2012_05_17

Doris Conrads,"Wolkenquadrat"(2007/2008)

Zu Christi Himmelfahrt: Wolkenquadrat

Tagesthema 16. Mai 2012

Der Himmel: Heimat der Vögel und Wohnung der Engel. Der Himmel: Ort unserer Sehnsucht und erstes Werk Gottes. Am Anfang schuf Gott ihn, den Himmel. Aus ihm kommen die Blitze, dort ziehen Wolken entlang und am Abend verglüht das Licht der Sonne am Firmament. Auch wenn wir das Weltall durchreisen, wenn wir Wellen Lichtjahre durch die Galaxis senden, so bleibt der Himmel doch ein Geheimnis besonderer Art. Seit alters her ist er der Sitz der Götter. Von ihm steigen sie hinab. Aus ihm leiten sie die Geschicke der Menschen. Er ist ein Ort sichtbar und unsichtbar zugleich – eine Utopie. Alle Versuche ihm nahezukommen, scheiterten. Und als wir uns klug genug dünkten ihn zu durchfliegen und abzumessen, mußten wir erkennen, dass unsere Instrumente nicht ausreichten ihn ganz zu erfassen. Er entschwindet vor unseren Augen, er entzieht sich unseren Methoden. Zwar können wir Donner und Winde deuten, zwar gelingt uns der Flug durch die Wolken und das Schweben in der Atmosphäre – aber das wirkliche Geheimnis des Himmels entdeckten wir nicht. „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin sollte ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da!“ singt der Psalmist.

Wie sieht er aus, dieser Himmel? „Blau“ würde die meisten von uns sagen. Auch weiß, grau und durchaus schwarz, vielschichtig, vielfarbig, nie festgelegt, in ständiger Bewegung, würde die Marburger Malerin Doris Conrads wahrscheinlich ergänzen. Sie hat sich den Wolken verschrieben und arbeitet an großen Himmelslandschaften, die den Betrachter in den deutlich erweiterten Raum des Himmels und des gesamten Alls versetzen. Die von ihr geschaffene Wolkenfülle breitet sich aus, quillt förmlich über die Grenzen des quadratischen Bildformates hinaus. Schon als Kind begeisterte sie sich für die Fresken des italienischen Malers Tiepolo in der Würzburger Residenz. Übergang, Weite, Grenzenlosigkeit sind die Themen, die Doris Conrads in ihren Himmelsbildern kommuniziert. In vielen Arbeitsgängen gibt sie ihren Bildern Schicht um Schicht Tiefe und Bewegung, um dem Geheimnis des Himmels weiter auf die Spur zu kommen.

Und das nicht ohne eine gewisse Ironie: „Der Nordischen Mythologie zufolge wurden die Wolken bekanntlich gebildet aus des Riesen Gehirn. Und wahrlich: es gibt kein besseres Sinnbild für die Wolken denn Gedanken und kein besseres für Gedanken denn Wolken. Wolken sind ja Hirngespinste und Gedanken, was sind sie anderes? „Sieh, darum wird man alles anderen müde, doch der Wolken nicht“. Diese Sätze des Theologen Sören Kierkegaard gehören zu den Lieblingszitaten von Doris Conrad. Sie wird nicht müde, die Sehnsucht nach Unendlichkeit, die Erweiterung unseres eigenen engen Wahrnehmungsraumes auszudrücken in ihren immer neuen Himmels- und Wolkenbildern.

Eine lebenslange Faszination, die deutlich macht: Der Himmel ist das nicht Machbare. Er ist die Entgrenzung unserer Existenz, setzt Gedanken und Gefühle frei, vielleicht sogar manchmal Hirngespinste, die uns aber beleben und inspirieren. Die Auseinandersetzung mit dem Himmel als Ausdruck menschlicher Sehnsucht. Sehnsucht, die nie statisch ist, sondern immer in Bewegung. So wie die Suche der Menschen nach Gott, nach dem, was jenseits unserer Wirklichkeit ist und doch in unsere Wirklichkeit hineinragt, fühlbar, sichtbar und anwesend ist – so wie der Himmel mit seinen Wolken.
Jeder, der minutenlang in den Himmel blickt, wird das bestätigen: bei längerem Schauen entsteht eine Vertrautheit und das Gefühl, dass dieser eigentlich unbeschreibbare Raum eine Entsprechung in uns selbst hat. Wir fühlen uns ihm verbunden. Er führt uns in eine Entgrenzung der engen Räume, in denen unser Leben stattfindet. Er schleift die Mauern der Angst vor der eigenen Nichtigkeit, der Schwäche und überwindet damit sogar die Grenzen eines engen religiösen Verständnisses. Hierhin zieht es schon jetzt unsere Gedanken, himmelwärts, wo all unsere Gefangenschaft in dieser Welt aufgehoben wird in der unendlichen Sphäre der Begegnung mit Gott.

Landesbischof Ralf Meister