2012_05_31

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Christlich-jüdische Beziehungen in Deutschland nach der Schoah

Tagesthema 30. Mai 2012

Der Anfang nach dem Ende

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Denkmal für die ermordeten Juden Europas - das Holocaust Mahnmal in Berlin, Bild: epd-Bild

Es ist nach Jahrhunderten des Antijudaismus schon etwas Besonderes, dass das Christentum in Deutschland aktiv den Austausch mit dem Judentum sucht. Eine ausgestreckte Hand, so denke ich, sollte man nie zurückweisen“, so Rabbinerin Elisa Klapheck. Christlich-jüdischer Dialog gehört heute für viele Christen zur gesellschaftspolitisch-theologischen Diskussion. Es ist selbstverständlich geworden, jüdische Referenten zu Kirchen- und Katholikentag einzuladen. Tagungen an evangelischen und katholischen Akademien setzen sich mit vielfältigen Aspekten des christlich-jüdischen Dialogs auseinander. Es finden Bibelwochen statt, in denen Juden und Christen gemeinsam die Schrift studieren. An theologischen Fakultäten werden christlich-jüdische Beziehungen erforscht, so findet z.B. am Institut für Kirche und Judentum in Berlin eine Sommeruniversität mit jüdischen und christlichen Dozenten statt. Es gibt Vereine, wie z.B. Begegnung-Christen und Juden, die sich dem Dialog widmen. Und schließlich: Seit 1952 gibt es die Woche der Brüderlichkeit, die jedes Jahr in vielen Städten gefeiert wird. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel im Miteinander von Christen und Juden getan.

Lebten vor dem Nationalsozialismus rund 500 000 Juden in Deutschland, so waren es nach seinem Ende kaum mehr als 15 000 Juden, die entweder im Versteck oder in einer Ehe mit einem Nicht-jüdischen Partner überlebt hatten. Mit der Ermordung der jüdischen Bevölkerung war auch jüdische Infrastruktur vernichtet worden: Synagogen waren zerstört, Gemeinden ausgelöscht, Rabbinerseminare und zahlreiche jüdische Vereine und Institutionen, vom Sportverein über Frauenverbände bis hin zu politischen Vereinigungen, aufgelöst. Jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdische Religion waren in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas zerstört.

„Das christlich-jüdische Gespräch gehört für Christen ins Zentrum ihrer Identität.“

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Denkmal für die ermordeten Juden Europas - das Holocaust Mahnmal in Berlin. Bild: epd-Bild

Es war unvorstellbar, dass es weiterhin jüdisches Leben in Deutschland geben könne. „Für uns Juden in Deutschland ist eine Geschichtsepoche zu Ende gegangen... Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei“, so Rabbiner Leo Baeck nach der Schoah. Jedoch: jüdisches Leben in Deutschland gab es weiterhin. Und: Einige waren zu Gesprächen mit Christen bereit. Es waren Rabbiner oder Gelehrte, die in Deutschland lebten, wie z.B. Robert Raphael Geis oder Nathan Peter Levinson. Oder sie reisten zum Dialog an, wie z.B. Jakob J. Petuchowski und Leo Trepp aus den USA oder Schalom Ben Chorin aus Israel. Es gab engagierte Wissenschaftlerinnen, wie z.B. Pnina Nave Levinson und Gelehrte wie z.B. Pinchas Lapide. Ihr Engagement und ihr Beitrag waren bedeutsam und verdienten eine eigene Würdigung und Wertschätzung.

Erste wichtige Impulse kamen aus der Ökumene. So bekannte der Ökumenische Rat der Kirchen 1948, dass „Antisemitismus eine Sünde wider Gott“ sei. Im selben Jahr fand in Seelisberg (Schweiz) eine Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus statt. Die Seelisberger Thesen verweisen auf die Verwurzelung des Christentums im Judentum und formulieren Strategien zur Bekämpfung judenfeindlicher Aussagen. In Deutschland wurden die ersten Gesellschaften für christlich-jüdisches Zusammenarbeit gegründet. Sie waren von Anfang an ökumenisch ausgerichtet.

Neue Impulse im Rahmen der evangelischen Kirchen gingen vor allem von der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen des Evangelischen Kirchentags aus. Seit ihrer Gründung 1961 arbeiteten Juden als gleichberechtigte Partner mit. Die Arbeitsgemeinschaft griff sowohl theologische wie auch politische Themen auf. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag dazu, dass die Beziehungen von Christen und Juden als ein wichtiges Thema in der evangelischen Öffentlichkeit in Deutschland erkannt wurde. In der katholischen Kirche war die Erklärung Nostra Aetate, die 1965 auf dem Vatikanischen Konzil verabschiedet wurde, der Ausgangspunkt für die Erneuerung des Verhältnis ses. In Anlehnung an den Römerbrief heißt in ihr: „die Juden [sind] nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.“ Damit verabschiedete sich die Katholische Kirche von der Lehre der Verwerfung. Dieser Erklärung werden in den folgenden Jahrzehnten weitere an die Seite gestellt, die entweder auf die Umsetzung der Einsichten zielen oder sie weiterführen. In den evangelischen Kirchen bildete die Studie Christen und Juden der EKD (1975) den Ausgangspunkt. Sie beschreibt vor allem aus historischer Perspektive was Christen und Juden verbindet und trennt.

Absage an die Judenmission:„Gott bedarf unseres missionarischen Wirkens nicht.“

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Dr. Ursula Rudnick

An einem Punkt entzündete sich ein bitterer Streit: der Frage der Mission. Sie war in den 70er Jahren eher eine theoretische Frage, da die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sehr klein war und auch kaum eine evangelische Institution aktiv Mission unter Juden betrieb. Viele evangelische Christen empfanden jedoch: Würde der Mission unter Juden eine Absage erteilt, so würde damit der Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens aufgegeben. Auch unter Juden war das Thema gleichermaßen hoch emotional besetzt. Mission unter Juden ziele auf ein Auslöschen jüdischer Existenz, so das tiefe jüdische Empfinden. Eine Absage an die christliche Mission unter Juden erteilte erst die EKD-Studie „Christen und Juden III“ aus dem Jahr 2000. Sie formuliert deutlich: „Er [Gott] bedarf unseres missionarischen Wirkens nicht.“

Wegweisend war der Synodalbeschluss der rheinischen Kirche zur Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen (1980). Die Synode bekennt sich zu Schuld der Christenheit in Deutschland an der Schoah. Sie zeigt ein Bewusstsein für die verheerende Wirkung des Antijudaismus und formuliert dies sehr pointiert: „Diese Nichtachtung der bleibenden Erwählung Israels und seine Verurteilung zur Nichtexistenz haben immer wieder christliche Theologie, kirchliche Predigt und kirchliches Handeln bis heute gekennzeichnet. Dadurch haben wir uns auch an der physischen Auslöschung des jüdischen Volkes schuldig gemacht.“
Bedeutsam ist die neue Verhältnisbestimmung von Kirche und Judentum: die Kirche ersetzt nicht mehr Israel, das jüdische Volk, sondern wird in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen. Sie tritt nicht an die Stelle Israels, sondern an seine Seite. Der Synodalbeschluss markiert eine neue Phase des Miteinanders von Christen und Juden in Deutschland. Juden und jüdische Tradition werden von der Kirche als ein gleichberechtigtes Gegenüber wahrgenommen. Im Zentrum stehen Einsichten, die Chris-ten mit Juden verbinden: der eine Gott und das gemeinsame biblische Erbe. „Das christlich-jüdische Gespräch ist keine beliebige Zutat… für Christen gehört es ins Zentrum ihrer Identität.“ So pointiert formuliert die Erklärung des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.
Ab Beginn der 90er Jahre veränderten sich die jüdischen Gemeinden stark. Sie gewannen neue Mitglieder, vor allem aus Osteuropa. Innerhalb von zehn Jahren wuchsen die Gemeinden von knapp 30 000 auf mehr als 100.000 Mitglieder an. Zugleich nahm die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland zu. Es entstanden liberale jüdische Gemeinden und Chabad eröffnete zahlreiche Zentren. Chabad ist eine chassidische Bewegung, deren Ziel darin besteht, Juden die jüdische Tradition nahezubringen.

In den vergangenen zwanzig Jahren wurden zahlreiche jüdische Institutionen gegründet. So z.B. das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, das Rabbinerinnen und Rabbiner ausbildet. Teilnahme am interreligiösen Dialog ist für liberale Rabbiner selbstverständlich. Aber auch eher traditionelle Rabbiner beteiligen sich. „Der christlich-jüdische Dialog baut auf Kenntnis und Verständnis für die religiöse Lebenswelt des Andersgläubigen auf“, so Rabbiner Jaron Engelmayer aus Köln.

Dr. Ursula Rudnick ist Gastprofessorin an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin; Dr. Ursula Rudnick ist auch Beauftragte für Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste der hannoverschen Landeskirche

Eine jüdische Gemeinde öffnet Besuchern ihre Türen

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Die Synagoge, die im vergangenen Jahr einen Architekturpreis gewann, schützen zwar kein hoher Zaun und keine Polizei, das Glas am Bau ist jedoch schusssicher. Bild: Paterjey

Den Innenhof der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover überragt eine große Kastanie. „Der Baum spendet uns Schatten und bietet Schutz“, sagt Ingrid Wettberg, die Vorsitzende des Gemeindevorstands. Und in gewisser Weise spiegelt der gut 40 Jahre alte Baum den Namen der Synagoge auf ganz anschauliche Weise wider: „Etz Chaim – Baum des Lebens“. Mehr als 700 Mitglieder gehören zu der größten liberalen jüdischen Gemeinde in Deutschland. 1995 hat sich die Gemeinde gegründet. 2009 wurde das repräsentative Gebäude eingeweiht, zu dem auch eine Kindertagesstätte gehört.

Entstanden ist das Gemeindezentrum auf dem Grundstück der früheren evangelischen Gustav-Adolf-Kirche. Das Kirchengebäude aus den sechziger Jahren wurde nach der Entwidmung für 3,3 Millionen Euro aufwendig umgebaut. Das Land unterstützte das Vorhaben mit einer Million Euro, die Stadt und die Region gaben jeweils eine halbe Million. Das Architekturbüro „Ahrens Grabenhorst“ wurde für die Umgestaltung im vergangenen Jahr mit dem Niedersächsischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet.

Auf dem kleinen Außengelände der Kita „Tamar“ toben in der warmen Sonne die Kinder. 40 Plätze hat die Einrichtung, die sowohl jüdischen, als auch nicht-jüdischen Kindern offensteht. „Im Tagesablauf spielen jüdische Bräuche und Traditionen eine große Rolle“, betont die Leiterin, Darja Bartsch. So verfügt die Kita sogar über eine eigene Thorarolle. Aber auch christliche Feiertage wie Ostern oder Weihnachten werden thematisiert. Ein Junge berichtet manchmal über muslimische Festtage, da sein Vater dieser Religion angehört. Toleranz und Dialog sind konzeptionelle Grundlagen der Kita.

Die Erzieherinnen bringen den Kindern hebräisch-sprachige Lieder bei. Als sie diese einmal in der Straßenbahn angestimmt hätten, habe es viele neugierige Blicke gegeben, sagt Bartsch: „Beschwert oder geschimpft hat aber niemand.“ Generell gebe es viele positive Reaktionen und ein starkes Interesse an der Arbeit des Kindergartens. Die Warteliste, auf einen Kita-Platz werde immer länger.

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Die jüdische Kindertagesstätte „Tamar“ nimmt Kinder aller Religionen auf und führt eine lange Warteliste Bild: Paterjey

Der Kindergarten fügt sich gut in das Gesamtkonzept der Gemeinde ein, erläutert Wettberg: „Uns ist es ein besonderes Anliegen, mit Menschen anderen Glaubens in Kontakt zu kommen.“ Zur Sabbatfeier jeden Sonnabend sind Gäste herzlich willkommen. Die Gemeinde öffnet ihre Räumlichkeiten darüber hinaus für eine Vielzahl von Veranstaltungen. Derzeit hängt im Foyer des Gemeindezentrums eine Ausstellung über jüdische Soldaten in der Roten Armee der Sowjetunion. Besonderer Beliebtheit erfreut sich auch der Hebräisch-Kursus: „Sie glauben gar nicht, wie viele evangelische Pastoren dahin kommen“, sagt Wettberg lachend. Vor wenigen Wochen wurde auf der früheren Empore des Kirchenraums eine neue Bibliothek eingeweiht.

Die liberale Gemeinde übt sich seit der Eröffnung des Gemeindezentrums im permanenten Spagat: „Zum einen wollen wir uns öffnen und den Dialog“, sagt Wettberg, „zum anderen müssen wir aber auch unglaublich aufpassen.“ Zwar gibt es keine hohen Zäune, und es steht auch nicht permanent ein Streifenwagen vor der Tür, Aber das Glas in den Scheiben ist schusssicher. „Uns ist es bei all den Sicherheitsvorkehrungen wichtig, dass das Haus nicht wie eine Festung wirkt.“
Die Umsetzung dieses Anliegens sei den Architekten besonders gut gelungen. Dennoch: Jede größere Veranstaltung, insbesondere wenn diese in der Presse angekündigt wurde, wird von der Polizei geschützt – auch durch Zivilbeamte. Von „Normalität“ sei man in dieser Hinsicht weit entfernt, sagt Wettberg. In der Stadtgesellschaft sei man jedoch fest verankert und lebe in guter Nachbarschaft mit den christlichen Kirchen und einigen Moscheegemeinden.

Von Thomas Paterjey (Evangelische Zeitung)

Im Interview: Dr. Ursula Rudnick

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Frau Dr. Rudnick, Sie sind Beauftragte für Kirche und Judentum der Landeskirche. Was zählt zu Ihren Aufgaben?
Verbindungen zu den jüdischen Gemeinden in Niedersachsen zu pflegen; Einzelne, wie auch Institution in Fragen des Judentums und des christlich-jüdischen Dialogs zu beraten; Fortbildungen für ehren- und hauptamtliche Multiplikatoren anzubieten. So gibt es z. B. für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Frauenwerks im Herbst ein Wochenende zur Erkundung des gegenwärtigen jüdischen Lebens in Niedersachsen an.
Worin sehen Sie gegenwärtige Herausforderungen?
Antisemitismus – auch im kirchlichen Bereich – ist eine Herausforderung, der wir uns bisher zu wenig stellen. In den vergangen Jahren beobachte ich ein Zunehmen von antisemitischen Äußerungen, die im Gewand von Israelkritik erscheinen. Um die Nachfrage vorwegzunehmen: Natürlich ist es gestattet, die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung zu kritisieren. Es ist jedoch nicht akzeptabel, wenn das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt wird oder wenn der Staat dämonisiert, also z.B. die Politik mit der des Nationalsozialismus verglichen wird.
Welche aktuellen Angebote haben Sie?
Zum Thema Antisemitismus gibt es eine Wanderausstellung mit dem Titel „Man hat sich hierzulande daran gewöhnt“, die Gemeinden bei der Arbeitsstelle für Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste entleihen können. Prof. Dr. Hans Hermann Henrix wird etwa am 31. März in Hannover im Hanns-Lilje Haus um 18 Uhr einen Vortrag zu dem Thema: „Der Staat Israel und seine umstrittene Politik und Existenz – Die Sicht eines Christen“. Jedoch: es geht nicht nur um Politik, denn das eigentlich Verbindende von Kirche und Judentum ist das gemeinsame biblische Erbe. So gibt es die Arbeitshilfe zum Gottesdienst für den Israelsonntag, der dieses Jahr am 12. August stattfindet

Zur Arbeitsstelle „Kirche und Judentum“ im Haus kirchlicher Dienste

Die Koffer sind wieder ausgepackt

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Garbor Lengyel Bild: epd-bild

Der frühere Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung in Berlin, Prof. Dr. Wolfgang Benz schrieb 2002 folgendes: „Ein Drittel der 82 Millionen Bürger der Bundesrepublik Deutschland weiß nicht, wie viele Juden in Deutschland leben, ein weiteres Drittel vermutet ihre Zahl in der Größenordnung von Millionen, lediglich drei Prozent nennen 50 000 bis 100 000 und kommen damit der Wahrheit nahe. Die Juden hier leben zwischen Antisemitismus und Philosemitismus in einem Spannungsfeld von Abneigung und Zuwendung, das in Staatshandlungen und öffentlichen Ritualen, wie am 9. November, dem Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 sichtbar wird, ebenso in der Inanspruchnahme jüdischer Prominenz zur Kommentierung von Ereignissen und Vorfällen des politischen Alltags und für die Gedenkkultur. Die jüdische Minderheit hat seit mehr als 20 Jahren Konjunktur als Objekt der Literatur und sonstiger Sparten öffentlicher Kultur. Klezmer-Musik und jiddische Lieder sind von der nichtjüdischen Mehrheit zu Markenzeichen inflationären Folklorekonsums erhoben worden. Dazu gehören ebenfalls wie die Beschwörung untergegangenen jüdischen Lebens Deutschland, wie im Osten Europas. Die Rekonstruktion zerstörter Synagogen ist vielen Gemeinden ebenfalls ein Anliegen.“
Was kann man Neues über das jüdische Leben in Deutschland schreiben?
Eine bedeutende Veränderung fand in den letzten 22 Jahren infolge der Zuwanderung der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion statt. Bis 1990 pflegten die Juden zu sagen: „Wir leben in „gepackten Koffern im „Land der Mörder“. Nach 1990 hören wir Sätze, wie: „Wir Juden haben unsere Koffer in Deutschland längst ausgepackt“.
Auch der Begriff „Normalität des jüdischen Lebens“ ändert sich leicht. Zwar schreibt der Autor und Journalist, Henryk M. Broder: „Es gibt keine Normalität für die Juden in Deutschland. Und es gibt auch keine Normalität für die Deutschen in Deutschland. Auschwitz hat beide Seiten geprägt.“
Andererseits Yehuda Teichtal, der renommierte orthodoxe Rabbiner in Berlin, Enkel eines ungarischen Rabbiners, der nach Auschwitz verschleppt wurde und auf einem Transport zu Tode kam, lehnt es ab, dass Juden in Deutschland auf ewig „gemischte Gefühle“ haben sollten: „Meine Antwort ist: Lasst uns die Schönheit der jüdischen Tradition wieder hier verwurzeln.“
Die Vielfalt der jüdischen Strömungen in der Welt wird auch in Deutschland wahrgenommen. Beispielsweise sagt Dieter Graumann: „Die Pluralität ist die neue jüdische Normalität“.
Die Mehrheit der Mitglieder der orthodoxen und der reform- oder konservativ-orientierten jüdischen Gemeinden in Deutschland betont nicht den Glauben als ihr wichtigstes Element der Jüdischkeit, sondern eher die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, zum „Am Israel“. Das mag an der Herkunft aus den ehemaligen kommunistischen Diktaturen lieben. Auch der Bezug zur Schoah wird durch das Aussterben der Überlebenden dramatisch geringer. Die Unterstützung des Staates Israel ist mit vollen Herzen und uneingeschränkt vorhanden. Die größte Herausforderung aus jüdischer Sicht in allen Gemeinden ist: Hinführen der Mitglieder in die jüdische Tradition.
Welche sind die wesentlichen Unterschiede zwischen liberalen und orthodoxen Gemeinden? Der Kern liegt in der Deutung der Offenbarung am Berg Sinai: Was hat das jüdische Volk dort erhalten? Während orthodoxe Juden davon ausgehen, dass die Tora am Sinai wortwörtlich übergeben wurde, meinen liberale Juden, dass dem Menschen ein hohes Maß an Mitwirkung bei der Offenbarung des Willens Gottes gegeben wurde. Daneben gibt es unterschiedliche Auffassungen zur Einhaltung der „Gesetze“ und der „Bräuche“. Zum Beispiel bei der Frage: Wie gestalten wir die Gottesdienste oder wie stehen wir zu den Schabbatvorschriften? Auch die Rolle der Frauen im jüdischen Leben und in der Gemeinde ist ein Streitpunkt.
Bei allen Unterschieden und Konflikten herrscht jedoch der Grundsatz vor: „Kol Israel Arevin Se-L’se“ „Jeder Jude ist für den anderen verantwortlich“.

Dr. Gábor Lengyel ist Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinden in Hannover und Göttingen und Lehrbeauftragter der Leibniz Universität Hannover.

Über einen Umbau: Barmherzigkeit

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Buchcover

In dem Buch „Selig sind“ berichtet die Archtitektin Gesche Grabenhorst über den Umbau der Gustav-Adolf-Kirche zur Synagoge. Der Beitrag ist unter die Überschrift der Seligpreisung: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ gestellt. Gesche Grabenhorst schreibt: „Man sagt, hier wurde ein barmherziger Raum gebaut.“

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