2012_04_28

Bild: Dieter Sell / epd

Tafeltheater: Futter für die Seele

Tagesthema 27. April 2012

„Tafeltheater“ bietet Hartz-IV-Empfängern eine Bühne für Träume

Das Geld ist knapp, die meisten haben keinen Job, und um die Gesundheit ist es bei vielen auch nicht gut bestellt. Doch Deutschlands einziges „Tafeltheater“ ist für die Mitglieder selbst ein Fest. Hier gibt es Anerkennung satt.

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Mitglieder des bundesweit einzigen „Tafeltheaters“ proben ihr neuestes Stück „Auf nach nirgendwo!“. Bild: Dieter Sell (epd)

Langsam, ganz langsam stakst das Ensemble über die Bühne. „Alle die Hände hoch“, ruft jemand wie in Zeitlupe ins Publikum und schickt gleich hinterher: „Dies ist eine Bankübernahme - wir wollen unser Geld, alles in kleinen Scheinen.“ So startet Deutschlands einziges „Tafeltheater“ mit seiner neuesten Produktion, die am Sonnabend bei einem Gastspiel in der Theaterwerkstatt Hannover zu sehen ist. „Auf nach nirgendwo!“ heißt das Stück. Eine turbulente Geschichte von Sorgen und Träumen, mal witzig, mal sehr persönlich erzählt.

Es ist eine ungewöhnliche Theatergruppe, die das Stück selbst erarbeitet hat und zur Probe regelmäßig ins Zentrum der evangelischen Kirchengemeinde im niedersächsischen Bruchhausen-Vilsen kommt. Denn eigentlich sind die Schauspieler Kunden und ehrenamtliche Mitarbeiter der örtlichen Lebensmittel-Tafel in der Nähe von Bremen. Ein harter Kern von 30 Leuten, die von der Ausgabe in der Woche Nahrhaftes für den Leib bekommen - und durch das Theaterprojekt am Wochenende Futter für die Seele.

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 Das „Tafeltheater“ ist für die Mitglieder selbst ein Fest, denn hier gibt es Anerkennung satt und damit Futter für die Seele. Bild: Dieter Sell (epd)

Zum Ensemble gehören Laienschauspieler, Musiker und Techniker, junge und alte Hartz-IV-Empfänger, einige mit ausländischen Wurzeln. Etliche sind krank, die meisten haben kein Geld und keine Arbeit. „Hier können sie für ein paar Minuten ihren komplizierten Alltag vergessen“, sagt Initiator, Schauspieler und Theaterpädagoge Peter Henze. Die Revue erzählt von einer bunten Hausgemeinschaft, zu der auch die polnische Mitbewohnerin Mirka gehört. Sie hat im Lotto gewonnen und alle zu einer Weltreise eingeladen. Aber das Geld ist weg, die Bank hat es verzockt.

Doch die Gruppe lässt sich ihre Träume von Anerkennung und einem sorgenfreien Leben nicht nehmen. Nicht auf der Bühne, und auch nicht im alltäglichen Kampf gegen kleine und größere Nöte. „Das Theater ist gut als Ausgleich für den tristen Alltag“, sagt Mitspielerin Britta Kolkmann und freut sich: „Hier ist man was Besonderes.“ Und das schon seit knapp drei Jahren, denn so lange gibt es das „Tafeltheater“ bereits.

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Das Tafeltheaters aus dem niedersächsischen Bruchhausen-Vilsen bei Bremen. Bild: Dieter Sell (Epd)

Einer sitzt im Rollstuhl, die andere braucht Sauerstoff für ihre Lunge, ein Dritter kämpft neben dem Textbuch innerlich mit massiven familiären Problemen. Das „Tafeltheater“ ist weit mehr als eine Laienbühne. Es verbindet Kultur, soziale Hilfe und Persönlichkeitsbildung. „Die Leute helfen sich untereinander, lernen ganz nebenbei Deutsch, proben den selbstbewussten Auftritt und trainieren, wie man etwas laut und mutig sagt“, erläutert Henze, der das Projekt mit seiner Partnerin Vera Briewig leitet.

Jedes Treffen hat einen festen Ablauf. „Los geht es mit einem Erzählkreis“, sagt Henze. Intern heißt sie „Aua“-Runde, weil viele die Gelegenheit nutzen, um von ihren Sorgen zu berichten. Vom Haushaltsgeld, das wieder nicht reicht, von den Behörden, die Schwierigkeiten machen, von der Familie, in der es kracht. Aber auch Erfolgserlebnisse kommen zur Sprache: Das gewonnene Fußballspiel, ein Ausflug ins Musical, ein neuer Job. „Hier geht es um die Menschen, hier geht es um Wertschätzung“, betont Henze.

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Sie fallen aus dem Rahmen: Das bundesweit erste „Tafeltheater“ präsentiert sich: Vera Briewig und Peter Henze (rechts) führen Regie. Bild: Gunnar Schulz-Achelis (Evangelische Zeitung)  

Vielen in der Runde geht es wohl so wie Mitspielerin Heidrun Willmer, die gerne ein Euro mehr haben möchte, als sie unbedingt braucht. "Nicht reich, aber ohne Sorgen, das wär s", fasst Henze zusammen. Aber wenn schon die Probleme nicht weniger werden, nach seiner Beobachtung wächst bei manchem nach der Vorstellung auch das Selbstwertgefühl: "Ich kann etwas, ich kann anderen etwas Schönes geben, auch wenn ich gerade keine Arbeit habe."

Dazu trägt ganz bestimmt die Kaffeerunde bei, die bei keiner Probe fehlen darf. Jeder bringt etwas mit, der eine mehr, der andere weniger. Diesmal kommen Mandarinentorte, Zitronenrolle und Kekse zusammen. Nebenbei geht es um die Frage, wie der Rollstuhlfahrer in der Runde schnell an ein spezielles Sitzkissen gegen Druckgeschwüre kommt, ohne das er nicht nach Hannover mitkommen kann. Die Formalitäten mit der Krankenkasse seien haarsträubend, meint Vera Briewig. Von überall kommen Vorschläge, wie es doch gehen könnte. Am Ende ist Briewig überzeugt: "Wir werden eine Lösung finden."

Von Dieter Sell (epd)

Träume unter dem Sternenhimmel an Deck

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Auf die „Weltreise nach nirgendwo“ können alle gehen, egal, ob mit oder ohne Arbeit, ob mit Handicap oder ohne. Bild: Imma Schmidt (Evangelische Zeitung)  

Das „Tafeltheater – Futter für die Seele“ in Bruchhausen-Vilsen gab schon einmal Förderern und Medien einen Einblick in die Probenarbeit für sein neues Stück „Weltreise nach nirgendwo“. Die Inszenierung unter der Leitung von Peter Henze und Vera Briewig baut auf dem ersten, ebenfalls von den Mitwirkenden selbst entwickelten Stück des Tafeltheaters „Oh, dies wunderbare Haus“ auf.

„An der Nordseeküste ...“ tönt es aus dem Vorraum des Gemeindehauses in Bruchhausen-Vilsen, im Vorbeigehen singen Peter Henze und Vera Briewig ein paar Takte mit, holen Hocker herbei. „Es geht gleich los!“, verspricht Henze, und Vera Briewig sagt, nachher könne man in Ruhe sprechen: „Jetzt bin ich zu aufgeregt.“ Jeder bekommt ein selbst gebasteltes Fähnchen mit aufgemalten Schiffen in die Hand, anstelle einer Eintrittskarte. Und an der Decke, auf dem Treppengeländer, eigentlich überall „fahren“ selbst gebastelte Papierschiffchen – die Bastelanleitung gibt es später auch noch. Dann stehen Briweig und Henze auf der Treppe und laden die Wartenden ein, ihnen zu folgen.

Es geht los. Zunächst mit Reden und Radio und Filmbeiträgen, die von der Geschichte des Tafeltheaters erzählen. Dann folgen eindrucksvolle, ja berührende Spielszenen. Manchmal, wenn von großen Träumen unter dem „Sternenhimmel auf Deck“ die Rede ist, sind selbst die Kinder des Theaters mucksmäuschenstill.
Seit nun fast zwei Jahren gibt es in Bruchhausen-Vilsen das Tafeltheater, ein Projekt, in dem Kunden der Tafel in Syke und Mitarbeiter, aber auch Menschen mit und ohne Arbeit oder mit und ohne ein Handicap gemeinsam Theater spielen. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir eigentlich alle irgendein Handicap haben“, kommentiert Henze.

Der Sprecher der Syker Tafel, Abgabestelle Bruchhausen-Vilsen, Matthias Brockes (hier ist er ehrenamtlicher Bürger, von Berufs wegen
Pastor), antwortet in seinem Grußwort auf die Frage, warum es „ausgerechnet Theaterspielen“ sein müsse. Er spricht von der Gefahr der Gewöhnung an den Skandal der Notwendigkeit von Tafeln in Deutschland, von einem „echten Armutszeugnis“, davon, dass „die Tafeln keine „Almosen gewähren“ und die Kunden ein Recht auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse haben.
Brockes merkt an, wie ungewöhnlich es sei, dass – wenn bei manchem die Scheu schon groß sei, die Tafel überhaupt in Anspruch zu nehmen – Tafelkunden nun auch Theater spielen. Dass diese Möglichkeit existiere, sei zweifelsfrei das große Verdienst von Peter Henze und Vera Briewig – „sie haben einen fröhlichen und entscheidenden Schritt“ getan, so Brockes, sie haben „Spielraum“ angeboten, sich neu zu entdecken.

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Das neue Stück haben Peter Henze und Vera Briewig mit vielen Menschen aus Bruchhausen und Umgebung auf die Beine gestellt. Bild: Imma Schmidt (Evangelische Zeitung)  

„Etwas Besonderes“ seien sie schon, diese mehr als 100 Freitagstreffen, erinnert sich Peter Henze. Kümmernisse und Unglück, Krankheit und Sorgen kämen dort zur Sprache – aber auch Mut und Lust zum Leben. „Das Wort Gottes zeigt sich hier durch eigenes Tun“, meint Henze – so sei das Tafeltheater eben auch zum „Futter für die Seele“ geworden. Mehr als 50 Menschen hätten im Laufe der Zeit mitgemacht, 20 zählten mittlerweile zum „harten Kern“. Und es sei schön, sagt Henze, dass jüngst Henning Scherf, der ehemalige Erste Bürgermeister Bremens, die Patenschaft für das Tafeltheater übernommen habe. Er habe auch schon zugesichert, bald einmal zu kommen.

Im neuen Stück geht es nun darum, was aus der Hausgemeinschaft aus dem Vorgängerstück wird. Ein Weltreise-Gewinn steht im Raum, alle sollen mit. Und natürlich gibt es dann manch zu lösendes Problem. Ein Banküberfall und eine sportliche Bustour erzählen davon, wie die Protagonisten doch noch zu ihrer Schiffsreise kommen. Dort, „nachts an Deck und unter dem Sternenhimmel“, verknüpfen sich auf anrührende Art Stücke der Weltliteratur wie Brechts Jenny oder Shakespeares Romeo und Julia mit den ganz persönlichen Geschichten. Dann spannte dort in Bruchhausen-Vilsen im Gemeindesaal tatsächlich für einen Moment die Seele ihre Flügel aus (Eichendorff) – als flöge sie nach Haus.
Sie suchten in ihren Stücken und den neu entstehenden Szenen gemeinsam nach „Geschichten des Gelingens“, nach dem „Mut zum Weitermachen“, sagte Henze. Das Theater-Projekt in der Trägerschaft des Vereins „Land & Kunst“ ist neben elf weiteren Projekten nominiert für den bundesweiten Innovationspreis Soziokultur 2011. Es hat zahlreiche Partner gefunden, die es unterstützen – Anmeldungen für die Premiere des neuen Stücks im Juli liegen auch schon vor.
Woran es hängt, dass es weitergeht? „Es hängt daran, ob wir Lust haben und Geld haben, das Weitermachen zu finanzieren“, erklärt Henze. „Man erfindet das Rad nicht ständig neu in einem solchen Projekt, das eigentlich Kontinuität braucht.“

Von Imma Schmidt (Evangelische Zeitung)

Tafeltheater - eine bewegende Grenzerfahrung

Jörn-Michael Schröder
Dr. Jörn-Michael Schröder

Zum Tafeltheater schreibt der Superintendent des Kirchenkreises Syke-Hoya, Jörn-Michael Schröder (Bild) - voller Begeisterung:

Tafeltheater. Kunden der Tafel in Vilsen haben mit Mitgliedern der Kirchengemeinde ein Theaterstück eingeübt. Heute ist Aufführung. Der große Gemeindesaal ist voll bis auf den letzten Platz. Die Zuschauer sitzen um die Bühne herum. Dieses Stück spielt „in ihrer Mitte“.
Es handelt von den großen Träumen und kleinen Sehnsüchten. Oft wird gelacht. Manchmal schweigt das Publikum aber auch bewegt, wenn diese Männer und Frauen durch die Rollen hindurch ihre eigenen Erfahrungen und Sehnsüchte mit ihnen teilen. In diesen dichten Momenten entsteht eine Nähe, die die Grenze zwischen Tafeltheater und Publikum zu verwischen scheint. Welch ein Ereignis: Der Graben, der Tafelkunden und Zuschauer im gesellschaftlichen Leben trennt, wird hier überwunden durch die gemeinsame Erfahrung von Liebe und Abschied, Humor und Lebensmut. Manchmal geschieht das sogar jenseits aller Inszenierung:
Einer der Tafelkunden soll einen Text vorlesen. Der Mann, Mitte 30, ist ein richtiger Kerl. Er sitzt auf dem Boden mitten im Saal, die Besucher um ihn herum. Das Lesen fällt ihm schwer, man merkt es sofort. Am Anfang tastet er sich mühsam von Wort zu Wort. Doch schon im zweiten Satz verhaspelt er sich, kommt nicht weiter. Er beginnt von vorn. Aber auch den zweiten Versuch muss er abbrechen. Die vielen Wörter scheinen sich zunehmend zu verwirren. Er bricht ab und gibt auf. Sitzt nun schweigend da. Im Saal ist es mucksmäuschenstill: Wie wird es weitergehen?
Der Regisseur springt auf. „Hier braucht einer Unterstützung!“ ruft er ins Publikum. Er geht auf den Mann zu, kniet sich hinter ihn. „Mach nochmal!“ sagt er leise, und dabei legt er seine Hände fest auf die Schultern des anderen, der in sich zusammengezogen vor ihm sitzt. Und diese Hände bewirken das Wunder. Wie ein Segen - so als würden neue Energie und Konzentration durch die Finger in den Körper des Mannes strömen, beginnt er nun flüssig die Zeilen vorzutragen.
Als das letzte Wort gesprochen ist, bleibt das Publikum still. Aber nur für einen Moment. Dann braust der Beifall. Die Zuschauer applaudieren und freuen sich. Einige reiben ihre Gänsehaut aus dem Arm. Sie spüren, dass hier etwas Großes passiert ist. Dass hier einer Vertrauen gefunden hat, eine Grenze übersprungen. Das lautstarke Klatschen: Fast scheint es, als wollte das Publikum die Kräfte noch einmal verstärken, die durch die Hände des Regisseurs geflossen sind. Und der Vorleser? Er lacht – erst ein bisschen verlegen, aber dann strahlt sein Glück immer mehr, bis sein Gesicht ganz leuchtend wird vor Stolz und Freude.

Dr. Jörn-Michael Schröder, Superintendent im Kirchenkreis Syke-Hoya