2012_05_29

Bild: Dieter Sell / epd

Wenn alles im Leben verbrennt

Tagesthema 28. Mai 2012

Zu Asche zerfallen

Beim Brand verschwindet auch ein Teil des Lebens in den Flammen

Es ist ein Alptraum. Das Haus brennt und mit ihm alle persönlichen Dinge, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Eine traumatische Situation, die auch psychisch tiefgreifende Folgen haben kann. Aber es gibt Hilfe.

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Dieter Kandziora (66) auf der Brandruine seines Fachwerkhauses in Lilienthal bei Bremen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Brandgeruch liegt in der Luft. Dieter Kandziora steht auf einem Gewirr versengter Eichenbalken. Um ihn herum liegen zersplitterte Glasfenster und angekokelte Backsteine. Mittendrin lose Seiten seiner Hausbibel und skurril in die Luft ragende Eisenstücke, die mal zum Klavier seines Vaters gehört haben. Hier in Lilienthal bei Bremen stand noch vor kurzem ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, 1760 erbaut. Mehr als 30 Jahre war es das Zuhause des Kerzenmachers. Nun ist es bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Mit ihm alles Hab und Gut.

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Zum ersten Mal seit dem Brand erkundet Dieter Kandziora  die Ruine, sucht und findet persönliche Gegenständewie z.B. Buchseiten. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

„Sind die persönlichen Gegenstände weg, gehen Beziehungen, gehen Teile von einem selbst verloren“, erfuhr der Bremer Notfallseelsorger Peter Walther vor einem Jahr bei einem Großeinsatz in Delmenhorst bei Bremen. Eine Brandstiftung richtete am frühen Sonnabend vor Pfingsten in fünf Mehrfamilienhäusern verheerende Schäden an. 25 Wohnungen waren unbewohnbar, 100 Menschen verloren alles. Ein Alptraum.

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Beim ersten Erkunden der Ruine findet Dieter Kandziora etwa ein Pedal des Klavieres, das sich durch die Hitze in eine Engelform verwandelt hat. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Werden die Dinge wie in Delmenhorst durch die Gewalt anderer Menschen vernichtet, können die psychischen Folgen besonders dramatisch sein, sagt die Psychologin Ingrid Koop, die in Bremen ausländische Flüchtlinge betreut. Der Kasseler Theologe und Psychotherapeut Rüdiger Haar deutet aber auch Branderlebnisse wie das von Kandziora als tiefgreifenden Einschnitt.

„Das ist ein Gefühl der Ohnmacht, die alte Struktur, das alte Leben sind auf einen Schlag weg“, sagt der Pastoralpsychologe. Emotionale Untiefen, die auch alte Menschen kennen, die sich von vielen Dingen trennen müssen, wenn sie in ein Altenpflegeheim einziehen. Die Bremer Heimstiftung etwa arbeitet deshalb in ihren mehr als 30 stationären Einrichtungen mit professionellen „Einzugsbegleitern“.

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Wenn das Haus brennt und mit ihm alle persönlichen Dinge aus vielen Jahren, entsteht für seine Bewohner eine traumatische Situation, die auch psychisch tiefgreifende Folgen haben kann. Bild: Dieter Sell /epd-Bild

Der 66-jährige Kandziora jedenfalls musste fassungslos erleben, dass mit seinem Haus so gut wie alle persönlichen Dinge verschwanden, die ihn umgaben. Zeugen seines Lebens, die sich einfach in Rauch, Schutt und Asche auflösten. Die alte Vitrine mit den mundgeblasenen Gläsern, die liebgewordenen Kirschholzmöbel der Eltern, das Spinnrad, der Webstuhl, der geheimnisvolle Bücherschrank, das Bufett, in dem zu Kinderzeiten immer die Geschenke versteckt wurden: alles weg. „Wenn ich mich im Haus umgeschaut habe, bekam ich in jeder Ecke Seelenfutter, mit jedem Blick Lebenskraft“, erinnert sich Kandziora.

Gerade mal sich selbst und das, was er am Leib trug, konnte der Mann retten. Kurz vor Weihnachten ging sein Adventskranz in Flammen auf, das Feuer griff schnell auf die Holzdecke über, die Feuerwehr hatte keine Chance. „Das Haus, das war mein Leben“, fasst es Kandziora zusammen, der sich nach dem Brand wochenlang wie betäubt vergrub und mit niemandem sprechen mochte.

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 Wenn die persönlichen Gegenstände weg sind, gehen Beziehungen und Teile von einem selbst verloren. Bild: Dieter Sell /epd-Bild

Die Dinge um uns herum sind eben nicht einfach nur Ausdruck einer materialistischen Weltsicht, unser Verhältnis zu ihnen ist keineswegs oberflächlich, sagt der britische Soziologe Daniel Miller. Unter dem Titel „Der Trost der Dinge“ hat er eine Studie dazu veröffentlicht. „Die Menschen stehen in Beziehungen zu Dingen, diese Beziehungen bilden materielle und soziale Muster, die dem Leben des Einzelnen Ordnung, Sinn und in der Regel auch ethische Maßstäbe geben“, formuliert der Wissenschaftler.

Früher waren die Menschen eher auf Ausnahmesituationen vorbereitet, wie sie Kandziora erleben musste. Der evangelische Lebensberater Hartmut Ladwig, auf einem Bauernhof aufgewachsen, kennt noch den „Fluchtkoffer“ mit den wichtigsten Sachen, der früher bei Gewitter gepackt wurde. „Falls der Blitz einschlägt“, berichtet Ladwig, der in Rotenburg bei Bremen arbeitet. „Heute herrscht eher die utopische Fantasie vor, mir kann das nicht passieren, ich bin unverletzlich.“

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Nach so einem kommt darauf an, neuen Halt im Leben zu finden - von Freunden und Verwandten oder auch durch professionelle Begleitung. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Wenn es doch passiert, wenn unwiederbringliche Dinge wie das Fotoalbum mit den Bildern der Kinder zerstört sind, kommt es darauf an, neuen Halt im Leben zu finden. „Das geht nach einer Trauerphase über Menschen, die zuhören, über Beziehungen und praktische Hilfen“, betont Ladwig. Oft reiche die Unterstützung von Freunden und Verwandten, manchmal sei auch professionelle Begleitung etwa durch eine Lebensberatung nötig.

Kandziora hat eine Menge Hilfe erfahren. Viele haben ihm eine Wohnung angeboten. Ein Kindergarten hat für ihn gebastelt, um Spenden zu sammeln. Doch die Trauer schwingt noch immer mit, wenn er sagt, früher habe er Fernweh gehabt, „heute habe ich Heimweh“. Nach durchwachten Nächten, Selbstvorwürfen und der Zusage, dass die Versicherung zahlt, hat er wieder Lebensmut geschöpft. Noch vor Weihnachten will er in ein neues Haus einziehen. Ein Blockhaus mit Grasdach soll es werden. Auf demselben Grundstück.

Von Dieter Sell (epd)

Seelsorge
Wahrgenommen zu werden gehört zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Bild: Okapia

"Es gehört zu meinen Grundbedürfnissen, wahrgenommen zu werden. Dabei geht es zunächst nicht um meine Eigenarten, die Stärken und die Schwächen. Es geht um meine ganze Person.

Andere sollen merken, dass ich da bin, dass ich Raum einnehme, dass ich atme, lache und weine. Sie sollen mich hören, sie sollen mit mir lachen und sich manchmal auch über mich ärgern. Manchmal auch dann, wenn ich müde und kaputt bin. Denn andere wahrzunehmen braucht nicht nur offene Augen, sondern vor allem ein offenes Herz."

Übersicht über die Seelsorgeangebote der Landeskirche

In Notfällen: Notfallseelsorge

Notfallseelsorge im Einsatz
Bild: Daniel Rennen / pixelio.de

„Plötzlich und unerwartet …“ Dahinter verbirgt sich immer ein schwerer Schicksalsschlag für die betroffenen Angehörigen und Hinterbliebenen: Jemand ist zuhause verstorben, ein schwerer Verkehrsunfall hat jemanden zu Tode kommen lassen, ein Mensch hat sich aus Verzweifelung das Leben genommen, ein Kind ist auf unerklärliche Weise gestorben. In solchen Ausnahmesituationen stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notfallseelsorge den Betroffenen zur Seite.

Zur Notfallseelsorge

In Lebenskrisen: Seelsorge in der Gemeinde

paspsycho

Gemeindeseelsorge geschieht mitten unter den Menschen, wenn sie sich wahrhaftig begegnen. Wie Hefe den Teig antreibt, so weckt Seelsorge Menschen auf und lässt sie mit anderen als Gemeinde vierfach lebendig werden. Diese vier Lebensbezüge von Seelsorgewerden Ihnen hier vorgestellt. Nehmen Sie dies zum Anlass, um in Ihrer Gemeinde über Seelsorge miteinander zu sprechen und Ihre seelsorglichen Erfahrungen auszutauschen.

Seelsorge in der Kirchengemeinde und in der Nachbarschaft

Professionelle Beratung in allen Lebensfragen

Beratung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers wird vor allem durch Einrichtungen der Diakonie wahrgenommen. Ausgebildete Mitarbeiter in Gemeinden, Kirchenkreisen und der Landeskirche bieten Beratung in Sprechstunden in einer Anzahl von Gesprächen zu einem abgegrenzten Thema an. Von Seiten der Klienten wird ihre derzeitige Situation als Beeinträchtigung des psychischen und/oder sozialen Wohlbefindens erlebt und kann nicht in zufriedenstellender Weise allein von ihnen gelöst werden. Ziel der Beratung ist das Erarbeiten von Problemlösungsstrategien, um Entscheidungs- und Handlungskompetenz der Klienten zu verbessern.

Die längerfristige Begleitung von Klienten erfordert oft Elemente aus verschiedenen Therapierichtungen. Sie dient der psychischen, sozialen oder seelsorgerlichen Unterstützung. Ihre Ziele sind im Gegensatz zur Beratung weitgehend offen.

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