2012_05_21

Bild: Per Schröter

Mit den Ohren zielen

Tagesthema 20. Mai 2012

Eine spezielle Technik macht blinden Menschen das Sportschießen möglich

Blindenschießen 1
Ralf Knittel (li.) bringt den blinden Schützen Bernd Strecker im Kleinkaliberschützenverein Grone bei Göttingen in die richtige Grundposition. Eine ausgefeilte Technik erlaubt ihm, den Schuss genau zu platzieren, auch wenn er die Zielscheibe nicht sieht. Bild: Per Schröter / epd-Bild

In Christian Lurels Ohren fiept ein Ton. Er klingt noch ein wenig zu tief. Kaum merklich bewegt der von Geburt an blinde Lurel das Luftgewehr in seiner Hand. Der Ton wird höher. Lurel hält kurz den Atem an, krümmt den Finger am Abzug und schießt. Ein Volltreffer. Die Kugel schlägt in den zehnten und kleinsten Ring auf der Zielscheibe ein. Seit gut anderthalb Jahren können blinde Menschen wie Lurel dem ungewöhnlichen Hobby im Kleinkaliberschützenverein (KKS) Grone bei Göttingen nachgehen. „Das Zusammensein mit Sehenden und Blinden ist hier wirklich schön“, sagt Lurel.

Wichtigstes Hilfsmittel beim Blindenschießen ist die sogenannte Optronik, die auf das Luftgewehr montiert wird. Sie sieht aus wie ein einfaches Zielfernrohr, kann aber weitaus mehr. Mit einem speziellen Spotstrahler wird zunächst die Schießscheibe angeleuchtet, erläutert der zweite Vorsitzende des Schützenvereins, Ralf Knittel. „Die Optronik wandelt diese Strahlen dann in Tonsignale um.“ Je höher das Fiepen, desto zielgenauer der Treffer. Rund 4.000 Euro hat diese Spezialtechnik gekostet. Eine österreichische Firma stellt sie bereits seit 20 Jahren her.

„Manche Blinde haben das einfach im Blut. Ihr Gehör und ihre Feinmotorik sind enorm“, zeigt Knittel sich beeindruckt. Andere bräuchten mitunter fünf Minuten, um den ersten Schuss abzugeben. Dafür stellt Knittel je nach Körpergröße die Höhe der Auflage für das Gewehr ein, steht hinter den Schützen und dirigiert sie. „Sobald die erste Tonveränderung zu hören ist, sind sie dann auf sich gestellt. Ab dann können sie sich alleine orientieren.“

Blindenschießen 2
Die blinde Sportschützin Andrea Holzapfel konzentriert sich auf ihr Ziel. Wichtigstes Hilfsmittel beim Blindenschießen ist die sogenannte Optronik, die auf das Luftgewehr montiert wird. Bild: Per Schröter / epd-Bild

Niedersachsenweit böten rund zehn Vereine Schießmöglichkeiten für Blinde, sagt der Fachwart für Blindenschießen vom Behindertensportverband des Landes, Reinhard Köln. Die Resonanz ist gut. „Wir richten in Lehrte schon seit 15 Jahren die Landesmeisterschaften im Blindenschießen aus. Jedes Jahr geht es außerdem zu den Deutschen Meisterschaften nach München.“ Und das, obwohl der Betreuungsaufwand mit knapp einem Betreuer pro Sportler sehr hoch sei. Hobby-Schütze Köln hat sich selbst schon mit verbundenen Augen in seinem Sport versucht. „Das ist unheimlich schwierig. Ich kann da jedenfalls nicht mithalten.“

In dem Göttinger Schützenverein genieße man vor allem das gesellige Beisammensein von Blinden und Sehenden, sagt Andrea Holzapfel. Sie leidet an Retinitis Pigmentosa, dem sogenannten Tunnelblick und kann nur noch auf dem rechten Auge Licht und Schatten erkennen. Gemeinsam feierte das neue Vereinsmitglied bereits die erste Weihnachtsfeier, bald steht das Osterschießen an. „Auch für uns Sehende ist das eine große Bereicherung“, sagt der zweite Vorsitzende Knittel. Wer sieht, bringt Blinde an den Schießstand. Freundschaften entstehen. „Sie haben gesagt, behandelt uns ganz normal. Und das machen wir.“

Doch auch der sportliche Gedanke spielt eine wichtige Rolle. „Es geht nicht darum, einfach drauf los zu ballern“, sagt Bernd Strecker kurz vor seinem Schuss auf die zehn Meter entfernte Scheibe. „Das ist eine Frage der Konzentration. Ruhig zu bleiben und nicht herum zu zappeln, das ist gar nicht so einfach wie man vielleicht denkt“, sagt der 49-Jährige.

Am Schießstand macht sich bei Christian Lurel währenddessen kurzeitige Enttäuschung breit. „Du hast die sieben auf etwa elf Uhr getroffen“, erklärt Betreuer Knittel ihm zur Einordnung. „Eine neun oder zehn sollte es schon sein“, brummelt Lurel. Er und Strecker zählen zu den besten der rund zehn blinden Schützen in dem Göttinger Verein. „Mit Schützen wie ihnen können wir bald zu Olympia fahren“, scherzt die erste Vorsitzende Ines Krengel.

Von Petra Neu (epd)

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