2012_06_18

Bild: Dieter Sell / epd

Es geht weiter

Tagesthema 17. Juni 2012

Auf dem Weg ins Halbfinale

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Landesbischof Ralf Meister berichtet zur Tagung der Landessynode am 14.06.2012.   Bild: Jens Schulze

Drei Siege in den Gruppenspielen, neun Punkte vor dem Einzug ins Viertelfinale: die Euro 2012 führt auch in den Kirchengemeinden zu Fußballfieber. Landesbischof Ralf Meister hat schon nach dem Spiel gegen die Niederlande vermutet: „Der Einzug ins Halbfinale ist denke ich sicher, alles andere ist des Glückes Geschick." Diese Prognose gab er am Rand der X. Tagung der Landessynode ab, nachdem er mit dem Ergebnistipp für das zweite Gruppenspiel richtig lag.

Am Freitag wird sich zeigen, wie es gegen Griechenland im Viertelfinale läuft und ob die die Prognose des gebürtigen Hamburgers und HSV-Fans stimmt - und in vielen Kirchengemeinden wird wieder "public screening / public viewing" stattfinden.

Public Viewing auch in Kirchengemeinden „großer Erfolg“

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Public viewing beim EM-Fußballspiel Deutschland - Portugal am Samstagabend: Etwa 2.500 Fußballfans schauten miteinander die Übertragung des ersten EM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal aus Lemberg (Ukraine) live und unter freiem Himmel zu erleben. Bild: epd-Bild / Dieter Sell

Das Public Viewing zur laufenden Fußball-Europameisterschaft ist nach Angaben der Organisatoren in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auch in Kirchengemeinden ein „großer Erfolg“. Bundesweit beteiligten sich mehr als 1.000 Gemeinden, bilanzierte am Dienstag EKD-Fachreferent Stefan Kiefer gegenüber dem epd. Alleine in der hannoverschen Landeskirche seien es über 100. "Da geht es in erster Linie darum, in der Gemeinschaft Fußball zu gucken", sagte Kiefer. Kirchliches stünde "nicht so sehr" im Vordergrund.

Hintergrund des Public Viewing in Kirchengemeinden ist eine Vereinbarung der EKD mit dem europäischen Fußballverband UEFA zum "public screening" von Fernseh-Live-Übertragungen. Kirchengemeinden, die sich bei der EKD für das "public screening" registriert haben, müssen lediglich für die entsprechende Technik sorgen, eventuell anfallende GEZ-Gebühren bezahlen und ein Rahmenprogramm gestalten. Das passiere meist in Gemeindezentren, "aber auch auf Fußballplätzen und unter freiem Himmel", ergänzte Kiefer.

Das Spiel Deutschland gegen Portugal, das erste Spiel bei der Euro, haben beim Public Viewing unterschiedlichster Veranstalter bundesweit rund sechs Millionen Zuschauer verfolgt. Damit haben neun Prozent der Deutschen das Spiel auf einem öffentlichen Platz oder in einer Kneipe gesehen, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD. Das Meinungsforschungsinstitut befragte nach dem Spiel 1.000 deutschsprachige Bürger ab 14 Jahren per Zufallsstichprobe am Telefon.

Informationen über das Public-Screening der EKD

Vollbad im Fußball-Jubel – Fans genießen beim Public Viewing die Gemeinschaft und wollen Spaß

In der Herde den Jogi-Jungs zujubeln und dabei ordentlich Party machen: Zur Fußball-Europameisterschaft ist in Deutschland das Public Viewing vor riesigen Leinwänden wieder in Mode. Schließlich ist geteilte Freude doppelte Freude.

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Public viewing beim EM-Fußballspiel Deutschland - Portugal am Samstagabend: Etwa 2.500 Fußballfans schauten miteinander die Übertragung des ersten EM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal aus Lemberg (Ukraine) live und unter freiem Himmel zu erleben. Bild: epd-Bild / Dieter Sell

Die Fingernägel sind schwarz-rot-gold lackiert, die Wangen mit den deutschen Farben geschmückt. Fans prusten pausbackig in ihre Tröten. Vor dem gewaltigen Bildschirm stampfen sie nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal ihren Jubeltanz in das Pflaster. Wie in der Bremer Überseestadt kocht vielerorts beim Public-Viewing zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine die Fußballseele hoch. Rudelgucken vor der Riesenleinwand: Das ist gerade wieder in. Der kollektive Jubel verbinde, sagt der Kölner Fanforscher Martin Thein.

Auch Thomas und Nafra fiebern am Sonnabend unter schwarz-rot-goldener Kopfbedeckung am Bremer Europahafen mit den Jungs um Jogi Löw. Sie mit aufgesteckten Hasenohren, er mit struppiger Perücke. «Wir wollen Spaß und lieben die Gemeinschaft», sagt der Mittdreißiger Thomas und wendet sich schnell wieder dem Geschehen auf der 40 Quadratmeter messenden Leinwand zu. Nur nichts verpassen. «Auf jeden Fall mehr Stimmung als zu Hause», schwärmt ein paar Meter entfernt die 18-jährige Bettina.

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Public viewing beim EM-Fußballspiel Deutschland - Portugal am Samstagabend: Etwa 2.500 Fußballfans schauten miteinander die Übertragung des ersten EM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal aus Lemberg (Ukraine) live und unter freiem Himmel zu erleben. Bild: epd-Bild / Dieter Sell  

Zwar ist das Bremer Public Viewing mit etwa 2.500 Zuschauern klein im Vergleich zu Berlin. Doch wie unter den etwa 400.000 Fußballbegeisterten auf der Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule platzt auch in der Hansestadt der Stimmungsknoten, als Mario Gomez mit Wums zum Siegtreffer für Deutschland einköpft.

Public Viewing, das ist ein Phänomen auf Wiedervorlage. Nach Auffassung des Politologen und Fanforschers Thein nahm es während des «Sommermärchens», der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, seinen Anfang. Dabei sind die meisten unter den Gästen in den Fanarenen nach seiner Analyse gar nicht durch und durch vom Fußballvirus durchdrungen. «Viele sind mit Handy und Smartphone unterwegs und machen noch während der Übertragung die nächste Verabredung klar», hat der Mitbegründer der Internet-Plattform fankultur.com und des Kölner Instituts für Fankultur beobachtet.

Während die Fußballverrückten eher unter ihresgleichen in einschlägigen Kneipen ihrer EM-Leidenschaft frönen, treffen sich bei den Übertragungen unter freiem Himmel Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. So sind am Bremer Europahafen und in anderen Fanmeilen etliche Frauen zu sehen, die besonders Nationaltorwart Manuel Neuer in den Schlussminuten zujubeln. Denn der Keeper stürzt aus seinem Tor heraus und pariert im Spreizschritt und mit grandioser Reaktion einen Schuss des Portugiesen Varela. Weltklasse!

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Public viewing beim EM-Fußballspiel Deutschland - Portugal am Samstagabend: Etwa 2.500 Fußballfans schauten miteinander die Übertragung des ersten EM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal aus Lemberg (Ukraine) live und unter freiem Himmel zu erleben. Bild: epd-Bild / Dieter Sell

Die einen berauschen sich an diesem Fußball-Erlebnis in der Herde. Die anderen haben am Ende kaum eine Ahnung, wer ein Tor geschossen hat und wollen in erster Linie Party feiern. An den Bierständen am Rande mischt sich das Volk und kommentiert das Spielgeschehen. Dabei wird schnell klar: Tendenziell sind es eher Gelegenheitsfans, die zum Leinwandfußball in der Masse anreisen. «Aber alle wollen raus aus der Vereinzelung, wenigstens für die Wochen der Europameisterschaft, dann ist alles wieder vorbei», sagt Thein. Wobei die Zahl der Fans vor den Leinwänden vom Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und auch vom Wetter abhänge.

Ein Phänomen also, das direkt mit der deutschen Nationalmannschaft verbunden ist? Davon ist der Fanforscher überzeugt. Wer sich darauf einlässt, wer den Hintern hochbekommt und die Couch verlässt, hat nach seinen Beobachtungen auch emotional einen Mehrwert. Denn in der Masse würden Verzweiflung und Freude geteilt. Und alle erfasse das gute Gefühl, einfach dazuzugehören und Teil einer Macht zu sein. «Gemeinschaft, Heimat, Identität - das verbindet vor der Leinwand.»

Das bieten auch Tausende Kirchengemeinden, die landauf landab in ihren Zentren Fan-Feste organisieren. Thomas und Nafra jedenfalls sind am Ende glücklich. «So kann es weitergehen», freut sich Thomas und hofft auf den nächsten Erfolg der Jogi-Jungs beim Public Viewing. An diesem Mittwoch ist es so weit. Dann fiebert das Paar wieder mit, wenn das deutsche Team ab 20.45 Uhr im ukrainischen Charkow gegen die niederländische Nationalmannschaft spielt.

Von Dieter Sell (epd)

Der tiefe Fall des Michel Agunyo – Warum afrikanische Fußballtalente in Deutschland so selten erfolgreich sind

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Der Togoer Michel Agunyo und der ehemalige Werder-Bremen-Manager und jetzige UN-Beauftragte für Sport, Willi Lemke, diskutieren über den schwierigen Stand afrikanischer Fußballtalente in den europäischen Profi-Ligen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Michel Agunyo war ein afrikanischer Fußballstar, als er vor knapp zwei Jahrzehnten nach Europa kam. Einer, der es in Togo schon als 20-Jähriger zum Kapitän der Nationalmannschaft gebracht hatte. "Ich wollte in der deutschen Bundesliga spielen", berichtet der heute 43-Jährige bei einem Themenabend der Norddeutschen Mission in Bremen. Ein Ziel, von dem bis heute Millionen Jugendliche auf dem schwarzen Kontinent träumen. Doch die Hoffnungen der afrikanischen Fußballemigranten vom großen Geld und einem besseren Leben scheitern fast immer.

Berater verschacherten Agunyo zunächst in das belgische Charleroi, wo der junge Mann bald auf der Ersatzbank saß. "Ich kam in das Training der Profi-Liga, das war eine andere Welt als in Togo", blickt Agunyo zurück. Westafrika habe im Vergleich dazu auf Amateur-Niveau gespielt. Also ging es abwärts. In Deutschland unterschrieb er zunächst beim SC Freiburg, später bei einem Club in Frankfurt, um schließlich in der hessischen Landesliga bei 05 Bad Homburg die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Das war das Ende einer zunächst verheißungsvollen Karriere.

Ähnlich erging es Ibrahim Sunday aus Accra in Ghana, der 1970 Afrikas "Fußballer des Jahres" war. Von 1975 bis 1977 gehörte der heute 60-Jährige zum Profikader des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen, stand da aber nur ein einziges Mal bei einem Punktspiel auf dem Platz, im Juni 1976 in der zweiten Halbzeit gegen Rot-Weiß Essen. Sunday war der erste Afrikaner in der Bundesliga. "Aber niemand in der Mannschaft sprach Englisch. Es gab niemanden, den ich hätte fragen können, wie Deutschland funktioniert und wie der Fußball hier", erzählt er dem "Stern"-Reporter Christian Ewers. Ein Kulturschock. "Ibrahim Sunday war eine Zäsur, da waren wir nicht vorbereitet", meint der langjährige Werder-Manager und jetzige UN-Beauftragte für Sport, Willi Lemke. Damit eine Integration gelinge, seien in erster Linie die Sprache und das Talent wichtig. "Und die jungen Spieler müssen Fußball als Mannschaftssport anerkennen und nicht ballverliebt über den Platz rennen." Der Direktor des Leistungszentrums von Werder Bremen, Uwe Harttgen, sieht gleich mehrere Schwierigkeiten. "Es gibt kulturelle, religiöse und mentale Unterschiede. Durchgängig Disziplin zu zeigen, auch das ist für viele schwierig."

Die Afrikaner verfolgten zwar über Fernsehen und Internet die großen Spiele in Europa, räumt Agunyo ein. "Aber wie das Training läuft, das Geschäft, davon wissen wir nichts." Also werden Nachwuchsspieler von skrupellosen Agenten ausgenutzt. Korruption und Machtspiele in den Heimatverbänden verhindern oft den Durchbruch, der wenigen Stars wie Samuel Eto'o aus Kamerun oder auch Didier Drogba aus der Elfenbeinküste gelungen ist.

Dazu kommt ein gigantischer Erwartungsdruck der Familien. Wer es geschafft habe, müsse eine Großfamilie versorgen, sagt Reporter Ewers, der in Afrika die Hintergründe für ein Buch recherchiert hat. Wer es nach oben schaffe, entfliehe der Armut, werde geliebt und geachtet. Fußball sei die Chance, alle Probleme auf einmal zu lösen. "Doch in die Heimat zurückzukehren, weil man es nicht geschafft hat, das wäre mit Gesichtsverlust, mit dem Gefühl von Verrat verbunden, das geht gar nicht", betont der Journalist.

Weil Afrikaner also nicht nur für sich selbst spielen, sondern für eine ganze Sippe, ist der Erfolgsdruck für sie ungleich größer. Die Betreuung müsse besser als sonst sein, bekräftigt Lemke. "Da ist in den zurückliegenden Jahren viel passiert." Ewers ergänzt, auch in Afrika gebe es hoffnungsvolle Projekte wie die erfolgreiche Jugend-Akademie Sol Béni ("gesegneter Boden") in der Elfenbeinküste, die sich gut organisiert um den Fußball-Nachwuchs kümmere. Auch Agunyo war der Weg zurück in seine westafrikanische Heimat aus Scham und finanziellen Gründen versperrt. Doch dann konnte er eine Ausbildung zum Logistiker machen. "Das ist wichtig, um etwas in der Hand zu haben, wenn es mit dem Fußball schief geht", mahnt der Mann aus Togo. Doch wer träume, mache keine Ausbildung, räumt Agunyo ein, der nun auf seine Weise erfolgreich ist. Mittlerweile ist er Vater, plant einen Ratgeber für alle, die in Afrika vom europäischen Fußballhimmel träumen und hat seinen Frieden mit dem Sport gemacht: "Ich kicke sonntags, das macht mir Spaß."

Von Dieter Sell (epd)