2012_06_09

Bild: Mr. Nico / photocase.com

Mit Gott beim Fußball

Tagesthema 08. Juni 2012

Christliche Bewegung „Totale Offensive“ geht bundesweit einen sozialen Weg in der Fankultur

„Totale Offensive“ klingt radikal und aggressiv. Doch offensiv sind die christlichen Faninitiativen in deutschen Fußballstadien, die sich hinter diesem Namen verbergen, vor allem in ihrem Engagement für Kinder. Und in ihrem Kampf gegen Gewalt.

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„Wir sind anders“ behaupten selbstbewusst Volker und Elke Keller (von links) zusammen mit Michael Schnepel von der „Totalen Offensive“ vor dem Weserstadion in Bremen. Den Anstoß für die Initiative christlicher Fußballfans gaben 2005 einige Hamburger. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Der Streit zwischen den Anhängern der Fußball-Bundesligisten in Hamburg und Bremen ist schon legendär. Die Polizei spricht von Risikospielen. Randale im Zug, Bengalos im Stadion - und nach dem Spiel eine blutige Nase auf den Straßen: Das hat es alles schon gegeben, wenn Werder Bremen und der HSV aufeinander trafen. Die bundesweite christliche Faninitiative „Totale Offensive“ geht einen anderen Weg und wirbt dafür auch bei der Europameisterschaft. „Der Gegner ist nicht unser Feind“, sagt Michael Schnepel von der Bremer „Offensive“.

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Der Bremer Michael Schnepel (links), eingefleischter Werder-Fan, und der Hamburger Uwe Grantien, langjähriger HSV-Anhänger, geben sich im Presseraum von Werder Bremen im Weserstadion die Hand. Ein symbolischer Händedruck, denn viele „Ultra“-Fans der beiden Bundesliga-Fußballclubs reagieren aggressiv aufeinander. Schnepel. Bild: epd-bild/Dieter Sell

Anstoß für die „Totale Offensive“ gaben vor sieben Jahren christliche Fußballfans in Hamburg. Inzwischen ist daraus eine deutschlandweite Fanbewegung entstanden, die sich sozial-diakonisch engagiert - auch gegen Gewalt und Intoleranz und für ein suchtfreies Leben. Ob HSV, Werder Bremen, Borussia Dortmund oder 1. FC Nürnberg: Elf Clubs in der ersten und in der zweiten Liga werden bereits von „Offensive“-Fans begleitet, die allesamt den christlichen Fisch als Erkennungszeichen auf ihren Schals eingenäht haben.

Allerdings sehen sie in ihren Idolen keine Fußballgötter, wie viele eingefleischte Fans, die ins Stadion pilgern, am besten mit entsprechender „Kutte“. Die ihren Helden auf dem „heiligen Rasen“ huldigen, die Stimmung mit Wechselgesängen anheizen. So singen die Anhänger des amtierenden Meisters in Dortmund ihre Hymne „Leuchte, mein Stern Borussia“ zur Melodie von „Amazing Grace“, das aus der Gospelbewegung kommt.

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Eine symbolische Begegnung, denn viele „Ultra“-Fans der beiden Bundesliga-Fußballclubs reagieren aggressiv aufeinander. Schnepel und Grantien gehen einen anderen Weg, sie gehören zur bundesweiten Fanbewegung „Totale Offensive“. Bild: epd-Bild/Dieter Sell

Schließlich soll es nach den Worten der argentinischen Fußballlegende Diego Maradona die Hand Gottes gewesen sein, die während der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 ein Spiel entschieden hat. „Wenn es um Sinnstiftung geht“, sagt der Bielefelder Theologe und Religionspsychologe Constantin Klein, „hat Fußball für überzeugte Fans das Zeug zur Religion“.

Schnepel und die meisten Anhänger der „Totalen Offensive“ leben, anders als der Name ihrer Bewegung vermuten lässt, nicht komplett für den Fußball. Für sie sind die Spiele in den deutschen Stadien oder jetzt bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine nicht das allein seligmachende Elixier. „Leben ist mehr als Fußball“, sagt der 63-Jährige, vergisst dabei aber auch nicht, seinen Werder-Schal zu schwenken. Aufschrift: „Wir sind anders.“

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Werder-Fußballfan Ute Gross (47) zeigt am 05.06.12 in Bremen den Schal der „Totalen Offensive“, der mit dem Fisch auch ein christliches Symbol trägt. Den Anstoß für die Initiative christlicher Fußballfans gaben 2005 einige Hamburger. Bild: epd-Bild/Dieter Sell

„Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“, bringt es Schnepel auf den Punkt. Und „Offensive“-Begründer Uwe Grantien aus Hamburg ergänzt, wichtig sei Verbindendes. „Das ist die Liebe zum Fußball, der Sport, der Brücken schlagen kann.“ Das treibt auch die Gründer anderer christlicher Faninitiativen in Deutschland um. So drücken in Köln die nach eigenen Angaben „frommsten Fans“ von „tora et labora“ ihrem 1. FC die Daumen, in Stuttgart sind es die „CVJM Buaben“. In Wolfsburg jubelt „In christ united“ für den VFL, in der niedersächsischen Landeshauptstadt „These 96“ für Hannover.

Vielerorts gehört auch soziales Engagement zur christlichen Fankultur. So engagiert sich die „Offensive“ in Hamburg gegen Sucht und Drogen, organisiert Aktionen für Kinder. Die Bremer kümmern sich um Mädchen und Jungen, die unter der Armutsgrenze leben. Die Dortmunder leisten Hilfe für Menschen, die etwa durch Arbeitslosigkeit oder familiäre Konflikte in eine soziale und persönliche Schieflage geraten sind.

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Elf Clubs in der ersten und in der zweiten Liga werden bereits von „Offensive“-Fans begleitet. Vor jedem Spiel feiern sie gemeinsam Gottesdienst, im Stadion gehen sie getrennte Wege. „Alles andere wäre unehrlich“, sagt Schnepel und betont: „Der Respekt steht aber immer an erster Stelle.“ Bild: epd-bild/Dieter Sell

Ganz selbstverständlich laden sich die „Offensiven“ gegenseitig ein, feiern vor Spielen gemeinsame Gottesdienste, essen zusammen. „Dann geht's ab zum Stadion, wo wir den anderen eine faustdicke Niederlage wünschen, bevor wir uns trennen und in unsere Fanblocks gehen“, schmunzelt Schnepel. „Alles andere wäre unehrlich.“ Und trotzdem betont der Bremer: „Der Respekt voreinander steht immer an erster Stelle.“

Von Dieter Sell (epd)

These 96

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Bild: Hannover 96

These 96 beschreibt sich selbst: Wir wollen einen Fanclub, der bewusst für andere arbeitet und der oft bestehende Grenzen überwinden hilft. Die drei Säulen unseres Engagements beschreiben wir so:

  • betreuten Stadionbesuch für Kinder von 6 bis 14
  • Auswärtsfahrten mit besonderem Akzent
  • Weitere sozial-diakonische Angebote
Zu These 96 - dem christlichen Fanclub bei Hannover 96

In Christ united

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Bild: Vfl Wolfsburg

Für den VfL Wolfsburg gibt´s den Fanclub „In Christ united“. Eine Internetseite haben wir - die Redaktion - nicht gefunden.