2012_06_12

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Rüstungskontrolle im www

Tagesthema 11. Juni 2012

Friedensforscher fordert Rüstungskontrolle im Internet

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Schüler diskutieren bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum über neue politische Bewegungen. Bild: Stephan. Schaede, Ev. Akademie Loccum

Hamburger Friedensforscher Professor Götz Neuneck hat vor einem Internet-Krieg zwischen Staaten gewarnt. Schon heute würden Länder gezielt von so komplexen Schadprogrammen ausspioniert, wie sie nur Staaten entwickeln könnten, sagte Neuneckam Rande einer Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

In Loccum diskutierten er und weitere Wissenschaftler und Experten mit rund 150 Oberstufenschülern über neue weltpolitische Akteure und ihre Bedeutung. Derzeit herrsche eine Situation, die mit dem Kalten Krieg zwischen der NATO und der damaligen Sowjetunion vergleichbar sei. „Es droht ein Wettrüsten im Cyberspace. Staaten denken darüber nach, wie sie sich gegen einen Angriff wehren und wie sie darauf reagieren können.“

Erst vor kurzem wurde das Computer-Virus „Flame“ entdeckt, mit dem gezielt Computer im Nahen Osten rings um Israel infiziert wurden. Vor zwei Jahren sorgte der Computerwurm „Stuxnet“ für Schäden im iranischen Atomprogramm. US-Medien machen derzeit die US-Regierung für den Angriff verantwortlich.

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Schüler diskutieren bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum über neue politische Bewegungen. Bild: Stephan. Schaede, Ev. Akademie Loccum

Diese Technologien entwickelten sich explosionsartig schnell. „Wir haben nicht wieder 40 Jahre Zeit, um zu vertrauensbildenden Maßnahmen und Rüstungskontrollen zu kommen“, betonte der Friedensforscher. Die Vereinten Nationen müssten zügig Normen gegen offensive Cyber-Waffen entwickeln und durchsetzen.

Neuneck zufolge wurde bereits diskutiert, solche Waffen gegen den damaligen libyschen Diktator Gaddafi oder aktuell gegen Syrien einzusetzen. Cyber-Waffen könnten die Infrastruktur eines Landes lahmlegen. „Die gesamte Strom-, Wasser- und Energieversorgung könnte direkt vor oder während eines Konfliktes auf einmal abgeschaltet werden.“

Derzeit sei die USA bei diesen Technologien führend. „Das macht Staaten wie Russland und China nervös.“ Andererseits seien auch die USA in Sorge vor einem Cyber-Angriff. In den westlichen Staaten sei die ganze Gesellschaft und die Industrie vernetzt. Unterlegene Staaten könnten ebenfalls solche Waffen entwickeln und mehr oder weniger anonym einen Staat angreifen. „Auch Anschläge auf Kernkraftwerke können nicht absolut ausgeschlossen werden“, warnte der Friedensforscher.

epd

Friedensaktivist warnt: „Occupy“ stellt parlamentarische Demokratie infrage

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Schüler diskutieren bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum über neue politische Bewegungen. Bild: Stephan. Schaede, Ev. Akademie Loccum

Der Bonner Friedensaktivist Manfred Stenner sieht in den neuen sozialen Bewegungen wie „Occupy“ eine Herausforderung für die parlamentarische Demokratie. „Die jüngsten Ereignisse in Griechenland und Spanien zeigen, dass die nicht ernst genommene Empörung sich gewaltig und auch gewalttätig entladen kann“, sagte der Geschäftsführer des Netzwerks Friedenskooperative am Montag am Rande einer Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Ein einfaches 'Weiter so' im Parlamentarismus kann auch hierzulande gefährlich werden.“

In Loccum diskutierten er und weitere Wissenschaftler und Experten mit rund 150 Oberstufenschülern über neue weltpolitische Akteure und ihre Bedeutung. Occupy stelle anders als die in den 1980er Jahren erstarkte Friedensbewegung das kapitalistische System infrage, erläuterte Stenner. Die Proteste in Deutschland, Europa und den USA richteten sich nicht nur gegen Banker, die die Märkte als Selbstbedienungsladen begriffen und ganze Gesellschaften in die Armut trieben. Sie wendeten sich auch gegen Politiker und ein politisches System, die dies zuließen und unterstützten.

Die Politiker müssten dem Wunsch von immer mehr Menschen nach Beteiligung und Transparenz entgegenkommen. In Frankfurt/Main hätten immerhin 30.000 Menschen an der jüngsten „Blockupy“-Demonstration teilgenommen, unterstrich Stenner: „Das ist kein Strohfeuer.“ In der Gesellschaft breite sich eine Grundskepsis aus, die nicht ignoriert werden dürfe. Vielen Menschen reichte es nicht mehr, nur alle paar Jahre zur Wahl zu gehen.

Mit ihren Forderungen nach bedingungsloser Basisdemokratie stellten sich die neuen Bewegungen auch gegen Organisationen wie „Greenpeace“ oder die Friedensinitiativen. Dass ihr Engagement bereits in die Gesellschaft hinein wirke, zeigten etwa die Proteste zu Stuttgart 21 oder gegen Fluglärm und Stromtrassen. Der Volksentscheid in Stuttgart zum Bahnhofsbau mache deutlich, dass die Politik zumindest auf kommunaler Ebene bereits reagiere. Die neuen Kommunikationstechniken im Internet begünstigten die Ausbreitung der Proteste und machten mehr Beteiligung möglich, sagte Stenner: „Sie sind ohnehin nicht mehr aus der Welt zu schaffen.“

epd-Gespräch: Martina Schwager

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Außenansicht der Akademie Loccum Bild: Jens Schulze

Die Evangelische Akademie Loccum wurde am 1. August 1946 als „Corvinus-Akademie“ in Hermannsburg in der Lüneburger Heide gegründet. Grundidee war, dass die Kirche den Wiederaufbau des öffentlichen Lebens nach dem Krieg zu unterstützen und die geistigen Grundlagen einer neuen Gesellschaft zu vermitteln habe. Treibende Kraft war der damalige Oberkirchenrat und spätere Landesbischof Hanns Lilje (1899-1977). 1952 zog die Einrichtung in den 3.200-Einwohner-Ort Loccum bei Nienburg um, der wegen seines Zisterzienerklosters ein Zentrum kirchlichen Lebens war und ist.

In den Folgejahren spielte die Akademie nach eigenen Angaben eine wichtige Rolle als geschützter Ort für Streitgespräche und als
Vermittlerin in Konflikten und gab Anstöße für die politische Kultur. Ihre Ausstrahlung reicht weit über die nationalen Grenzen hinaus. Unter den 16 Evangelischen Akademien in Deutschland gehört Loccum zu den größten und ältesten.

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Akademie Loccum. Bild: Jens Schulze

Heute verfügt die Einrichtung über 140 Zimmer mit 160 Betten. Rund 6.000 Teilnehmer treffen sich jährlich bei rund 100 Tagungen zu politischen, gesellschaftlichen und religiösen Themen. Dabei sollen Glauben und Ethik, Religion und Gesellschaft, Kirche und Welt in Beziehung zueinander gesetzt werden, um Lösungsperspektiven für bedrängende Probleme zu gewinnen. Das Programm wird derzeit von zwölf Studienleitern verantwortet.

In den ersten Jahren standen Tagungen zu Flüchtlingsfragen, zur
Gefangenenrückkehr und zum Dialog zwischen Unternehmen und
Gewerkschaftlern im Mittelpunkt. Heute reicht das Themenspektrum von Fragen der Armut bis zum Dialog der Religionen, von der Medizinethik bis zur politischen Philosophie, von Erziehung und Bildung bis zu Kunst und Musik, dazu Themen des Strafrechts, der Umwelt und der Außenpolitik.

epd

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Landesbischof Johannes (Hanns) Lilje, um 1947, Bild: Landeskirchliches Archiv

„Die Evangelischen Akademie Loccum ist eine Investition der Landeskirche in die demokratische Kultur.“

Dieses Wort Hanns Liljes aus der Gründungszeit der Akademie hat auch heute noch Bestand.

Mehr über Landsbischof Hanns Lilje