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Bild: Wiebke Ostermeier

Gottesklang: Bach und Fluss

Tagesthema 16. Juni 2012

Die klingende Dynastie

Wie Johann Sebastian Bach und seine Familie die Musikwelt geprägt haben

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Denkmal des Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750) vor der Thomaskirche in Leipzig am 2.4.2010. Von 1723 bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750 wirkte Bach an der Thomaskirche und schrieb hier seine bedeutendsten Werke. Die Gebeine des Thomaskantors wurden 1894 auf dem Johanniskirchhof gefunden, ruhten seit 1900 in der Johanniskirche und wurden nach der Zerstörung der Johanniskirche im 2. Weltkrieg in die Thomaskirche überführt. Bild: epd-Bild

Wirtschaft, Politik und Kunst kennen ihre Dynastien – Familien, die über Generationen in einem Genre die Geschicke bestimmen. Besonderes aber spielte sich vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Mitteldeutschland ab: Keine Familie auf der ganzen Welt brachte es zu einer derartigen Häufung musikalischen Talents wie die Familie Bach mit ihrem berühmtesten Spross Johann Sebastian.

Wenn man in Berlin über den Sophien-Friedhof schreitet, sollte man einmal vor der Grabanlage IX-5-45+46 innehalten: Dort hat 1845 mit Wilhelm Friedrich Ernst Bach jener Enkel Johann Sebastians seine letzte Ruhestätte gefunden, der als letzter Namensträger in direkter genealogischer Linie diese einzigartige Musikerdynastie beendete, die wie keine zweite die Musikgeschichte prägte. Im gut 300 Kilometer entfernten thüringischen Wechmar liegen ihre familiären Wurzeln, wohin im 16. Jh. aus dem zu Ungarn gehörigen mährisch-slowakischen Raum ein „Weißbäcker“ immigriert war, der als Urahn der Bache gilt.

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Musiker im frühen 16. Jh.: Diese Abbildung aus dem Stammbuch des Georg Christian Stöberlein zeigt ein siebenköpfiges Ensemble, das sich um ein Regal (Kleinorgel mit liegenden Pfeifen) gruppiert hat. Der Mitspieler rechts betätigt den Blasebalg für die Orgel. Bild: Archiv-Sonntagsblatt

Im Mittelhochdeutschen verstand man gemeinhin unter „bachen“ nichts anderes als „backen“ – und tatsächlich war mit Veit Bach (1555-1619) einer der ersten Vorfahren ein gelernter Müller und Bäcker, der in seinen Mußestunden gern einmal zum „Cithrinchen“, einem Lauteninstrument, griff. Von Veits drei Söhnen entschied sich mit Caspar bereits einer für den Musikerberuf: Er wirkte als Stadtpfeifer in Gotha und Arnstadt. Dessen älterer Bruder Johannes (ca. 1580-1626) hatte – so wird es später sein Urenkel Johann Sebastian eigenhändig notieren – auch noch „anfänglich die Becker profession ergriffen. Weilen er aber eine sonderliche Zuneigung zur Music gehabt ,so hat ihn der Stadt Pfeiffer in Gotha zu sich in die Lehre genommen“.
Johannes Bach, der während des Dreißigjährigen Kriegs verstarb, hinterließ ebenfalls drei Söhne, die sich nun samt und sonders der Musik zuwandten: der Organist Heinrich, welcher die familiäre Arnstädter Linie begründen sollte, Johann als der älteste offiziell beglaubigte Komponist der Bach-Dynastie und Begründer der Erfurter Linie sowie schließlich Christoph (1613-1661): Der Großvater Johann Sebastians fand zunächst eine Anstellung als Ratsmusikant in Erfurt – wo anschließend noch bis Ende des 18. Jahrhunderts dieser Berufszweig mit dem Synonym „Bache“ bezeichnet werden sollte(!) – und wirkte hernach als gräflicher Hof- und Stadtmusikus im thüringischen Arnstadt.
Und wie sollte es anders sein: Auch Christoph zeugte wieder drei musikalische Söhne, von denen Johann Ambrosius gemeinsam mit einem Zwillingsbruder im Jahr 1645 das Licht der Welt erblickte. Nach dem Tod des Vaters begab dieser sich als Kunstpfeifergeselle auf Wanderschaft, kam zunächst in der von einem Onkel geleiteten Erfurter Ratsmusik unter und ließ sich schließlich im Jahr 1671 als Hof- und Stadtmusikus in Eisenach nieder.

Über 70 Bache hatten ihre Spuren hinterlassen

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Bild: wikimedia

Die allgemeine Begeisterung für Ambrosius’ musikalische Arbeit zahlte sich dort quasi auch in „flüssiger Münze“ aus: Man befreite ihn von der örtlichen Biersteuer, weil er „sowohl mit vocal- als intrumental Music beym Gottes Dienst und ehrlichen Zusammenkünften mit hoch undt niedrigen Standespersonen guter vergnügung aufwarten kann, also, dass wir unß desgleichen soweit wir gedencken, hiesigen Orths nicht erinnern“. Aus seiner 26-jährigen Ehe mit Maria Elisabeth Lämmerhirt gingen acht Kinder hervor – als letztgeborenes am 21. März 1685 Johann Sebastian.
Von dessen Geschwistern erreichten lediglich vier das Erwachsenenalter: Johann Christoph, der dem „kleinen“ Bruder die musikalischen Basics vermittelte, fand seine Bestimmung als Organist in Ohrdruf. Der zum Stadtpfeifer ausgebildete Johann Balthasar verstarb bereits 18-jährig. Johann Jacob trat als Oboist in die Dienste Karls XII. von Schweden. Und dann gab es da noch eine acht Jahre ältere Schwester Maria Salome, die 1700 den Erfurter Pelzhändler Johann Andreas Wiegand heiratete und 51 Jahre alt wurde.
Als Vater Johann Ambrosius am 2. März 1695 verstarb, forderte dessen gräflicher Dienstherr unmissverständlich einen namensgleichen Nachfolger: „Ob denn kein Bach mehr vorhanden. Es sollte und müsste wieder einen Bachen haben.“ Gleichzeitig hatte er aber nur wenig Hoffnung, da aus seiner Sicht „der liebe Gott das Bachische Musicalische Geschlecht binnen wenig Jahren vertrocknet“. Dass quasi vor seiner Haustür ein Zehnjähriger namens Johann Sebastian den Gegenbeweis antreten würde, konnte er da freilich noch nicht ahnen ...
Tatsächlich hatte die musikalische Familiengeschichte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht – und sollte drei weitere hochproduktive Generationen andauern. Insgesamt haben über siebzig Bache als Berufsmusiker ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen, zuvorderst natürlich in Thüringen.
Folgende Zahlen illustrieren dies exemplarisch in eindrucksvoller Weise: Allein in Arnstadt kamen 17 Bache zur Welt, es wurden acht getraut und 25 begraben. In Erfurt geriet die dortige Kaufmannskirche zur Zeugin von 61 Bach-Kinder-Taufen und 12 Bach-Trauungen (sowie ebenso vielen Begräbnissen). Und das Organistenamt an der Eisenacher Georgenkirche bekleidete die Bach-Familie ununterbrochen über mehr als 132 Jahre. Johann Sebastian selbst war von dieser familiären Historie derart fasziniert, dass er 1735 eigenhändig einen Stammbaum verfasste ... der freilich die schönsten Blüten soeben erst ausbildete.

Musiker hatten nicht einmal das Bürgerrecht

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Vater Bach im Kreise seiner Lieben: So stellte sich das 19. Jahrhundert das Familienleben bei Bachs vor. Toby Edward Rosenthal malte dieses Bild im Jahr 1870. Bild: wikimedia

Denn Johann Sebastian Bach selbst hatte – unglaublich genug – 20 Kinder: fünf Söhne und zwei Töchter aus der ersten (mit Maria Barbara) sowie sechs Söhne und sieben Töchter aus der zweiten Ehe (mit Anna Magdalena), jedoch überlebte nur die Hälfte des Nachwuchses das dritte Lebensjahr. Der Thomaskantor übernahm der Tradition entsprechend die musikalische Erziehung seiner „geborenen musici“ – darüber hinaus aber auch noch die von sechs seiner Neffen, was einen wichtigen Einblick in dieses familiäre Musiknetzwerk verschafft.
Wenn man sich vor Augen führt, dass der soziale Status eines Musikers im 17. Jahrhundert in der Regel nicht einmal das Bürgerrecht inkludierte, lässt sich ermessen, wie (überlebens-)wichtig eine solch enge Verzahnung innerhalb der Familie war. Regelmäßig wurden daher auch sogenannte Familientage abgehalten, wie sie der Musikforscher Nikolaus Forkel beschrieb, der seine Biografie Johann Sebastians noch auf persönliche Angaben von dessen Sohn Carl Philipp Emanuel stützen konnte: „Der Versammlungsort war gewöhnlich Erfurt, Eisenach oder Arnstadt. Die Art und Weise, wie sie die Zeit während der Zusammenkunft hinbrachten, war ganz musikalisch ... Es wurde, wenn sie versammelt waren, zuerst ein Choral angestimmt. Von diesem andächtigen Anfang gingen sie zu Scherzen über ...“
Mit der Söhne-Generation Johann Sebastians hatten sich die Bache bereits weit über die Grenzen Thüringens hinaus verteilt: Städte wie Berlin, Hamburg, Dresden, Halle, das niedersächsische Bückeburg oder das bergische Wuppertal, aber auch London oder Mailand vereinnahmten eines der musikalischen Familienmitglieder für sich – und entsprechende Beinamen wie „Berliner Bach“ etc. verhelfen uns heute zu einer einfacheren Identifizierung des Einzelnen innerhalb dieses aus (den) Fugen geratenen Stammbaums.
Dass Johann Sebastians erzieherisches Vorgehen, das bei den „großen vier“ Bach-Söhnen Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel, Johann Christoph Friedrich und Johann Christian überwiegend in erfolgreichen Biografien mündete, nicht durchweg zielführend war, sei kurz an dem – aus gutem Grund – unbekannteren Sohn Johann Gottfried Bernhard (1715-1739) gezeigt: Als versierter Organist hatte dieser zunächst in Mühlhausen eine Stelle bekleidet und dabei Schulden angehäuft, die sein Vater für ihn beglich. Als Johann Gottfried Bernhard dann aber von seiner Organistenstelle in Sangershausen über Nacht verschwand und wiederum einen Schuldenberg hinterließ, klagte Johann Sebastian gegenüber dem dortigen Bürgermeister: „Meinen (leider mißrathenen) Sohn habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen ... Ich muss aber mit äußerster Bestürtzung abermahligst vernehmen, dass er wieder hie und da aufgeborget, seine LebensArth nicht im geringsten geändert, sondern sich gar absentieret und mir nicht den geringsten part seines Aufenthalts biß dato wißend gemacht.“
Die Söhne Johann Sebastian Bachs stellten familienuntypisch fast durchweg die „musikalische Nachwuchsproduktion“ ein. Lediglich Johann Christoph Friedrich, der „Bückeburger Bach“, schenkte der Musikwelt mit Wilhelm Friedrich Ernst (1759-1845) noch einen allerletzten Stammhalter dieses höchstmusikalischen Stammbaumzweigs der Wechmarer Bach-Linie ...
Und so steht man dann sinnierend vor dessen Grab auf dem Berliner Sophien-Friedhof, und es kommen einem angesichts dieser unvergleichlich reichen Familienhistorie die berühmten Beethoven'schen Worte in den Sinn: „Bach, dieser Ozean, ist unendlich und unausschöpfbar in seinem Reichtum an Einfällen und Harmonien!“

ALEXANDER REICHERT arbeitet als Autor und Redakteur für Zeitungen, Fachmagazine, Konzerthäuser sowie als Online-Redakteur (aus: Evangelische Zeitung - Thema:

366 plus 1 geht weiter
Heute in Chorfest in Verden

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Gottesklang: Jahr der Kirchenmusik mit großem Chorfest in Verden

Am 23. Juni findet dieses Jahr ein großes Chorfest im Verdener Dom statt: Sängerinnen und Sänger aus 14 Kirchenkreisen werden einen Tag lang miteinander verbringen.  Natürlich steht dabei das gemeinsame Singen im Vordergrund - dazu gehört auch Konzert 175 der Reihe "366plus1 - das klingende Band".

Aber auch andere Angebote wie die „Orgelmusik zum Mittagsschlaf“ oder eine kleine Stadtführung durch Verdens Innenstadt finden sich für die Teilnehmenden auf dem Programm. Eigens für diesen Tag ist ein Chorheft entstanden, das Grundlage für alle Sängerinnen und Sänger ist. In diesem Heft finden sich Kompositionen von Hans-Leo Hassler, Heinrich Schütz, Joseph Haydn und César Franck und vielen anderen.  Die Auswahl wurde so getroffen worden, dass die Chöre auch nach dem Fest das Heft in ihren Gemeinden vor Ort verwenden können.

Höhepunkt und Abschluss des Chorfestes ist die Vesper um 18.00 Uhr im Dom. Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy hält die Ansprache und die Chöre werden zehn der einstudierten Stücke singen.  Zuhörer und Zuschauer sind herzlich willkommen!

Tagesablauf:
10.00 Uhr Willkommen im Dom und Probe
13.00 Uhr Mittagessen | Kaffee und Kuchen im Dom-Innenhof
14.00 Uhr 30-Minuten-Musiken zum Zuhören

  • Dom: Orgelmusik zum Mittagschlaf KMD Tillmann Benfer
  • St. Andreas: Orgel & Bariton KMD Ramm & Florian Günther, Hamburg
  • St. Johannis: Kinder- und Jugendchor St. Johannis, Verden,
  • Ltg. Chr. Artisi
  • St. Josef: Gospelchor Verden, Ltg. Gerd Voß

15.00 Uhr 45-Minuten-Musiken zum Mitmachen

  • Kanons getanzt KrKtn. C. Schneider-Kuhn
  • Der Liederdichter Joachim Neander - Ein Portrait KMD T. Benfer
  • Kleine Stadtführungen div. Stadtführer
  • Geselliges Singen (Volkslieder, romantische Chorsätze...) KrKtn. R. Popp
  • Gospelsingen Gerd Voß (Verden)
  • Psalmodieren - Mette und Vesper nach dem EG KMD H. Ramm

16.15 Uhr Tutti-Probe im Dom

18.00 Uhr Abschlussvesper (Ansprache Landessuperintendent Dr. Brandy, Stade)
Ende ca. 19.15 Uhr

Nicht nur „Bach“
Kirchenmusik auch am Fluss

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Kirchenmusik auf der Leine: „Studiert Bach, da findet ihr alles“. Das hat nicht nur Johannes Brahms erkannt, sondern auch der QUILISMA Jugendchor, der Bachs Werke so singt, dass es Spaß macht und ansteckt. Auf erfrischende Weise zeigen die Jugendlichen, dass diese Musik weder altmodisch noch langweilig ist, sondern dass sie lebt und auch heute Jung und Alt begeistern kann. Jenseits von Konventionen und Konzertregeln gibt es in den Minikonzerten die Möglichkeit, leicht und lustvoll mit der Choralmusik von Johann Sebastian Bach in Kontakt zu treten und etwas darin zu suchen -- und zu finden!

Erinnerung an Gottesklang -
Das Fest
Bläserskulpturen in Hildesheim

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Ein Ultraschall-Bad in der Stadt?
... nicht so ganz, aber fast! 30 Blechbläser stehen verteilt auf einem großen Platz, die Zuhörer gehen zwischen Ihnen. Kein Bad in der Menge, aber im Klang, durch den man nach Lust und Laune wandeln kann. Wie klingt es bei den Trompeten? Bei den Posaunen oder Tuben? Der Zuhörer erlebt hautnah, wie sich Musik anhört und anfühlt, wie sich die Balancen der einzelnen Register je nach Standort verschieben. Traditionelle Choralmusik und experimentelle Liedarrangements werden in dieser Klangskulptur zu einem besonderen Erlebnis! Anders als bei einem frontalen Konzert ist man hier wirklich mittendrin, statt nur dabei!

„Thema“
Eine Reihe der Evangelischen Zeitung

Cover

„Thema“ ist die Reihe, die die Evangelische Zeitung zusammen mit anderen Kirchengebietszeitungen heraus gibt. Pro Heft wird ein Thema, das für das Leben der Kirche und die Menschen in der Kirche relevant ist, aufgegriffen und bunt bebildert. beleuchtet. In der aktuellen Ausgabe haben sich die Redakteure aus Münschen, Stuttgart, Hannover, Hamburg und Bielefeld mit der „Familie Bach“ beschäftigt - ein Thema im Jahr der Kirchenmusik „Gottesklang 2012“ - schon zwei Hefte davor haben sie sich dem Thema Kirchenmusik (siehe Titelbild) allgemein zugewandt. Die Hefte kosten pro Ausgabe 3 Euro.

„Thema“ direkt bestellen oder abonnieren

Selbstaufopferung ohne Happy End

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Anna Magdalena Bach mit ihrem Mann Johann Sebastian Bach, Leipzig 1736, "Sperontes", Johann Sigismund Scholze.

Von den Frauen und Töchtern innerhalb der Familie Bach wird kaum gesprochen – und nur von einer ist etwas mehr bekannt als der Name

Hätte sich der Nachwelt nicht das „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ erhalten, könnte man heute wohl kein einziges weibliches Mitglied der riesigen Musikerfamilie mehr spontan namentlich benennen. Kaum begreiflich, wenn man sich vor Augen hält, welche Bedeutung die „Bachinnen“ – weit über das Kindergebären und die Erziehung hinaus – für ihre jeweiligen Musikhaushalte und das familiäre Netzwerk hatten.
Das frappanteste Beispiel liefert Johann Sebastian höchstselbst: Über seine erste Frau Maria Barbara, die Tochter des Gehrener Organisten Johann Michael Bach und damit eine Cousine zweiten Grades, ist kaum mehr bekannt, als dass die Sopranistin in der gut zwölfjährigen Ehe sieben Kinder gebar und 1720 im Alter von nur 35 Jahren überraschend in Abwesenheit ihres Mannes verstarb. Bezeichnenderweise sind weder ihr Sterbetag noch die Todesursache oder Grabstelle überliefert.
Fraglos hätte die Karriere Johann Sebastians und seiner Kinder eine gänzlich andere Entwicklung genommen, wäre dem Komponisten 1721 am Köthener Hof nicht jene 16 Jahre jüngere Anna Magdalena Wilcke begegnet, die dort als Kammermusikerin höchste Wertschätzung genoss und – nach Bach – das zweithöchste Musikergehalt bezog.
Mit ihrer Hochzeit opferte sie eine vielversprechende Karriere für ein hartes, zuweilen kärgliches Leben an der Seite eines deutlich älteren Mannes und führte in den Folgejahren den gemeinsamen Haushalt, der einem „Taubenhause“ (C.P.E. Bach) glich. Daneben brachte sie innerhalb von 20 Jahren 13 Kinder zur Welt, musizierte mit und für ihren Gatten, spielte versiert Klavier und kopierte auch noch zahllose Notenhandschriften Johann Sebastians in nächtlichen Sitzungen.
Ein Leben der Selbstaufopferung, das erwartet tragisch zu Ende ging: Denn nach dem Tod des Familienoberhaupts erteilte der Rat der Stadt Leipzig der Mutter die Vormundschaft über ihre beiden minderjährigen Töchter Johanna Carolina und Regina Susanna nur unter der Auflage, dass sie nicht mehr heirate. Damit war die Verarmung besiegelt: Zehn Jahre nach ihrem Mann starb sie 1760 als „Almosenfrau“.

Annett Reischert-Bruckmann