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 Bild: Jens Schulze

Das Lied der Gemeinde

Tagesthema 31. März 2012

Das Evangelium ist kein papiernes Lesewort, die frohe Botschaft von Jesus Christus ist ein sinnliches Klangereignis. Deshalb nimmt die christliche Kirche die Musik als Gabe Gottes an und lässt sich durch sie bewegen. Das gilt besonders für die zentrale Veranstaltung des Gottesdienstes. Als klingendes Wort Christi lädt die Kirchenmusik Menschen zum Glauben ein, tröstet und vergewissert. Klagend und lobend, flehend und dankend gibt sie dem dreieinigen Gott die Ehre.

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

Es ist eine der grundlegenden Errungenschaften und Erfolgsfaktoren der Reformation, dass sie das Singen in der Volkssprache wieder gewonnen hat. Deshalb ist der gewichtigste Teil des evangelischen Gottesdienstes, der durch Musik geprägt wird, der Gemeindegesang. Dazu passen die „Einsetzungsworte der Kirchenmusik“ aus Kolosser 3,16, die Luther 1534 so übersetzte:

Lasset das wort Christi vnter euch reichlich wonen /
Inn aller weisheit / leret vnd vermanet euch selbs /
mit Psalmen und lobsengen und geistlichen lieblichen (das ist trostlichen / holdseligen / gnadenreichen) liedern
und singet dem Herrn inn ewrem Herzen.

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

Das kirchenmusikalische Amt, das grundsätzlich allen Christen aufgetragen ist, hat demnach einen prominenten Anteil an der Verkündigung der Kirche. Das klingende Wort Christi singt nicht nur über Christus, Christus selbst teilt sich so in Zuspruch und Anspruch der Gemeinde mit.

Ein breiter Strom evangelischer Kirchenlieder kennt diese verkündigende Dimension. Exemplarisch seien die Festgesänge Vom Himmel hoch, Christus, der uns selig macht und Erstanden ist der Heilge Christ sowie Luthers Nun freut euch, lieben Christen g’mein (EG 341) genannt. Hier wird uns die frohe Botschaft der Rechtfertigung so transparent, dass wir gleichsam einen Blick ins Herz Gottes tun können, der seinen Sohn zur Rettung in die Welt schickt.

Doch das ist nur eine Dimension des Gemeindegesangs. Eine zweite ist die des gesungenen Gebets und Bekenntnisses. Augustin wird der treffende und bis heute gültige Satz zugeschrieben: „Bis orat qui cantat.“ (Doppelt betet, wer singt). Gesungene Gebete in Klage und Lob, Bitte und Dank verbinden den Gottesdienst am Sonntag auch mit dem Alltag. Wir brauchen kleine Ohrwürmer, die unser christliches Leben zu allen Zeiten tragen und unsere Herzen empor zu Gott heben!

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

Auch wenn das evangelische Kirchenlied mit Paul Gerhardt und Johann Crüger bzw. Johann Georg Ebeling im 17. Jh. gewiss einen kaum wieder erreichten Höhepunkt erlebte, ist die Schaffenskraft in diesem Bereich ungebrochen. So sind seit dem Anfang der 1960erJahre zahllose Neue Geistliche Lieder in popularmusikalischem Gewand geschrieben und verbreitet worden, die unseren Gottesdienst einen wichtigen zeitgenössischen Akzent geben.

Was die adäquate Ausführung neuer Lieder angeht, können hier wenige Bemerkungen genügen: Ein Klavier oder Keyboard bzw. Gitarre mit Melodieinstrument erweist sich oft als besser geeignet zur Begleitung als die Orgel. Deshalb gehört ein Klavier neben der Orgel in jeden Gottesdienstraum. Beinahe noch wichtiger ist es, dass eine Vorsängerin oder ein kleiner Chor die Gemeinde zum Singen des neuen Liedes anleiten.

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

Folgende Funktionen sind für das Lied der Gemeinde im Gottesdienst zu unterscheiden:

a) Die Gemeinde artikuliert – vor oder nach dem Votum bzw. der Begrüßung – im Eingangslied Freude und Leid, Ängste und Hoffnungen angesichts der aktuellen Situation. Aber auch das Thema des Sonntags im Kirchenjahr, zumal in geprägten Festzeiten, kann hier schon anklingen. Oft beginnt sie mit einer Anrufung Christi (vgl. EG 155) oder des Heiligen Geistes (vgl. EG 156), vielfach auch mit einem Morgenlied, das an die Schöpfung (z.B. EG 455), an Ostern (vgl. EG 162) oder an die Ewigkeit (EG 450) erinnern kann.

b) Kaum eine Liedgattung ist in allen Konfessionen so reich gepflegt worden wie das Psalmensingen. Man unterscheidet den nahe am biblischen Text entlang gehenden Liedpsalm (vgl. EG 270) vom etwas freieren Psalmlied (vgl. EG 289), das zum reformatorischen Urgestein gehört (vgl. EG 273; 361). Das Spektrum reicht hier von der abgründigen Klage (vgl. EG 299; 381) bis zum überschwänglichen Lob (vgl. EG 302).

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

c) Im zweiten Teil des Gottesdienstes (Verkündigung und Bekenntnis) finden sich häufig Lieder, die das Gepräge des jeweiligen Sonn- oder Feiertags zum Leuchten bringen. Man bezeichnet sie auch als Wochenlieder. Advent und Weihnachten, Passion und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten sind ohne diese Lieder schlechterdings nicht denkbar. Zentrale Bedeutung haben allgemein Gesänge, die biblische Themen erzählend zu Gehör bringen (vgl. EG 311-314), oder aber eine aktuelle Antwort auf die Verkündigung zu formulieren. Dafür ist besonders das Lied nach der Predigt geeignet, in dem Lesung und Predigt in besonderer Weise nachklingen können.

d) Auch die Feier der Sakramente gehört zu den Höhepunkten eines evangelischen Gottesdienstes. Lieder zu Taufe und Abendmahl können die Gabe des Sakraments poetisch-musikalisch darbieten, zum Glauben einladen, das Geschenk Gottes aneignen und bekennen oder aber Gott dafür loben und preisen.

Beispielhaft seien hier vier neuere Abendmahlslieder genannt, die jeweils einen anderen theologischen Akzent setzen. Kommt sagt es allen weiter (EG 225) nach einem weihnachtlichen Spiritual betont den Aspekt der Einladung zum Mahl, während Kommt mit Gaben und Lobgesang (EG 229 vgl. EG 227) stark das eucharistisch-lobpreisende Moment in den Vordergrund stellt. Das Spiritual Let us break bread together setzt den Akzent auf Gemeinschaft, während das Neue geistl. Lied Wenn das Brot, das wir teilen (C.P. März) den Anbruch des Reiches Gottes unter uns feiert.

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Impressionen vom Gemeindegesang. Bild: Jens Schulze

e) Im Schlussteil des Gottesdienstes („Schlusslied“) lassen sich drei liturgische „Typen“ unterscheiden. In den Sendungsliedern (vgl. EG 395) wird die Gemeinde ermutigt, das im Gottesdienst Erlebte im Alltag zu teilen und mitzuteilen. Am umfangreichsten ist die Reihe der Segensbitten (vgl. EG 170; 171), die sich an Luthers Verleih uns Frieden (EG 421) anschließen. Sie sollten in der Regel vor dem zugesprochenen Segen platziert werden.
Außerdem gibt es aber auch explizite Segenslieder, in denen sich die Gemeinde den Segen Gottes gegenseitig zusingt (z.B. Der Herr segne dich, EG 563). Unter Umständen kann ein solches Segenslied auch hin und wieder den gesprochenen Segen des Liturgen ersetzen.

f) Eine besondere Bedeutung haben darüber hinaus auch die sonntäglich wiederkehrenden liturgischen Gesänge. Innerhalb des Predigtgottesdienstes sind die beiden gesungenen Amen-Akklamationen zu Beginn und am Ende des Gottesdienstes sowie das Ehr sei dem Vater zu nennen. Innerhalb der Messe verleihen die weitgehend auf biblischen Texten basierenden Stücke Kyrie – Gloria – Credo – Sanctus/ Benedictus – Agnus Dei dem Gottesdienst festlichen Glanz und stärken das rituelle Moment. Auf diese Weise ist die Versammlung der Christen auf der ganzen Welt „wiedererkennbar“. Zu beachten ist dabei, dass hier durchaus verschiedene Vertonungen eingesetzt werden können (vgl. EG 178-190).

Schließen wir mit keinem Geringeren als mit Johann Sebastian Bach. Er schrieb an den Rand seiner Bibel zur musikalisch gestalteten Tempelweihe Salomos (2 Chronik 5): „NB. Bey einer andächtigen Musique ist Gott allezeit mit seiner Gnaden=Gegenwart!

Von Jochen Arnold, Direktor des Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik, Michaeliskloster Hildesheim

Gottesklang - nicht nur am Sonntag

Musik fasziniert, berührt und bewegt. Zu allen Zeiten. Musik war der Herzschlag der Reformation, denn Martin Luther setzte als Erster theologische Erkenntnisse in Choräle um, die alle Menschen singen konnten. Der Gemeindegesang und die Kirchenmusik sind bis heute unverzichtbare Elemente des evangelischen Lebens. Musik bewegt auch in den zeitgemäßen Ausdrucksformen heutiger Tage: sei es als Rockmusik, als Jazz, A-Capella-Gesang oder in den Liedern der Singer-Songwriter.

Einmal die Woche - immer wieder sonntags - informiert „Gottesklang am Sonntag“ über Gedanken, Überlegungen, Themen und Ideen zum Jahr der Kirchenmusik: „Gottesklang 2012“ - täglich und immer informiert „gottesklang.de“ über noch mehr und die Veranstaltungen im Jahr der Kirchenmusik.

Gottesklang im Internet

366 plus 1

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Im Miteinander Tausender bringen mit „366+1, Kirche klingt 2012“ die verschiedensten Musici bundesweit einen künstlerischen Schatz der Reformation in vielfältiger Tradition zum Klingen: ihre Musik. Durch alle 366 Tage des Schaltjahres 2012 zieht sich im Rahmen der Lutherdekade zum Jahresthema Reformation und Musik ein im Dominoprinzip verbundenes Band von Konzerten, Gottesdiensten und Soireen in offenen Kirchen durch ganz Deutschland.

Konzertreihe 366 plus 1

Das Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik

Ziel ist die Förderung und Erneuerung des Gottesdienstes und der Kirchenmusik in ihren traditionellen und neuen Formen. Schwerpunkt der Arbeit im Michaeliskloster ist die Ausrichtung von Fortbildungen im liturgischen und musikalischen Bereich.

Der Kern des Angebots besteht in Seminaren und Workshops zur Predigttheorie und –praxis, zur Theologie und Gestaltung des Gottesdienstes. Ein breites Angebot eröffnet das Seminarprogramm im Bereich der klassischen Kirchenmusik und des Jazz/Rock/Pop/Gospel, z.B. für Bands.

In unserer Zeitschrift „Für den Gottesdienst“ und der mit dem LVH publizierten Buchreihe gemeinsam gottesdienst gestalten finden Sie eine wichtige literarische Ergänzung zu den Veranstaltungen.

Das Michaeliskloster im Internet

Das Stichwort: Palmsonntag und Karwoche

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Mit dem Palmsonntag (1. April) beginnt die Karwoche, in der Christen des Todes Jesu am Kreuz gedenken. Der Palmsonntag erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem, mit dem sein Leidensweg begann. Den Berichten der Evangelien zufolge ritt Jesus auf einem Esel in die Stadt und wurde vom Volk jubelnd empfangen. Bei seinem Empfang breiteten die Menschen ihre Kleider vor ihm aus und streuten grüne Zweige - dem Johannesevangelium zufolge Palmzweige - auf den Weg.

Die Karwoche ist die Vorbereitung auf Ostern, das älteste und höchste Fest der Christenheit. Am Gründonnerstag, am Vorabend des Karfreitags, wird in Abendmahlsgottesdiensten an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod erinnert. Kontrast dazu ist die Osternacht, in der die Christen die Auferstehung Jesu von den Toten feiern.

Dem Neuen Testament zufolge verbrachte Jesus die Nacht zum Karfreitag in Todesangst, während seine Jünger schliefen. Daran erinnert der Name Gründonnerstag, der sich nicht von der Farbe Grün ableitet, sondern vermutlich vom althochdeutschen "Grunen", dem "Greinen" oder Weinen. Auch die Bezeichnung der Karwoche stammt wohl aus dem Althochdeutschen. "Kara" bedeutet Klage, Trauer, die am Todestag Jesu (Karfreitag) im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht.

Heute besteht in allen christlichen Konfessionen weitgehend Einigkeit darüber, dass Tod und Auferstehung Christi an Ostern unlösbar zusammengehören und als Ganzes gefeiert werden. In vielen Kirchen werden am Karfreitag um 15 Uhr Gottesdienste gefeiert, der Tradition zufolge die Sterbestunde Jesu. Der anschließende Karsamstag erinnert an die Grablegung Jesu. Am ersten Tag nach Jesu Tod finden keine Gottesdienste statt.

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Tägliche Andacht in der Karwoche