2012_06_14

Bild: JoeEsco / photocase.com

Wieder Worte finden

Tagesthema 13. Juni 2012

Missbrauch – Wenn der Schutzraum zur Schlangengrube wird

S2401a
Sprachlos waren Jahrzehnte lang nicht nur die Opfer von sexualisierter Gewalt in der Kirche. Auch die Kirche hat sich in Schweigen gehüllt. Bild: Sven Kriszio/ Evangelische Zeitung

Worte zu finden, wo es Menschen die Sprache verschlägt, gilt noch immer als kirchliche Aufgabe. Ihren Amtsträgern wird die Fähigkeit zugesprochen, Fassungslosigkeit in Worte zu bringen, Trauer und Schmerz zu verbalisieren und selbst angesichts sinnlosen Schreckens noch für Stabilität und Vertrauen sorgen zu können. Darum steht die Glaubwürdigkeit der Institution in besonderer Weise auf dem Spiel, wenn sie sich hierbei in Phrasen flüchtet oder Kirche selbst zum Tatort wird und sich der vermeintliche Schutzraum als Schlangengrube erweist.

Denn die Erfahrung von Missbrauch und Gewalt ist für den Einzelnen, der sie erleben muss, eine traumatische Zäsur. Sie erschüttert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in menschliche Beziehungen und religiöse Überzeugungen. Oft zerschneidet sie die Lebensgeschichte in ein Davor und ein Danach und äußert sich in dem Gefühl: Nichts ist mehr, wie es war. Die Erfahrung, in der Gefahr nicht handeln zu können, friert das Trauma ein als einen wunden Punkt im Seelenleben. Ein Punkt, der Schmerzen bereitet, sobald man an ihn rührt. So wird das Trauma zu einem Tabubezirk im eigenen Leben, an das man nicht denken will und über das man nicht sprechen kann. Doch die verschwiegenen Verletzungen können sich körperlich zurückmelden. Sie können Nervosität und Schreckhaftigkeit nach sich ziehen, sich in Alpträumen artikulieren oder den Betroffenen unkontrolliert überfluten. Ziel von Traumaarbeit ist es darum, das Abgedrängte ans Licht zu bringen und das tief eingedrückte Erlebnis anzusprechen, damit es als Teil der Lebens-Geschichte akzeptiert werden kann und sich die Aufmerksamkeit wieder auf das richtet, was immer noch gestaltbar vorausliegt: das eigene zukünftige Leben.

Eine sensible Begleitung, die das Leid nicht hinter Floskeln verbirgt, kann auch als Aufgabe kirchlicher Arbeit verstanden werden. Dabei geht es zunächst darum, Sprachlosigkeit auszuhalten und keine schnellen Erklärungen zu geben, die zwar theologischen Grundsätzen, nicht aber dem Betroffenen entsprechen. Es bedarf spezieller Gesprächstechniken, damit der Traumatisierte erzählen kann, ohne erneut überwältigt zu werden. Wo eigene Worte (noch) fehlen, können Liturgie und Predigt das erlittene Unrecht öffentlich zu Gehör bringen. Sie können den Verarbeitungsprozess fördern, indem sie sich mit dem Betroffenen solidarisieren und sein Bedürfnis nach ausgleichender Gerechtigkeit ernst nehmen.

Kirchliche Rede sollte dabei differenzieren, die Opfer nicht glorifizieren, die Täter nicht dämonisieren. Sie sollte keine Allversöhnung verlangen und keine pauschale Vergebung fordern, zu der nur der Einzelne je für sich finden kann, wohl aber deutlich machen: Auch der verletzte Mensch ist ein Ebenbild Gottes und jeder Mensch mehr als das, was ihm angetan wurde.

Dr. Maike Schult, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät der Uni Kiel. Derzeit arbeitet sie an einer Habilitationsschrift über Vererbung von Traumatisierungen. (aus: Evangelische Zeitung)

Nachgefragt: Wie erkläre ich es meinem Kind?

S2409-Herschelmannx
Michael Herschelmann, Bild: Privat

Unausgesprochenes ruft meist Ängste hervor, Tabus schüren Ängste und Ohnmachtsgefühle. Das offene Gespräch über Missbrauch kann den Einzelnen erleichtern und der Gesellschaft zu einem neuen Miteinander verhelfen, findet Michael Herschelmann.

Evangelische Zeitung: Woran liegt es Ihrer Erfahrung nach, dass das Thema Missbrauch oft für Sprachlosigkeit sorgt?
Michael Herschelmann: Ich würde es eher Sprachschwierigkeit nennen. Der Grund ist, dass zwei Themen zusammenkommen, Sexualität und Gewalt. Wir sehen das vor allem bei den Elternabenden im Kinderschutz-Zentrum. Sexuelle Gewalt ist etwas sehr Negatives. Angst, Wut und Ohnmacht spielen da eine Rolle. Das ist ein Thema, das einen nicht kalt lässt, das auch für viele Erwachsene nicht leicht ist. Wie aber soll ich das als Eltern meinem Kind erklären? Niemand will sein Kind verunsichern. Manche denken, das Kind ist zu klein, oft ist das Thema den Eltern peinlich. Da kommt es darauf an, wie die Erwachsenen selber mit dem Thema Sexualität im Allgemeinen umgehen. Da prägt uns die Gesellschaft. 
Evangelische Zeitung: Inwiefern?
Michael Herschelmann: Das Thema Missbrauch, Sexualität und Gewalt wurde lange gesellschaftlich tabuisiert. Das durfte es nicht geben. Nun gibt es die Enttabuisierung mit zum Teil spektakulären Fällen, wie beispielsweise in Emden. Können wir als Gesellschaft darüber sprechen oder lässt man da gleich Fäuste fliegen? Da sind Gesetzgeber, Politiker, Medien und Institutionen gemeinsam gefordert. Die Täter sind ja nicht vom Himmel gefallen oder entsprechend genetisch vorbelastet. Das Thema ist dichter an uns dran, als uns lieb ist. Wir sollten die Rahmenbedingungen anschauen, wie also konnte jemand dieses Problem entwickeln. Da brauchen wir einen anderen Umgang miteinander.
Evangelische Zeitung: Wenn also zum Beispiel jemand mitbekommt, dass der Partner im Internet Kinder-Pornos anguckt...
Michael Herschelmann: ... dann kann ich es direkt ansprechen oder den Partner gewähren lassen und weggucken. Oft passiert Letzeres. Wer will schon mit einem ‘Monster’ zusammenleben? Das ist dem gesellschaftlichen Klima geschuldet. Diese Bilder im Kopf erschweren aber das Ansprechen und Hilfeholen. Aber ohne Hilfe kommen wir nicht aus. Die Männer haben sonst keine Chance, auch wenn man mit Präventionsmaßnahmen immer nur einen Teil erreicht. Aber das „Wegschließen“ nützt nichts. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Vom Einzelnen – und von der Gesellschaft. 
Evangelische Zeitung: Also plädieren Sie, mehr miteinander zu sprechen, um Ängste abzubauen?
Michael Herschelmann: Ja. Es geht nicht darum, einem Vierjährigen zu erklären, was Vergewaltigung ist. Einen Neunjährigen kann man aber sehr wohl darüber aufklären, dass das Anfassen von bestimmten Körperzonen nicht erlaubt ist. Kinder brauchen in allererster Linie das Wissen „Du kannst immer zu mir kommen“. Sie kriegen viel mehr mit, als wir uns vorstellen.

Michael Herschelmann ist geschäftsführender Leiter des Kinderschutz-Zentrums in Oldenburg. Das Gespräch führte Maren Warnecke von der Evangelischen Zeitung

Aus der Landeskirche:
Missbrauch wird konsequent verfolgt

JS5_3124
Arend de Vries

Die Landeskirche will sexualisierte Gewalt weiter konsequent verfolgen. „Das ist die Linie in unserer Landeskirche, und diesen Anspruch haben wir an uns selbst“, sagte der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries.

De Vries sagte, das wichtigste Ziel der Landeskirche in einem Missbrauchsfall sei, den Kontakt zwischen dem Verdächtigen und dem Opfer sofort zu unterbrechen, um weiteren Missbrauch zu verhindern. So sei der Erzieher nach Bekanntwerden der Vorwürfe entlassen worden und habe ein Hausverbot erhalten.

Die Landeskirche hat bereits vor sieben Jahren für ihre rund 25 000 hauptamtlichen Mitarbeitenden und Pastoren eine Broschüre mit „Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch“ veröffentlicht. Im Februar diesen Jahres wurde eine aktualisierte Schriftenreihe zum Thema an alle Pfarrämter und Einrichtungen verschickt. Der landeskirchliche Krisenplan sieht unter anderem vor, dass bei einem begründeten Verdacht unverzüglich der Vorgesetzte zu informieren ist. Die vordringlichste Aufgabe sei es dann, die Opfer durch Seelsorge oder Beratungen zu begleiten. Aber auch die Verfolgung der Täter müsse im Blick sein, sagte der Vizepräsident: „Unser Bestreben ist es, die Opfer so zu stärken, dass sie den Missbrauch zur Anzeige bringen.“

Eine kirchliche Besonderheit sei das Seelsorgegeheimnis, betonte de Vries. Pastoren sowie Mitarbeitende mit einer Seelsorge-Ausbildung und einem entsprechenden Auftrag seien zur Verschwiegenheit gegenüber Dritten verpflichtet – auch gegenüber der Justiz. Wenn ein Seelsorgegespräch zu einer Beichte führe, gelte absolute Verschwiegenheit. Aber auch in diesem Fall sollte der Pastor darauf hinwirken, dass der Täter ein Geständnis ablegt.
„Wenn wir außerhalb von Seelsorge und Beratung Kenntnis von einem Missbrauch erhalten, werden wir ihn zur Anzeige bringen, vor allen Dingen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass noch andere Personen als Opfer betroffen sind“, sagte de Vries. Über den konkreten Fall hinaus setze die Landeskirche auf Prävention: „Wir wollen alles tun, um unsere Haupt- und Ehrenamtlichen für das Missbrauchsthema zu sensibilisieren.“

epd/Evangelische Zeitung

Tagesthema: „Gegen sexualisierte Gewalt“

Notfallnummer

2012_02_28
Bild:  view7 / photocase.com 

Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung dürfen nicht mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werden. Die Opfer und ihre Anliegen stehen dabei im Mittelpunkt. Unter der zentralen Rufnummer

0511 - 700 88 12

Dienstags von 9 bis 12 Uhr und Donnerstags von 14 bis 17 Uhr bieten erfahrene Mitarbeitende von Beratungsstellen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers allen eine Beratung an, die aktuell oder in der Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt oder sexueller Belästigung sind oder waren.