2012_06_21

Bild: Rainer Neumann 

Unter Hanseaten: Wirtschaft & Werte

Tagesthema 20. Juni 2012

Hansetag in Lüneburg - Klimagipfel in Rio „Rio 20plus“

Sozialethiker fordert neuen „Mutanfall” der evangelischen Kirche
Versteckt sich die Kirche?

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Stralsund war im 14. Jahrhundert nach Lübeck die bedeutendste Hansestadt im südlichen Ostseeraum. Heute ist das „Tor zur Insel Rügen“ Kreisstadt des Landkreises Vorpommern-Rügen. Bild: Rainer Neumann

Mutanfälle gibt es hin und wieder auch mal in der Kirche. 2008 war das der Fall. Kurz vor dem Ausbruch der größten Wirtschaftskrise seit 1929 veröffentlichte die EKD eine Denkschrift: „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“. Konnte man bis dahin meinen, die Kirche würde die Wirtschaft nur melken aber nie füttern wollen, so klang es nun ganz anders: Wohlstand und Teilhabe ließe sich nicht allein durch Verteilung des vorhandenen Vermögens, sondern nur durch seine beständige Neuschaffung erreichen. Und dabei stünden Unternehmer im Mittelpunkt: „Unternehmerisches Handeln ist von zentraler Bedeutung für Innovation, Wertschöpfung und gesamtgesellschaftlichen Wohlstand.“ Unternehmer träfen Entscheidungen unter meist unsicheren Bedingungen, sorgten für Produkt- und Verfahrensinnovationen und richteten Unternehmen neu aus, damit sie auch in Zukunft nachhaltige Wertschöpfung leisten könnten.

Wurde der Text von der Wirtschaft auch breit anerkannt, so stieß er doch bei anderen auf Ablehnung, da man in ihn ein allzu unkritisches Absegnen umfassender wirtschaftlicher Freiheit hineinlas – was angesichts deutlicher Kritik am angelsächsisch-neoliberalen Wirtschaftsstil verwunderte. Aber richtig ist: der Text war inkonsequent. Zwar ermutigte die Kirche zum unternehmerischen Handeln – aber sie forderte es nicht ernsthaft heraus! Wichtige Fragen blieben offen: Welche Aufgaben sind der Wirtschaft in Zukunft gestellt? Wie soll sie sich ausrichten, um die notwendige „große Transformation“ zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft voran zu bringen? Wie können Unternehmer für eine gerechtere Teilhabegesellschaft sorgen und vor allem dem drohenden Klimakollaps entgegenwirken?

Ohne oder gar pauschal gegen die Wirtschaft werden diese für uns alle überlebensnotwendigen Prozesse nicht erfolgreich gestaltet werden können. Und nicht nur das: Die Wirtschaft muss sich diese Ziele selbst auf ihre Fahnen schreiben und in Zukunft nicht mit irgendetwas, sondern mit der Rettung der Welt Geld verdienen wollen. Das würde zu Recht breite Anerkennung, ja Begeisterung verdienen.

Gefordert ist „transformative Leadership“: unternehmerisches Handeln, das den globalen Gefahren ins Auge blickt und sich der notwendigen großen Veränderungen gezielt annimmt. Unternehmen müssen ihre Tunnelblicke überwinden. Nicht um die kurzfristige Maximierung von Gewinnen sondern um die globale Wahrnehmung von Verantwortung in sozialer und ökologischer Hinsicht geht es. Und genau hier liegt auch die Aufgabe der Kirche: Sie fördert wirtschaftliches Handeln dann am besten, wenn sie es (heraus-)fordert. Denn dann erinnert sie Unternehmer an ihre Berufung. Darin sollte sie ruhig noch ein ganzes Stück mutiger werden.

Prof. Dr. Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover (aus: Evangelische Zeitung)

Ein Räuber wie aus dem Bilderbuch

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Wenig Greifbares gibt es tatsächlich zur Person Klaus Störtebekers, das meiste bleibt nebulös. Das stört tausende Besucher jedoch nicht, die sich jedes Jahr aufs Neue in Ralswiek auf Rügen einfinden, um sich die Geschichte um Aufstieg und Fall des Seeräubers erzählen zu lassen. Bild: Anna-Theresa Hick

Klaus Störtebeker, der als Anführer der „Vitalienbrüder“ im ausgehenden 14. Jahrhundert auf der Nord- und Ostsee Schiffe der Hansekaufleute überfiel und als Konsequenz seiner Taten im Jahre 1400 auf dem Hamburger Graasbrook dem Richtschwert zum Opfer fiel, ist bis heute ein fester Bestandteil der populären Geschichtsschreibung und -Inszenierung.

Störtebeker, so die geltende Auffassung, wurde um die Mitte des 14. Jahrhunderts geboren. Im Krieg der mecklenburgischen Herzöge gegen Margarethe I. von Dänemark um die Vorherrschaft im Königreich Schweden schloss er sich den sogenannten Vitalienbrüdern an. Diese waren in den Seestädten Rostock und Wismar angeworben worden und schädigten den skandinavischen Seehandel durch Raubüberfälle auf der Ostsee. Nach dem Friedensschluss im Jahr 1395 verloren die Vitalienbrüder ihre Legitimation als privilegierte Kaperfahrer der mecklenburgischen Herzöge, so dass sie fortan als gesetzlose Seeräuber galten.

Klaus Störtebeker, der zu diesem Zeitpunkt bereits zu einem der Anführer der Gruppierung aufgestiegen war, verlegte seine Kaperfahrten daher in die Nordsee. Als Zufluchtsorte galten den Vitalienbrüdern zu diesem Zeitpunkt die unzugänglichen Ortschaften an der Küste Ostfrieslands. Im Jahr 1400 wurde Störtebeker durch eine Hamburger Flotte bei Helgoland gestellt und als Gefangener nach Hamburg verbracht, wo er kurz darauf hingerichtet wurde.
So weit die „offizielle“ Version der Geschichte. Tatsächlich existieren zu der Person Klaus Störtebekers nur wenige Quellenbelege, welche der geltenden Rezeption noch dazu stark widersprechen. Schon die Festlegung auf den Vornamen erscheint bei genauer Hinsicht zweifelhaft – lediglich in einer Lübecker Chronik wird Störtebeker der schon damals verbreitete Vorname Klaus vorangestellt. Darüber hinaus existieren noch bis zum Jahr 1430 zahlreiche Nennungen von Freibeutern namens Johann, Hans oder Marquard Störtebeker.
Es ist durchaus möglich, dass die Handlungen all dieser Einzelpersonen gleichen Nachnamens im Verlauf der Sagenbildung ihren Einzug gehalten haben und letzten Endes in der heute bekannten Sagengestalt des Klaus Störtebeker kulminierten. Angesichts der Anzahl von Störtebeker-Nennungen, die noch deutlich auf die Jahre nach 1400 datieren, darf jedoch die Vermutung geäußert werden, dass auch das Ereignis der Hinrichtung Störtebekers als solches dem Bereich der Legenden zuzuordnen ist. Nur allzu passend fügt es sich in das Geschichtsbild der Stadt Hamburg, in welchem der übermächtige Stadtfeind durch den mutigen Einsatz der Ratsherren als Verteidiger des Gemeinwesens seiner gerechten Strafe zugeführt wird.

Hingerichtet oder nicht, die Legendenbildung um Klaus Störtebeker nahm ihren Lauf, so dass bei späteren Chronisten Erstaunliches zu lesen steht: So behauptete der Hamburger Domkanoniker Albert Krantz um 1500, Klaus Störtebeker und sein Kumpan Gödeke Michels hätten die Reliquien des heiligen Vincentius auf der Brust getragen und hierdurch Unverwundbarkeit erlangt.

Weitere Auswüchse der Sage folgten etwa mit der volkstümlichen Fabel vom kopflosen Störtebeker, der nach seiner Enthauptung noch die Reihe der gefangenen Kameraden abschritt, um deren Freilassung zu erwirken. Auch die angebliche Ableitung des Namens Störtebeker von der Vorliebe des Namensträgers für den hastigen Genuss alkoholhaltiger Getränke (Stürz-den-Becher) gehört definitiv ins Reich der Legende.

Späteren Rezeptionen entstand hierdurch allerdings exzellentes Material, welches sich politisieren oder kommerziell verwerten ließ: Autoren wie Willi Bredel instrumentalisierten Klaus Störtebeker als Vorkämpfer des Sozialismus im Sinne des DDR-Regimes, und die Betreiber der „Störtebeker-Festspiele“ locken mit ihren aufwendig inszenierten Bühneninterpretationen tausende Touristen nach Ralswiek auf Rügen, die sich hier freiwillig nach allen Regeln der Kunst ausrauben lassen.

Nicolai Clarus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Hamburg, Arbeitsbereich Mittelalter. (aus: Evangelische Zeitung)

Kann Wachstum Sünde sein?
Tacheles - der Talk am roten Tisch

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Jan Dieckmann

Umweltschützer und Sozialforscher warnen vor den Grenzen des Wachstums. Ein immer höherer Lebensstandard für immer mehr Menschen sprenge die Welt. Unternehmer halten dagegen – nur robuste Zuwächse sicherten Arbeitsplätze. Inwieweit kann oder muss Wachstum Leitgröße der Politik sein? Welche Werte zählen in der Wirtschaft wirklich? 

Bei Tacheles. Talk am roten Tisch diskutieren Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Patrick Döring, FDP-Generalsekretär, Jutta Sundermann,
Attac Deutschland und Prof. Dr. Utz Claassen, Unternehmer, moderiert von Fernsehpastor Jan Dieckmann.

Ausgestrahlt wird die in der Marktkirche Hannover aufgezeichnete Talkshow auf Phoenix am 24. Juni um 13.00 Uhr und am 24. Juni um  00.00 Uhr.

Zur Internetseite von Tacheles

Zum Hansetag:
Zeitreise ins Mittelalter

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Bild: Das Lorupaeum

Aus Anlass des internationalen „Hansetages“ in Lüneburg lädt die St. Johanniskirche in der Hansestadt zu einer besonderen Zeitreise ein. Vom 19. Juni bis zum 1. Juli könnten Besucher die fünfschiffige Hallenkirche so erleben, wie sie im Mittelalter ausgesehen hat, sagte die Lüneburger Superintendentin Christine Schmid am Donnerstag. Dazu würden mehr als 60 Bänke abmontiert und ausgelagert. Mit dem Projekt „Wandelkirche“ wollen der Kirchenkreis und die evangelischen Gemeinde einen Raumeindruck wie zur Zeit der historischen Hanse schaffen.

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Eine „Prise zum Leben“

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Blick vom Wasserturm auf die Johanniskirche, Lüneburg. Bild: Helmut Meyer zur Capellen / epd-Bild

Lüneburg ist Gastgeber des 32. Hansetags der Neuzeit – Kirchen machen ein attraktives Programm

„Du bist das Salz der Erde“: Die Zusage aus der Bergpredigt Jesu ist das Motto von Kirche und Diakonie zum 32. Internationalen Hansetag, der vom 28. Juni bis 1. Juli in Lüneburg stattfindet.

Das Salz war im Mittelalter der Grund für das Wohlergehen der Stadt, eine „Prise zum Leben“ will auch das Kirchenprogramm bieten. Mehr als
200 000 Menschen werden zu dem Kulturfest erwartet. Damit erinnert die Hansestadt zugleich an das erste Treffen der Kaufleute in Lüneburg vor 600 Jahren. „Dankbarkeit und Stolz auf das Salz drücken sich bis heute in den prächtigen Kirchen der Altstadt aus“, heißt es in der Einladung.
St. Johannis als älteste der Lüneburger Kirchen präsentiert sich seit vergangenem Dienstag als „Wandelkirche“ ohne Bänke – wie im Mittelalter. Stattdessen prägten damals 42 Altäre die gotische Backsteinbasilika am Sande, derzeit erinnern Stelen und Kerzen an die damalige Ausstattung.
Im Rahmen des Vorprogramms gibt es bereits am Montag, 25. Juni, 18 Uhr, in St. Johannis Kirchentanz zu erleben, ein Lyrikabend „Ein Wort gibt das andere“ ist für Dienstag, 26. Juni, 19.30 Uhr, geplant. Ein historisch-theologischer Spaziergang erläutert den „Kirchraum im Wandel“ am Mittwoch, 27. Juni, um 17 Uhr, um 19 Uhr lädt die Gemeinde zum Offenen Singen ein. Zum Angebot während der Hansetage gehören zudem ein begehbares Salzlabyrinth, musikalische Aufführungen zu den ungeraden Stunden der von 10 bis 22 Uhr geöffneten Kirche, sowie eine „Nacht der Verwandlung“ am Sonnabend, 30. Juni, ab 21 Uhr.
Zu den geraden Stunden ist in St. Michaelis Musik zu hören. Die Altstadt-Kirche, in der einst Johann Sebastian Bach als Klosterschüler sang, stellt sich von 10 bis 22 Uhr als „Klangkirche“ vor. Eine „Nacht der Lichter mit Gesängen aus Taizé“ ist in der ehemaligen Klosterkirche am Freitag, 29. Juni, ab 21 Uhr zu erleben.
Die „Begegnungskirche“ St. Nicolai im Wasserviertel bietet neben dem „Nicolai-Garten-Café“ sowie einer Salzoase vor allem Stille im Trubel der Hansetage und eine Ausstellung mit maßstabsgetreuen Modellen von Hansekirchen im Ostseeraum. Die „Schifferkirche“ wird nach Sonnenuntergang von innen beleuchtet und ist täglich bis Mitternacht geöffnet.
Außerdem werden mit Salz gefüllte Becken insgesamt 19 Orte markieren, an denen kirchliches und diakonisches Leben in der Stadt zutage tritt. So können die Besucher zum Beispiel beim Herbergsverein, nahe der Bahnhofsmission oder MaDonna, dem Haus für Mädchen und Frauen, Segenszeichen finden und eine eigene Prise hinterlassen. An einem größeren Salzgarten vor der St. Johanniskirche stehen Mitarbeitende von Kirche und Diakonie als „Salzstreuer“ für Gespräche zur Verfügung.
Ein Höhepunkt der Hansetage wird schließlich der ökumenische Festgottesdienst auf dem Platz am Sande am Sonntag, 1. Juli, um 10 Uhr. Unter dem Leitwort „Einander begegnen – miteinander handeln – einander segnen“ laden die christlichen Gemeinden zu diesem Gottesdienst unter freiem Himmel ein, der ins Englische übersetzt wird. Die Predigt hält Landesbischof Ralf Meister aus Hannover.

Von Hartmut Merten