2012_05_03

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Esoterik - eine Welle auch für die Kirche?

Tagesthema 02. Mai 2012

Esoterik-Welle: Wird der christliche Glaube von der Welle getragen oder im Strom mitgerissen?

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Esoterik – Wird der christliche Glaube von der Welle getragen oder im Strom mitgerissen? Bild: Evangelische Zeitung

Wo volkskirchliche Traditionen verloren gehen und einst selbstverständliche religiöse Formen unklar werden, macht sich Neues breit. Doch während sich Experimentierfreudige von dem spirituellen Crossover neue Impulse erhoffen, warnen Kritiker vor einer Esoterisierung des christlichen Glaubens. Wie weit darf die Kirche bei ihrer Annährung an andere Traditionen gehen?

Das Wort „esoterisch“ ist inflationär geworden. Deshalb kann eine Antwort auf die Frage, wie viel Esoterik in der Kirche sein soll oder darf, nicht pauschal gegeben werden. Lenken wir unser Augenmerk also auf die Sinnsuche, von der gesagt wird, dass viele Menschen sie in den erstarrten Strukturen und betont intellektuellen Lehren der Kirche nicht mehr erfüllt sehen. Wird das ernst genommen, so tut Kirche gut daran, in erster Linie selbst etwas Neues aufzubauen und dabei den Dialog mit aufgeschlossenen Esoterikern zu suchen, dabei aber behutsam zu sein.

Was ist das Neue, besser: die Neugestaltung des Alten? Es geht nicht nur um die Einrichtung von Meditationskursen und andere Aktivitäten. Es geht auch um Informationen, die Schultheologie nicht anbietet. Das ist mir beispielsweise bei meiner Befassung mit sogenannten Nahtoderfahrungen deutlich geworden. Ein Mann oder eine Frau, religiös nicht interessiert, vielleicht noch traditionell Mitglied einer Kirche, hat eines Tages bei einer Krankheit oder nach einem Verkehrsunfall ein Erlebnis der Lösung vom eigenen Körper, schwebt mit unsagbaren Glücksgefühlen auf ein Licht zu, fühlt sich angenommen und begegnet Verstorbenen, wird aber zu seiner Enttäuschung noch einmal zurückgesandt. – Er oder sie geht dann zum Pastor, um ihm freudestrahlend von dem spirituellen Erlebnis zu berichten und die Veränderung, die es bewirkt hat. Reaktion des Pfarrers, dem Sinne nach: „Mit derartigen esoterischen Fantasien möchte ich nichts zu tun haben“. Wahrscheinlich drückt sich hierin kein böser Wille aus, sondern herrscht Unkenntnis über Inhalt und Bedeutung derartiger Erfahrungen, die bei irgendeinem Menschen auftreten können und oft zum Glauben an ein Leben nach dem Tod führen, aber auch weitere Sinnfragen aufwerfen.
Hier taucht nun ein tiefer liegendes, innertheologisches Problem auf: Hat denn christlicher Auferstehungsglaube wirklich so unmittelbare Beziehung zum menschlichen Erlebe, wie es in den Nahtoderfahrungen zum Ausdruck kommt? Wie weit darf oder soll die Theologie gehen? Haben die Pastorinnen und Pastoren nicht an der Hochschule gelernt, die Vorstellung einer unsterblichen Seele sei griechischen Ursprungs und stehee nicht im Neuen Testament? – Meine Auffassung dazu als eines Naturwissenschaftlers und Nichttheologen: Ich habe auch andere theologische Einschätzungen gelesen, und im Übrigen hängt der benutzte Begriff „Seele“ von dem Weltbild ab, auf dessen Hintergrund man argumentiert. Die Theologie, besser: viele ihrer Vertreter, wollten einer naturwissenschaftlich aufgeklärten Welt entgegenkommen und, schafften die unsterbliche Seele ab und damit verbunden, jegliches übersinnliche Geschehen und Erkennen, das in einem materialistischen Weltbild nicht zulässig ist.

Nun hat sich aber mit der modernen Physik das naturwissenschaftliche Weltbild grundlegend geändert. Man kann in ihm die – behutsam formulierte -Vorstellung einer unsterblichen Seele wieder unterbringen. Sie ist damit nicht erklärt, aber der Aufsehen erregenden Entdeckung des niederländischen Kardiologen van Lommel und seiner Kollegen bzw. Mitarbeiter steht das neue Weltbild nicht mehr im Weg: Die Ärzte haben wiederbelebte Patienten systematisch befragt und herausgefunden, dass Wahrnehmungen bei Herzstillstand möglich sind, die nicht durch Hirnvorgänge verursacht sind und von denen man sinnvollerweise vermuten kann, dass sie von etwas wie einer vom Körper gelösten Seele getätigt werden.
Die Gefahr besteht, dass Esoteriker derartige neue Erkenntnisse einseitig für ihre Lehren vereinnahmen und christliche Theologen den Aufbruch in neue Denkwelten versäumen. Es geht paradoxerweise nicht darum, esoterischer zu werden, sondern Alternativen zur esoterischen Deutung neuer Ergebnisse der Naturforschung zu schaffen. Der Dalai Lama redet gern mit Quantenphysikern. Theologen können ihn in dieser Hinsicht als Vorbild betrachten.

Im Neuen Testament spielen übersinnliche Erfahrungen eine bedeutende Rolle, insbesondere bei den Erscheinungen des Auferstandenen, die nun ähnlich wie die Nahtoderfahrungen neu gedacht werden können. Scheinbar Veraltetes erweist sich als „modern“. – Auf dieser Grundlage kann in neuer Weise mit ureigener christlicher Spiritualität umgegangen werden, ohne Esoterik zu kopieren.

Prof. Dr. Günter Ewald ist Mathematiker. Er gehörte 14 Jahre dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags an und war 20 Jahre Kuratoriumsmitglied der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschaungsfragen (EZW) (aus: Evangelische Zeitung)

Kirche soll Gelegenheiten zur Begegnung mit Gott geben

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Thema: Esoterik. Bild: Evangelische Zeitung

Es befremdet, dass Gott mit einem Mann namens Jesus eins wurde und mit ihm an einem Kreuz starb. Wem das zu schaffen macht, der befindet sich in
bester Gesellschaft. Auch Maria und Joseph ging Jesus früh verloren. Im Lukasevangelium wird das erzählt. Sie verloren ihn während des Festrummels eines Passahfestes. Da, wo sie ihn vermuteten, fanden sie ihn nicht: weder bei den Verwandten, noch bei den Bekannten.

Erst nach drei Tagen stießen sie auf ihn. Er lehrte im Tempel, steckte als Zwölfjähriger alle Erwachsenen an Klugheit locker in die Tasche, und sagte, dass der Tempel das Haus seines Vaters sei. Seine Eltern hätten stolz auf ihn sein können.

Das Gegenteil war der Fall. Sie fanden ihn dort deplaziert. Sie weigerten sich, ihn dort zu suchen, wo er sich finden lassen wollte, bei Gott. Entsprechend reagierte seine Mutter und fragte: „Warum hast Du uns das angetan?“ Das ist eine typische Elternfrage. Sie kann aber zu einer Grundsatzfrage werden: „Warum hat Gott uns das angetan? Warum wird er Mensch in einer Person, die vor gut 2000 Jahren in der römischen Provinz Judäa zur Welt kommt, und stirbt am Kreuz?“ Da hätten wir Gott nie gesucht. Denn Gott ist nicht da geblieben, wo er gefälligst zu sein hat, in der Transzendenz, im Horizont, im Unsichtbaren, im Unendlichen und Ewigen, in den Idealen, in den Werten... Gott schlägt auch nicht ins Gegenteil um, ist nur noch tot, ist nur noch ohnmächtig, ist nur noch solidarisch. Gott in Jesus konnte ein Asket in der Wüste sein, lag bei Fressern und Weinsäufern, war leidenschaftlich Mensch und tanzte aus der Reihe.

Zuletzt tanzte er am Kreuz aus der Reihe, die der Tod mit den Menschen tanzen wollte, hinein in das ewige Leben. Darauf kommt einiges an. Eine Haltung, die sich damit zufrieden gibt, ein bisschen ethischer, hinreißend nachdenklich und sensibel für Schuld zu sein, und betont, dass sich das menschliche Dasein auf die Zeitspanne zwischen Wiege und Bahre beschränkt, hat Gott in Jesus Christus schon verloren.

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Akademiedirektor Stefan Schaede Bild: Jens Schulze

Seine Eltern verloren Jesus, weil sie ihn für die Räume passend machen wollten, in denen sie ihn gerne hätten. Gott will aber in Jesus nicht für unsere Räume passend gemacht werden. Umgekehrt lockt er uns in seine Räume, in denen wir uns ganz neu einordnen können. Der springende Punkt ist aber: Diese Räume können wir nicht selber suchen. Nie würden wir die finden. Hier gilt streng, was Pablo Picasso einmal von seiner Arbeit am Bild gesagt hat: „Ich suche nicht, ich finde.“ Das formuliert für mich, was Aufgabe der Kirche ist. Sie soll reichlich Gelegenheiten geben, ihn zu finden. Das geht nicht naturwüchsig. Das geht nur mit einer vielfältigen Erzähl- und Lebenskultur.

Meine Gelegenheit war übrigens ein theologischer Hörsaal. So spät muss es nicht sein. Es gibt glücklicherweise noch viele andere Gelegenheiten: im Kindergarten, in der Schule, im Gottesdienst, beim Taufgespräch, nach einer Beerdigung, überall da, wo Chris-ten sich öffentlich zu Wort melden. Hauptsache, eins wird klar: Gut, dass Gott uns das angetan hat – in Jesus von Nazareth Mensch zu werden.

Dr. Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie Loccum (aus: Evangelische Zeitung)

Kritisch prüfen - Esoterische Angebote

Rund zehn Milliarden Euro werden bundesweit auf dem Markt der Esoterik umgesetzt. Die Tendenz ist steigend. Sowohl die Zahl der Anbieter als die der Nachfrager esoterischer Angebote nehmen zu.

Die Szene habe sich ausdifferenziert, erklärte Jürgen Schnare, Beauftragter für Weltanschauungsfragen im Haus kirchlicher Dienste. Eine Umfrage des Hessischen Rundfunks zur Frage „Was glauben die Hessen?“ Ende vergangenen Jahres ergab, dass immer mehr Menschen, auch unter den Kirchenmitgliedern, offen sind für esoterische Angebote und nicht allein fokussiert auf das traditionelle Angebot der Kirche. Tendenziell sind dies mehr Frauen als Männer.
Der Wunsch nach Heilung, das Bedürfnis, ganzheitlich etwas für die Gesundheit zu tun, treibt die Menschen in diese Richtung. die Arbeit mit Reiki oder Kristallen seien Beispiele begehrter Angebote.

Zum anderen ist es die Suche nach einer Lebensorientierung, der Wunsch, etwas zu finden, das hilft, das Leben positiver zu gestalten. Verschiedene Anbieter sagten von sich, dass sie im Kontakt mit höheren Wesen stünden, die Halt und Orientierung böten, beschreibt Schnare eine Möglichkeit, die sich unter dem Begriff Channeling fassen ließe. Empfänglich für solche Angebote mache vielfach auch die Angst vor der Zukunft. Ein Beispiel dafür seien die Weltuntergangsprophezeiungen nach dem historischen Maya-Kalender. Kurz vor Weihnachten in diesem Jahr soll demnach die Welt untergehen. Anbieter, die angeblich wüssten, wie damit umzugehen sei, gingen auf diese Furcht der Menschen ein, erklärt Schnare ein Marktsegment. Ein zentrales Element zahlreicher esoterischer Angebote sei der Reinkarnationsgedanke, sagte Schnare weiter. Hier werde ein Weltbild ohne Vergebung vorgegeben, das für die Menschen Strukturen der Unfreiheit bedeute. Diesem Gedanken zufolge sei jeder für sein Leben selbst verantwortlich.

„Wir plädieren dafür, dass nicht alles vorbestimmt ist“, erklärt Schnare die christliche Sicht. „Nach dem christlichen Glauben ist diese Welt so, dass wir nicht alles Leid hundertprozentig ausmerzen können.“ Die Esoterik mache vielfach zu große Versprechungen und berücksichtige nicht die Gebrochenheit der menschlichen Existenz.

Unzufriedenheit aufgrund überzogener Versprechungen sei vielfach die Folge der esoterischen Angebote. Daher empfiehlt der Beauftragte für Weltanschauungsfragen Menschen, die sich für Derartiges interessierten, genauer zu prüfen. Sie sollten sich fragen: „Mit wem habe ich es zu tun und woher nimmt Derjenige seine Autorität?“ Und: „Ganz einfach den kritischen Verstand nicht ausschalten“, rät Schnare weiter.

Von Anja Reuper (Evangelische Zeitung)

Gute Nachrichten für den Norden

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Die Evangelische Zeitung ist das wöchentliche Sonntagsblatt für die Landeskirchen Braunschweig, Hannover und Oldenburg. Ihr Schwerpunkt ist die regionale Berichterstattung. Die Evangelische Zeitung hält ihre Leserinnen und Leser auf dem Laufenden, wenn es um Fragen des Glaubens, der Gemeindearbeit oder um die Entwicklung der Kirche geht. Sie bietet das Forum für offene und faire Auseinandersetzung bei kontroversen Themen. Jede Ausgabe erscheint 52 mal im Jahr – pünktlich zu jedem Wochenende.

Jede Woche widmet sich die Evangelische Zeitung neben aktuellen Nachrichten, kommentaren und Reportagen einem Schwerpunktthema. Dieses Mal ist es das Thema „Esoterik“ und die Frage, inwieweit diese Welle die Kiche erfasst - mehr dazu lesen Sie in der Ausgabe, die am 6. Mai erscheint.

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