2012_05_18

Bild: Bischofskanzlei

„Sie waren immer die Ersten“

Tagesthema 17. Mai 2012

Pastorinnen der ersten und zweiten Generation in der Landeskirche Hannovers

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Für manche der Pastorinnen der erste Besuch in der Bischofskanzlei. Bild: Bischofskanzlei

Sie begannen ihren Berufsweg als „Pfarrverwalterinnen“, „Vikarinnen“ und „Hilfsgeistliche“. Eine Heirat konnte das Ende des angestrebten Berufsweges bedeuten. Für die ersten von ihnen wurde ein gesondertes „Vikarinnenseminar“ im Birkenhof Hannover geschaffen. „Ob mein Mann damit einverstanden gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass ihn eine Frau beerdigt?“ war eine der heutzutage seltsam anmutenden Fragen, die für viele von ihnen in den ersten Berufsjahren zum Alltag gehörten. Predigt und Sakramentsverwaltung war für sie lange keine Selbstverständlichkeit. Für die Frauen der ersten und zweiten Pastorinnengeneration unserer Landeskirche.

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Erinnernde Gespräche - Pastorinnen, die zuerst nur Vikarinnen oder Hilfsgeistliche sein durften. Bild: Bischofskanzlei

Siebzehn von ihnen waren zu Gast in der Bischofskanzlei. Ihre individuellen Lebensgeschichten zu hören hat mich bewegt. Es war eindrücklich: Sie sind Pionierinnen, Zeuginnen einer besonderen Zeit, in der das, was heutzutage selbstverständlich ist, erkämpft werden musste. Die älteste in dieser Runde ist 1924 geboren. „Ich war die Erste…“ erzählen viele von ihnen: Die erste Frau in einem Predigerseminar mit Männern, die erste Frau auf der Kanzel eines Dorfes, die erste Frau mit einer vollen Stelle, die erste Superintendentin, die erste Studienleiterin im Predigerseminar, die erste Landessuperintendentin. Einige von ihnen haben geforscht, promoviert.

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Landesbischof Meister freut sich über die 17 Gäste und ihre Begeisterung für den Beruf der Pastorin. Bild: Bischofskanzlei

Das Studium der Theologie stand Frauen schon lange offen. Bedrückend, dass erst der durch die Weltkriege entstandene Mangel an Pastoren Frauen dann auch den Weg ins Pfarramt öffnete. Sie haben den langen Weg miterlebt vom „Vikarinnengesetz“ von 1948 bis zum „Kirchengesetz über die Rechtsstellung der Pastorinnen“, das in der hannoverschen Landeskirche 1968 in Kraft trat bis zum Pfarrergesetz der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), das heute ohne Unterschiede für Männer und Frauen im geistlichen Amt gilt. In meinem ersten Bischofsbericht habe ich gesagt, dass ich gespannt bin auf das, was die Pastorinnen aus der ersten und zweiten Generation erzählen: Ihre Geschichten haben mich bewegt.

Besondere Lebensgeschichten

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Im Kreis der Kolleginnen: Maria Seevers (dritte von links) als Älteste bei dem Gespräch in der Bischofskanzlei. Bild: Bischofskanzlei

Sie erzählten Lebensgeschichten, die von Wissensdrang, Selbstbewusstsein und der Liebe zu einem ganz besonderen Beruf geprägt sind. „Ich wollte immer wissen, was es mit der Theologie auf sich hat. Deshalb habe ich studiert.“ – „Ich habe schon in meinem Abiturzeugnis unter „Bemerkungen“ stehen: Sie will Pastorin werden. Das war immer mein Herzenswunsch.“ – „Das Pfarramt war mein Ziel von Anfang an!“ – „Heute kann ich sagen: ich bin dankbar, dass ich diesen Beruf haben durfte!“ Während ich solche Sätze höre, wünsche ich mir, dass auch die von dieser Begeisterung erfahren, die heute überlegen, ob sie morgen Pastorin sein wollen.

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Landesbischof Ralf Meister begrüßt Pastorinnen der ersten und zweiten Generation. Bild: Bischofskanzlei

Meine Gäste haben theologische Diskussionen erlebt, die auch ihre Persönlichkeit in Frage gestellt haben. Viele von ihnen sind in einem Alter ordiniert worden, das ihnen den Beamtenstatus nicht mehr möglich gemacht hat. Sie erzählen von Widerständen und Unverständnis. Und von Amtsbrüdern, die sie selbstverständlich in ihrer Mitte aufgenommen haben. Von Kirchenvorständen, die zunächst reserviert und dann begeistert waren. Von Brautpaaren, die sich ganz bewusst für die Trauung durch eine Pastorin entschieden haben. Von Gemeinden, für die es normal war, dass eine Frau auf ihrer Kanzel stand. Und von solchen, die ganz bewusst emanzipatorisch den Weg mit einer Pastorin gehen wollten. Einige Namen von kirchenleitenden Personen tauchen in ihren Erzählungen wiederholt auf. Es waren nicht viele, aber es gab sie: Die Männer, die sie unterstützt haben und den Mut zu unkonventionellen Wegen hatten. Sie haben Weichen gestellt und sind unvergessen.

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Generationen: Hella Mahler (links) ist seit kurzem die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche. Im Gespräch mit Dorothea Bilke, eine der Frauen, die den Weg für Pastorinnen im Amt geebnet haben. Bild: Bischofskanzlei

Anfang der 60er bis Mitte der 70er Jahre sind in unserer Gesellschaft Grundentscheidungen gefallen, die sich in unserer Kirche niedergeschlagen haben. Diese Frauen waren mit ihrer Person und in ihrem Amt mitten im Geschehen. Ihre Berufsviten sind nicht unabhängig davon zu lesen. Ihre Bedeutung für die Geschichte unserer Landeskirche kann nicht genug gewürdigt werden. Sie haben die Kirche, die wir erleben, an entscheidenden Stellen mit gestaltet und geprägt. Ich bin dankbar für ihren außerordentlichen Dienst in unserer Kirche.

Landesbischof Ralf Meister

17 Pastorinnen sind gekommen

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Heide Wehmeyer (Mitte) kam von Bremen in die hannoversche Landeskirche. Bild: Bischofskanzlei

Von 41 eingeladenen Pastorinnen konnten 17 kommen. Dabei waren:

Dorothea Bilke, Dietlinde Cunow, Ulrike Denecke, Waltraud Eimterbäumer, Kaethe von Gierke, Oda-Gebbine Holze-Stäblein, Hildegard Juhle, Dörte Meiser, Dorothee Münkner, Ingeborg-Charlotte Neubeck, Ellen Ringshausen, Maria Seevers, Rosemarie Soechting, Beate Stierle, Johanne de Wall, Heide Wehmeyer, Rosemarie Woelfert.

Danke für Ihr Kommen!