Wer sagt, was gilt?

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Was gilt? - Werte und Normen

Tagesthema 28. März 2012

Wonach sollen wir uns richten?

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Martin Hein ist Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Mindestlohn, Organspenden, Lobbyismus. Täglich wird die Kirche und letztlich jeder einzelne Christ von neuem vor die Frage gestellt: Was sollen wir tun? Die „Evangelische Zeitung“ begibt sich auf die Suche nach einer christlichen Grundnorm.

Für evangelische Christen ist die Bibel die Quelle und Norm, aus der wir die Verhaltensregeln ableiten können, die unser Leben bestimmen. Das darf aber nicht so missverstanden werden, als sei die Bibel ein bloßes Gesetzbuch, das im Wortlaut vorgibt, was wir im Einzelfall unmittelbar tun sollen. So einfach ist das leider nicht – selbst nicht bei den so wichtigen Zehn Geboten. Die Bibel erzählt Geschichten, an denen wir uns ausrichten und etwas neu sehen lernen können – im Alten wie im Neuen Testament.

Grundlegend sind für uns die Erzählungen von Jesus. In ihm zeigt sich Gottes Liebe, die allen Menschen gilt. Die „Grundnorm“, die alles Verhalten bestimmt, ist deshalb die Liebe. Daran ändert sich bis heute nichts, mag auch sonst Vieles dem gesellschaftlichen Wertewandel unterliegen. Aus der Liebe leiten sich alle anderen Werte und Regeln ab, für die wir als Kirche eintreten, weil sie lebensdienlich sind und unser Miteinander gelingen lassen: gegenseitige Wertschätzung, Respekt, Versöhnungswille, Suche nach Gerechtigkeit, Schutz der Schwachen, Fähigkeit zur Selbstkritik, Bereitschaft zur Verantwortung und Zivilcourage.

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Bild: / Evangelische Zeitung

Nun wissen wir, dass es ziemlich aussichtslos ist, etwa Kindern oder Jugendlichen bestimmte Normen einzutrichtern. Das war schon Jesus bewusst. Darum erzählt er „verlockende“ Geschichten. Sie helfen, den inneren Kompass auszurichten.
Das Gleichnis von den „Arbeitern im Weinberg“ zum Beispiel ist ein eindrücklicher Beitrag zur gegenwärtigen Debatte um den Mindestlohn. Wieso? Alle Arbeiter erhalten in dieser Erzählung, egal wie lange sie gearbeitet haben, denselben Lohn – und zwar den, den der Arbeitgeber am Anfang mit denen vereinbart hat, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Das scheint ungerecht zu sein – aber bei genauerem Hinsehen wird niemand benachteiligt, und alle gewinnen: Die einen bekommen das Vereinbarte, die anderen das, was sie zum Leben brauchen. Und der Arbeitgeber? Er erweist sich als großzügig. Er gewinnt an Ansehen und Respekt, weil er seinen Gewinn mit seinen Arbeitern teilt. Motivationsprobleme wird solch ein Arbeitgeber nie haben. Ist das nicht eine radikal moderne Fragestellung und vorbildlich für unternehmerisches Handeln?

Darum erzählt die Bibel Geschichten. Sie üben mit uns den Willen Gottes ein. Das gilt für jede Zeit, auch für unsere. Wir werden durch die Bibel angeregt, stets neu nach den Werten und Normen zu fragen, die unser Denken und Handeln bestimmen. Aber wir werden nicht gegängelt. Wir behalten die Freiheit der Entscheidung – und wissen doch klar, was zu tun ist. So sind wir – ganz evangelisch – mündige Christen. Und das wirkt ansteckend für andere.

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (aus: Evangelische Zeitung)

Alles, was Recht ist?

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ür ein Tarifrecht – und damit Streikrecht – gehen gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter von Kirche und Diakonie auf die Straße. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Der „Dritte Weg“ von Kirche und Diakonie ist Gegenstand einer Anhörung im Bundestag

Die Zukunft des kirchlichen Arbeitsrechts wird von Experten unterschiedlich bewertet. In einer Bundestagsanhörung kamen Sachverständige mehrheitlich zu dem Schluss, das kirchliche Tarifrecht sei dem wachsenden Wettbewerbsdruck in der Sozialbranche gewachsen und verfassungsrechtlich nicht angreifbar.

Gewerkschaftsvertreter und der Arbeitnehmervertreter des Diakonischen Werks sahen die kirchlichen Regelungen hingegen als gescheitert an. Die Mitarbeiterseite könne die Inte-ressen der Beschäftigten in der Praxis nicht mehr durchsetzen, erklärten sie. Das zeige sich in der Zunahme von Leiharbeit und Outsourcing. Sie forderten ein Streikrecht.

Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände sind mit rund 1,3 Millionen Beschäftigten die größten Arbeitgeber in Deutschland. Dem Bundestag liegt ein Antrag der Linksfraktion vor, in dem Reformen des kirchlichen Arbeitsrechts verlangt werden. Ziel ist es, den Geltungsbereich der sogenannten Arbeitsvertragsrichtlinien einzuschränken, die bei den Kirchen die Tarifverträge ersetzen. Kirchlichen Beschäftigten würden Grundrechte wie das Streikrecht vorenthalten, heißt es in dem Antrag.

Deutlich wurde in der Anhörung, dass der Politik weitgehend die Hände gebunden sind. Die Kirchen können über ihr Arbeitsrecht selbst bestimmen. Änderungen würden eine Verfassungsänderung erfordern. Gewerkschaftsvertreter erklärten gleichwohl, auf Jobs wie etwa Gebäudereinigung, die nichts mit dem Verkündigungsauftrag der Kirchen zu tun hätten, könne das Tarifrecht angewendet werden.

Dem widersprachen die Arbeitsrechtler Jacob Joussen und Gregor Thüsing aus Bochum und Bonn. Die deutsche Verfassung und die europäische Rechtsprechung gäben den Kirchen das Recht, selbst zu bestimmen, wie weit ihr Arbeitsrecht reiche. Weltliche Gerichte könnten nicht definieren, was das Wesen der Kirche, ihr Auftrag und ihre Arbeit seien.

So scharf diese Grenzlinie zwischen Kirchen und Diakonie einerseits sowie Gewerkschaften und Mitarbeitervertretungen andererseits zu sein scheint – es gibt auch übereinstimmende Positionen. In vielen Fragen der Sozialpolitik, in der Forderung nach Re-Finanzierung sozialer Arbeit oder auch in der Ausländerpolitik sind sich die Seiten einig. Vor allem die Gewerkschaft ver.di macht sich für die Einschränkung oder Abschaffung der kirchlichen Sonderrechte stark. In den vergangenen Wochen hat sie vor allem in Niedersachsen tausende kirchliche Arbeitnehmer auf die Straße gebracht, die einen Tarifvertrag für Diakonie und Kirche forderten. Und immer wieder wurde dabei der Ruf nach einem Streikrecht laut.
Das bedeutete aber die Abkehr vom „Dritten Weg“. Im Unterschied zum Tarifvertragssystem in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst werden Arbeitsbedingungen sowie Löhne und Gehälter in Kommissionen ausgehandelt. Darin sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch vertreten. Kommt keine Einigung zustande, entscheidet eine Schiedskommission, deren Spruch verbindlich ist.

Streik, aber auch Aussperrungen seitens der Dienstgeber sind damit ausgeschlossen. Dies hat die EKD-Synode erst bei ihrer Tagung im November in Magdeburg erneut beschlossen. Der Hildesheimer Kirchenrechtsexperte Professor Ulrich Hammer sieht gleichwohl die Chance zu einem Kompromiss. Sowohl das kirchliche Selbstbestimmungsrecht als auch das gewerkschaftliche Tarifrecht müssten gegenseitig anerkannt werden.

Hammer räumt ein, dass zur Wahrung des Unternehmens-Leitbildes der christlichen Dienstgemeinschaft in Kirchen und Diakonie der „Dritte Weg“ unverzichtbar sei. Er weist aber auch darauf hin, dass dies nicht zwingend mit einem absoluten Streikverbot verbunden sein müsse, wie die „kirchengemäßen“ Tarifverträge in Nordelbien oder der Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz zeigten.
Wo also Kirchen- und Gewerkschaftspoitionen aufei-nanderprallen, so Hammer, werde es einen „schonenden Ausgleich“ im Rahmen einer Güterabwägung im Einzelfall geben müssen. Er spricht von einer „praktischen Konkordanz“.

Von Michael Eberstein/epd (Aus: Evangelische Zeitung)

Richtiges Verhalten ist Auslegungssache

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Bild: dapd

Normen sind konkrete Regeln für unser Handeln und Verhalten. Jede Gemeinschaft braucht solche Normen. Sie geben Orientierung im Zusammenleben und den Lebensvollzügen von Menschen. Sie gelten mit dem Anspruch, dass man sich nach ihnen richtet. Allen Rechtsordnungen einer Gesellschaft liegen Normen zugrunde, deren Verletzung mit Strafen bedroht wird.

Die Frage, ob es in diesem Sinne auch „christliche Normen“ gibt, ist nicht einfach zu beantworten. „Christlich“ kann nur heißen: vom Glauben an Jesus Christus geprägt. Der Glaube aber ist ein freier Akt des Vertrauens zu Jesus Christus. Ein glaubender Mensch macht dabei Erfahrung der Vergebung der Sünden. In der Beziehung auf Jesus Christus ist er also vom falschen Handeln und Verhalten frei. Er tut in Freiheit das Richtige, was Gott gefällt und seinen Mitmenschen zugute kommt. Er ist nicht mehr „unter dem Gesetz“, wie der Apostel Paulus sagt. „Alles ist mir erlaubt“ kann er darum ausrufen (1. Korinther 6, 12). „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, schreibt er an die Galater (5,1). Das Alles klingt nicht nach „christlichen Normen“.
Doch Paulus war auch kein Traumtänzer. Dass die Macht der Sünde der Freiheit der Christenheit kräftig zusetzt, stand ihm lebhaft vor Augen. „Seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem ‚Fleisch’ – das heißt der Selbstsucht – Raum gebt“, hat er seinem Freiheitssatz an die Galater hinzugefügt (5,13). Auch die Aussage, dass ihm alles erlaubt sei, hat er mit dem Zusatz „nicht Alles nützt“, eingeschränkt. Die Frage ist darum, was nützt dem freien Handeln aus Glauben dann? Die Antwort darauf nennt – formal betrachtet – eine „Norm“: „Durch die Liebe diene einer dem Anderen“ (Galater 5, 13).

Liebe aber kann man schwerlich eine „Norm“ nennen. Sie ist vielmehr eine Einstellung des Gemüts und des Herzens. Liebe zu anderen Menschen stellt sich mit der Glaubenserfahrung der Liebe Gottes ein. Aus ihr folgt dann eine bestimmte Verhaltensregel: Einer soll dem Anderen dienen. Es ist im Neuen Testament nicht einzige Regel für ein von Glaube und Liebe geprägtes Verhalten. Es gibt in diesem Buch ganze „Kataloge“ solcher Normen, die man „spezifisch christlich“ nennen könnte.
Aber mit sehr vielen von diesen Normen haben wir heute ein Problem. Sie beziehen sich auf die Zeit vor nahezu 2000 Jahren. Sie haben zum Beispiel ein zeitgebundenes Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau. Sie beurteilen die Homosexualität anders als wir heute. Sie haben das antike Staatswesen im Auge. Sie geben Anweisungen für das Verhalten in der Sklaverei usw. Sie gelten also nicht zeitlos. Alle „Normen“ sind dem geschichtlichen Wandel unterworfen. Das gilt auch für die „christlichen Normen“.

Doch wenn die Normen sich verändern, stellt sich sogleich die Frage ein: Ist ihr neues Verständnis noch „christlich“? Darf ein verheirateter Christ und Theologe mit einer Lebenspartnerin zusammenleben? Darf die Kirche homosexuelle Partnerschaften segnen? Darf die Demokratie im Unterschied zu anderen Staatsformen als „christlich“ gelten?

„Prüft Alles und das Gute behaltet“, hat wiederum der Apostel Paulus den Gemeinden auf den Weg gegeben (1. Tessalonicher 5, 21). Das ist aus dem Geiste Jesu gesprochen, wie sein Umgang mit den Zehn Geboten zeigt.

Diese Gebote liefen für ihn alle auf das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe hinaus (Markus 12, 29-31). Darum hat er die Normen für das menschliche Verhalten, die aus ihnen für seine Zeitgenossen folgten, auf den Prüfstand der Liebe gestellt.

Man sagt, er habe diese Gebote damit „radikalisiert“ und schwer erfüllbar gemacht. Nehmen wir z.B. das 5. Gebot „Du sollst nicht morden“. Jesus hat es im Sinne des grundsätzlichen Verzichts auf Gewalt verstanden und die Feindesliebe geboten (vgl. Matthäus 6, 38-48). Das ist aber nicht zur einklagbaren „Norm“ des Verhaltens der Christenheit geworden. In einer Welt, in der sich menschliche Gewalt unberührt von Gottes Liebe weiter austobt, musste dem Staat vielmehr das Recht eingeräumt werden, dem Bösen mit Gewalt zu wehren, ja selbst dafür Verantwortung zu tragen (vgl. Römer 13, 4). Dennoch sind Jesu Auslegungen der Gebote Leitvorstellungen – wir würden heute sagen: „Werte“ – für Normen geblieben, die ein christliches Leben bestimmen sollten.

Auch die Christenheit braucht – wie jede Gemeinschaft – „Normen“ für ihr Leben und Zusammenleben. Sie sind „christlich“, sofern sie vom Geist der Liebe geprägt sind, die Gott in Jesus Christus allen Menschen erwiesen hat. Sie unterliegen aber entsprechend den Erfahrungen, die wir bei der Entwicklung der menschlichen Geschichte machen, Wandlungen. Sie dürfen nicht zu abstrakten Gesetzen werden, welche gar nicht lebbar sind. Sie gelten für eine bestimmte Zeitstrecke und sind immer wieder am lebendigen „Anspruch Jesu Christi auf unser ganzes Leben“ (2. These der Barmer Theologischen Erklärung) zu prüfen. Ob sie auch beanspruchen können, für Menschen zu gelten, die nicht glauben, bedarf einer eigenen Besinnung.

Dr. Wolf Krötke, Professor für systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

Ist Kirche eine „Werteagentur“?

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Fritz Arnhelm

Welche Rolle spielt die Kirche in der Werte- und Normendebatte? Ist sie eine „Werteagentur“ und „moralische Instanz“, die sich einmischen muss?

Urplötzlich sind sie wieder einmal in aller Munde, die Stichworte „Freiheit“ und „Verantwortung“. Als habe protestantische Ethik von der Politik Besitz ergriffen. So jedenfalls kommt es uns aus Feuilletons und Talkshows entgegen. Und auch mancher Bischof stimmt ein. Kirche als Werteagentur und moralische Instanz?
Die Einen klatschen in die Hände. Die Anderen schlagen sie über dem Kopf zusammen. Also die Situation nutzen und mehr Theologinnen und Theologen in die Ethikkommissionen, eine neue und evangelisch stimulierte Grundwertedebatte auf den Schild heben, glaubensgegründete ultimative Ratgeber auf die Bestsellerlisten, kirchliche Positionspapiere und güterabwägende Denkschriften in den öffentlichen Diskurs? Oder auf die warnenden Stimmen hören, die unheilige Allianzen zwischen Thron und Altar wittern und bohrende Fragen nach der Glaubwürdigkeit von Theologie und Kirche in ihrer ach so menschlichen Geschichte stellen?
Spannungsfrei war es sicher nie, das Verhältnis zwischen der Freiheit der Christenmenschen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Doch macht nicht gerade diese Spannung protestantische Ethik aus? Das im Kopf zu haben, kann davor schützen, mit besserwisserisch aufgepumpter Brust daherzukommen.
Unsere funktional codierte, konkurrenzgeprägte, effizienzbesessene und zugleich orientierungsschwache Gesellschaft, die allzu oft vor lauter Mitteln die Zwecke vergisst, braucht die Erinnerung an jene Werte, die politisch und alltagspraktisch in Vergessenheit gerieten: Barmherzigkeit, Gnade, Gerechtigkeit, Solidarität, Vergebung und Anerkennung des wenig Konformen und derer, die anders glauben und leben. Das alles hat ausgesprochen theologische Substanz. Mir fiele Vieles dazu ein, was des öffentlichen Nachdenkens bedürfte. Nach innen, um der eigenen Wahrhaftigkeit wegen, und nach außen, um all dessen und derer willen, von dem und denen die Logik macht- und renditegetriebener Dynamiken nichts wissen will.
Eine solche Debatte stimmt nicht den Grundton moralischer Selbstgewissheit an. Sie findet ihren Grund in dem, was bleibt: Glauben, Hoffnung und Liebe.

Für die Evangelische Zeitung antwortet Dr. Fritz Erich Anhelm, ehemaliger Direktor der Akademie Loccum

Zeugnis der Liebe Gottes

Für den Tod Jesu fanden seine Jünger unterschiedliche Deutungen

War es wirklich nötig, dass Jesus am Kreuz starb, damit Gott vergeben konnte? Musste er sich opfern, um Gottes Zorn zu überwinden? So wird immer wieder gefragt, und es fehlt nicht an Stimmen, die dafür plädieren, in der Kirche nicht mehr davon zu sprechen, dass Jesus Christus für uns gestorben ist. Das widerspreche auch dem Wirken und der Verkündigung Jesu. Viele sehen in der Verklärung des gewaltsamen Todes Jesu die Ursache für die häufige Anwendung von Gewalt im Namen Gottes in der Geschichte der Kirche.
So verständlich diese Argumentation in manchem ist – sie leidet an einem Manko: Was das Neue Testament wirklich über die Bedeutung des Todes Jesu sagt, wird oft verzeichnet.
Was haben die Jünger und Jüngerinnen Jesu nach der Kreuzigung erlebt? In der tiefen Trauer und Verzweiflung angesichts dieses grausamen und schmählichen Todes begegneten sie dem Auferstandenen und erhielten die Gewissheit: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt! Wenn dies aber wahr war, dann konnte auch sein Tod nicht nur ein Justizirrtum gewesen sein. Dass Gott ihn in den Tod gehen ließ, musste eine tiefere Bedeutung haben.
Durch die Lektüre des Alten Testaments fand die frühe Gemeinde dann unterschiedliche Deutungsmodelle für seine Kreuzigung: Für das Leiden und Sterben des Gerechten gab es alttestamentliche Vorbilder, und vor allem bot Jesaja 53 den Hinweis darauf, dass ein von Gott Beauftragter nach Gottes Willen in den Tod ging und so „die Sünde der Vielen getragen hat“.
Es lag nahe, auch die alt-
testamentlichen Sühneopfer als Modell für das zu verstehen, was in Jesu Tod geschah. Denn diese Opfer waren ja nicht Versuche, mit der Tötung eines Tieres den zornigen Gott zu besänftigen. Im Gegenteil: Ein solches Opfer war eine von Gott geschenkte Möglichkeit, die Realität der Schuld, die das Leben belastete und vergiftete, zu verarbeiten. So wurde auch Jesu Tod als Weg gesehen, durch den Gott den Menschen die Schuld abnahm und für sie bewältigte.
Aber es gab im Urchristentum keine einlinige Erklärung der Bedeutung des Todes Jesu. Auch der für die griechische Welt bedeutsame Gedanke, dass ein Mensch in einer besonderen Notlage sein Leben für eine Stadt oder ein Volk opfert, wurde aufgenommen. Alle diese Deutungsmodelle waren letztlich nur Annäherungen an das Geheimnis dessen, was Gott im Tod Jesu getan hat.
Grundlegend aber ist für das Neuen Testament folgende Erkenntnis: Dass Gott in Jesus Christus seinen Sohn, der ihn und seine Sache vertritt, in diese Welt sendet, ihn als Mensch allen Bedingungen und Begrenzungen menschlichen Lebens unterwirft und ihn einen grausamen Tod erleiden lässt, ist Ausdruck und Erweis der Liebe Gottes. Darin sind sich die Zeugen des Neuen Testaments einig: Gerade Jesu Sterben für uns zeigt, wie groß Gottes Liebe zu uns ist. Denn: In Jesu Geschick teilt Gott nicht nur die Schuld, sondern auch das Elend der Menschen, nimmt es auf sich und überwindet es.
Darum widerspricht auch die Rede von der Heilsbedeutung des Todes Jesu nicht Jesu eigener Verkündigung. Die Hingabe seines Lebens in den Tod ist Teil und Konsequenz seiner Sendung, im Namen der Herrschaft Gottes sein Leben ganz für andere einzusetzen.

Dr. Walter Klaiber war Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland

Gute Nachrichten für den Norden

evangelische Zeitung

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Jede Woche widmet sich die Evangelische Zeitung neben aktuellen Nachrichten, kommentaren und Reportagen einem Schwerpunktthema. Dieses Mal ist es das Thema „Werte und Normen“ - mehr dazu lesen Sie in der Ausgabe, die am 1. April erscheint.

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