet. Denn die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat mit der Garnisonkirche anderes im Sinn. Weil es um den Wiederaufbau der Kirche zunehmend Konflikte gab, und die konservativen Positionen der Traditionsgemeinschaft mit denen der Evangelischen Landeskirche nicht vereinbar waren, gründeten der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und der damalige CDU-Innenminister Jörg Schöhnbohm im Jahr 2004 eine eigene Fördergesellschaft. In einem Ruf aus Potsdam appellierten sie, es nicht bei der „Hinrichtung dieses einmaligen und geschichtsträchtigen Bauwerks zu belassen“.

Der Traum: Ein Zentrum für Frieden und Versönung

Im Gegensatz zu Klaar und der Stiftung preußisches Kulturerbe sehen Huber und seine Mitstifter die preußische Geschichte eher zwiespältig: „In diesem Gotteshaus könnten zukünftig das Gedächtnis geprägt, das Gewissen geschärft und die Zukunft gestaltet werden“, heißt es in dem Spendenaufruf, der bis heute die Grundlage des Wiederaufbaus bildet. „Die wiederaufgebaute Kirche soll zu einem Zentrum für Frieden und Versöhnung werden.“ Doch auch die Spendensammlung der Fördergesellschaft zeigt nur wenig Erfolg. Gerade einmal zwei Millionen Euro sind bislang beisammen. Von den 80 Millionen Euro, die der Wiederaufbau kosten soll, sind Huber und seine Mitstreiter noch weit entfernt – ein erstes Ziel soll zunächst der 40 Millionen Euro teure Bau des Kirchenturms werden. Mittlerweile ist dafür zumindest der Grundstein gelegt.

Bis das Gebäude steht, behilft man sich mit einer temporären Kapelle: Eine Pfarrerin veranstaltet dort Jazz-Gottesdienste und Vorträge zu Friedensfragen – und das Provisorium zeugt von der Zerrissenheit beim Wiederaufbau eines Gotteshauses, dessen Fertigstellung noch lange nicht absehbar ist.

Benjamin Lassiwe

ZURÜCK ZU ALTEN WERTEN?
Wonach sehnen sich Menschen?

Wonach sehnen sich Menschen in unsicheren Zeiten, in denen nichts mehr verlässlich scheint? Sie sehnen sich nach Orientierung, Vertrautheit, Beständigkeit und Heimat – nach dem altbewährten. Ein kurzer Blick in die Markengeschichte:

Die 50er sind das Jahrzehnt des Wiederaufbaus. Meist baut Kommunikation auf Tradition und Vertrauensguthaben. So wird das HB-Männchen Marktführer für die nächsten 40 Jahre. In den 60ern erlebt Deutschland das Wirtschaftswunder. Die Zahl der Marken nimmt dramatisch zu. Sie signalisieren zum ersten Mal sozialen Status. Lenor erlöst Deutschlands Hausfrauen vom berühmten schlechten Gewissen.

In den 70ern sind Marken Ausweis für Wohlstand. Der Luxus-Markt entwickelt sich. Kommunikation zielt auf Lifestyle. Aus Massen-Marketing wird Zielgruppen-Marketing. Zu den rationalen Bedürfnissen kommen emotionale Wünsche hinzu. Das leichte Milky Way schwimmt in Milch – unbeschwertes Genießen. In den 80ern ist Konsum Lustgewinn und von allem nur das Beste gerade gut genug. „Accept no limits“ ist Zeitgeist. Douglas wird der feinsinnige Präsenter internationaler luxuriöser Verwöhn-Marken.

In den 90ern entsteht die High Tech- und Informationsgesellschaft. Die new economy will alles alt und jeden überholt aussehen lassen. Jahrzehnte gewachsene Marken sollen plötzlich obsolet sein. Traditionelle Marken setzen sich trotzdem durch, emotionale Beziehungs-Werte bestehen den Härtetest. Der erste nackte Mann in der Waschmittel-Werbung spürt selbst mit Lenor Wohlfühlen pur. In den 2000ern führt der Weg zurück zur Realität. Der Hype der 90er Jahre endet mit einem bösen Erwachen. Preisaggressive Anbieter gefährden die etablierten Werte von Marken und brechen in ihre Hoheit ein. Manche Marke endet als Dauer-Sonderangebot. Die so schwierige Wirtschaft und menschliche Existenzängste überlagern Zauber und Mythos vieler Marken. Die Spreu trennt sich vom Weizen und die neue Realität holt selbst Traditions-Marken ein. Aber die Besten kämpfen erfolgreich. Heute, in einem immer komplexer werdenden Umfeld, wird der authentische Dialog zwischen Mensch und Marke zentraler Bestandteil der Kommunikation.

Die „Zielgruppe“ wird zum Menschen. Und Menschen artikulieren sich ungefragt, zu allen Themen, omnipräsent, konstruktiv, kritisch, vernichtend, ehrlich – einfach authentisch. Menschen haben gelernt dass nur weil etwas echt aussieht, es nicht automatisch authentisch ist. Inhalt, Nachhaltigkeit und Ehrlichkeit sind die Werte im Kontext des authentischen Dialoges.

Der Autor Uli Veigel ist Geschäftsführer der Werbeagentur Grey Group Germany und Europa.

Bauherr der Garnisonskirche
König Friedrich Wilhelm I.

Friedrich Wilhelm I. wurde am 14. August 1688 als Sohn des brandenburgischen Kurfürsten und späteren Königs in Preußen Friedrich I. (III.) und der Sophie Charlotte von Hannover geboren. Er hatte nichts geerbt von dem schöngeistigen Wesen seiner Mutter und nichts von der verschwenderisch-repräsentativen Art seines Vaters, dessen aufwendige Hofhaltung er schon als Kronprinz kritisierte.

Kaum zur Regierung gekommen, führte er am Hof eine strenge, fast altväterlich anmutende Sparsamkeit ein, die auch das Leben der königlichen Familie nicht unberührt ließ. Die Nüchternheit des Hoflebens und die einfachen, oft sehr rauen Vergnügungen des Königs im Tabakskollegium oder bei der Sauhatz wurden an anderen Höfen nicht selten belächelt.

Doch waren unter den Fürsten auf Europas Thronen damals gewiss nicht viele, die Friedrich Wilhelm an Arbeitseifer, Pflichtauffassung und Frömmigkeit gleichkamen. Er war im Grunde der Schöpfer des preußischen absolutistischen Verwaltungsapparats und des preußischen Beamtentums, dessen Pflichtbewusstsein, Anspruchslosigkeit aber auch Starrheit für Generationen prägend wurde. Der „Soldatenkönig“ steckte die steigenden Staatseinkünfte vorwiegend in den Ausbau der Armee, deren Umfang, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, von keiner anderen Armee übertroffen wurde.

Mag man Friedrich Wilhelm auch den Begründer des preußischen Militarismus nennen - er selbst trug in späteren Jahren nur noch den Soldatenrock -, so war seine Politik doch primär auf die Sicherung des Friedens ausgerichtet. Verdüstert wurde und wird sein Bild vor allem durch den tiefreichenden Konflikt mit dem Kronprinzen Friedrich, der an den Rand einer Staatskrise führte und die dunklen, auch rohen Seiten seines Charakters offenbarte. Der Wunsch des Königs, im eigenen Haus „Ordnung“ im Sinne eines biederen Familienlebens zu haben, ging nicht in Erfüllung. Seine Tochter Wilhelmine stellt ihn in ihren Memoiren als einen groben, amusischen Haustyrannen dar. Friedrich Wilhelm I. starb nach qualvollem Leiden am 31. Mai 1740.

Quelle: www.mybude.com

Menschliches Verhalten schafft Markenbindung

Marken, die echte Beziehungen führen und gestalten und sich dabei zutiefst menschlich verhalten, schaffen Bindung – und Wertschöpfung. Die ewigen Markführer - Persil (Vertrauen), Rama (leichter, gesunder Genuss), Coca-Cola (Freude), Penaten (Geborgenheit) – kapitalisieren ihre authentisch-emotionalen Beziehungswerte stärker denn je.

Uli Veigel