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Aufgeklebt. Bild: Frauke Witzler

„Kenne ich mich?“

Tagesthema 29. Juni 2012

Kuriose Ausstellung: Frau dokumentierte eigenes Leben fast lückenlos

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Eröffnung der Ausstellung - Impressionen. Bild: Frauke Witzler

Eine kuriose Ausstellung ist bis zum 12. Juli im Haus kirchlicher Dienste in Hannover zu sehen: Unter dem Titel „Kenne ich mich“ zeigt sie die fast lückenlose Selbstdokumentation der Pädagogin, Künstlerin und Autorin Erika Krumwiede (1919-2002) aus acht Jahrzehnten. „Keine Prominente, kein Star - aber ein reiches Leben“, sagen die Initiatoren über die engagierte Sammlerin. Am Freitagabend wurde die Ausstellung ihres Nachlasses eröffnet. Sie eröffne tiefe Einblicke in ein alltägliches Leben, hieß es.

Krumwiede, die als Referentin für Kreativitätsbildung an dem evangelischen Haus tätig war, hat akribisch über ihr eigenes Leben Buch geführt und möglichst alle Notizen und wichtigen Gegenstände sauber geordnet aufgehoben. „Wir haben alle Unterlagen von ihr“, sagt der Schriftsteller Heinz Kattner, der die Ausstellung gemeinsam mit dem Dozenten Gerhard Dahle entwickelt hat. „Sie reichen von den ersten Kinderzeichnungen mit einem Brief an ihren Vater, als sie kaum schreiben konnte, bis zu Notizen kurz vor ihrem Tod.“

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Aufbewahrt. Bild: Frauke Witzler

Von 1949 bis 2001 hat Krumwiede etwa akribisch alle ihre Ausgaben bei Einkäufen aufgeschrieben. „Man könnte den Preis für Streichhölzer von 1949 noch herausfinden.“ Kattner hat der Sammlung deshalb den Namen „Archiv Kuriosum“ gegeben. Von 1987 bis 2002 hat Krumwiede sämtliche Telefonate, die sie führte, mit Schreibmaschine protokolliert und in dreifachen Durchschlägen aufbewahrt.

Neben Fotos und Tondokumenten sind auch ihre ersten Hefte erhalten, in die sie in Sütterlin-Schrift die Buchstaben des Alphabets schrieb. Die Ausstellung bietet Einblicke in ihre Wohnwelt und ihre Lieblingsfarben Pink und Erikarot, die sich von der Kleidung bis zum Auto überall wiederfanden. Hinzu kommen Videos und Interviews mit Zeitgenossen. Daneben erhalten die Besucher Einblicke in ihre künstlerische Produktion und ihre pädagogische Arbeit.

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Aufgeklebt. Bild: Frauke Witzler

Krumwiede arbeitete von 1961 bis 1979 im damaligen „Amt für Gemeindedienst“ und war danach freiberuflich als Künstlerin und Dozentin tätig. Auf ihrer Grabstele in Hannover steht geschrieben: „Was machst du hier? Geh heraus!“

„Es ist eine Ausstellung über ein Leben, wie es sie noch nicht gegeben hat“, ist sich Kattner sicher. Er hat zehn Jahre lang den Nachlass ausgewertet, neu geordnet und auch ein Buch über Krumwiede geschrieben. Die Ausstellung wird nur ein einziges Mal zu sehen sein. Danach wird das Original-Material vernichtet. Im Internet soll es aber langfristig zu sehen sein.

epd

Gedanken zur Ausstellung

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DIe Podiumsrunde - in der Mitte der langjährige Weggefärhte von Erika Krumwieder Dieter Zinßer. Bild: Frauke Witzler

„Kenne ich mich?“: Interaktive und raumgreifende Ausstellung zum Thema Erinnerungsarbeit und Biographie.

Eine besondere Ausstellung ist das: Mehrere Dutzend Kisten werden im Foyer des Hauses kirchlicher Dienste angeliefert. Sie enthalten die Hinterlassenschaften einer Frau, die in ihrem 82jährigen Leben alles aufgehoben hat, was für sie wichtig war: Tausende Dias, Hunderte Bücher, unzählige Tagebücher und Gesprächsprotokolle aus Seminaren und privaten Begegnungen. Dazu Einweckgläser, Medikamentenschachteln, selbstgemachte Masken und Setzkastenfiguren. Auf den ersten – und zweiten Blick – könnte man meinen: Haushaltsauflösung und: „Müll“. Dann werden einzelne Stationen aufgebaut: Das Leben der Erika Krumwiede, höhere Tochter in der Weimarer Republik, musikalisch-pädagogische Mitarbeiterin im Landesjugendpfarramt und später Referentin für „Ästhetik und Kommunikation in der Medienzentrale im Amt für Gemeindedienst (heute: Haus kirchlicher Dienste). Nach ihrer frühen Pensionierung ein neues altes Leben als Künstlerin, Seminarleiterin, Dichterin, „Närrin“. Elf Stationen, die Einblick geben in ein Leben, das Leben. Wie kann ich mich einer Person annähern, die ich nicht mehr kenne? Was sagt mir dieses Leben über mein Leben aus? Was will ich, dass von mir erinnert wird. Die Ausstellung ist das Ergebnis von einer zehnjährigen Archivierungs- und Deutungsarbeit von Heinz Kattner und Gerhard Dahle. Die Ausstellungsmacher sind Freunde der verstorbenen Künstlerin und unbequemen Kreativen. Noch zu ihren Lebzeiten gab es eine Abmachung aus ihren Hinterlassenschaften ein „archivum curiosum“ zu erstellen. Nach ihrem Tod beginnen die Freunde zu sortieren.

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Freude an der Diskussion, rechts hinter Dieter Zienßer die Kulturbeauftragte Julia Helmke. Bild: Frauke Witzler

Ein Buch entsteht mit Prosaminiaturen und Texten: Was machst du hier heißt es und im Titel ist zu erkennen, worum es geht: Erika Krumwiede will im besten Sinne provozieren, die Menschen zum Selber Denken und zur eigenen Veränderung anstiften. Die Freunde, die noch leben und sie erlebt haben, sagten: Das hat auch ganz schön genervt und aufgeregt. Ein zweites Buch ist Frucht der langen intensiven Archivzeit: „Leben und Wirken. Biografie und Zeitleiste“. Jedes Seminar wird genannt. Beim Durchblättern erkennt man, wie sie ihrer Zeit von Thema und Methode oft voraus war. Eine Vorreiterin in Gesprächsführung und Mediennutzung. Eine stetige Entwicklung ist dennoch nur bedingt zu erkennen: Jede Begegnung war neu und einzigartig, Lernerfolge nicht nötig. In der Ausstellung läuft man durch fremde Lebensräume und wird dabei mit den eigenen konfrontiert. „Wir müssen über die Seele reden“ heißt eine Abteilung und dazu hört man alte Tonbandaufnahmen von Interviews dazu und die Aufforderung das im Heute weiterzuführen. Und was soll das alles? Die Ausstellung stellt diese Frage ganz bewusst im Jubiläumsjahr einer kirchlichen Institution, die zwischen Tradition, Wandel und Neuaufbrüchen für die Zukunft weiter ihren Weg sucht. Was behalten, was neu wertschätzen, was auch wegwerfen, da es seine Zeit gehabt hat. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Eine eindeutige Antwort gibt es dazu wohl ebenso wenig wie die eine richtige auf ihr letztes hannoversches Kunstprojekt im Jahr 1998, eine Umfrage zu „Auferstehung“ – viele Fahnen mit individuellen Antworten sind verstreut in der Gesamtinstallation im HkD zu finden. Die Ausstellung ist bis zum 12.7. im Erdgeschoss des Hauses kirchlicher Dienste zu sehen. Im Anschluss wird sie in kleinen Teilen ins landeskirchliche Archiv wandern und zu großen Teilen verschenkt und endgültig aufgelöst werden. Es lohnt die Begegnung mit Vergangenheit und Gegenwart und der großen Frage: Was macht ein Leben aus, was bleibt und zählt, was kann man festhalten oder loslassen.

Dr. Julia Helmke, Beauftragte für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste

Geöffnet

Die Ausstellung kann besichtigt werden im

Haus kirchlicher Dienste, Archivstr. 3, 30169 Hannover

vom 29. Juni bis 12. Juli 2012