2012_06_10

Bild: Norman Klaß

Den Groove finden

Tagesthema 09. Juni 2012

„Oh happy day“ - Hannoversche Landeskirche feiert erstes Kirchenmusikfestival „Gottesklang“

Funk, Gospel, Jazz oder Blues gehören inzwischen zur Kirchenmusik wie die Klänge von Orgel und Posaune. Rund 5.000 Besucher erleben die ganze Bandbreite beim ersten Musikfestival der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers am Sonnabend in Hildesheim.

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Sister T. & The S.P.A. Gospel Unit. Gottesklang - Das Fest. Bild: Harald Koch

Rund 1.500 Menschen reißen die Arme hoch in die Luft und klatschen im Takt der Musik. Aus voller Kehle singen sie im Freiluft-Gottesdienst den Gospelsong „Oh happy day" und bringen dabei den Marktplatz in Hildesheim zum Schwingen. Unter dem Motto „Gottesklang“ veranstaltete die hannoversche Landeskirche am Sonnabend erstmals ein Musikfestival als Teil des Themenjahres der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Kirchenmusik.

Von klassischen Chorälen bis hin zu Jazz, Funk und Tango: Bei strahlendem Sonnenschein erlebten rund 5.000 Menschen, die von der ostfriesischen Küste bis zum südniedersächsischen Harz nach Hildesheim kamen, ein vielfältiges Programm. Unter ihnen auch der 59-jährige Matthias Werth: „Der Gospel haut einen einfach um“, sagt er bewegt.

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Posaunenklänge zwischen Fachwerkhäusern. Gottesklang - das Fest: Bild: Harald Koch

Beim zentralen Gottesdienst auf dem Marktplatz spielt der Landesjugendposaunenchor neben einer Gospelband und singen Kinderchöre mit Erwachsenen. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister betont in seiner Predigt, dass Musik mit ihren unterschiedlichen Richtungen alle Menschen ergreife. Jeder habe ein eigenes Lied. „Diese Vielfältigkeit müssen wir fördern.“

Auch die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr mahnt, dass Kirchen und Politiker den musikalischen Nachwuchs in Schulen und Gemeinden fördern müssten. „Es gibt bald keine Organisten mehr, immer weniger Kantorinnen, Chorleiter und hauptberufliche Kirchenmusiker.“ Dabei sei die Kirchenmusik besonders auf dem Land ein wichtiges Kulturgut.

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Kinderstimmen. Gottesklang - das Fest. Bild: Harald Koch

Dass Kinder sich spielend leicht für Musik begeistern, zeigt sich währenddessen im sogenannten „Klanggarten“ des Instrumentenbauers Jochen Faßbender. Valerie (11) und Jasmin (8) tauchen ihre Finger ins Wasser und streichen anschließend sanft über Röhren aus Glas. Helle, sanfte Töne erklingen und die beiden Mädchen, die den Ton auch an ihren Händen spüren, strahlen über das ganze Gesicht.

„Spielen ist nicht etwas Belangloses, sondern etwas Kreatives“, sagt der 55-Jährige überzeugt. So probiert er immer wieder neue Klänge beispielsweise von Kaffeetassen und Stühlen aus. Ein anderes Instrument aus Kupferröhren gibt helle, sphärische Klänge von sich. Diese Töne helfen oft bei der Begleitung sterbender Menschen, sagt Faßbender.

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Gemeinsam singen. Gottesklang - Das Fest. Bild: Harald Koch

Musik gebe den Menschen Kraft, besonders in Momenten der Trauer und Verzweiflung und Sprachlosigkeit, sagt auch Landesbischof Meister. Die 70-jährige Gottesdienstbesucherin Christa Maschmeyer nickt bei seinen Worten kaum merklich. „Die Musik hat mir geholfen, den Verlust meines Enkelkindes zu verarbeiten“, sagt sie. Maschmeyer, die aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Oldendorf angereist ist, singt seit mehr als 37 Jahren im Kirchenchor.

Landesbischof Meister stellt zudem die politische Bedeutung von Musik heraus. Lieder seien oft Zeichen von Widerstandskraft auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und Atomendlager und für den Frieden. Viele applaudieren zustimmend bei seinem abschließenden Satz: „Wir verändern mit unseren Liedern die Welt.“

Rund 1.000 Musiker verändern an diesem Sonnabend zunächst das Hildesheimer Stadtbild. Nach dem Gottesdienst wehen die Klänge bis in die Abendstunden durch die Straßen und lassen Passanten aufhorchen und, wie es bei einem Gospel-Workshop heißt: „den groove fühlen“.

Von Charlotte Morgenthal (epd / Evangelische Zeitung)

EKD-Kulturbeauftragte Bahr: Kirchenmusik in ihrer Nachwuchsarbeit

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Petra Bahr

Kirchenmusik und Chöre sind nach Ansicht der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Petra Bahr in ihrer Nachwuchsarbeit bedroht. Kirchen und Politiker dürften an der musikalischen Nachwuchsförderung in Schulen und Gemeinden nicht sparen, mahnte Bahr am Sonnabend anlässlich des ersten Musikfestivals der hannoverschen Landeskirche in Hildesheim. Unter dem Motto „Gottesklang“ gestalteten rund 1.000 Musiker in der Innenstadt ein vielfältiges Programm als Teil des bundesweiten EKD-Themenjahres zur Kirchenmusik.

Dabei sei das kirchenmusikalische Angebot auf dem Land nicht zu unterschätzen, sagte die Theologin. In jeder Ortschaft stehe eine Kirche, in jeder zweiten Kirche singe ein Chor. Insgesamt beteiligten sich rund eine Millionen Menschen in Deutschland in Kirchenchören. „Das musikalische Angebot beider Kirchen gehört zu den tragenden Fundamenten unserer Gegenwartskultur.“ Dennoch fehlten schon vielerorts hauptberufliche Kirchenmusiker. (Der Vortrag zum Nachlesen in der Box: "Im Wortlaut").

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"Sing your song": Das Singen ist Widerstand gegen sich selbst und Missstände in der Welt. Landesbischof Ralf Meister predigt über das Singen. Gottesklang - Das Fest. Bild: Harald Koch

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister betonte in einem zentralen Gottesdienst vor rund 1.500 Menschen auf dem Hildesheimer Marktplatz die politische Wirkung von Musik. Lieder seien Zeichen von Widerstandskraft auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und Atomkraft und für den Frieden. Ein Beispiel dafür sei das Protestlied „We shall overcome“ der US-Bürgerrechtsbewegung der 50er Jahre. „Ein Lied gegen die Zustände dieser Welt.“

Zum Musikfestival „Gottesklang“ waren nach Angaben der Organisatoren etwa 2.000 Menschen aus der Landeskirche von der ostfriesischen Küste bis zum südniedersächsischen Harz nach Hildesheim gekommen. Von klassischen Chorälen bis zu modernem Gospel, Jazz und Funk konnten sie in zwölf Stunden die ganze Bandbreite der Kirchenmusik erleben.

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In der Sonne. Gottesklang - das Fest. Bild: Harald Koch

Mit dem Jahr der Kirchenmusik wollen die EKD und die Landeskirche auf das bevorstehende 500-jährige Reformationsjubiläum im Jahr 2017 hinweisen. Bundesweit sind unter dem Motto „366+1“ Konzerte und Musikgottesdienste an jedem Tag des Jahres an einem anderen Ort geplant. Die Veranstaltungsreihe unter der Schirmherrschaft von Kulturstaatsminister Bernd Neumann startete im Januar in Bayern und zog dann durch den Süden und Westen Deutschlands nach Niedersachsen. Sie endet im Dezember in Sachsen.

In Hildesheim betreibt die EKD im mehr als tausend Jahre alten Michaeliskloster ihr bundesweites Kompetenzzentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst. Die Weltkulturerbestätte St. Michaelis beherbergt zudem seit 2004 das bundesweit einzigartige „Evangelische Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik“. Ziel der Einrichtung ist es, traditionelle Formen des Gottesdienstes und der Kirchenmusik zu pflegen und neue Formen zu fördern.
 

Von Charlotte Morgenthal (epd)

366 plus 1 geht weiter
Heute in Emden in der Martin-Luther-Kirche

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Im Miteinander Tausender bringen mit „366+1, Kirche klingt 2012“ die verschiedensten Musici bundesweit einen künstlerischen Schatz der Reformation in vielfältiger Tradition zum Klingen: ihre Musik. Durch alle 366 Tage des Schaltjahres 2012 zieht sich im Rahmen der Lutherdekade zum Jahresthema Reformation und Musik ein im Dominoprinzip verbundenes Band von Konzerten, Gottesdiensten und Soireen in offenen Kirchen durch ganz Deutschland.

Am Samstag, 16. Juni, in der Martin-Luther-Kirche in Emden um 18:15 Uhr:

Kantatengottesdienst mit den Kirchenchören des Kirchenkreises Emden/Leer, Emder Kammerorchester
Kantatengottesdienst

Singen ist Widerstand

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Erinnerung an Musik, die die Welt verändern kann. Landesbischof Ralf Meister in seiner Predigt. Gottesklang - das Fest. Bild: Harald Koch

„Sing your song. Es geht um Dein Lied. Jeder singt ein anderes Lied, oder besser: Jeder muss sein eigenes Lied finden. Ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ihr manchmal mit Freunden unterwegs seid und plötzlich singen sie laut das Lied, welches ihr nun grade nicht ausstehen könnt.“ In seiner Predigt erinnerte der Landesbischof an den Michael Jackson der 50er und 60er Jahre: Harry Belafonte. Er habe gezeigt, dass Singen Freude und Widerstand sein könne - so wie auch das gemeinsame Singen beim Widerstand in Gorleben oder dem gegen rechtsradikales Gedankengut und eben auch dem gemeinsamen Singen in Zeiten der Reformation: „Wie schön, dass wir hier mit evangelischen und katholischen, mit frommen und weniger frommen, mit den verschiedensten religiösen Überzeugungen gemeinsam singen.“

Neues Buch empfiehlt Groove im Gottesdienst

Jazzmusik, Bass-Groove und Gong-Schläge können einem neuen Ratgeber zufolge evangelische Gottesdienste aufpeppen. Das Buch aus der Reihe „gemeinsam gottesdienst gestalten“ verbindet Jahrtausende alte Psalmtexte mit modernen Entwürfen zur Gottesdienstgestaltung, sagte Herausgeber Jochen Arnold bei der Buchvorstellung am Sonnabend in Hildesheim. Er ist Direktor des Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim.

Der Band „Psalmgottesdienste zum Kirchenjahr“ ist der zwanzigste aus der Reihe des Lutherischen Verlagshauses Hannover. Mitautor der insgesamt zwanzig neuen Ideen ist unter anderem der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover. „Die alten Gebete bekommen einen neuen Ton“, schreibt er im Vorwort des Buchs. Das Buch solle sowohl Pastoren als auch Ehrenamtliche ansprechen, die regelmäßig Gottesdienste vorbereiten.

epd