2012_06_16

Bild: sïanaïs / photocase.com

Strecke laufen - in die Höhe steigen

Tagesthema 15. Juni 2012

„Mache dir den Wind zum Freund“

Rekord-Teilnehmerfeld beim 11. Nordseelauf
„Kirche im Tourismus“ begleitet die 5000 Läufer über die niedersächsischen Inseln

Betrachte den Wind nicht als Feind, mach ihn dir zum Freund“, rät Hartmut Schneider den Teilnehmern am Nordseelauf. Der Pastor von „Kirche im Tourismus“ begleitet in dieser Woche wieder 5000 Männer und Frauen, die sich dem rauen Klima der Nordsee stellen, 470 davon sind Dauerteilnehmer. In diesem Jahr führen die acht Etappen des Laufs, der traditionell unter dem Motto „Mach nicht halt – lauf gegen Gewalt“ steht, über die niedersächsischen Nordseeinseln. Start war am Montag auf Langeoog bei „idealem Laufwetter“, wie Schneider meinte. Erst schob Rückenwind die Läufer durch die Dünen, und als er von vorne kam, kühlte er die warmgelaufenen Teilnehmer. Schneider und andere Pastoren – darunter der „Marathon-Pastor“ Stefan Bürger aus Fulda, bieten ihnen vor dem Start kurze Andachten sowie Toursegen vor den Tagessiegerehrungen an; die Juister Inselpastorin Elisabeth Tobaben läuft die ganze Strecke mit. Auf einigen Inseln gab es sogar Inselkirchenführungen. Am Ende der Laufwoche wird in Cuxhaven Stades Landessuperintendent Hans-Christian Brandy den Reisesegen spenden. Schon zum elften Mal veranstalten die Marketing-Gesellschaft „Die Nordsee“, der Energiekonzern EWE und die hannoversche Landeskirche den Lauf – in diesem Jahr mit einer Rekordteilnehmerzahl.

„Bis in den Himmel“ – Ausstellung über Kirchenbau im Mittelalter

Zunächst einmal sind 105 Stufen in dem frisch sanierten Turm zu erklimmen. Damit sind Besucher noch nicht „ganz oben“, jedoch in einem reizvollen Geviert des Turms von St. Katharinen in Osnabrück angekommen. An diesem für eine Ausstellung besonders ungewöhnlichen Ort und bereits hoch über den Dächern von Osnabrück ist zurzeit die „höchste Ausstellung“ der Stadt beheimatet: „Bis in den Himmel – Kirchenbau im Mittelalter“, so lautet ihr Titel.

Was sich zunächst für manche wenig sinnlich anhören mag, ist überlegt kuratiert und didaktisch so aufbereitet, dass Grundschulkinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die kunsthistorisch interessiert sind, ihren Spaß haben und zugleich etwas lernen können. Vielseitig informierend und im wörtlichen Sinne „anfassbar“, vor allem aber übersichtlich und mit erfreulich knappen Texttafeln aufbereitet, geht es um bis zu 700 Jahre zurückliegende Geschichte der Baukunst. Besonders spannend und vergnüglich: Ein großes Modell einer mittelalterlichen Kirchenbaustelle, jene von Katharinen natürlich, das von den Arbeiten am Fundament über Steinmetzhütte und Schmiede bis zum Gewölbebau alle Arbeitsschritte zeigt, die im Mittelalter benötigt wurden, um eine Kirche zu bauen. Dies Modell, von Modellbauer und Künstler Paul Hahn in monatelanger Arbeit im Maßstab 1:20, gebaut, ist das Herzstück von Osnabrücks neuer Ausstellung.

Zusammengebaut hat er seine Arbeit erst im Turm, er hatte sie vorher also noch nie fertig gesehen. „Aber ich hatte ein Bild im Kopf“, sagt der Tüftler. „Jede freie Minute“ hat er schließlich daran gearbeitet, und hätte auch „noch Ideen für ein weiteres Jahr gehabt“. Von Seifenkisten bis zum Dommodell im Diözesanmuseum baut Hahn alles. Auch die weiß getünchten Modelle des Doms, von St Marien und St. Katharinen in der Ausstellung im fertigen Zustand stammen von ihm. „Wir mussten es ihm wegnehmen“, lacht Hanna Dornieden, die Projektleiterin der Ausstellung, und drückt auf den Knopf. Und dann schwebt ein Eimer mit Steinen am Seilzug nach oben, in der Schmiede schlägt der Schmied mit dem Hammer ein Stück Eisen, irgendwo klopft ein Steinmetz Steine – und alle Umstehenden strahlen. „Ich hatte viele Freiheiten“, freut sich Hahn, „ich habe sogar Grundwasser in die Baugrube gemacht – Epoxidharz natürlich...“ Was so ein Modell kostet? Das will Michael Kirchhoff, der Vorsitzende des Kirchvorstands, nicht sagen und Andrea Kruckemeyer, Pastorin in Katharinen, meint: „Eine solche Arbeit ist sowieso nicht mit Geld zu bezahlen.

Er hat den Vorläufer der Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück, im sogenannten Akzisehaus (dem ehemaligen Zollamt) zum tausendjährigen Jubiläum von St. Johann gesehen – Kirchhoff interessierte zu dem Zeitpunkt besonders ein Modell „seiner“ Katharinenkirche, erinnert er sich. Diese Architekturausstellung für Jung und Alt entstand eigentlich im Rahmen eines Studentenprojekts des Kunsthistorischen Instituts der Universität Osnabrück unter Leitung von Dornieden. Kirchhoff kam mit ihr, Doktorandin der Kunstgeschichte, schnell ins Gespräch und erfuhr, dass die interaktive Ausstellung „danach“ in Kartons verpackt würde. Ihm fiel der „großartige Raum“ im Turm ein, die Idee der „höchsten Ausstellung“ war geboren und wurde zum Raum passend erweitert. Sie lädt den Besucher ein, mittelalterliche Bauweisen an Modellen und Probierstationen selber zu erforschen.

Da liegt ein „Klüpfel“, neben der rohen Turmwand im Staub, und es sieht fast so aus, als habe jemand die Arbeit nur kurz ruhen lassen. Klüpfel, so heißt eine Art vielseitiger Hammer der Bauleute, erklärt Hanna Dornieden. Begeistert zeigt die Kuratorin die „Klappkirche“, die auf anschauliche Weise sichtbar macht, was ein Grundriss ist – ein Stempel des Gebäudes auf dem Boden. Sie führt die Bauklötze und filigrane Holschnitte vor und zeigt, dass romanische Kirchbauten, wie der Dom zu Osnabrück, viel gröber und massiver gebaut sind als gotische wie St. Marien oder Katharinen.

Diese vier Kirchen – das Modell von St. Johann soll noch gebaut werden – zeichnen eine kunstgeschichtliche Abfolge von der Romanik zur Spätgotik nach. Den Bildschirm für den virtuellen Rundflug, der die Bauten „aus ganz neuen Perspektiven“ zeigt, haben die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule Holztechnik ebenso „gut verpackt“ wie Lichtkästen, die die Innenansichten der Kirchen im Licht der unterschiedlichen Tageszeiten demonstrieren. „Sogar an eine Aussparung für die Nase am Guckloch haben sie gedacht“, freut sich Dornieden. Mit Schulklassen funktioniere die Ausstellung besonders gut, sagt sie und zeigt den Arbeitsbogen, bei dem die Kinder nach acht richtig beantworteten Fragen mittelalterlicher Baumeister sind.

Dass die neue Ausstellung auch einen ökumenischen Charakter habe, darauf macht der Osnabrücker Bürgermeister Burkhard Jasper am 9. Juni vor geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, dem öffentlichen Leben und der Kirche während einer Andacht aufmerksam. Er meint auch, dass das „kleine Problem mit den Sicherheitsauflagen des Brandschutzes“ mit der Verwaltung „pragmatisch“ zu lösen sein werde. Zur Freude der Kinder stand nämlich ein großes rotes Feuerwehrauto mit Drehleiter vor dem Kirchportal von St. Katharinen. Immerhin soll die Ausstellung im Turm dauerhaft zu besuchen sein.

Von Imma Schmidt (Evangelische Zeitung)

Gute Nachrichten für den Norden

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