2012_05_19

Bild: carölchen / photocase.com

Liturgie: Spagat zwischen Authentizität und Tradition

Tagesthema 18. Mai 2012

Leitfaden Gottesdienst: So feiern evangelische Christen

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Wie lang dauert die Predigt? Waren die Bänke erträglich, schmeckte der Kirchenkaffee hinterher, wurde man in der Gemeinde willkommen geheißen? Das sind Fragen, die sich in England die „Geheimen Gottesdienst-Tester“ stellen. Eine konstruktive Außenwahrnehmung wünschen sich auch die deutschen Pastoren in verstärktem Maße. Bild: epd-bild

Der Ablauf eines Gottesdienstes folgt einer festen Struktur. Die „Evangelische Zeitung“ zeichnet den „geistlichen Weg“ der Feier nach

Wer in einen evangelischen Gottesdienst geht, erwartet zurecht eine gute Predigt. Was ist aber mit dem „Übrigen“, was gerne als „Liturgie“ bezeichnet und der Verkündigung gegenübergestellt wird? Dass man ihr so viel Zeit einräumt, zeigt, dass es mehr ist als nur schmückende Umrahmung.  Der Form nach gibt es keine einheitliche evangelische Liturgie, da sich unsere Gottesdienste vor allem aus zwei Traditionen entwickelt haben: der Messe, deren Anfänge bis in die Alte Kirche zurückreichen, grundsätzlich Predigt und Abendmahl umfasst und eine entfaltete Liturgie kennt, und dem Predigtgottesdienst, der im späten Mittelalter in bewusster Konzentration auf die Predigt entstanden ist. Nun zeigt das Evangelische Gottesdienstbuch (1999), dass in den vielfältigen Ausformungen doch eine gemeinsame Grundstruktur erkennbar ist. Wichtig ist, dass „ein evangelischer Gottesdienst … vom Evangelium Jesus Christi (lebt), von der befreienden Zusage, dass Gott durch Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt und heil gemacht hat“ (Gottesdienstdenkschrift).
In der Abfolge der einzelnen Teile mit ihren Elementen, wenn auch geschichtlich gewachsen, lässt sich durchaus ein geistlicher Weg erkennen. Wo man sich darauf einlässt, darf man erfahren, dass uns Gott nicht nur dadurch dient, dass er „zu uns redet durch sein heiliges Wort“ (Luther) sowie die Sakramente, sondern auch, indem er auf uns hört, uns also mit dem Gottesdienst Raum und Gelegenheit bietet, uns vor ihm auszusprechen: „wir wiederum ihm antworten in Gebet und Lobgesang“ (Luther), sei es in Lob oder Klage, in Bitte oder Dank. Gottesdienst in diesem Sinn gleicht einem Wechselgespräch, bei dem wir ganzheitlich einbezogen sind.

Gottes Gegenwart feiern: Eröffnung und Anrufung

Gott lädt uns ein, seine Gegenwart zu feiern. Wir unterbrechen den gewohnten Alltag und versammeln uns im Namen des dreieinigen Gottes. Die äußere Versammlung der Gemeinde soll durch innere Sammlung vertieft, der Übergang von alltäglichen Situationen zum gottesdienstlichen Feiern ermöglicht werden. Durch Musik, Begrüßung und gemeinsamen Gesang sollen wir spüren, dass wir im Gottesdienst willkommen sind.
Wir wenden uns Gott zu mit unseren Anliegen; Fragen und Zuversicht können schon im biblischen Psalm laut werden. Das Eingeständnis von Not und Versagen sowie die Hoffnung auf Befreiung prägen den Bittruf des Kyrie („Herr erbarme dich“).
Der große Lobgesang „Ehre sei Gott in der Höhe“ wird immer wieder angestimmt, wegen seines festlichen Charakters jedoch in Bußzeiten (Advent und Passion) darauf verzichtet. Ein zusammenfassendes Tagesgebet schließt den Anrufungsteil ab, in dem oft spannungsvolle Gesichtspunkte miteinander zur Sprache gebracht werden: Gott und Mensch, Erfahrungen und Erwartungen , Verheißung und Erfüllung, Sorge und Dank, Einzelne und Gemeinschaft...

Gottes Wort: Verkündigung und Bekenntnis

Gottes Wort begegnet uns in der Bibel und ihrer Auslegung. Erfahrungen des Volkes Israel, die Geschichte und Verkündigung Jesu von Nazareth, sein Tod und seine Auferstehung, die Entwicklung seiner Gemeinde und deren theologisches Nachdenken – darin spricht Gott uns an. Gerade die Verkündigung ist dialogisch angelegt, da mehrere Texte (Altes Testament, Briefe, Evangelium) vorgelesen werden, sich fort setzt in der Predigt zum Dialog der hörenden Gemeinde mit der biblischen Botschaft, und sich in der Aufnahme des Gehörten in Gesängen, Liedern oder Werken der Kunst (Kantate, Bildbetrachtung) ausdrückt.
Das vernommene Wort Gottes zielt auf unsere menschliche Antwort, die liturgisch entfaltet wird. Die Verkündigung will Glauben wecken und stärken, der sich im Bekenntnis ausspricht. Sie lässt Hoffnung und Zuversicht entstehen, so dass wir fürbittend diese Welt in den Horizont einer guten Erwartung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung für alle Menschen und die ganze Schöpfung stellen. Sie soll zur gelebten Liebe ermutigen, indem wir uns selbst zum Dienst mit unseren Gaben und Fähigkeiten einbringen, durchaus unsrer menschlichen Grenzen und Gebrochenheiten bewusst.

Am Tische Gottes: das Abendmahl

In aller Vorläufigkeit dieser Welt sollen wir bei der Feier des Vermächtnisses Jesu des Heiles Gottes gewiss werden. An seinem Tisch wird uns Versöhnung, Überwindung der Sünde und Gottes verwandelnde Kraft zuteil. Liturgisch werden im Abendmahl gleichsam die „Aktionen“ vergegenwärtigt, wie sie in den Einsetzungsgworten überliefert sind: Wir nehmen mit Brot und Wein (Gaben der Schöpfung und der menschlichen Arbeit) alltägliches Leben hinein und sagen Dank für Gottes gütiges Wirken seit Anbeginn der Welt, gedenken der Rettung in Christus, bitten um Erfüllung der Verheißungen durch den Heiligen Geist, sehen uns in die umfassende Gemeinschaft der Christen gestellt und blicken erwartungsvoll auf das Kommende, was wir mit dem Tischgebet des Vaterunsers bekräftigen. So brechen wir das Brot, und uns werden die Gaben Jesu gegeben, damit wir im Frieden versöhnte Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfahren: Verbindung durch Christus, persönliche Annahme und Vergebung, Stärkung auf dem Weg, Vorgeschmack der Ewigkeit.

Beschenkt und gewiss: die Sendung

Beschenkt und vergewissert durch Gottes Zuwendung und Herausforderung im vernommenen Wort und empfangenen Sakrament, sehen wir neu unsere alltäglichen Aufgaben. Die Kraft der Zusage Gottes und seines Segens trägt und begleitet uns, damit wir in Verantwortung und Nächstenliebe den empfangenen Frieden in die uns anvertraute Welt hineintragen. Der gefeierte Gottesdienst ist bezogen auf den Gottessdienst im Alltag der Welt, wo Verantwortung im Sinn Jesu geübt, das eigenen Leben mit seinen Freuden und Leiden, seinen Ansprüchen und Versagungen in seiner Nachfolge gewagt wird.

Reinhard Brandhorst ist Pfarrer der Evangelische Landeskirche in Württemberg (aus: Evangelische Zeitung)

Als Redakteur der Internet –Seite „www.evangelische-liturgie.de“ veröffentlicht der Autor dieses Beitrag regelmäßig Angebote zur liturgischen Gestaltung von Gottesdiensten.

Qualitätssiegel für Gottesdienste - Immer mehr Pastoren wünschen sich eine „milde“ Form der Kritik unter Kollegen

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Gottesdienst feiern im Freien. Bild: epd-Bild

„Nach dem Gottesdienst ist vor dem Gottesdienst“, sagt Folkert Fendler in Abwandlung einer alten Fußball-Trainerweisheit. Der Leiter des EKD-Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst in Hildesheim ist überzeugt, dass nur eine sorgfältige Analyse verhindert, dass Fehler wiederholt oder Chancen nicht genutzt werden.
Kirche ist über jede Kritik erhaben, das war lange Zeit unstrittig. Was „der Herr Pastor“ von der Kanzel predigte, war gottgegeben, also war daran auch nicht zu rütteln. Jedenfalls wurde allenfalls hinter vorgehaltener Hand gemeckert. Daran scheint sich jedoch etwas zu ändern, wie die Kolumne „Mein Kirchgang“ in der Zeitschrift „chrismon Plus“ und ähnliche Beiträge in einigen Tageszeitungen zeigen. Das Interesse an einem „feedback“ scheint zu wachsen.
Fendler sieht darin eine positive Entwicklung. „Es wird in den Gemeinden zwar viel über Gottesdienste gesprochen. Aber diejenigen, die den Gottesdienst gestaltet haben, erfahren darüber meist am wenigsten“, weiß Fendler. Rückmeldung sei jedoch unerlässlich, um die Qualität eines Gottesdienstes steigern zu können. Als Hilfe für Gemeinden hat das von ihm geleitete Zentrum die Broschüre „Feedback – Hilfreich Rückmeldung geben zum Gottesdienst“ zusammengestellt. Auf 22 Seiten werden Tipps und Instrumente vorgestellt, wie die Gesprächskultur in der Gemeinde befördert werden kann.
Die Broschüre stellt verschiedene Feedback-Methoden vor. Sie reichen von Rückmeldebögen für die Gemeindeglieder über Gottesdienst-Nachgespräche bis zu „Mystery Worshipper“, das sind „geheimnisvolle Gottesdienst-Tester“. Nicht alles ist für jede Gemeinde geeignet. Die Broschüre zeigt aber auch, mit welcher Methode welches Problem am besten bearbeitet werden kann. Auch eine Anleitung für kollegiale Hospitationen, bei denen sich Pfarrer gegenseitig in Gottesdiensten besuchen und anschließend „von Kollegin zu Kollegen“ Rückmeldung geben, ist in der Broschüre enthalten.

Qualitätsentwicklung sei aber nicht deshalb nötig, weil Gottesdienste grundsätzlich schlecht seien, betont Fendler. Bundesweit seien die Besucherzahlen in den letzten zehn Jahren sogar leicht gestiegen. Fendler sieht den Gottesdienst also nicht in der Krise. Qualitätsentwicklung sei aber nötig, um auf den gesellschaftlichen, religiösen und kirchlichen Wandel zu reagieren.
Einige Landeskirchen stellen sich den veränderten Anforderungen und haben schon speziell ausgebildete Pfarrer als Gottesdienstberater oder Gottesdienstcoaches eingestellt, die mit ihren Kollegen an der Qualität ihrer Gottesdienste arbeiten oder Gemeinden bei der Entwicklung neuer Gottesdienstformen unterstützen. Fachleute raten zu einer „milden“ Form der Kritik unter Kollegen. Sie könnten sich gegenseitig im Gottesdienst oder auch bei Kasualien (Taufen Trauungen, Beerdigungen) besuchen, um von einander zu lernen oder auch mal dezente Verbesserungsvorschläge zu machen.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Zeitschrift „Chrismon-Plus“ mit der Kolumne „Mein Kirchgang“, einer Gottesdienstrezension. Ein Redakteur besucht unangekündigt einen Gottesdienst und schreibt anschließend seine subjektiven Wahrnehmungen. Predigt, Liturgie, Musik und Atmosphäre werden- mit bis zu fünf Sternen bewertet. Ort der Kirche und Name des Pastors werden genannt.

Die Bewertungen haben, so eine Studie des Hildesheimer Qualitätszentrums, („Geheime Gottesdienst-Tester“, 2011), teilweise zu Unruhen in den Gemeinden geführt. Die Bandbreite der Rückmeldungen auf die „Gottesdienst-Kritik“ reichte von Empörung („völlig daneben“, „oberflächlig“, „unfair“) über Erleichterung („sind noch mal gut weggekommen“) bis zu positiven Äußerungen („hilfreich“). Die Rubrik insgesamt wurde fast durchweg positiv beurteilt, auch bei denjenigen, die in der eigenen Bewertung nicht so gut wegkamen. Die Außenwahrnehmung wurde durchaus als notwendig gesehen. Es sollten jedoch, so die Vorschläge zur Weiterentwicklung der Kolumne, vor der Veröffentlichung mehr Gespräche mit der Gemeinde und den Verantwortlichen für den Gottesdienst geführt werden.

Die „mystery worshippers“ entstanden 1998 in England. Sie sind aber längst weltweit anonym unterwegs und besuchen Gottesdienste, um sie durchaus emotional zu bewerten: Wie lang dauert die Predigt? Waren die Bänke erträglich, schmeckte der Kirchenkaffee hinterher, wurde man in der Gemeinde willkommen geheißen? Und die besuchten Gemeinden erfahren von den Besuchen nur durch eine Art Visitenkarte, die im Klingelbeutel hinterlassen wird. Berichte über ihre Besuche sind später im Internet (www.ship-of-fools.com) nachzulesen.

Diese anonyme öffentliche Kritik findet hierzulande wenig Zustimmung; wohl aber gibt es eine Bereitschaft zum kritischen Analyse des Bestehenden. Als unabdingbar wird aber der eigene Wunsch für den (anonymen und unangemeldeten) Besuch angesehen. Ebenso wie das Einverständnis des Verantwortlichen dazu und zu einem Nachgespräch. Und es sollte vorher eine Vereinbarung über die zu bewertenden Kriterien getroffen werden. Vor allem besteht der ausdrückliche Wunsch, dass die Rückmeldung nicht öffentlich erfolgt und nur an diejenigen, die sie erbitten, um von ihr profitieren zu können.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Weitere Informationen zum Thema „Gottesdienstcoaching“

Gottesdienst

Foto: Heinz-Gerd Rieke

Wir kommen zusammen
in einem Haus, das uns birgt,
unter einem Dach, das uns schützt,
in einer Oase für unseren Hunger und unseren Durst,
in einer Herberge für unsere Müdigkeit,
in Gottes Haus mitten unter Menschen.

Wir halten ein und erinnern uns:
Am siebten Tag hat Gott die Ruhe geschaffen.
Wir kommen zusammen und feiern:
Jesus ist auferstanden.

Nachgefragt
Was ist eine „gute“ Liturgie?

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Dr. Folkert Fendler / Bild: Jens Schulze

Jeder Gottesdienst folgt einem vertrauten Grundmuster, das allerdings Spielraum für die Gestaltung lässt. Ein Gottesdienst ist gut, wenn er seinen Anlass möglichst gut aufnimmt, meint Folkert Fendler.

–  Gibt es eine Art „Allround-Liturgie“, die zu allen Anlässen passt?
Folkert Fendler: Gottesdienste sind als solche erkennbar, weil sie einem Grundmuster folgen: Eröffnung und Anrufung – Verkündigung und Bekenntnis – Segen. Innerhalb dieser Grundstruktur aber sind die Gestaltungsmöglichkeiten vielfältig und geboten.

– Wonach muss sich eine Liturgie richten?
Folkert Fendler: Ein guter Gottesdienst nimmt – auf vertrauter Basis – seinen Anlass möglichst gut auf. Dazu kommen die Menschen, die zu erwarten sind: Welche Sprache sprechen sie? Welche Musik kennen und mögen sie? Auch der Ort der Feier kann mitentscheiden über die Gestaltung liturgischer Elemente: Was passt wohin? Schließlich ist bei aller Bezogenheit auf aktuelle Gegebenheiten der Schatz der biblischen Texte und Tradition eine entscheidende Richtschnur für die Liturgie.

– Wie entwickelt man eine „neue“ Liturgie?
Folkert Fendler: Sicher nicht am „grünen Tisch“ und nicht allein. Man muss gewissermaßen im Kopf und im Herzen derer spazieren gehen, für die die neue Liturgie gedacht ist. Ich denke an liturgische Trauerfeiern nach großen Katastrophen, aber auch an Liturgien, die nah an der Jugend bleiben. Es gibt viele gelungene Beispiele dafür.

– Wie sähe ein Gottesdienst ohne Predigt aus, in dem allein die Liturgie „verkündigt“?
Folkert Fendler: Auch als Predigtliebhaber und jemand, der die Predigt in der Regel als zentral ansieht, bin ich der Überzeugung, dass es so etwas geben kann: Gottesdienste, die auf eine Ansprache verzichten und dennoch verkündigen. Gott kann sich auf vielfältige Weise Gehör verschaffen: in der Musik, in biblischen Lesungen, in Erzählungen, in Anspielen – ja er soll sich auch schon in der Stille offenbart haben (1. Könige 19,12), ein Element, das wir für unsere Gottesdienste wieder stärker entdecken könnten.

Dr. Folkert Fendler leitet das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst in Hildesheim

Gute Nachrichten für den Norden

evangelische Zeitung

Die Evangelische Zeitung ist das wöchentliche Sonntagsblatt für die Landeskirchen Braunschweig, Hannover und Oldenburg. Ihr Schwerpunkt ist die regionale Berichterstattung. Die Evangelische Zeitung hält ihre Leserinnen und Leser auf dem Laufenden, wenn es um Fragen des Glaubens, der Gemeindearbeit oder um die Entwicklung der Kirche geht. Sie bietet das Forum für offene und faire Auseinandersetzung bei kontroversen Themen. Jede Ausgabe erscheint 52 mal im Jahr – pünktlich zu jedem Wochenende.

Und in jeder Woche beschäftigen sich die Redakteurinnen und Redakteure der „Evangelischen Zeitung“ mit einem Schwerpunktthema - in dieser Woche (Erscheinungstermin 20. Mai) ist es das Thema: „Liturgie“ - mehr in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung.

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