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Bild: Wiebke Ostermeier

Gottesklang: Rendezvous mit Musik

Tagesthema 05. Mai 2012

Ohne Einladung genießt es sich besser

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Ulf Pankoke singt und spielt am Hohnsensee barocke Kirchenmusik, Christoph Malinski hat auf der Gartenbank Platz genommen und lässt sich mit seinem Hund vom Klang des Harmoniums verwöhnen. Bild: Ralf Neite

Die Szenerie ist unwirklich: Am Hohnsen-See, mitten auf der Liegewiese, sitzt ein Mann im schwarzen Anzug und spielt Harmonium, singt etwas in lateinischer Sprache und stimmt schließlich ein Hallelujah an. Unterdessen laufen Jogger vorbei, Mütter schieben Kinderwagen vorüber, Jugendliche schütteln belustigt den Kopf, Radfahrer drosseln ihr Tempo. Und manche der Passanten setzen sich einfach auf die Gartenbank neben dem Harmonium, um eine Weile lang zuzuhören.

Die Evangelische Landeskirche betritt derzeit „Neuland“ mit ihrem gleichnamigen Projekt, um die Kirchenmusik aus den ehrwürdigen Mauern herauszuholen und mitten unter die Menschen zu bringen – in Fußgängerzonen, auf Inselfähren oder in Wildparks. Klanginstallationen, Performances, Experimente, Konzerte und spontane Ständchen wie jetzt am Hohnsen sollen neue Begegnungen mit einer Musik ermöglichen, die viele Menschen bisher als ernst und ein bisschen angestaubt betrachtet haben. Wichtig dabei: Die Aktionen sind immer überraschend, werden nirgendwo vorher angekündigt. Man muss einfach Glück haben und zur rechten Zeit am richtigen Ort sein.

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Ulf Pankoke - Bild: Silke Lindenschmidt

Das „Musikalische Rendezvous“ mit dem Lüneburger Ulf Pankoke ist eine dieser „Neuland“-Ideen, und Hildesheim ist die erste Station. Am Parkhaus-Deck in der Arnekengalerie, im Magdalenengarten und am Hohnsensee stellt er sein wertvolles Harmonium auf, daneben immer die Gartenbank mit den weichen gelben Polsterkissen. Die ZuhörerInnen sollen es ja bequem haben und die Musik genießen können.

Die ist in diesem Fall übrigens ganz klassisch und gar nicht experimentell. Ulf Pankoke, im Hauptberuf Landesposaunenwart der evangelischen Kirche, interpretiert Werke des frühen bis späten Barock, von Monteverdi bis Campra. „Affekte spielen eine große Rolle, das finde ich spannend“, sagt der Musiker, „und ich mag die Musik so sehr, dass ich sie auch gerne für mich spiele.“

Dazu hat er anfangs reichlich Gelegenheit, denn das Konzept will zunächst nicht aufgehen. Die Projektleiterin Silke Lindenschmidt und andere „Neuland“-Mitarbeitende versuchen, Passanten mit Postkarten auf die Aktion aufmerksam zu machen und sie auf die Bank zu lotsen. Doch nur wenige trauen sich, zumal eine Fotografin das Ganze dokumentiert.

Also probiert das Team bei der dritten Station eine neue Taktik aus: Es werden keine Informationen mehr verteilt, keine Einladungen ausgesprochen. Statt dessen singt und spielt Ulf Pankoke allein auf der Wiese. Und jetzt bleiben die Leute stehen, lesen sich den Text eines Info-Plakats am Rand des Weges durch – und nehmen das Angebot zum Privatständchen an. Einige Genießer bleiben viele Stücke lang sitzen, und eine Mutter beginnt mit ihrer kleinen Tochter sogar zu tanzen. Am Ufer des Hohnsensees ist Neuland in Sicht.

Von Rolf Neite

Neuland in der Einkaufspassage

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Auftritt an einem ungewöhnlichen Ort: Ulf Pankoke spielt und singt bei der Aktion „Neuland – Kirchenmusik an ungewöhnlichen Orten“ in der Hildesheimer Arnekengalerie. Bild: Michael Vollmer / Evangelische Zeitung

In der Arnekengalerie in Hildesheim scheint an diesem Vormittag alles seinen gewohnten Gang zu gehen: Eine Mutter stöbert mit ihren Kindern in den Auslagen eines Modegeschäfts, nebenan bereitet sich ein Imbissbesitzer auf das Mittagsgeschäft vor.

Ein Tag wie jeder andere, wenn da nicht auf der Empore Ulf Pankoke auf seinem Harmonium Kirchenlieder spielen würde. Für einen Moment lässt der Musiker die Besucher der Galerie im Trubel der Zeit zur Ruhe kommen.

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Unvermittelt bleiben in den Gängen des Centers die Besucher in Grüppchen stehen. Für ein paar Momente lassen sie sich von der Musik inspirieren. Bild: Michael Vollmer / Evangelische Zeitung

Mit diesem Auftritt in dem Center will die hannoversche Landeskirche neue Akzente in der Kirchenmusik setzen. Bis Mitte Juli gibt es unter dem Titel „Neuland“ überraschende kirchenmusikalische Aktionen und Konzerte an Orten, wo man sie nicht unbedingt vermutet. Kinder-, Gospel- und Kirchenchöre, Bläserensembles und Solisten musizieren in Fußgängerzonen, im Wildparkgehege, im Einkaufszentrum oder auf einer Inselfähre. Nach Stade war Hildesheim der zweite Neuland-Ort. Die weiteren bleiben indes geheim.

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Silke Lindenschmidt

Mit den Tönen an ungewöhnlichen Orten möchte die Landeskirche einen Dialog zwischen Kirchenmusik und Gesellschaft anregen. Initiatorin ist Silke Lindenschmidt vom Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik am Michaeliskloster Hildesheim. „Mit den vielfältigen Neuland-Formaten gehen wir auf Menschen zu und bieten mitten im Alltags- oder Freizeittrubel überraschende Begegnungen mit Musik“, erläuterte die Koordinatorin. Interaktive Performances und Klanginstallationen würden spannende musikalische Erfahrungsräume eröffnen. „Sie bieten einen leichten, spielerischen Zugang zu klassischer und experimenteller Kirchenmusik“, so Silke Lindenschmidt.

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Oberlandeskirchenrat Klaus Grünwaldt (Bild) ergänzt: „Mit Neuland bringen wir die Botschaft des Glaubens klangvoll und begeisternd mitten ins Alltagsleben. Das ist Kirchenmusik zum Mitmachen und Erleben, das weckt Lust auf mehr.“ Neben der eigentlichen Musik gehören Aufbau, Abbau und Weg zu einem neuen Spielort gleichermaßen zur Performance. So weckt nicht nur das Konzert selbst das Interesse der Passanten, auch schon der Weg des Künstlers, der selbst ein Instrument und die Sitzgelegenheit, eine rustikale Gartenbank, transportiert, bietet ein ungewöhnliches Bild, das Blicke auf sich zieht und Neugierde weckt.

Das war auch in der vor wenigen Wochen eröffneten Arnekengalerie der Fall. Die Spaziergänger ließen sich einen Moment vom Spiel am Harmonium und dem Gesang begeistern. Und so schnell, wie das Spiel begann, war es dann auch schon wieder beendet. Doch das nächste Spontan-Konzert am Hohnsensee ließ nicht lange auf sich warten.

Von Michael Vollmer (Evangelische Zeitung)

Der Start von Neuland in Stade

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Technischer Leiter Markus Jablonski beim Aufbau der Spielfelder. Start von Neuland in Stade. Bild: Wiebke Ostermeier

Die erste Aktion: „Macht Kirchenmusik!“ mit dem Ensemble Lappland - was dort geschehen ist.

Was in Stade geschehen ist
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Pressekonferenz zum Gottesklangfest. Bild: Ralf Neite

Von Orgel bis Gospel, von Klassik bis Pop: Beim Festival „Gottesklang - das Fest“ am 9. Juni in Hildesheim will die hannoversche Landeskirche erstmals die ganze Bandbreite der aktuellen Kirchenmusik vorstellen. „Wer heute in die Kirche geht, ist nicht mehr nur mit Paul Gerhardt, sondern auch mit Paul McCartney aufgewachsen“, sagte der evangelische Oberlandeskirchenrat Klaus Grünwaldt am Donnerstag in Hildesheim. Paul Gerhardt ist der bekannteste protestantische Kirchenlied-Dichter des 17. Jahrhundert.

Mehr über die Ankündigung des Gottesklangfestes - vom epd

Landesbischof zu „Gottesklang“

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