2012_06_27

Bild: Simone Viere

Wattwanderung zum Gottesdienst

Tagesthema 26. Juni 2012

Predigt auf Neuwerk

Erst seit gut einem Jahr ist Detlef Kipf Pastor in der Gemeinde St. Gertrud in Cuxhaven. 3500 Seelen gehören zu seinem Pfarrbezirk, 20 davon leben auf Neuwerk, einer Insel mitten im hamburgischen Wattenmeer. Ende April wollte Kipf nun endlich die Gemeindemitglieder im nördlichsten Teil seiner Landeskirche bei einem Gottesdienst kennenlernen – doch auf halbem Weg drohte die Mission zu scheitern. Pastor Kipf hat sich gut für die Wanderung durchs Watt gerüstet – Reste von Sonnencreme schimmern auf seiner Haut, die Hose ist kurz, die Schuhe aus Plastik. Als gebürtiger Cuxhavener weiß Kipf, wie man sich am besten für eine Tour durchs Watt kleidet.

„Auf einen Wattwagen setz’ ich mich nicht – ich gehe auf jeden Fall zu Fuß rüber”, hatte er zuvor angekündigt. Talar, Abendmahlskelch, Predigt und was er sonst für den Gottesdienst braucht, will seine Frau Annette später auf einer der gelben Kutschen, die Touristen und Einheimische bei Ebbe zur Insel fahren, mitbringen. Kipfs 14-jähriger Sohn Maximilian begleitet ihn auf der rund zweistündigen Fußwanderung.

Detlef Kipf: „So schnell gebe ich nicht auf.“

Doch auf halbem Weg ruft ein Wattwagenfahrer den Wanderern zu: „Wollt ihr rüber nach Neuwerk? Das Schiff fährt heute nicht zurück, zu wenig Wasser!”. So richtig glauben will der Pastor die Nachricht nicht. Denn das wäre schlecht, der Gottesdienst ist für 14 Uhr geplant, da läuft das Wasser längst wieder auf, ohne Schiff kommt man von Neuwerk dann nicht mehr zurück ans Festland. Was nun, umkehren?

„So schnell gebe ich nicht auf”, sagt Detlef Kipf, das sei nicht seine Art. Außerdem hatte er lange im Voraus nach diesem Termin gesucht und ihn mit den Gemeindemitgliedern abgestimmt. Die Neuwerker sind in der Saison sehr beschäftigt mit der Betreuung ihrer Gäste – viele arbeiten im Tourismus. Kipf wägt ab – spontan übernachten kann er nicht auf der Insel, denn am nächsten Tag stehen zwei Beerdigungen in seinem Terminkalender, da kann er nicht fehlen. Zum Glück hat seine Frau vom Festland aus längst eine Lösung gefunden – ein Trecker kann den Kirchenmann und sein Gefolge spät am Abend durchs Watt zurückbringen, wenn das Wasser gegen 22 Uhr wieder abläuft, der Gottesdienst ist gerettet. Auch als ein Priel dann fast noch beide Schuhe von Kipf verschluckt, kann ihn das nicht mehr stoppen, sein Ziel, die Insel, hat er fest im Blick. Neuwerk gehört zu Hamburg, Bezirk Hamburg-Mitte. 34 Einwohner leben auf der Insel, der Leuchtturm mit seinen mehr als 700 Jahren ist das älteste Gebäude der Stadt – mehr als 100 Kilometer nordwestlich vom Hamburger Rathaus gelegen. Es gibt einen kleinen Hafen, ein paar Höfe und Hotels, eine Schule mit einer Lehrerin und derzeit einer Schülerin, einen Kaufmannsladen im Leuchtturm und den „Friedhof der Namenlosen”, auf dem früher Seefahrer begraben wurden, die die Flut bei Neuwerk an Land spülte. Eine Kirche gibt es auf der Insel nicht. Die 20 hier lebenden evangelischen Kirchenmitglieder gehören zur Hannoverschen Landeskirche.

Draußen grasen Ringelgänse, drinnen predigt Kipf auf Platt

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Eine Kirche gibt es nicht auf der Insel, aber ein Kreuz. Das wurde früher zu Pfingsten von den Kindern poliert, weil es über das Jahr angelaufen war. Bild: Simone Viere

„Neuwerk ist Missionsgebiet”, sagt Kipf mit einem Augenzwinkern. Traditionell fand in der Vergangenheit einmal im Jahr ein Gottesdienst auf der Insel statt – früher im Schulgebäude, heute im Nationalpark-Haus. „Damals kam der Pastor immer zu Trinitatis”, erinnert sich Gisela Aufderheide, Jahrgang 1942, die ihre Kindheit auf Neuwerk verbracht hat. „Zu Pfingsten mussten wir Kinder dann das Kreuz und den Abendmahlskelch polieren, der war ja über das Jahr angelaufen”, erinnert sich die gebürtige Neuwerkerin. Auf Neuwerk predigt die Natur mit In diesem Jahr hat Pastor Kipf fast alles für den Gottesdienst mitgebracht, selbst die Glo-cken von St. Gertrud – allerdings nur auf Band.

Für die Musik sorgt Kirchenkreisjugendwart Matthias Schiefer mit seiner Gitarre. Aber das Kreuz für den Altar ist noch aus Inseleigentum. „Der letzte Gottesdienst auf Neuwerk fand im Juli 2009 statt. Danach gab es einen großen Wechsel in der Gemeinde – eine von zwei Pfarrstellen wurde aufgegeben, Zeit für Extras gab es da kaum noch. Das alles war für die Gemeinde recht unschön”, weiß Kipf. Das soll sich nun wieder ändern. Der Gottesdienst beginnt pünktlich, die Stuhlreihen im hellen Nationalpark-Haus sind gefüllt. Draußen grasen Ringelgänse zwischen Pferden, drinnen predigt Kipf auf Platt.

Ich freue mich, dass Sie mich hier auf Ihrer schönen Insel willkommen heißen”, sagt der Pastor sichtlich froh und fügt hinzu „Die Natur predigt mit – Sie haben einen tollen Blick nach draußen”. Nach dem Gottesdienst wird Kipf von Einheimischen zum Kaffee ins „Nige Hus” eingeladen. Kipf, 1961 in Cuxhaven geboren, hat viele gemeinsame Erinnerungen mit den Neuwerkern. Eine Kindheit an der Küste, da sind sich alle einig, ist etwas Besonderes. „Deshalb habe ich auch Theologie in Kiel studiert, ich brauche immer das Meer in meiner Nähe”, sagt der Pastor.

„Den Geruch werden Sie so schnell nicht wieder los”

Und Gisela Aufderheide schwärmt von ihrer Kindheit auf Neuwerk: „Etwas Schöneres kann man sich gar nicht vorstellen, so frei wie wir hier waren”. Dann berichtet sie von früher, vom Treibholzsammeln am und im Meer, vom Apfelsinenwunder, als der ganze Neuwerker Deich auf einmal gelborange war von angespülten Apfelsinen, oder als einmal eine tote Robbe angespült wurde, aus der dann Seife gemacht wurde: „Den Geruch werden Sie so schnell nicht wieder los”. Pastor Detlef Kipf überlegt, die alte Tradition wieder zu beleben und vielleicht jedes Jahr zu Trinitatis einen Gottesdienst auf der Insel zu halten – wenn die Tide und die Neuwerker mitmachen.

Doch nun heißt es erstmal auf die Ebbe warten. Kurz nach 22 Uhr geht es nach einem langen Tag zurück in Richtung Festland. Es ist dunkel geworden und kühl, ein paar Sterne stehen schon am Himmel. Der Anhänger hinter dem Trecker von Wattwagenfahrer Fischer rumpelt über Sand und durch noch stark strömende Priele. Er bringt die auf Neuwerk Gestrandeten vorerst einmal zurück ans andere Ufer.

Von Simone Viere (Evangelische Zeitung)

Neuwerk

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Insel Neuwerk. Bild: Fotoflug Nordsee; Neuwerk, Ralf Roletschek (talk) - Quelle: wikimedia

Neuwerk ist eine bewohnte Insel im südöstlichen Teil der Nordsee, im südwestlichsten Teil der Elbmündung. Politisch gehört die Insel neben anderen Inseln zum gleichnamigen Hamburger Stadtteil Neuwerk. Kirchlich gehört die Insel zur Kirchengemeinde St. Gertud in Cuxhaven - der nördlichsten Kirchengemeinde der hannoverschen Landeskirche. Bundesweit bekannt wurde die Insel durch die Krimireihe Tatort: Der 328. Tatort „Tod auf Neuwerk“ und der 461. Tatort Tod vor Scharhörn (letzter Tatort mit Manfred Krug und Charles Brauer alias Stoever und Brockmöller) spielen - und singen - größtenteils auf der Insel.