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Bild: Roman Mensing, artdoc.de 

Pfingstfest: Grenzerfahrung

Tagesthema 26. Mai 2012

Glaskünstler sind Grenzgänger

Das große „Pfingstfenster“ von Alfred Manessier aus dem Jahr 1966 in der Unser Lieben Frauen-Kirche in Bremen besticht durch sein Spiel mit dem Raum und Licht, durch seine Farbigkeit und Dynamik. Das Pfingstgeschehen ist Bewegung. Die pfingstliche Sendung Gottes füllt den gesamten vorhandenen (Glas-)Raum aus, hier wird sich nicht an vorgegebene Rahmen gehalten. Die Dynamik der Bewegung ist kaum in der Rahmung des Fensters zu bändigen und greift weit darüber hinaus, scheint die Betrachtenden selbst zu ergreifen. Ein Sturmgeschehen, eine Wellenbewegung, die Farben des Himmels und der Erde, von Licht und Wasser, Feuer und Erdenschwere zu einem Tanz verbindet. Alfred Manessier selbst sah seine Kirchenfenster als einen Beitrag zur Verkündigung: „Man sollte nicht vergessen, daß die Fenster streng genommen keine Kunstwerke sind. Sie sind »Teil des Ganzen«. Sie sind »im Dienst« genau wie die Musik, die Lieder und das Wort an diesem Ort."

Glaskünstler reagieren auf zwei Medien: auf den Raum und das Licht. Sie müssen mit beiden dialogisieren. Und das nicht nur in Abhängigkeit von Gott und seinem Geist, sondern völlig selbstständig. Gottes Schöpfung ist dem Menschen zu Kultur und Verantwortung übergeben. Sie ist aus der Hand Gottes entlassen. Und wir nehmen uns ihrer an. Wir staunen über ihre Wunder, fassen sie in unsere Sprache, formen sie nach unseren Vorstellungen. Glaskünstler sind Grenzgänger, weil sie mit einem Material arbeiten, das eine Grenze markiert und doch zugleich durchlässig ist. Das macht die Aufgabe so spannend. Denn (dem berühmten Wort Paul Tillichs folgend): die Grenze „ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“

Durchbruch zu neuem Denken

Pfingsten ist das Fest an der Grenze, der Durchbruch zu neuem Denken. Trotz der formalen Dynamik strahlt das Pfingstfenster von Alfred Manessier Ruhe und Konzentration aus: die pfingstliche Kraft richtet den Menschen neu aus. Denn mit Pfingsten stirbt die Idee, Jesus müsse alle Zeit leiblich unter uns sein, damit wir verstehen könnten, was er meint. Pfingsten nehmen wir Abschied von der Idee, alle müssten aus einem Land kommen und die gleiche Sprache sprechen, damit wir Menschen uns verstehen. Pfingsten gewinnen wir die Hoffnung, die ganze Menschheit könne sich von Gott und für Gott begeistern lassen. Pfingsten ist der Durchbruch, dass keine Sprache und keine Kultur, keine Nation und keine Tradition, wie unterschiedlich sie auch immer seien, die Menschen untereinander vor Gott trennt. Es ist der Beginn eines neuen Dialoges ist zwischen Gottes Geist und unserem menschlichen Geist.

Landesbischof Ralf Meister

Pfingsten: Klick mit dem Heiligen Geist

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Landesbischof Ralf Meister zum Pfingstfest: Die Geschichte Gottes, der Weg von der Krippe zum Kreuz und zur Auferstehung könnten Christen heute nicht erinnern, "wenn es nicht den Klick gegeben hätte, dass der Heiliger Geist dazu gekommen ist". So erklärt Landesbischof Ralf Meister das Pfingstfest im Videospot.

Das Stichwort: Pfingsten

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Pfingsten ist das "Fest des Heiligen Geistes" und nach Weihnachten und Ostern das dritte Hauptfest des Kirchenjahres. In diesem Jahr wird Pfingsten am 27./28. Mai gefeiert. Der Name geht auf das griechische Wort "pentekoste" (der fünfzigste) zurück, weil das Pfingstfest seit Ende des vierten Jahrhunderts fünfzig Tage nach Ostern gefeiert wird. In Erinnerung an die Ausgießung des Heiligen Geistes wird Pfingsten auch als "Geburtstag der Kirche" und Beginn der weltweiten Mission verstanden.

Die Bibel schildert nach Jesu Tod am Kreuz, der Auferstehung Christi und Himmelfahrt eine neue Gemeinschaft der Jünger: "Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen", heißt es in der Apostelgeschichte. Auf die Pfingsterzählung des Neuen Testaments dürfte auch die Redewendung "Feuer und Flamme sein" für "begeistert sein" zurückgehen: Bei dem Treffen der Jünger "sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder", heißt es.

Petrus rief der Überlieferung zufolge die Menschen daraufhin auf, Buße zu tun und sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Ihm folgten laut Pfingsterzählung an dem Tag rund 3.000 Menschen. Bis zum vierten Jahrhundert wurde an Pfingsten zugleich Christi Himmelfahrt gefeiert. Erst später entwickelten sich daraus zwei eigenständige Feiertage. Im Kirchenkalender endet mit Pfingsten die österliche Festzeit.

An Pfingsten:
Gründung der Nordkirche

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Hannoversche Landeskirche sendet Glückwünsche an Nordkirche

Die hannoversche Landeskirche schickt anlässlich der Gründung der Nordkirche Glückwünsche an ihre Nachbarkirchen. An diesem Pfingstsonntag wird der Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen Mecklenburg, Nordelbien und Pommern in Ratzeburg gefeiert. "Als direkte Nachbarkirche wünschen wir allen Gemeinden der Nordkirche, dass es ihnen gelinge, die Segel für eine starke und geistliche Gemeinschaft zu setzen", schreiben der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der Präsident des Landeskirchenamtes, Burkhard Guntau.

Mit 2,3 Millionen Mitgliedern ist die Nordkirche die fünftgrößte evangelische Landeskirche und die erste über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze hinweg. In ihr werde die Einheit der Kirche über mehrere Landesgrenzen und über Ost und West hinweg sichtbar, heißt es in dem Gruß aus Hannover. "Die wegweisende Fusion der mecklenburgischen, nordelbischen und pommerschen Kirchen ist für uns ein Vorbild für Synergie, Vernetzung und die Gestaltung des demografischen Wandels."

In Niedersachsen müssten die Kirchen bei den Beratungen über ihre künftige Zusammenarbeit jedoch einen ganz eigenen Weg wählen, sagte Meister in einem Video. Dieser Weg werde die Kirchen intensiver und dichter zusammenführen. Es herrschten "komplett andere Bedingungen", weil es mit der reformierten Kirche auch konfessionelle Unterschiede gebe. (epd)