Volksmission

Bild: Volker Tellermann 

Volksmission - 75 Jahre HkD

Tagesthema 30. März 2012

„Volksmission“ bleibt ein schwieriger Begriff

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Durch den Abend führt und moderiert der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries. Bild: Volker Tellermann.

Das Buch zum 75-jährigen Jubiläum des Hauses kirchlicher Dienste beschäftigt nicht nur Historiker

„Wir haben den Auftrag, in die Gesellschaft hinein zu wirken und die Gemeinden vor Ort zu unterstützen“, erklärt Pastor Ralf Tyra. Dieser Aufgabe widmet sich das Haus kirchlicher Dienste seit 75 Jahren. Stolz präsentierte sein Direktor jetzt ein Buch über die Geschichte des HkD, das der Historiker Dirk Riesener geschrieben hat. Sein Titel „Volksmission“ war zum Auftakt des Jubiläums Inhalt einer Podiumsdiskssion.

Als das „Amt für Gemeindedienst“ 1937 gegründet wurde, diente dies dem Schutz der evangelischen Werke und Vereine. Unter dem Dach der Kirche waren sie einigermaßen sicher vor den Nationalsozialisten. Das AfG drückte zudem ein seit Ende des Ersten Weltkriegs gewachsenes Selbstbewusstsein der Kirche gegenüber dem Staat aus.

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Miteinander im Gespräch (von links): Rolf Koppe, Auslandsbischof i.R., Dr. Gunther Schendel, Sozialwissenschaftliches Institut, Helmuth Reske, ehemals Leiter der Missionarische Dienste, AfG, Gisela Fähndrich, Superintendentin i.R., Jutta Wendland-Park, Vorsteherin Rotenburger Werke, und Dr. Fritz Erich Anhelm, Akademiedirektor i.R., Bild: Volker Tellermann / HkD 

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien „Volksmission“ gar nicht mehr passend. Es klang nach völkischer und kolonialer Vergangenheit. Arend de Vries, Vizepräsident im Landeskirchenamt, sprach bei der Buchvorstellung auch von „vorgestrig“. Doch spätestens seit 1999, als die EKD ihren missionarischen Auftrag neu und anders formulierte, passe der Begriff wieder.

Helmuth Reske, ehemaliger Leiter der Missionarischen Dienste im AfG, war überrascht von Riesners Wortwahl. „Wir verstanden darunter die Gemeindeentwicklung, eine erweiterte Evangelisation.“ Riesner betrachte Volksmission als das Wirken der Kirche nach außen. Fritz Erich Anhelm, ehemaliger Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, sah in Volksmission den Ausdruck einer politischen Kirche, die ihre öffentliche Wirkung betone. Und Jutta Wendland-Park, Vorsteherin der Rotenburger Werke, hob den diakonischen Charakter des Hauses hervor, der „aus der Bewegung auf den Menschen und die Gemeinde hin entstanden“ sei.

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Der Direktor des Hauses kirchlicher Dienste, Ralf Tyra, Autor Dirk Riesener und Verleger Christof Vetter präsentierten das Buch zum Jubiläum. Bild: Volker Tellermann / HkD

Die Professionalisierung kirchlicher Dienste nannte der ehemalige EKD-Auslandsbischof Rolf Koppe als Grund für ein Haus kirchlicher Dienste, „als Ergänzung und zur Unterstützung der Gemeindearbeit“. Das bringe Frömmigkeit und gesellschaftlich Verantwortung unter einen Hut.

Für die Zukunft wünschten die Redner dem Haus eine stärkere regionale Präsenz. Das betrachtete die Superintendentin i.R. Gisela Fähndrich mit Skepsis. „Wir werden nie so viele Fachleute haben, um sie auch dezentral vorhalten zu können.“ Das HkD werde deshalb zum Vorausdenken, als Kompetenzzentrum benötigt. „Auch als Brückenschlag“, ergänzte Wendland-Park, denn „wer weiß in den Gemeinden schon, wie eine Einrichtung wie unsere tickt?“ Wesentlich sei, so betonte der Theologe und Sozialwissenschaftler Gunther Schendel, dass das Haus kirchlicher Dinste auch Menschen jenseits der Gemeinde erreiche. Und das auch Einblicke in Bereiche ermögliche – etwa der Kunst –, die sonst den Gemeinden verschlossen blieben.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Historiker legt umfangreiche Studie vor

Cover "Volksmission"

Das „Haus kirchlicher Dienste“ der hannoverschen Landeskirche wird 75 Jahre alt. In der Einrichtung in Hannover sind 45 überregionale Arbeitsfelder der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland vom Jugendpfarramt und dem Frauenwerk über die Dienste für Handwerk, Industrie und Kultur bis zum Dialog mit Judentum und Islam zusammengefasst. „Wir haben den Auftrag, in die Gesellschaft hinein zu wirken und die Gemeinden vor Ort zu unterstützen“, sagte Pastor Ralf Tyra als Direktor. Zum 75-jährigen Bestehen hat ein Historiker die Geschichte des Hauses aufgearbeitet.

Die Einrichtung wurde am 25. September 1937 als „Amt für Gemeindedienst“ gegründet. Damals wurden zahlreiche freie evangelische Werke und Vereine von den Nationalsozialisten verboten. Um sie zu schützen, organisierten sie sich neu unter dem Dach der offiziellen Kirche, erläuterte Tyra.

Eine weitere Wurzel war das Bemühen der Kirchen um „Volksmission“ seit dem Ende des Staatskirchentums 1918, schreibt der Historiker Dirk Riesener in seinem 661-seitigen Buch, das im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienen ist. Damals habe die Kirche ein breites Repertoire an Programmen und Einrichtungen entfaltet, um als „Volkskirche“ mit Politik, Öffentlichkeit, Kultur, Wirtschaft und Sozialwesen ins Gespräch zu kommen.

Heute arbeiten 82 Referenten in der Einrichtung, die 2002 in „Haus kirchlicher Dienste“ umbenannt wurde, unter ihnen 37 Pastoren und 33 Diakone. „Wir sind Dienstleister, Ideenwerkstatt und Kompetenzzentrum“, betonte ihr Leiter Tyra.

Viele Menschen suchten punktuelle Angebote der Kirche, etwa im Urlaub oder bei Kultur-Veranstaltungen. Das „Haus kirchlicher Dienste“ plane Großveranstaltungen wie das Landesjugendcamp mit 2.000 Teilnehmern und Kampagnen, etwa gegen den Rechtsextremismus. Die hannoversche Landeskirche lud für Freitag zu einer Feier des 75-jährigen Bestehens ein, bei der auch das Buch von Dirk Riesener präsentiert wurde.

epd

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