2012_06_23

Bild: Alevitische Gemeinde Deutschland

Religionen im Gespräch: Aleviten

Tagesthema 22. Juni 2012

Aleviten - Wer ist denn das?

Noch bis vor wenigen Jahren lebten sie im Verborgenen, nur Eingeweihte hatten den Namen je gehört: die Aleviten.

Seit der Empörung über einen „Tatort" im Jahr 2007 hat sich das gründlich geändert. Wer heute die professionell aufgemachte Internetseite der Alevitischen Gemeinde Deutschland anklickt, liest den stolzen Satz: „Mit ca. 500.000 bis 800.000 Gläubigen bilden Alevitinnen und Aleviten die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen in Deutschland." Professor Dr. Wolfgang Reinbold, Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste lädt ein Zum „Gespräch der Religionen“ am 28. Juni um 19 Uhr im Haus der Religionen in Hannover.

Das aktuelle Stichwort: Aleviten

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Die alevitische Lehre entstand im Mittelalter in Anatolien aus einer Verbindung islamischer und nicht-islamischer Einflüsse. Der Begriff Alevit bedeutet Anhänger Alis und bezieht sich auf den Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed.

Der Koran spielt im Vergleich zum sunnitischen oder schiitischen Islam nur eine untergeordnete Rolle. An das islamische Rechtssystem, die Scharia, fühlen sich die meisten Aleviten nicht gebunden. Aktuellen Schätzungen zufolge leben 25 Millionen Aleviten in der Türkei. Allerdings sind sie dort nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt.

In Deutschland hat die Glaubensgemeinschaft nach Angaben der Alevitischen Gemeinde über 700.000 Angehörige. Dem Dachverband mit Sitz in Köln sind bundesweit 120 Ortsgemeinden angeschlossen. In vier Bundesländern erteilt der Verband mittlerweile einen alevitischen Religionsunterricht.

Die Internetseite der Aleviten in Deutschland

Weitere Informationen

Ein Beispiel gelungener Integration - Bis zu 800.000 Aleviten leben
in Deutschland

Mit dem Anwerbeabkommen vor 50 Jahren kam auch der muslimische Glaube nach Deutschland. Neben den Sunniten, der größten Gruppe türkischer Muslime, wanderten zahlreiche Aleviten nach Deutschland ein. Die Minderheit, die in der Türkei jahrelang verfolgt wurde, gilt vielen heute als Vorbild für gelungene Integration in Deutschland.

Zwischen 500.000 und 800.000 Aleviten leben nach Schätzungen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen inzwischen in Deutschland. „Wir sehen uns als Teil der deutschen Gesellschaft“, sagt Ali Ertan Toprak, zweiter Bundesvorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Deutschland. Seinen Angaben zufolge haben 70 Prozent der Aleviten die deutsche Staatsangehörigkeit.  Aleviten treten nicht mit religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit auf. Ihr Glaube ist sehr an ethischen Normen ausgerichtet. „Glauben ist für Aleviten Privatsache“, sagt Toprak. Die Frauen tragen beispielsweise kein Kopftuch. Auch besuchen Aleviten keine Moscheen, sondern haben eigene Gebetshäuser, sogenannte Cem-Häuser. Unter den Aleviten ist es jedoch umstritten, wie die Nähe zum Islam einzuschätzen ist.

Im 13. Jahrhundert als Abspaltung vom sunnitischen Islam entstanden, wurden Aleviten über Jahrhunderte hinweg diskriminiert und verfolgt. Tief in das Kollektive Bewusstsein hat sich das Massaker im zentralanatolischen Sivas im Jahr 1993 eingebrannt. 37 Menschen starben damals bei dem Brandanschlag in einem Hotel, während vor den Türen Tausende Muslime ihren Tod feierten. Das Attentat in Sivas war ein „Fanal für die alevitische Bewegung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz “, urteilt der Münchner Ethnologe Martin Sökefeld.

Seit Ende der 80er Jahre organisieren sich die Aleviten im Dachverband der Alevitischen Gemeinde in Deutschland mit Sitz in Köln. Die Aleviten sind, anders als andere Richtungen des Islam, eine anerkannte Religionsgemeinschaft nach em Grundgesetz. Bundesweit gibt es eigenen Angaben zufolge 130 Ortsgemeinden. Seit 2002 gibt es alevitischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen - zunächst in Berlin, inzwischen auch in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern.

In die öffentliche Wahrnehmung gelangten die Aleviten erst in den zurückliegenden Jahren: Nach einem Hausbrand im Jahr 2008, bei dem in Ludwigshafen acht Aleviten ums Leben gekommen waren, reagierten sie mit heftigen Protesten auf die Vereinnahmung durch den türkischen Staat. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Aleviten einen „Tatort“ kritisiert, der einen Inzestfall in einer alevitischen Familie thematisierte. Ein Affront für die alevitische Gemeinschaft, die jahrelang in der Türkei unter dem Vorwand eines Inzestvorwurfs verfolgt worden war.

„Die Geschichte der alevitischen Bewegung in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte“, urteilt Sökefeld: ¡Das Alevitentum ist öffentlich geworden, es hat sich neu organisiert und eine vor Beginn der Bewegung kaum vorstellbare gesellschaftliche und politische Anerkennung erreicht.“

Von Barbara Schneider (epd)

Über die und mit Aleviten

Melek-Yildiz
Melek Yildiz. Bild: Privat

Am 28. Juni 2012, 19 Uhr findet das 3. Gespräch der Religionen statt unter der Überschrift. „Aleviten. Wer ist das denn?“ ins Gespräch kommen Melek Yildiz, Dortmund und Yilmaz Kahraman, Köln, mit dem Gestgeber Wolfgang Reinbold.

Yilmaz-Kahraman
Yilmaz Kahraman. Bild: Privat

In der Türkei bezeichnen sich mindestens 10 Millionen Menschen als Aleviten. Manche schätzen ihre Zahl auf bis zu 20 Millionen. Die traditionellen Siedlungsgebiete der türkischen Aleviten sind Zentralanatolien sowie die West- und Südwestküste der türkischen Halbinsel.

Der Begriff „Alevit“ stammt von dem Namen „Ali“ und bedeutet soviel wie „Ali-Anhänger“. Ali (gest. 661) war der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Muhammad. Die alevitische Lehre ist bis in unsere Zeit vornehmlich auf mündlichem Wege überliefert worden.

Was ist der Cem-Gottesdienst?

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„Semah“, der rituelle Tanz der Aleviten während des Cem-Gottesdienstes. Bild: Alevitische Gemeinde Deutschland

Aleviten beten nicht in einer Moschee, sondern treffen sich zu Cem genannten Versammlungen, zu denen typischerweise Gebete, Gedichte, Musik, ein ritueller Tanz (semah) und das gemeinsame Essen gehören.

Die Versammlung wird üblicherweise von einem Dede („Großvater“) geleitet, der ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed sein muss. Ist kein Dede anwesend, kann die Versammlung von jedem Aleviten geleitet werden, der sich mit dem Ritual auskennt.

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