2012_06_22

Bild: KG Michaelis

Ohne Sitzgelegenheit

Tagesthema 21. Juni 2012

St. Michaelis in Hildesheim versetzt Besucher zurück in die Zeit von Bischof Bernward

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Den Besuchern der Hildesheimer Michaeliskirche bot sich eine Woche lang ein besonderes Bild. Der Kirchenraum ohne Stühle fand bei den Besuchern fast ausnahmslos ein positives Echo. Bild: Michael Vollmer

Ingrid Zieplies staunt nicht schlecht, als sie die Michaeliskirche in Hildesheim betritt. Wo sind denn all die Stühle oder Bänke hin, will die Hamburgerin von den Mitarbeitern der Gemeinde, die am Eingang die Besucher empfangen, wissen. Bei dem Gespräch erfährt die interessierte Besucherin, dass die rund 280 Stühle eine Woche lang im Keller unterhalb der Kirche verstaut sind. Nur an der Seite sind in der „Woche ohne Stühle“ einige Sitzgelegenheiten zum Ausruhen stehen geblieben.

Die besondere Aktion, die von Pastor Dirk Woltmann initiiert wurde, kommt bei den Besuchern durchweg gut an. Vor allem der besondere Raumeindruck wird immer wieder lobend erwähnt. Das findet auch Ingrid Zieplies, die ganz schnell zu einem Urteil kommt: „Es sieht toll aus, irgendwie erhaben. Eigentlich stören Stühle ja auch nur.“ So eine Kirche ganz ohne Sitzgelegenheiten habe sie schon einmal in Italien gesehen. Das Bauwerk komme besonders gut zur Geltung. „Eine wirklich tolle Atmosphäre“, erklärt der Gast aus der Hansestadt.

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Jede Gottesdienstbesucherin und jeder Gottesdienstbesucher suchte ihren/seinen Platz im Kirchenraum. Bild: KG Michaelis

Eckhardt Hoppe wohnt in Hildesheim, kennt daher die Michaeliskirche ganz genau. Aber so hat auch er sie noch nicht erlebt. Daher hat Hoppe seinen Fotoapparat mitgebracht, um die einmalige Stimmung im Bild festzuhalten. „Die Dimensionen kommen ohne Stühle besonders zur Geltung. Diese außerordentliche Weite lässt sich schwer beschreiben“, erklärt Hoppe. Manfred Gorsler aus dem Nachbarort Diekholzen sieht die Sache etwas skeptischer: „Es fehlt schon irgendwie etwas. Aber vielleicht muss man sich erst an das Bild gewöhnen.“ Barbara Meyer-Wilkens gehört zu dem Kreis, der am Eingang den Gästen mit Rat und Tat zur Seite steht. „Die Kirche sieht toll aus“, so oder ähnlich hat die Mitarbeiterin es in der stuhllosen Zeit schon öfters zu hören bekommen. Ohne Sitzgelegenheiten sei das Bild näher dran am mittelalterlichen Urzustand. Einige meinten auch, dass das Mittelschiff viel breiter wirke.

Die Gemeinde hat die „Woche ohne Stühle“ bewusst in eine Zeit gelegt, in der viele Touristen in die Michaeliskirche kommen. „Das ist ein Teil der Arbeit, die wir als Gemeinde selbstverständlich für die vielen Touristen in Hildesheim leisten“, betont Dirk Woltmann. Etwa 15 Helfer haben die 280 Stühle in gut einer Stunde im Keller und auf dem Dachboden verstaut. Kirchenvorsteher Henning Schünemann erläutert, dass es immer mal wieder stuhlfreie Zeiten gegeben habe. Die seien aber nicht so publik gemacht worden. Der Raum könne nun so erlebt werden wie zu Zeiten von Bischof Bernward. Denn Sitzgelegenheiten für die Gläubigen fanden erst in der Reformationszeit in den Gotteshäusern ihren Platz.

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Ein besonderer Gottesdienst unter der Überschrift: Nimm Platz! Bild: KG St. Michaelis

Als gar nicht so einfach stellte sich die Terminsuche heraus. Schließlich finden in der Kirche, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, zahlreiche Veranstaltungen statt. Und selbst in der stuhlfreien Woche mussten die Helfer noch einmal ran und zur sommerlichen Kirchenmusik zumindest einen Teil der Sitzgelegenheiten nach oben schleppen. Am nächsten Tag verschwanden sie allerdings wieder im Keller.

Schließlich war zum großen Finale ein ganz besonderer Gottesdienst in St. Michaelis geplant. Unter dem Motto „Nimm Platz!“ nahmen die Gottesdienstbesucher am Eingang einen Stuhl in Empfang. Sie konnten ihn frei im Raum aufstellen. „Jeder konnte sich fragen: Wo ist mein Platz in der Kirche, wo möchte ich gerne sitzen? Möchte ich allein sein oder mit anderen zusammen sitzen? Stelle ich meinen Stuhl dahin, wo ich sonst immer sitze oder probiere ich etwas Neues aus?“, sagte Pastor Woltmann. Dabei nahmen Gottesdienst und Predigt die besondere Situation auf. Eine Wiederholung der Aktion dürfte nach dem positiven Echo also nur eine Frage der Zeit – oder des Terminkalenders – sein.

Von Michael Vollmer (Evangelische Zeitung)

Wandelkirche St. Johannis

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Bild: Das Lorupaeum

Vom 19. Juni bis zum 1. Juli könnten Besucher die fünfschiffige Hallenkirche so erleben, wie sie im Mittelalter ausgesehen hat, sagte die Lüneburger Superintendentin Christine Schmid.

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Eingangstor der Johanniskirche, Lüneburg. Bild: Helmut Meyer zur Capellen  / epd-Bild

Dazu würden mehr als 60 Bänke abmontiert und ausgelagert. Mit dem Projekt „Wandelkirche“ wollen der Kirchenkreis und die evangelischen Gemeinde einen Raumeindruck wie zur Zeit der historischen Hanse schaffen.

„Der leere Kirchraum eröffnet neue Wege, Eindrücke und Begegnungen. Man kann ihn frei durchwandern, wie es ursprünglich üblich war“, erläuterte Schmid. Zum 32. „Hansetag“ werden vom 28. Juni bis 1. Juli in Lüneburg mehrere Hunderttausend Besucher aus rund 150 europäischen Hansestädten erwartet. Das mehrtätige Fest erinnert an die Zusammenkünfte der historischen Hansestädte, die vom 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts den Fernhandel im nördlichen Europa weitgehend beherrschten.

Mehr über die Wandelkirche St. Johannis

Gute Nachrichten für den Norden

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