2012_05_30

 Bild: www.kirche-im-norden.de

Neuer Nachbar im Norden

Tagesthema 29. Mai 2012

Sonne und Feststimmung für die neue Nordkirche

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Bundespräsident Joachim Gauck auf dem Weg in den Dom. Bild: Wolfgang Pittkowski/ Nordkirche

Sommer, Sonne und Humor - mit einem fröhlichen Kirchenfest haben knapp 20.000 Menschen am Pfingstsonntag in Ratzeburg die Gründung der Nordkirche gefeiert. Bundespräsident Joachim Gauck warb um Vertrauen für die neuen Wege. Im Norden Deutschlands haben sich die Landeskirchen Mecklenburg, Nordelbien und Pommern mit knapp 2,3 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen. Erstmals haben sich damit Kirchen der ehemaligen DDR und der alten Bundesrepublik vereinigt.

In der Nordkirche hätten sich nicht nur Ostdeutsche und Westdeutsche angenähert, sagte ein sichtlich gut gelaunter Bundespräsident im Ratzeburger Dom. Er selbst kenne noch als mecklenburgischer Pastor die „herzlichen Gefühle“, die Mecklenburger und Pommern füreinander empfänden, formulierte Gauck süffisant. Sein vorformuliertes Manuskript legte er beiseite und sprach frei. Er stehe hier ohnehin nicht als Bundespräsident, sondern als „Christenmensch“. Gauck: „Einmal Pastor - immer Pastor.“

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Auch vor dem Dom in Ratzeburg haben sich viele Anhänger der Nordkirche versammelt. Bild: Wolfgang Pittkowski/ Nordkirche

Viele Vorurteile über Ost und West seien inzwischen korrigiert, sagte der Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich in seiner Predigt. Die Christen aus dem Westen hätten gemerkt, dass es den Ostdeutschen bei der Fusion nicht um materielle Geschenke gegangen sei. Im Gegenzug habe sich das Vorurteil über „satte, unbewegliche West-Christen“ erledigt. Manches Sprachproblem sei geblieben: So hätten Niederdeutsche aus Nordelbien und Mecklenburg immer noch Probleme mit dem pommerschen Platt.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, spricht anschließend ein Grußwort. Unter dem Motto "Gemeinsam Segel setzen" wurden symbolisch für die drei Landeskirchen drei Segel gesetzt. Bild: epd-Bild

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) warnte davor, eine solche Kirchengründung zu überschätzen. Entscheidend für das christliche Leben sei die Nähe der Gläubigen zu ihrer Kirche - „nicht der Name, der darüber steht.“ Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider begrüßte die Nordkirche als „neues Boot im Flottenverbund der EKD“.

Der Festgottesdienst zeigte eine offene und freundliche Kirche. Unter dem Motto „Segel setzen“ wurden drei große Segel tänzerisch im Altarraum zusammengeführt, um die Kirchenfusion zu veranschaulichen. Die Pfingstgeschichte wurde nicht aus der Bibel vorgelesen, sondern frei als lebendiges Erlebnis geschildert.

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Im Anschluss an den Gottesdienst wurden die Besucher zu einem gemeinsamen Essen unter freiem Himmel eingeladen. Rund 300 Pfadfinder verköstigten die 5.000 Gäste mit 10.000 Würsten, 500 Kilogramm Käse und 550 Kilogramm Erdbeeren. Bild: epd-Bild

Im Anschluss kamen die Besucher zu einem gemeinsamen Essen unter freiem Himmel zusammen. Rund 300 Pfadfinder verköstigten an weiß gedeckten Tafeln 5.000 Gäste mit 10.000 Würsten, 500 Kilogramm Käse und 550 Kilogramm Erdbeeren.

Strahlendes Sommerwetter hatte dafür gesorgt, dass mehr Besucher als erwartet durch Straßen und auf Uferpromenaden entlang zogen. In 60 Pagodenzelten informierten die Kirchenkreise und überregionalen Werke über ihre Angebote. Auf dem Marktplatz war eine 20 Meter lange begehbare Karte der Nordkirche ausgelegt, auf der die Besucher ihre Heimatgemeinde aufsuchen konnten. Wasser aus Duschen und Brunnen belebte die Kirchenfeier merklich. Bläser spielten nicht nur in den Straßen sondern auch in einem Ruderboot auf dem Küchensee.

Da passte es, dass beim „Bischofstalk“ vor dem Rathaus die Nordkirche als Deutschlands neue Urlaubskirche präsentiert wurde. Rund 850 Kilometer ist die Küstenlinie an Nord- und Ostsee lang. Rechnet man Inseln und Halligen mit, kommt man auf rund 3.000 Kilometer Küste. Dazu kommen die Mecklenburgische Seenplatte, die Holsteinische Schweiz und die Metropole Hamburg. Menschen für spirituelle Fragen im Urlaub zu erreichen, sei einer der Arbeitsschwerpunkte der Nordkirche, sagte der Schleswiger Bischofsbevollmächtigte Gothart Magaard. Immerhin würden 40 Prozent der Deutschland-Touristen ihren Urlaub in der Nordkirche verbringen.

Von Thomas Morell (epd)

Stimmen zur Gründung der Nordkirche

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Der prominenteste Gast war Bundespräsident Joachim Gauck. Bild: epd-Bild

„Wir müssen uns nicht genieren, dass wir so unterschiedlich geworden sind.“ - Bundespräsident Joachim Gauck

„Wir sind aufgebrochen aus Vertrautem. Nichts ist mehr wie vorher.“ - Gerhard Ulrich, Bischof in Schleswig und künftiger Vorsitzender der vorläufigen Kirchenleitung

„Wir erfinden die Kirche nicht neu, aber wir wollen dem Geist der Erneuerung Raum geben.“ - Andreas von Maltzahn, Bischof für Mecklenburg und Pommern in Schwerin

„Auch wenn der Wind bläst, geht die Fahrt erst dann los, wenn alle mit anpacken.“ - Hans-Jürgen Abromeit, Bischof für Mecklenburg und Pommern in Greifswald

„Ohne autoritäre Setzung, ohne hierarchischen Durchmarsch ist der mühsame Weg der Klärungen, der Kompromisse, des mitunter endlos erscheinenden Diskurses und der schlussendlich gelingenden Abstimmungen geschafft.“ - Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

„Die Nähe der Gläubigen zu ihrer Kirche, die ist entscheidend. Nicht der Name, der darüber steht.“ - Peter Harry Carstensen (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein

„Die Vereinigung evangelischer Kirchen des Nordens markiert den Schlusspunkt eines langen Prozesses. Zu dessen erfolgreichem Abschluss gratuliere ich herzlich.“ - Olaf Scholz (SPD), Hamburgs Erster Bürgermeister:

„Ich bin davon überzeugt, dass die Kirche im Norden durch die Fusion an Stärke gewinnen wird, ohne dass sie ihre Wurzeln in den drei Ländern verliert. Natürlich freue ich mich darüber, dass unsere Landeshauptstadt Schwerin mit seinem herrlichen Dom Sitz des Landesbischofs sein wird.“ - Erwin Sellering (SPD), Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern

„Von diesem Pfingstfest geht ein starkes Signal aus. Die Vereinigung der drei evangelischen Kirchen stärkt die missionarische und diakonische Präsenz der Kirche.“ - Werner Thissen, Erzbischof von Hamburg

„Die wegweisende Fusion der mecklenburgischen, nordelbischen und pommerschen Kirchen ist für uns ein Vorbild für Synergie, Vernetzung und die Gestaltung des demografischen Wandels.“ - Ralf Meister, Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

„Die drei Kirchen sind auf dem Wege zu dieser Vereinigung durch ihre eigenen Pfingsterfahrungen gegangen, indem sie sich mit den Unterschieden befasst haben, die scheinbar so tief in den Menschen ihrer Regionen verwurzelt sind.“ - Bischof Alex Malasusa aus Tansania, Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes

„Zum ersten Mal haben sich hier eine westliche und zwei östliche Landeskirchen zusammengeschlossen. Das hat ein große Signalwirkung für alle Kirchen.“ - Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Stellvertretende Leitende Bischöfin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)

gesammelt vom epd

Es geht doch

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Carsten Splitt

In der Kommentarspalte „Stichwort“ äußert in der kommende Woche der Hamburger Chefredakteur der Evangelischen Zeitung, Carsten Splitt, seine Meinung:

„Es geht doch!“ Mit dieser norddeutsch knappen Feststellung hat Bundespräsident Joachim Gauck vielen der rund 700 Gottesdienstbesucher im
Ratzeburger Dom aus dem Herzen gesprochen. Standen während der jahrelangen Fusionsverhandlungen zwischen den Kirchen Nordelbiens, Pommerns und Mecklenburgs häufig genug Bedenken und Hindernisse im Mittelpunkt, war beim Gründungsfest in Ratzeburg von alledem nichts mehr zu spüren. „Eitel Sonnenschein“ herrschte nicht nur am sommerlichen Himmel, sondern auch im versammelten Kirchenvolk.

Rund 20 000 Kirchenmitglieder waren nach Ratzeburg gekommen, um gemeinsam zu feiern und sich über Gemeinde- und Sprengelgrenzen hinweg kennenzulernen. Was im Dom noch festlich inszeniert war, nahm beim gemeinsamen „Ratzeburger Mahl“, zu dem 5000 Gäste an 625 gedeckten Tischen Platz genommen hatten, wie selbstverständlich Gestalt an: ein pfingstlich-verständliches Stimmengewirr von Christinnen und Christen aus Ost und West. Endgültig vom Tisch sind einige Knackpunkte der Kirchenfusion Tage nach dem Gründungsfest damit natürlich noch nicht: Es bleibt die Verpflichtung, in der Nordkirche ein gemeinsames Arbeitsrecht zu schaffen. Es bleibt die Aufgabe, alle Gemeinden in Ost und West, Stadt und Land gleichermaßen im Blick zu behalten, und es wächst die Notwendigkeit, das Evangelium auch dort aufs Neue zu verbreiten, wo christliche Traditionen längst nicht mehr zum Allgemeingut gehören.

Und doch ist mit der fröhlichen Atmosphäre, die beim Gründungsfest der neuen „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland“ herrschte, ein Klima offenbar geworden, das für die Bewältigung der bleibenden und kommenden Herausforderungen zuversichtlich stimmt. „Keiner nimmt sich selbst, jeder gibt seinem Nachbarn.“ Wenn sich diese einfache Tischregel der Ratzeburger Mahlzeit als dauerhafte Grundhaltung in der Nordkirche durchsetzen ließe, braucht man sich um das künftige Miteinander in der nunmehr fünftgrößten EKD-Kirche keinerlei Sorgen zu machen. Dann gilt erst recht: „Es geht doch!"

Carsten Splitt (Evangelische Zeitung)

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Informationen zur Nordkirche

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Auf einer Landkarte mit dem Gebiet der drei ehemaligen Landeskirchen konnten Besucher die Grenzen überschreiten. Bild: epd-Bild

Die evangelischen Landeskirchen Mecklenburg, Nordelbien und Pommern haben sich zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland zusammengeschlossen. Mit 2,3 Millionen Mitgliedern in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ist die Nordkirche die fünftgrößte unter den deutschen Landeskirchen.

Innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist es der erste Zusammenschluss, der Kirchen der früheren Bundesrepublik und der ehemaligen DDR zusammenführt. Mit der Fusion sinkt die Zahl der evangelischen Landeskirchen in Deutschland auf 20.

Kiel wird Ort des gemeinsamen Kirchenamtes der Nordkirche und Schwerin Sitz des noch zu wählenden Landesbischofs. In ihrer Struktur ist die Nordkirche sehr unterschiedlich geprägt. So gehören in Nordelbien rund zwei Millionen Menschen, in Mecklenburg nur 200.000 und in Pommern knapp 100.000 der evangelischen Kirche an.

epd

Zum Internetauftritt der Nordkirche

Landesbischof Ralf Meister gratuliert der Nordkirche

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Hannoversche Landeskirche sendet Glückwünsche an Nordkirche

Die hannoversche Landeskirche schickt anlässlich der Gründung der Nordkirche Glückwünsche an ihre Nachbarkirchen. An diesem Pfingstsonntag wird der Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen Mecklenburg, Nordelbien und Pommern in Ratzeburg gefeiert. „Als direkte Nachbarkirche wünschen wir allen Gemeinden der Nordkirche, dass es ihnen gelinge, die Segel für eine starke und geistliche Gemeinschaft zu setzen“, schreiben der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der Präsident des Landeskirchenamtes, Burkhard Guntau.

In der Nordkirche werde die Einheit der Kirche über mehrere Landesgrenzen und über Ost und West hinweg sichtbar, heißt es in dem Gruß aus Hannover. „Die wegweisende Fusion der mecklenburgischen, nordelbischen und pommerschen Kirchen ist für uns ein Vorbild für Synergie, Vernetzung und die Gestaltung des demografischen Wandels.“

In Niedersachsen müssten die Kirchen bei den Beratungen über ihre künftige Zusammenarbeit jedoch einen ganz eigenen Weg wählen, sagte Meister in einem Video. Dieser Weg werde die Kirchen intensiver und dichter zusammenführen. Es herrschten „komplett andere Bedingungen“, weil es mit der reformierten Kirche auch konfessionelle Unterschiede gebe. (epd)