2012_06_08

Bild: krockenmitte / photocase.com 

In Talar und Lutherrock

Tagesthema 07. Juni 2012

Von Helden, Zweiflern und Versagern

12-24-iser-2
Im Gespräch: Der Autor Gerhard Isermann mit Christof Vetter, Nicola Wendebourg und Hans-Martin Heinemann (von links). Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Das Buch könne hilfreich in Personalgesprächen oder auch für Berufsanfänger sein. Da waren sich Oberlandeskirchenrät Nicola Wendebourg und Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann einig. „Helden, Zweifler, Versager“, das soeben erschienene Buch von Gerhard Isermann, gibt das Pfarrerbild in der Literatur wieder. „Zweifel“, so Heinemann bei der Buchvorstellung in der hannoverschen Marktkirche, „ist das angemessene Grundgefühl für einen Pastor oder eine Pastorin, ebenso die Angst vor dem Scheitern.“

12-24-iser-3
Der Autor von „Helden - Zweifler - Versager": Gerhard Isermann. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Isermann, Verleger im Ruhestand und Urgestein evangelischer Publizistik, hat für diese gelegentlich bissige, immer aber treffende Analyse mehr als 150 „Pastorenbücher“ gelesen, die seit der Mitte des 18. Jahrunderts bis heute erschienen sind. Er unterteilt die dort beschriebenen Charaktere in zwei Hauptgruppen – die erste, die größere handelt von scheiternden Persönlichkeiten, die zweite, kleinere, beschreibt Pfarrer, die sich bewähren.

Auch – oder gerade? – Scheiternde können dabei ein Sympathieträger und vorbildliche Christen sein. Sie erinnerten oft an biblisch Personen, wie etwa den zweifelnden Petrus, der in den Fluten versinkt, als er den Glauben an Christi Zusage verliert, rief Heinemann in Erinnerung. Er habe den Eindruck, dass diese Zweifel heute zunähmen. „Zweifel“, so bekräftige Isermann, „ist notwendig ein Teil des Glaubens.“

12-24-iser-9
Auf Lebens- und Leseerfahrung hören: Gerhard Isermann erzählt von seinen Recherchen für das Buch: Christof Vetter, Nicola Wendebourg und Hans-Martin Heinemann (von links) hören interessiert zu. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung.

Vermutlich kein Zufall ist, dass Isermann sein Buch mit den Beispielen alkoholkranker Pfarrer beginnt, etwa mit dem mexikanischen „Schnapspriester“ aus Graham Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder dem Titelhelden aus Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“, der aus purer Kraftmeierei säuft und vom Alkohol besiegt wird. Isermann zitiert nicht ohne Grund Greene mit einem entscheidenden Satz des „Schnapspriesters“, der von der Polizei verfolgt und schließlich gefangen genommen wird. „Dass ich ein Feigling bin und – alles übrige -, schadet eigentlich niemand. Ich kann dennoch Gott dem Menschen in den Mund legen, und ich kann ihm Gottes Verzeihung geben.“ Christof Vetter, Isermanns Nachfolger als Verleger im Lutherischen Verlagshaus, das „Helden, Zweifler, Versager“ herausgibt, zitierte denn auch bei der Buchpräsentation einen resümierenden Satz Isermanns: „Entgegen vielen Erwartungen in den Gemeinden ist nicht die moralische Makellosigkeit die Qualifikation des Predigers, sondern die Erfahrung der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben.“

Kaum Pastorinnen in der Literatur

12-24-iser-7
Konzentriert zuhören. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Für Nicola Wendebourg, Personaldezernentin im Landeskirchenamt und somit zuständig für alle Pastorinnen und Pastoren der Landeskirche, zeigt das Buch die „berufsspezifischen Risiken“ auf und eigne sich deshalb als Grundlektüre für ihren Berufsstand. „Das ist eine Profession, die den ganzen Menschen mit Beschlag belegt“, betonte sie. Und sie sei schwieriger geworden, weil die gesellschaftliche Akzeptanz abnehme. Dazu komme, dass es nicht mehr selbstverständlich sei, dass zum Beispiel die Ehefrau ihrem Mann folge, wenn er eine Stelle als Dorfpfarrer antrete und sie ihren eigenen Beruf aufgeben müsste.

Apropos Frauen: Nur drei Beispiele von Frauen im Pfarrberuf hat Isermann aufgreifen können. „Und es sind alles Beispiele vom Scheitern“, räumt der Autor ein. Dass die Literatur die Pfarrerin noch nicht entdeckt habe, habe wohl seine Ursache, dass erst seit wenigen Jahrzehnten Frauen diesen Beruf ergreifen könnten. Wendebourg setzte darauf, dass mit zunehmender Verbreitung von Frauen im Talar auch die Literaten ihnen ihr Augenmerk widmeten.

12-24-iser-13
Stolz auf ein neues Buch: Christof Vetter (Geschäftsführer des Lutherischen Verlagshauses), Gerhard Isermann (Autor des neuen Buches) und die beiden Mitdiskutanten Oberlandeskirchenrätin Nicola Wendebourg und Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann (von links). Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Als besonders übles Beispiel hebt Isermann das Buch „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ von Walter Flex hervor. Für die jungen Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg war das 1920 erschienene Buch ein „Kultbuch“. Es handelt vom Leben und Sterben des Theologiestudenten Ernst Wurche, der als Leutnant im Kriegseinsatz das Neue Testament in deutsch-nationalem Interesse auslegt: „Sein Christus trug wohl ein helles Schwert, wenn er mit ihm in den Kampf schritt.“ Todebegeisterung, so fasst Isermann zusammen, habe es ja tatsächlich gegeben, aber den freiwilligen Tod eines Heldentumssüchtigen mit dem eines ganzen Volkes gleichzusetzen, „das müssen wir uns verbitten“, schreibt er. Und bei der Buchvorstellung setzte er hinzu, er befürchte, dass dieser Ungeist bei heute in der Gesellschaft fortlebe.

„Ich habe durch dieses Buch gelernt, was ich noch alles lesen sollte“, räumte Heinemann schließlich ein: bisher hab er vor allem theologische Fachliteratur im Blick gehabt. Nicola Wendebourg, die von ihrem Vater zum Theologieexamen das Buch „For every Man a Penny“ (Keiner kommt zu kurz) von Bruce Marshall bekommen hatte, sieht „Helden, Zweifler, Versager“ auch als gute Anregung für weiteren Lesestoff, der sich mit dem Berufsbild des Pfarrers befasst. Eine Anregung, die bei weitem nicht nur dem theologischen Nachwuchs ans Herz gelegt ist, sondern allen Leserinnen und Lesern, die sich gern mit menschlichen Verhalten und Schicksalen befassen.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Zwischen Held und Versager – Theologe untersucht Pfarrerbild in der Literatur

Ob „Dornenvögel“ oder Großinquisitor: Pfarrer sind beliebte Figuren in Romanen und Erzählungen. Der hannoversche Pastor Gerhard Isermann hat rund 200 Bücher ausgewertet, in denen Dichter das Leben der Geistlichen in allen Facetten schildern.

12-24-iser-12
Gerhard Isermann liest aus seinem Buch: „Helden - Zweifler - Versager“. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Sie kämpfen voller Gottvertrauen für Gerechtigkeit. Sie setzen sich für die Schwachen ein und scheitern doch manchmal an ihren eigenen Ansprüchen. Pfarrer sind in Büchern oft als Romangestalten anzutreffen. Ihre Rolle ist dabei häufig zwiegespalten, sagt der evangelische Pastor und frühere Verbandsdirektor Gerhard Isermann: „Versagen und Bewähren sind oft vereint, ob in den Büchern oder in der Wirklichkeit.“ Unter dem Titel „Helden, Zweifler, Versager“ hat der Theologe in Hannover ein Buch über das Pfarrerbild in der Literatur vorgestellt.

Für seine Studie hat Isermann insgesamt rund 200 Pfarrerbücher aus den Jahren 1742 bis 2011 gelesen. 101 davon stellt er in seinem Buch näher vor. Darunter sind bekannte Stoffe wie der für das Fernsehen verfilmte Roman „Die Dornenvögel“ von Colleen McCullough oder Stefan Heyms „Ahasver“. Geschildert werden auch drei Pastorinnen.

Cover

Die Geschichten sind dabei so bunt wie das pralle Leben: Pfarrer - ob evangelisch oder katholisch - haben Probleme mit Alkohol oder Sexualität, kämpfen gegen mächtige Obrigkeiten oder strenge Hüter der Tradition und verlieren mitunter ihren Gottesglauben.

„Pfarrer haben von Amts wegen eine gewisse Ehrerbietung, die ihnen von der Gemeinde entgegengebracht wird“, sagt Isermann, der selbst als Gemeinde-, Schul- und Jugendpastor gearbeitet hat. „Wenn so einer etwas falsch macht, dummes Zeug redet, sich unsittlich verhält oder Geld klaut, ist das natürlich spektakulärer als bei normalen Zeitgenossen.“ Deshalb seien Pastoren bei Dichtern beliebte Figuren.

Schriftsteller wie Theodor Fontane, Theodor Storm, Gerhart Hauptmann, Adalbert Stifter oder Uwe Johnson haben Pfarrerfiguren in ihren Werken ebenso aufgegriffen wie der Heidedichter Hermann Löns. Auch dem Norweger Henrik Ibsen, dem Russen Fjodor Dostojewski, dem Franzosen Albert Camus, dem Briten George Bernhard Shaw und dem US-Amerikaner Herman Melville waren sie eine Story wert.

Juni 080
Der Autor: Gerhard Isermann. Bild: Cordula Paul

Positive und negative Darstellungen halten sich dabei die Waage, so der Pastor. Gerade sensible Themen wie Glaubenszweifel oder Predigten ohne Wirkung würden von den Autoren gut behandelt. Das Pfarrerbild könne auch changieren: „Der eine ist jetzt Held und in der nächsten Woche Zweifler.“ Doch nicht mit allen Schilderungen ist Isermann einverstanden: „Es gibt eine ganze Reihe Pfarrer - wenn es die wirklich gäbe und ich ihnen begegnete, dann würde ich Streit anfangen.“ Zum Beispiel, wenn Pastoren in den Büchern den Krieg verherrlichen.

Manche Pfarrer-Darstellungen hält der Theologe sogar für indiskutabel. Es handele sich um klischeehafte Figuren wie aus dem Kasperletheater - gerade bei den Großen der Literatur wie Dürrenmatt, Goethe, Schiller, Rilke oder Thomas Mann. Figuren wie „Pater Brown“ oder „Don Camillo“ sind für Isermann eher komödiantische Gestalten, daher hat er sie gar nicht erst in seine Studie mit einbezogen. Für den Theologen ist es allerdings in Ordnung, wenn über Pastoren auch gelacht wird.

Isermann (80) sprach zeitweise das „Wort zum Sonntag“ in der ARD. Von 1979 bis 1996 leitete er den Verband Evangelischer Publizistik Niedersachsen-Bremen und das Lutherische Verlagshaus in Hannover, in dem das Buch erschienen ist.

Von Michael Grau (epd)

Ein Buch über erdachte Geistliche

Cover

Kaum eine Berufsgruppe steht so sehr unter öffentlicher Beobachtung und ist dabei so oft in den Blick der Literatur genommen worden, wie die der Pfarrerinnen und Pfarrer. Doch was macht diese Menschen so faszinierend? Die unerwartete Fehlbarkeit Einzelner, aber auch das selbstlose Engagement Anderer üben gleichermaßen ihren Reiz aus – auf die Leserinnen und Leser ebenso wie auf die Verfasserinnen und Verfasser.

Der Autor ist selber Pfarrer und hat weit über hundert Bücher über Pfarrerinnen und Pfarrer gelesen und ausgewertet. Sein Fazit: Zivilcourage und Ehebruch, Selbstaufopferung und Alkoholsucht – auch im Ornat steckt ein fehlbares Wesen, dem keine menschliche Verfehlung fremd ist.

Eine Fundgrube für literarisch Interessierte, Journalisten und alle im kirchlichen Bereich Tätigen.
Kurze Inhaltsangaben und die sachkundige Einordnung.
Literaturbeispiele, u.a.:

  • Henrik Ibsen: Gespenster
  • Axel Hambraeus: Der Pfarrer von Uddarbo
  • Nikos Kazantzakis: Griechische Passion
  • Colleen McCullough: Dornenvögel

Und aus historischer Sicht

Wenig schmeichelhaft war das Bild des Pastors etwa im 19. und 20. Jahrhundert in ländlichen Regionen. Das zeigen laut Martin Schröder von der Universität Göttingen überlieferte Redewendungen, wie zum Beispiel das aus Plate im Wendland stammende Diktum: „Die Geistlichen sind vom Stamme Nimm.“ Der Mitarbeiter am Institut für Historische Landesforschung war einer der Referenten, die jetzt bei der Jahrestagung der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte in Lüneburg sprachen. Auf den Tagungsort bezogene Themen waren unter anderen die „mittelalterliche Sakraltopologie Lüneburgs“, Stadt und Kirche in reformatorischer Zeit sowie Reformation und Konfessionalisierung im Spiegel archäologischer Funde.
„Pastoren und wie das Dorf sie sah“, lautete das Thema des Referats von Martin Schröder, ein „mentalitätsgeschichtlicher Einblick anhand des Niedersächsischen Wörterbuches“. Danach sei die zunächst unverbrüchliche Autorität der Theologen irgendwann offener Geringschätzung gewichen. Der Vorwurf der Bigotterie zeige sich etwa in dem Spruch, der Pastor habe „zwei Glauben, einen für sich und einen für die anderen“. Um Sexualmoral geht es bei einer in Wesermünde aufgefundenen Redewendung: „Also hat Gott die Welt geliebt – und der Pastor seine Köchin.“ Zudem galten die Diener Gottes der Dorfbevölkerung laut Martin Schröder als genusssüchtig: „Mann für Mann ein Vogel, sagte der Pastor, da griff er sich die gebratene Gans von der Schüssel.“ Auch als weltfremde Hungerleider wurden sie gesehen: „Pastoren haben weiter nichts als Kinder und Bücher“, so hieß es.
Dass die Dorfbevölkerung die bis Ende des 19. Jahrhunderts übliche Entlohnung ihres Pastors in Form von Naturalien nicht klaglos übernahm, zeigt der Ausspruch: „Wenn der Bauer sparen will, fängt er beim Küster und Pastor an“. Der Pastor sei auf dem Lande in der Position eines Bittstellers und Almosenempfängers gewesen, resümierte der promovierte Wissenschaftler, für dessen Arbeit am Niedersächsischen Wörterbuch rund 3,5 Millionen Sprachbelege zur Verfügung stehen. Das alphabetisch geordnete Bedeutungswörterbuch gibt den Wortschatz der in Niedersachsen und Bremen gesprochenen niederdeutschen Mundarten wieder.
Nur wenige Dorfbewohner ließen dem Pastor die gebührende Anerkennung zukommen, hat Martin Schröder herausgefunden. Allerdings sagten die grobschlächtigen, vielfach spöttischen Bemerkungen oft mehr über die Dorfbevölkerung aus als über die Geistlichen. Die meisten Vorwürfe seien spekulativ, es gebe dafür keine Beweise. „Man sah den Pastor so, wie man ihn sehen wollte.“

Von Hartmut Merten (Evangelische Zeitung)

„Tagesthema plus“ abonnieren

Anmelden
Abmelden