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Bild: Jens Schulze

Instrumente erklingen

Tagesthema 23. Juni 2012

Instrumentalmusik im Gottesdienst

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Hauptorgel in der evangelisch-lutherischen Marktkirche in Hannover. Bild: Jens Schulze

Musik ist eine Gabe des Schöpfers, die uns bewegt und eine Kunst, die Menschen lebendig gestalten. Sie kann eigene Emotionen zum Ausdruck bringen und bei anderen Menschen Gefühle wecken. Luther nannte sie deshalb eine „Herrin und Regiererin des menschlichen Herzen“. Musik tut uns gut, sie fördert die soziale Intelligenz und die Sprachentwicklung unserer Kinder, ja sie vermittelt sogar eine Ahnung von Gott: In Tönen und Rhythmen, Melodien und Harmonien gibt sie Zeugnis von der Phantasie des Schöpfers und macht seine Weisheit sinnlich erfahrbar. Das rauschende Meer, die Gesänge der Vögel und der Wale geben davon ein beredtes Zeugnis. Für viele Kulturen und Religionen sind Äußerungen von Jubel und Klage, Gebet und Kult ohne Musik nicht denkbar. Luther hat sich die Musica sogar als eine Person vorgestellt. Sie nimmt uns gleichsam an die Hand und öffnet uns die Ohren, um die Welt als klingende Schöpfung zu entdecken und zum Lob Gottes zu inspirieren (vgl. EG 319).

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Das Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim. Im Raum "Da Capo" erklingt Harfenmusik von Annette Roesel. Bild: Jens Schulze

Doch ist die Musik nicht nur ein Klanggeschenk Gottes, sondern auch eine Kunst, um die Menschen sich engagiert bemühen. Seit vielen Jahrhunderten ist sie im Abendland unter den sieben Künsten etabliert. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird ein Musiker erwähnt, von dem es heißt: Von Jubal sind hergekommen alle Leier- und Flötenspieler (1. Mose 4,21). Der bekannteste biblische Musiker ist König David. Er spielte nicht nur für den depressiven König Saul auf der Leier, sondern brachte die Instrumentalmusik in den Gottesdienst Israels. Davon geben die Psalmen (vgl. Ps 68 und 150) ein beredtes Zeugnis.
Das Neue Testament äußert sich gegenüber Instrumentalmusik eher zurückhaltend. In Epheser 5 werden Singen und Musizieren als zentrale Lebensäußerung im christlichen Gottesdienst ausdrücklich erwähnt:
Werdet voll des Geistes!

Redet untereinander mit Psalmen, Lobgesängen und vom Geist gewirkten Liedern, singt und spielt Gott in euren Herzen

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Musik erklingt. Bil: Jens Schulze

Verkündigung und Gebet können sich also auch in musikalischen Formen ereignen, von denen hier Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder genannt sind. Sie dienen der „Recreation des Gemüths“ (J.S. Bach) und der Ehre Gottes.
Grundsätzlich können wir im evangelischen Gottesdienst instrumentale und vokale Musik unterscheiden. Instrumentalmusik (z.B. durch die Orgel oder ein Instrumentalensemble) erklingt zum Ausgang und Eingang, leitet Gemeindegesänge ein und begleitet sie. Sie kann das gesprochene Wort kommentieren und meditieren, aber auch simultan unterlegen.

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Noten. Bild: Jens Schulze

a) Ihren bekanntesten Ort hat die Instrumentalmusik am Beginn bzw. am Ende des Gottesdienstes. Ursprünglich wurde die (tragbare) Orgel als Prozessionsinstrument bei Einzügen von Herrschern eingesetzt und gelangte in dieser Funktion auch in den Gottesdienst, ehe sie im 17. Jh. zunehmend zur Begleitung der Gemeinde eingesetzt wurde. Musik am Anfang des Gottesdienstes kann sowohl beim festlichen Einzug einer Gruppe von Geistlichen, Mitwirkenden, Konfirmanden, Ordinanden etc.) erklingen als auch von allen im Sitzen erlebt werden. Im Idealfall stimmt sie zu Beginn so ein, dass sie die Situation im Kirchenjahr bzw. das Thema des Gottesdienstes, aber vielleicht auch ein aktuelles politisches Ereignis aufnimmt oder anklingen lässt. Atmosphärisch besteht ein großer Unterschied, ob der Gottesdienst mit einer Toccata der Orgel oder durch einen Blues der Gitarre eröffnet wird, ob am Anfang ein Choralvorspiel des Posaunenchors oder eine Klavierimprovisation steht.

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Zentrum Kirchenmusik, Gleishalle: 2.500 Bläserinnen und Bläsern proben für den Abschlußgottesdienst am Sonntag. Bild: Jens Schulze

b) Ihre prominenteste Bedeutung hat Instrumentalmusik in der Begleitung und Vorbereitung des Gemeindegesangs. (Choral)vorspiele oder Intonationen exponieren die Melodie und den Charakter des Liedes und laden die Gemeinde zum Singen ein. Bei weniger bekannten neuen oder alten Liedern empfiehlt sich neben der instrumentalen auch eine kantorale bzw. chorische Anleitung und Unterstützung, die der Gemeinde das Singen erleichtert.

c) Ein guter Ort für Instrumentalmusik ist die musikalische Meditation nach der Predigt. Das improvisierte oder vorbereitete Zwischenspiel kann Gehörtes nachklingen lassen oder gar deuten und auslegen. Dies ist der eigentliche Sinn des Begriffes Meditation. Es geht darum, um die Mitte des Wortes Gottes zu kreisen, auch in Tönen und Rhythmen.
In ähnlicher Weise ist Instrumentalmusik geeignet, innerhalb des Gottesdienstes auf Gebetssituationen einzustimmen oder solche zu vertiefen, indem etwa kleine sich wiederholende Floskeln zur inneren spirituellen Aneignung einladen und anregen.

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Orgelpfeifen. Bild: Jens Schulze

d) Klassischer Ort für die Ausführung instrumentaler Musik ist ferner die Austeilung des Abendmahls (sub communione). Was über Jahrhunderte hinweg die Orgel bzw. auch chorische Musik (z.B. Teile von Kantaten) ausgefüllt haben, kann auch eine Band oder ein Soloinstrument leisten. Klassische und popularmusikalische Formen sind denkbar. In neueren Gottesdiensten wie etwa der Thomasmesse (Offene Phase) können auch Elemente des individuellen Segnens und Salbens von Musik begleitet und getragen werden.

e) Zuweilen kann Instrumentalmusik auch biblische oder andere Lesungen unterlegen und kommentieren. Dies sollte technisch und inszenatorisch gut geprobt sein. Musikalisch unterlegte Lesungen sollten auch nicht (wie etwa im Kaufhaus) zur ständigen Lösung werden, da sonst die Gefahr besteht, die Gemeinde zu „berieseln“. In jedem Fall bringt diese Form eine frische Möglichkeit ins Spiel, dass Wort und Musik im Gottesdienst gleichberechtigt zueinander kommen und sich wechselweise auslegen.
 

Dr. Jochen Arnold, Leiter des Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim

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Das klingende Band geht weiter
heute in Stade

Im Miteinander Tausender bringen mit „366+1, Kirche klingt 2012“ die verschiedensten Musici bundesweit einen künstlerischen Schatz der Reformation in vielfältiger Tradition zum Klingen: ihre Musik. Durch alle 366 Tage des Schaltjahres 2012 zieht sich im Rahmen der Lutherdekade zum Jahresthema Reformation und Musik ein im Dominoprinzip verbundenes Band von Konzerten, Gottesdiensten und Soireen in offenen Kirchen durch ganz Deutschland.

Am Freitag, den 29. Juni, ab 18 Uhr in der Pauluskirche Bremerhaven:
Im Rahmen der deutschlandweit täglichen Veranstaltungsreihe "366+1 - Kirche klingt 2012" laden die Bremerhavener Kinderchöre, Chöre und Bläserchöre am Freitag, den 29. Juni zur „Langen Nacht der Chöre“ in die Pauluskirche, Hafenstraße ein. Jeweils zur vollen Stunden erklingt ab 18 Uhr unter der Leitung von Eva Schad, Silke Matscheizik, Volker Nagel-Geißler, Vivian Glade u.a. 45 Minuten Chormusik. In den Pausen gibt es Getränke und einen kleinen Imbiss sowie die Möglichkeit zum Kommen und Gehen. Ein buntes Programm unter dem Motto „Ich bin getauft auf deinen Namen“ mit Werken von der Barockzeit über die Romantik bis hin zum Popsong und Gospel erwartet die Zuhörer bis in die Nacht hinein.

Nicht nur im Gottesdienst
nicht nur in Kirchen

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Musiker des „Quartett PLUS 1“ sind zu Gast beim landeskirchlichen Empfangs für Künstler am Aschermittwoch im Hamelner Münster. Bild: Jens Schulze

Ultraschallbad in der Fußgängerzone

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Ein Ultraschall-Bad in der Stadt?
... nicht so ganz, aber fast! 30 Blechbläser stehen verteilt auf einem großen Platz, die Zuhörer gehen zwischen ihnen. Kein Bad in der Menge, aber im Klang, durch den man nach Lust und Laune wandeln kann. Wie klingt es bei den Trompeten? Bei den Posaunen oder Tuben? Der Zuhörer erlebt hautnah, wie sich Musik anhört und anfühlt, wie sich die Balancen der einzelnen Register je nach Standort verschieben. Traditionelle Choralmusik und experimentelle Liedarrangements werden in dieser Klangskulptur zu einem besonderen Erlebnis! Anders als bei einem frontalen Konzert ist man hier wirklich mittendrin, statt nur dabei!

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Bild: to-fo / photocase.com