2012_06_05

Bild: alphoxic / photocase.com

Balu und Du

Tagesthema 04. Juni 2012

„Zeit für Natalie“ - Bundesweites Mentorenprojekt „Balu und Du“ für Grundschüler seit zehn Jahren erfolgreich

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Martin und Marc (rechts) im Schlossgarten. Bild: Michaela Kruse-Heine / epd-Bild

Natalie stippt ihren Zeigefinger ins Wasser. Dann fährt sie mit dem Finger am Rand des Weinglases entlang. Gebannt wartet sie auf den Ton, der sich zuerst brüchig, dann immer klarer ausbreitet. Natalies Mutter arbeitet nachmittags. Ihre erwachsene Schwester hat meistens keine Zeit mit ihr zu spielen. In einem Verein ist die Zehnjährige nicht. Aber jeden Dienstag hat „Balu“ für Natalie Zeit - einen ganzen Nachmittag lang, nur für sie: „Ich freue mich immer riesig auf diesen Tag“, sagt sie und ihre großen braunen Augen strahlen.

Natalies „Balu“ ist Marie Messow, 23 Jahre alt und Uni-Studentin im Fach Cognitive Science. Natalie ist ihre „Mogli“. „Ich freue mich mindestens genauso“, gibt Marie lachend zurück. Inzwischen stehen alle Gläser aus ihrem Schrank auf dem Küchentisch. Natalie und sie schütten Wasser von einem ins andere. Ihre Finger bringen immer neue Töne hervor. Das Mentorenprojekt „Balu und Du“ führt in mittlerweile rund 50 deutschen Städten Studenten und Oberstufenschüler mit Grundschülern zusammen. Begonnen hat das Projekt vor zehn Jahren in Osnabrück und Köln.

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Ronja und Beti (rechts) im Zoo Osnabrück. Bild: Michaela Kruse-Heine / epd-Bild

Die Osnabrücker Sozialpädagogin Hildegard Müller-Kohlenberg und Dominik Esch vom Caritasverband Köln passten ein ähnliches Mentorenprogramm aus Israel an hiesige Gegebenheiten an. 2005 gründeten sie den Verein „Balu und Du“. Die Professorin ist bis heute erste Vorsitzende, Esch ist Geschäftsführer. Ihr Team an der Uni Osnabrück begleitet das Projekt wissenschaftlich.

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Es ist benannt nach einer Figur aus dem „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Dort ist der Bär Balu väterlicher Freund für das Menschenkind Mogli. Er beschützt es und hat ein offenes Ohr für alle Fragen. Heute haben rund 4.000 Moglis ihren Balu gefunden. Ein Jahr lang treffen sie sich einen Nachmittag pro Woche. „Das ist keine Hausaufgabenhilfe“, betont Müller-Kohlenberg. „Kinder brauchen Erwachsene als Vorbilder, um sich an ihnen zu orientieren. In der Familie finden das manche nicht mehr.“

Ein Lerneffekt stellt sich dabei ganz nebenbei, im Alltag, ein. „Informelles Lernen“, nennt das die Expertin: „Beim Kochen erfahren die Kinder, dass es wichtig ist, Rezepte lesen und Maßeinheiten umrechnen zu können. Auf dem Spielplatz lernen sie den angemessenen Umgang mit anderen. Im Wald erleben sie die Schönheit der Natur. Sie lernen, dass Lernen Spaß macht.“
 

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Merle und Edanur (vorne) im Atelier, Fachbereich Kunst. Bild: Michaela Kruse-Heine / epd-Bild

Marie und Natalie sind mittlerweile Freundinnen. Sie besuchen gemeinsam die Bibliothek, malen, pflanzen Kräuter, experimentieren, gehen Eis essen und ins Kino oder spielen im Garten. „Am besten hat mir bisher das Backen gefallen“, sagt Natalie. Sie ist aufgeweckt und kreativ, wird ab Sommer das Gymnasium besuchen. „Demnächst wollen wir sogar ein Buch schreiben“, sagt Marie. Es klingt ein wenig Stolz in ihrer Stimme.

Immerhin investiert sie ehrenamtlich einen ganzen Nachmittag und noch anderthalb Stunden für ein Begleitseminar mit den anderen Balus. Für das Studium bringt ihr das unmittelbar gar nichts. Doch einen Lernerfolg hat Müller-Kohlenberg auch bei den Studenten nachgewiesen: „Sie erwerben Schlüsselqualifikationen wie Solidarität und Rücksichtnahme, die später im Arbeitsleben sehr gefragt sind.“ Zudem erhalten sie ein Zertifikat über ihr ehrenamtliches Engagement. Für Marie Messow ist das aber nicht das Wichtigste: „Mir macht das einfach selbst so viel Spaß. Ein bisschen bin ich eben auch immer noch Kind.“

Von Martina Schwager (epd)

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Ein Projekt der Landeskirche:
Zukunft(s)gestalten

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Das will Zukunft(s)gestalten:

Zukunft(s)gestalten ist eine gemeinsame Initiative der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Diakonie gegen Kinderarmut.

Sie möchte das Problem Kinderarmut ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken, Kirchengemeinden und Kirchenkreise bei Aktionen und Projekten gegen Kinderarmut unterstützen und ein politisches Signal setzen.

Dabei setzt Zukunft(s)gestalten auf Teilhabe: Armut grenzt aus. Wir wollen Gemeinschaft und Bildungsgerechtigkeit ermöglichen. Denn Bildung kann einen Ausweg aus der Armutsfalle bieten.

Wie Zukunft(s)gestalten wirkt:

Die Homepage vernetzt die einzelnen Projekte. Über Projektinformationen und Ansprechpartner können sich Interessierte untereinander austauschen und von den Erfahrungen des anderen profitieren.

Zukunft(s)gestalten unterstützt die Kirchengemeinden und Kirchenkreise bei ihren Projekten gegen Kinderarmut, auch finanziell:

Zunächst standen dafür Gelder der Landeskirche bereit, die die Synode im Mai 2008 zugesagt hatte. Um weitere Projekte gegen Kinderarmut zu ermöglichen ruft Zukunft(s)gestalten zu Spenden und Patenschaften auf.

Nun benötigt Zukunft(s)gestalten Sie! Mit Ihrer Spende oder Patenschaft geben wir Projekten eine Anschubfinanzierung.

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