2012_05_15

Bild: Alexander Stein/JOKER

Männliche Vorbilder - vorbildliche Männer

Tagesthema 14. Mai 2012

Große Helden in Not – „Das Vorbild Mann“ ist in der Krise

Macho geht nicht, Weichei auch nicht. Doch wie soll er sein, der vorbildliche Mann? Perfekte Idole seien da gar nicht gefragt, sagen Praktiker in der Jugendarbeit und Experten. Auf Typen kommt es an. Echte Typen.

Der Vater sitzt am Klavier, sein kleiner Sohn (14 Monate) steht daneben und greift von unten in die Klaviertasten
Vater und Sohn (14 Monate) am Klavier. Bild: Gudrun Petersen/JOKER / epd-Bild

Geschafft! Sieben Tage waren Väter mit ihren Söhnen auf zwei selbst gebauten Flößen unterwegs. Nach 175 Kilometern auf Aller und Weser ist Diakon Dieter Niermann mit seiner Gruppe in Bremen angekommen. „Wir haben auf engstem Raum die Langsamkeit entdeckt“, sagt der 44jährige Sozialpädagoge. Ein einfaches Leben, eine Gemeinschaft, in der die Jungs vorbildliche Männer erleben konnten: Väter mit Stärken und Schwächen, Männer, die füreinander einstehen.

Touren wie diese hat Niermann schon öfter für die evangelische St.-Martini-Gemeinde in Bremen-Lesum organisiert. Immer geht es dabei um Gemeinschaft. Im Team wird gekocht, miteinander der Alltag organisiert, auch mal gerangelt. „Hier sind nicht die stereotypen Männer-Bilder aus den Medien gefragt, nicht die sportlich-attraktiven Kerle, die immer erfolgreich sind. Hier kommt es auf die Vielfalt an“, sagt Niermann.

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Ein Vater liest seiner Tochter vor. Bild: Hanna Spengler / epd-Bild

Doch das „Vorbild Mann“ ist in der Krise, die großen Helden sind in Not, sagt der Kölner Buchautor, Soziologe und Männerforscher Thomas Gesterkamp. Integre Persönlichkeiten, die als Identifikationsfigur dienten und Orientierung geben könnten, seien auch in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft selten. Einst wertgeschätzte männliche Rollen würden infrage gestellt, abgewertet oder gar für überflüssig erklärt. Ob es da nun um den Ernährer, um den Beschützer oder den Bestimmer geht - nichts gilt mehr so wie früher.

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Neugeborenes Baby liegt auf dem Arm seines Vaters. Bild: Alexander Stein / epd-Bild

Wie soll er also sein, der vorbildliche Mann? Irgendwie ein Typ zwischen Mahatma Gandhi, Albert Einstein, Steve Jobs, Mrs. Doubtfire und Arnold Schwarzenegger? „Nicht zu viel Weichei und nicht zu wenig Macho, aber auch nicht zu viel Macho und zu wenig Weichei“, sagt Gerd Kiefer, theologischer Vorsitzender der Männerarbeit in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

„Männliche Vorbilder - vorbildliche Männer“ lautet ihr Thema, das auch das Jahresmotto der EKD-Männerarbeit ist. Sie greift damit ein Thema auf, das Männer nicht gerade gut aussehen lässt. Schließlich waren es zuletzt Prominente wie Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi und Banker Josef Ackermann, die das Bild formten. Wulff auf seinen Vorteil bedacht, Berlusconi auf seinen „Bunga-Bunga-Partys“ gockelhaft und sexistisch, schließlich Ackermann, der symbolhaft für den ungezügelten Finanzkapitalismus steht.

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Ein seltenes Bild in deutschen Kindertagesstätten, denn männliche Erzieher sind in Krippen, Kitas und Horten meist allein unter Frauen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Klar, den perfekten Mann gibt es nicht. „Was mit dem Etikett Vorbild empfohlen wird, ist die Untadeligkeit, die Gebotstreue, die Verkörperung des Idealen, sozusagen hundert Punkte“, sagt der hannoversche Landespastor für Männerarbeit, Henning Busse. „Aber real existierende Menschen sind nie der Idealzustand.“

Aber ein Beispiel geben können sie doch. Wie Dieter Niermann und die Männer, die auf den Flößen füreinander Verantwortung übernehmen. Oder wie Andreas Richter, der die Fußballer einer Jugendspielgemeinschaft betreut. „Als Trainer möchte ich meinen Jungs Pünktlichkeit, Disziplin und Teamgeist im Sieg wie in der Niederlage vorleben“, sagt er. Idole seien da gar nicht gefragt. „Die Jungs brauchen Bezugspersonen, Typen, die du anfassen und vor allem ansprechen kannst.“

Die Hauptsache ist dabei für Richter wie für Niermann das gemeinsame Erlebnis, der Spaß, ein authentischer Mann zu sein. „Die große Herausforderung besteht darin, mit Unvollkommenheit verantwortungsvoll umzugehen“, sagt Gerd Kiefer. „Vorbilder können das. Möglicherweise nehmen sie sich nicht ganz so ernst, können Fehler eingestehen und auch mal über sich selbst lachen.“

„Vorbilder sind keine Idole“, sagt auch der Hannoveraner Henning Busse. „Ein Vorbild, das ist jemand, der mich beeinflusst hat auf dem Weg zu werden, was ich bis heute geworden bin.“ Und dafür ist auch Zeit nötig. Zeit, um gemeinsam Fußball zu spielen. Oder um ein Floß zu bauen.

Von Dieter Sell (epd)

Forscher sieht „Vorbild Mann“ in der Krise

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Thomas Gesterkamp Bild:privat

Wer männliche Vorbilder sucht, hat es zurzeit schwer. Integre Persönlichkeiten, die als Identifikationsfigur dienen und Orientierung geben könnten, seien in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft selten, sagte der Kölner Männerforscher Thomas Gesterkamp dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Stattdessen bestimmten Männer wie Christian Wulff, Silvio Berlusconi und Josef Ackermann das Bild, sagte der Buchautor und Soziologe. „Wulff hat sich von Lobbyisten einladen lassen, Berlusconi hat mit gockelhaftem und sexistischen Verhalten Schlagzeilen gemacht, und Ackermann ist zum Symbol eines Finanzkapitalismus geworden, der an unregulierten Märkten zockt.“

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Ein Polizist auf einem Motorrad spricht mit einem kleinen Mädchen auf einem Fahrrad. Bild: Wolfgang Herath / epd-Bild

Es sei schwierig, ein vorbildlicher Mann zu sein, wenn einst wertgeschätzte Rollen infrage gestellt, abgewertet oder gar für überflüssig erklärt würden, sagte Gesterkamp. „Dazu gehören die Rollen als Ernährer, als Beschützer und als Bestimmer.“ Weil zudem Väter, die im Job erfolgreich seien, zu Hause selten auftauchten, hätten auch die Kinder oft andere männliche Vorbilder: „Das sind dann Bildschirmhelden aus Film, Fernsehen und virtuellen Computerwelten.“

Andererseits hätten die SPD-Politiker Franz Müntefering und Franz-Walter Steinmeier demonstriert, dass auch Fürsorglichkeit zum männlichen Lebensentwurf gehören könne: „Müntefering zog sich zeitweise zurück, um seine sterbenskranke Frau zu pflegen. Steinmeier nahm eine Auszeit, um seiner Partnerin eine Niere zu spenden.“

Buchcover

Doch auch wenn Männer nicht perfekt seien, und die „Kerle“ in der Krise steckten - „es gibt noch immer Facetten männlicher Identität, die zum Vorbild taugen“, urteilt Gesterkamp. „So mag der Alleinernährer ein Auslaufmodell sein, aber der zuverlässige finanzielle Mitversorger wird nach wie vor geschätzt.“ Und selbst wenn der Mann als Beschützer, in Deutschland besonders der Soldat, out sei - körperliche Hilfe etwa beim Gepäck im Zug und Schutz in bestimmten Situationen machten noch immer Sinn.

Keiner wolle den alten Patriarchen zurück, sagt der Männerforscher. „Aber Glaubwürdigkeit, Authentizität, Verantwortungsbewusstsein und fehlende Käuflichkeit sind gewünscht - nicht nur im Amt des Bundespräsidenten.“ Auch als Liebhaber gibt es nach Einschätzung Gesterkamps vorbildliches Verhalten für Männer: „Im achtungsvollen Verhältnis zu Frauen, erotisch und männlich-fordernd, ohne übergriffig zu sein.“

epd-Gespräch: Dieter Sell

Mehr über Thomas Gesterkamp

Landesbischof Meister wünscht sich anderen Vatertag

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Landesbischof Ralf Meister

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister wünscht sich einen von Christi Himmelfahrt losgelösten Vatertag. „Väter, die ihre Vaterschaft ernst nehmen, sollte man besonders würdigen“, sagte der Bischof am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nach österreichischem Vorbild könne ein Sonntag nach Pfingsten im Frühsommer in Kirche und Gesellschaft dazu bestimmt werden, ernsthaft über die Vaterrolle nachzudenken.

Wenn für den Vatertag ein anderer Termin gefunden sei, könne Christi Himmelfahrt als Feiertag wieder stärker in den Blick kommen, sagte Meister. Der Himmel stehe als symbolischer Ort dafür, dass Gott allen Menschen nahe sei. Deshalb würden in den Kirchengemeinden an diesem Tag viele Gottesdienste unter freiem Himmel gefeiert.

Was sich in Deutschland an Ritualen zum inoffiziellen „Vatertag“ am Feiertag Christi Himmelfahrt entwickelt habe, sei nicht geeignet, über das Vatersein nachzudenken, sagte Meister, der selbst zwei Söhne und eine Tochter hat. Der Bischof wies darauf hin, dass es überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene seien, die mit Bierkästen loszögen. „Wer so etwas als Vater tut, sollte noch mal überlegen, ob er seinen Kindern wirklich gerecht wird.“

In Österreich wurde der Vatertag 1955 analog zum Muttertag eingeführt und am zweiten Sonntag im Juni begangen. Väter erhalten kleine Geschenke. Auch zahlreiche andere Länder feiern einen Vatertag.

epd-Gespräch Michael Grau

Das Buch von Thmas Gesterkamp

Die Krise der Kerle
Männlicher Lebensstil und der Wandel der Arbeitsgesellschaft

Die steigende weibliche Erwerbsbeteiligung ist der wichtigste Wandel seit der Industrialisierung. Frauen betrachten ihren Beruf nicht mehr als Intermezzo vor Heirat und Familiengründung. Doch gleichzeitig sinkt die Zahl der Arbeitsplätze für beide Geschlechter. Die „Krise der Kerle“ ist eine Krise der männlichen Identität und der politischen Strukturen, die auf dem Mann als Haupternährer beruhen.

Debatten über die Zukunft von Erwerbsgesellschaft und Sozialstaat werden bisher kaum unter "Gender"-Aspekten geführt. Impulse in diese Richtung gingen meist von der Frauenforschung aus. Thomas Gesterkamp diskutiert die männliche Perspektive.

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