2012_06_07

Bild: himberry / photocase.com

Chorsingen mit Gänsehaut

Tagesthema 06. Juni 2012

Warum Chorsingen Kraft gibt

Die Luther-Botschafterin Margot Käßmann hat die Bedeutung der Musik für den Glauben unterstrichen und dazu aufgerufen, wieder mehr zu singen. Bei einem Fernsehgottesdienst auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg sagte sie am Sonntag, Singen gehöre zum Glauben und gebe Kraft. Musikproduzent Dieter Falk geht dem Phänomen des Chorsingens auf den Grund.

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Dieter Falk ist Musikproduzent, Keyboarder, Arrangeur und Komponist. Im Herbst erschien sein neues Solo-Album „Falk & Sons Celebrate Bach“. Bild: epd-Bild

Die erste musikalische Gänsehaut, an die ich mich erinnere, bekam ich als Teenie im Kirchenchor, den meine Mutter geleitet hat. Wir haben die Bach-Motette „Jesu meine Freude“ gesungen: Chormusik vom Feinsten. Ich war gerade mal zehn Jahre alt und sang im Sopran und im Alt. Spätestens bei dem aufwühlenden „Trotz dem alten Drachen“ oder beim abschließenden „Weicht Ihr Trauergeister“ wird selbst dem Zehnjährigen klar, welche gewaltige Kraft Musik und Text in kongenialer Einheit haben können. Ob das den Sängerinnen und Sängern vorbehalten ist, oder ob dies auch denen, die dann bei der Aufführung dabei sind, so geht, bleibt das Geheimnis der Musik, das bei aller Professionalität und aller Begeisterung nicht zu „machen“ ist.

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Susanne Sander (42), Andrea Zernack (51) und Britta Meyer (44) (von rechts) proben am 14.01.2012 mit 3.000 weiteren Sängerinnen und Sängern für das Pop-Oratorium „Die zehn Gebote“ im Kuppelsaal in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd

Jahre später gründeten mein Bruder und ich einen Jugendchor mit 50 begeisterten Sängerinnen und Sängern. Die meisten von ihnen waren musikalisch nicht erfahren – eben keine Notisten. Aber alle waren begeistert. Das Gemeinschaftserlebnis, mit anderen jungen Menschen Songs zu erarbeiten, den Qualitätsunterschied vor und nach der Probe deutlich zu hören: fruchtbarer Boden eine Gänsehaut zu bekommen. Auch wenn die Aufnahmen nicht ansatzweise so professionell waren wie in einem Studio heute, waren die Unterschiede in den „Mitschnitten“ mit irgendeinem Vorläufer eines „Ghettoblasters“ auf Cassette zwischen den ersten und den letzten Proben deutlich zu hören: Wir hatten etwas geschafft.

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Der KIKIMU Konzertchor an der Marktkirche singt im Gottesdienst. Bild: epd-Bild

Gänsehaut pur gab es beim Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“: Ich werde nie vergessen, wie Michael Kunze und ich, beide über 30 Jahre im Showbusiness, bei der Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle eine Gänsehaut bekamen: 2500 Sängerinnen und Sänger intonierten zum ersten Mal die Botschaft: „Liebe ist das Gebot“. Zwei Jahre später in der TUI Arena in Hannover, das gleiche Bild: ein Riesenchor und das Publikum, das mitgroovt und mitsingt, ein Orchester, das aufsteht und im Stehen swingt und Solisten, die aus Begeisterung improvisieren. Da war Gänsehaut bei allen zu spüren.

All das kann sich ein Musiker wünschen, aber „machen“ kann es keiner. Bei dem Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ mit insgesamt 15 000 Mitwirkenden und mehr als 80 000 Besuchern ist es gelungen. Vielleicht liegt die Faszination des Chorsingens, die nicht nur bei den Mitwirkenden für Gänsehaut sorgt, im Miteinander: im Miteinander von Botschaft und Musik, von Begeisterung bei Musikern und Hörern, im Miteinander von Wollen und Gelingen.

Dieter Falk ist Musikproduzent, Keyboarder, Arrangeur und Komponist. Im Herbst erschien sein neues Solo-Album „Falk & Sons Celebrate Bach“. (aus: Evangelische Zeitung)

Im Kirchenchor darf jeder mitsingen
Es kommt nicht auf richtige Töne, sondern auf Gemeinschaft an

Ein Pro und Contra aus der Evangelischen Zeitung

Die Gemeinschaft lässt alle aufblühen

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Die Kirchenmusikerin Friederike Spangenberg ist Kantorin der Kirchengemeinde Bant. Bild: Privat

In der Singschule einer Kirchengemeinde ist ein Brummer, ein Kind, das keinen Ton richtig trifft. Die anderen merken es, lachen und lästern. Verhält sich der Chorleiter dann ungeschickt, zieht sich das vermeintlich untalentierte Kind zurück und gibt irgendwann auf – mitunter für immer.
Singen verbindet Körper, Geist und Seele und ist damit etwas sehr Emotionales. Ein Brummer ist selten – fast nie – unbegabt oder unfähig, meis-tens hat dieses Kind noch keine Verbindung zu seiner Stimme gefunden. Gelingt es, ihm diesen Weg aufzuzeigen, so ist es eine wunderbare Erfahrung zu sehen, wie es aufblüht.
Im Kinderchor wird oft der Grundstock dafür gelegt, dass die späteren Erwachsenen ein Leben lang in Kirchenchören singen oder eben nicht. Chöre sind klar nach Niveau sortiert und in manchen Gemeinden ist es normal, für Konzerte Aushilfen zu engagieren, die die Chorstücke angemessen über die Bühne bringen. Gerade bei diesen „schlechten“ Chören kann ein Chorleiter, der methodisch geschickt ist, die Sänger mitreißen und so weit bringen, dass sie ein Konzert ganz alleine meistern. Es mag nicht perfekt sein, aber es wird zu einem lebendigen und freudevollen Ereignis, bei dem die Sänger genau so sehr aufblühen wie das Kind, das gerade zu seiner Stimme gefunden hat.
Es wird immer unterschiedliche Chöre geben und auch geben müssen. Die Menschen sind unterschiedlich und die Bedürfnisse verschieden und ab einem bestimmten Niveau oder für spezielle Stilistiken braucht man musikalische und stimmbildnerische Vorbildung. Trotzdem sollte eine Gemeinde allen Menschen die Möglichkeit geben, die eigene Stimme zum Klingen zu bringen, sinnvollerweise in unterschiedlichen Ensembles. Neben dem Erlebnis der Gemeinschaft steht auch der Weg zu einem selbst, zur eigenen Seele. Im Sinne der Diakonia kann ein Chorleiter hier wahre Wunder vollbringen.

Die Kirchenmusikerin Friederike Spangenberg ist Kantorin der Kirchengemeinde Bant.

Gut gemeint reicht manchmal nicht

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Sven Kriszio ist Redakteur der Evangelischen Zeitung und war selbst Chormitglied. Bild: Privat

Ich habe eine sentimentale Erinnerung an den Kirchenchor meiner Heimatgemeinde – drei oder vier ältere Frauen, die sich über Jahre hinweg jeden Sonntag auf der Empore neben der Orgel einfanden, um Kyrie, Gloria und Sanctus anzustimmen – oft angefeuert vom Organisten, der jeden Einsatz jeweils deutlich hörbar mitsang. So sehr ich das Engagement dieser Frauen bewundere – gut gemeint reicht manchmal nicht. Es muss nicht jede und jeder im Kirchenchor singen, nur weil er oder sie sich in der Kirche zu Hause fühlt oder tatsächlich gerne singt.
Und das gilt vor allem für Gottesdienste. Allzu schriller Gesang stört nunmal schlicht dessen feierliche Atmosphäre. Dann lieber gar kein Chor.
Wer singt, will sich gut fühlen, ja selbst befeuert werden. Verständlich. Aber ein Kirchenchor ist kein Selbstzweck. Schließlich darf man nicht vergessen, dass die Kirchenmusik eine herausragende Rolle als Teil der Liturgie und bei der Verkündigung spielt. Deswegen sollte auch der Chor zumindest ein wenig mitreißen und begeistern. Und dazu braucht es gute und geschulte Sängerinnen und Sänger.
Traurig ist, wenn in einer Gemeinde nicht offen über diese Mindest-Anforderungen im Chor gesprochen wird, sondern nur „hintenrum“. Oder noch schlimmer: Wenn einzelne Chormitglieder den teilweise überzogenen Ansprüchen der Chorleiterin oder des Chorleiters zum Opfer fallen und aus dem Kirchenchor gemobbt werden. Auch das hat es schon gegeben.
Umgekehrt gilt aber auch: Wer für inklusive Kirchenchöre eintritt, der muss auch Sorge tragen, dass alle Sängerinnen und Sänger den jeweiligen Anforderungen gewachsen sind und ihre Stimmen nicht verschleißen. Der muss dann aber auch dabei helfen, dass die Sänger lernen, mit ihrer Stimme möglichst professionell umzugehen und sich auch in den Gesamtklang des Chores einzuordnen. Dazu braucht es aber mehr als kurzes Einsingen und gelegentliches Proben.

Sven Kriszio ist Redakteur der Evangelischen Zeitung und war selbst Chormitglied.

Der Norden singt

In der hannoverschen Landeskirche sind nach eigenen Angaben 851 Chöre mit rund 25 000 Sängern aktiv, daneben 623 Posaunenchöre mit etwa 12 500 Bläsern und eine dreistellige Zahl von Gospelchören.
In der Nordkirche gibt es nach eigenen Angaben rund 1390 Chöre mit etwa 32 500 Sängern, davon rund 400 Kinderchöre, 100 Jugendchöre und 600 Erwachsenenchöre in Hamburg und Schleswig-Holstein; im Sprengel Mecklenburg und Pommern sind darunter etwa 65 Kinderchöre, 20 Jugendchöre, 14 Seniorenchöre und 18 Gospelchöre. Rund 360 Posaunenchöre mit insgesamt 5300 Bläsern gibt es in der Nordkirche.
Bundesweit engagieren sich in der evangelischen Kirche mehr als eine halbe Million Christen in kirchlichen Chören und Instrumentalensembles.

(Evangelische Zeitung/epd)

Singen und Musizieren
Zuhören und miterleben

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Bild: Christian Weisker

Das Fest – der Name enthält ein Understatement. Denn dies ist nicht weniger als das erste Kirchenmusikfestival der Landeskirche: Einen Tag lang, am 9. Juni 2012, wird die gesamte Hildesheimer Innenstadt von kirchlichen Klängen erfüllt sein – nicht nur in den Gotteshäusern, sondern auch auf Plätzen, in der Fußgängerzone, in Gärten.

Das Programm unter der Federführung des Michaelisklosters richtet sich an Liebhaber dieser Musik ebenso wie an Menschen, die bislang wenig oder gar keinen Kontakt mit ihr hatten: Konzerte, Workshops, musikalische Andachten und besondere Aktionen wie interaktive Klanginstallationen, der Klang-Gang oder eine Bläserskulptur ermöglichen neue Begegnungen mit der traditionsbewussten Kunst.

Gottesklang - Das Fest

Händels Messias
Pop und Klassik begegnen sich

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Bild: Wiebke Ostermeier

Zum Höhepunkt des Festes begegnen sich am

9. Juni 2012 in der Sparkassen-Arena Hildesheim um 20 Uhr

noch einmal bekannte und neuartige Eindrücke, klassische und populäre Klänge im großen Abschlusskonzert.

Das Oratorium Sound of Messiah von Lothar Krist, angelehnt an G. F. Händels "Messiah", erlebt unter der Leitung von Hans-Joachim Rolf seine Uraufführung.
Dabei wirken die Hannover Bigband, sowie 150 Sängerinnen und Sänger aus vielen Teilen Niedersachsens mit.

Gottesklang - Das Fest: Abschlusskonzert