2012_05_08

Bild: Werner Krueper  

Singen für die Seele

Tagesthema 07. Mai 2012

Immer mehr Krankenhäuser in Deutschland entdecken: Gesang fördert die Gesundheit

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Ergotherapeutin bei der Musiktherapie am Bett eines Altenheim-Bewohners. Bild: Werner Krueper / epd-Bild

Singen ist ein bisschen wie Schokolade essen. Es kann Glücksgefühle auslösen. Diese Erkenntnis greifen die „Singenden Krankenhäuser“ auf. Dabei dürfen Patienten laut werden, indem sie gemeinsam Lieder anstimmen. Das unterstützt oft auch die Therapie.

Durch die offene Tür schallt Gesang in den Flur. Die Töne locken weitere Teilnehmer zu der Gruppe, die sich regelmäßig im Kulturzentrum der Psychiatrischen Klinik Lüneburg trifft. 20 Frauen und Männer sitzen im Kreis und singen: „Ich bin da.“ Einige finden mit leisen Tönen erst allmählich in das Lied. Dann werden sie lauter: „Du bist da.“ Bald fügen sich die Stimmen zur gemeinsamen Melodie: „Wir sind da.“ Die Klinik gehört zu den rund 20 „Singenden Krankenhäusern“ in Deutschland.

Bis zum Freitag war sie Gastgeberin der Bundestagung des in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätigen Vereins „Singende Krankenhäuser“. Seine Mitglieder wollen mit Liedern dazu beitragen, dass Menschen sich besser fühlen. 2006 hat der Musiktherapeut Wolfgang Bossinger in der Psychiatrischen Klinik Christophsbad im schwäbischen Göppingen die erste Singgruppe ins Leben gerufen. Mittlerweile erforscht der Verein auch wissenschaftlich, wie Singen der Seele gut tut.

Der Oldenburger Musikwissenschaftler Gunter Kreutz hat für eine Studie 23 Singleiter befragt. Sie berichten von positiven Körpererfahrungen bei Krebspatienten. Das Singen wirke gegen Schmerzen und Depressionen und stifte Gemeinschaft unter Menschen, denen der Kontakt zu anderen sonst schwer fällt, fasst er Ergebnisse zusammen.

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Unter der Anleitung einer Krankengymnastin machen Senioren Übungen aus dem Programm Fit für 100. Bild: Jörg Stipke / epd-Bild  

In der Lüneburger Klinik wandert die Gruppe um Andreas Paff durch den Raum. "Viele hier sind im Verlauf der Krankheit verstummt", erläutert der Musiktherapeut. „Beim Singen lernen sie, mal wieder laut zu sein. Das macht eine Tür auf.“ Mit kreisenden Armen lockern die Patienten, Ehemalige und Gäste die Schultern. Sie jammern „Ojojojojoy“ und klagen damit mal für alle hörbar.

Eine 51-Jährige, die wegen einer Psychose in der Klinik ist, schätzt die Atmosphäre. Die Singgruppe ist für sie ein Gegenbild zum oft belastend rauen Umgang im Alltag, gibt ihr Rückhalt. „Ich bin viel allein“, sagt sie. „Die Gemeinschaft tut mir gut.“

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Ergotherapeutin bei der Musiktherapie am Bett eines Altenheim-Bewohners. Bild: Werner Krueper / epd-Bild  

Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther sieht im Singen ein Mittel gegen die Angst. „Man muss dabei eine Körperhaltung einnehmen, die das Gegenteil einer ängstlichen ist“, sagt er. Töne zur Melodie zu verbinden, sei eine komplexe Leistung, die emotionale Zentren im Gehirn aktiviere. „Singen ist immer auch mit Gefühlen gekoppelt.“ Wer mit anderen singe, fühle sich nicht mehr allein.

Hüther empfiehlt, mit Kindern zu singen. Nach seinen Forschungen wirkt sich das positiv auf die Entwicklung ihrer Gehirne aus. Doch auch bei Erwachsenen könne Gesang heilsam wirken. Er setze angstmachenden Diagnosen und dem Gefühl der Hilflosigkeit etwas entgegen. „Menschen brauchen das Gefühl, dass sie selbst etwas tun können.“ Singen könne jeder, wenn er sich darauf einlasse.

Andreas Paff schlägt zum afrikanischen „Sanna Sannanina“ die Gitarre an. Ein Mann greift zur Trommel, ein anderer zum Schellenkranz. Und die Frau, die eben noch die Arme verschränkt hat, klatscht mit. „Am besten gefällt mir, dass es hier keinen Leistungsdruck gibt“, schwärmt die 49-jährige Janah.

Die vom Verein „Singende Krankenhäuser“ ausgebildeten Gruppenleiter achten auch auf die Texte, die Mut machen sollen. „Ich wünsche Dir tiefen Frieden am Ende Deines Tages“, singt die Lüneburger Gruppe zum Schluss. „Das ist etwas, was ich mitnehme und mir abends sage, oder innerlich singe“, sagt die 51-Jährige. „Gesungen prägt es sich besser ein.“

Mittlerweile gewinne die Idee auch in Altenheimen Anhänger, sagt die Geschäftsführerin der „Singenden Krankenhäuser“, Sonja Heim. In Berlin wurde kürzlich das erste „Singende Hospiz“ für sterbenskranke Patienten zertifiziert. Der Verein unter Schirmherrschaft von Gerlinde Kretschmann, der Frau des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, bemüht sich um Förderungen durch die Krankenkassen. Singen wirke auch präventiv, sagt Heim. Es stärke die Abwehr und setze Glückhormone frei: „Das ist ein bisschen wie Schokolade essen.“

Von Karen Miether (epd)

Singende Krankenhäuser: Internationales Netzwerk zur Förderung des Singens in Gesundheitseinrichtungen

Musik tut der Seele gut -nicht nur, wenn jemand krank ist und viel Kraft für einen neuen Lebensweg braucht, sondern einfach auch zwischendurch: Etwa in der Fußgängerzone in Wolfsburg, wo die „Bläserskulpturen“ der Aktion „NEULAND“ aufgetaucht sind.

Stimmen der Passanten

08 Arnold Schröter im Sopran. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. (c) by Silke Lindenschmidt
Arnold Schröter im Sopran. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. Bild: Silke Lindenschmidt

„Gänsehaut pur!“ (Gäste aus Salzwedel)

„Mich begeistert, dass man mittendrin ist und der Klang von allen Seiten kommt. Man ist Teil des Orchesters – dazu hat man sonst selten Gelegenheit.“ (Frau Rautenberg, Wolfsburg)

„Es ist so schön, aus dem Parkdeck zu kommen und mit „Sollt ich meinem Gott nicht singen“ begrüßt zu werden“. (Beate Bergmann, Wolfsburg)

14 Edeltraud Buzin im Bass. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. (c) by Silke Lindenschmidt
Edeltraud Buzin im Bass. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. Bild: Silke Lindenschmidt

„Es ist ein erhebendes Gefühl mitten in der Musik zu stehen. Man fühlt sich umgeben und wird ruhiger. – Drinnen in der Citygalerie ist Public Viewing, aber wir haben uns gedacht, wir hören lieber zu – der VFL spielt auch ohne uns.“ (Karin Meyer, Wolfsburg)

„Man fixiert sich nicht so auf den Einkauf, sondern man kommt auch mal zum Innehalten. Man kommt ja nicht so oft in die Kirche, und ich genieß das in der Akustik hier draußen gerade sehr.“ (Doris Parada, Wolfsburg)

„Hallo, ich habe Euch in Wolfsburg erlebt und ich finde, dass Ihr richtig gut seid. Kirchliche Musik, wenn sie Qualität hat, ergreift mich. Weiter so und viel öfter öffentlich!“ (Volker Hansen-von Knobelsdorf via Mail)

„Tolle Bilder, tolle Idee - dazu kann man nur gratulieren ! Die Fotos sprechen eine klare Sprache! Zeit, die eigentlich fehlt ist plötzlich da - Abstand von der Hast des Tages…“ (Daniela Grußendorf-Zache via Facebook)

„Ich find, es ist eine tolle Erfahrung und ein so großer Unterschied, ob man von draußen oder von drinnen hört. Mein Sohn sagte gerade strahlend: „Das ist wie Weihnachten“.“ (Stefanie und Niklas Leppler, Wolfsburg)

15 Siegfried Knopp wartet auf seinen Einsatz. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. (c) by Silke Lindenschmidt
Siegfried Knopp wartet auf seinen Einsatz. NEULAND-Bläserskulpturen in Wolfsburg. Bild: Silke Lindenschmidt

„Ich find, es ist eine tolle Erfahrung und ein so großer Unterschied, ob man von draußen oder von drinnen hört. Mein Sohn sagte gerade strahlend: 'Das ist wie Weihnachten´'.“  (Stefanie und Niklas Leppler, Wolfsburg)

„Die Musik find ich richtig gut.“ (Theofil Ratmann, 5 Jahre)

„Ich bin fasziniert stehen geblieben von der Musik. Ich höre es gern. Kirchenmusik hab ich sowieso in den Ohren. Ich geh zwar kaum in den Gottesdienst, aber sehr gern in Kirchenkonzerte.“

„Es ist sehr faszinierend, wenn die Klänge von allen Seiten kommen – viel
besser als von draußen.“ (Petra Schischke, Wolfsburg)

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