Bach und Jazz Inhaltsseite

 Bild: Thomas K. / photocase.com

Bach war einer der ersten Jazzer

Tagesthema 24. März 2012

Thomaskantor Georg Christoph Biller:
In Gottesdiensten sieht es „immer so traurig aus“

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Gespräch auf der Leseinsel bei der Leipziger Buchmesse - links Dieter Falk, in der Mitte Thomaskantor Georg Christoph Biller. Bild: EMVD

Der Leipziger Thomaskantor Georg Christoph Biller und der christliche Popmusiker Dieter Falk („Die zehn Gebote“) haben zu mehr Lebendigkeit und Lebensfreude in Gottesdiensten aufgerufen. „Schon Luther hatte die Musik ins Zentrum gerückt, weil er wusste, dass das sinnliche Element in der Predigt nicht ausreichend vorkommt“, sagte Biller am Freitag bei einer Podiumsdiskussion zu Musik und Reformation auf der Leipziger Buchmesse. In heutigen Gottesdiensten sehe es „immer so traurig aus“, die frohe Botschaft werde damit Lügen gestraft. Falk ergänzte, es sei wichtig, mit Musik „frischen Wind“ in die Kirche hineinzubringen: „Aber es müssen auch alle mitmachen, nicht nur piano piano sondern forte fortissimo.“

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Fachgespräch über Musik auf der Buchmesse: Di8eter Falk und Georg Christoph Biller. Bild: EMVD

Der Musik von Johann Sebastian Bach bescheinigten beide Modernität. „Ich bin mir sicher, würde Bach heute leben, hätte er ein Macbook mit Musikprogrammen“, sagte Falk. Schon zu seinen Zeiten habe er immer die neuesten Orgeln besessen. Zudem sei Bach der „erste Jazzer“ gewesen. Biller sagte: „Bach ist einfach ein Phänomen, er ist wie ein Kristall, du kannst ihn von jeder Seite anschauen, er funkelt immer wieder neu.“ Mit seinem Knabenchor führt der Kantor wöchentlich Bachs Motetten in der Leipziger Thomaskirche auf. In diesem Jahr feiert der Thomanerchor sein 800-jähriges Bestehen.

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Vermittlung bürgerlichen Kulturguts" - Seit 800 Jahren lockt der Thomanerchor mit guter Musikausbildung

Im Mittelalter zogen sie singend von Haustür zu Haustür, heute prangen sie von Plakaten, Flugzeugen und Briefmarken. Seit 800 Jahren gibt es den Leipziger Thomanerchor.

Es ist fünf vor sechs. Emsig bauen die Schüler die Stühle im Foyer der Thomasschule auf. Es wird geredet und gelacht, doch jeder Handgriff sitzt. Punkt sechs betritt Thomaskantor Georg Christoph Biller den Raum. Ein mahnender Blick und die zerknüllten Kapuzenjacken einiger Jungen wandern auf die Stuhllehnen. „Silentium!“ Das Rascheln und Flüstern verstummt. Rund 80 Jungen zwischen neun und 18 Jahren schauen konzentriert nach vorn. Die Probe eines der berühmtesten Knabenensembles der Welt, des Leipziger Thomanerchors, beginnt.

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„Zu viel Trubel, um Heimweh zu bekommen“

Jeden Tag Party - es ist was los

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Thomanerkantor Georg Christoph Biller. Bild: EMVD

Wie schaffen Sie es denn, die Kinder auch noch heute für Bach zu begeistern?

Georg Christoph Biller: Das ist mehr dieses Eingebunden sein hier. Die betreten, wenn sie hier reinkommen eine ganz eigene Welt. Das merken sie und an der wollen sie teilhaben. Natürlich gibt es da auch immer mal große Schwierigkeiten. Es wird abgewogen - sind die Schwierigkeiten so prägend, dass ich es lassen muss oder bleibe ich hier, weil es doch eigentlich faszinierend ist? Ein Thomaner-Vater sagte mir mal über seinen Sohn: ihm gefällt, dass hier jeden Tag Party ist. Party heißt, es ist immer was los. Das könnte der zu Hause nie erleben.

Das gesamte Interview mit Stephanie Höppner (epd)

Bach gespielt von Dieter Falk - und seinen Söhnen

Falk & Sons
CD-Cover

Mehr als vier Jahrzehnte mag es her sein, dass mein Vater die erste Platte von Jacques Loussier nach Hause bracht. Noch stehen sie – schwarzes Vinyl – in meinem Plattenschrank. Damals kam es einer innerfamiliären Revolution gleich: Bach einmal nicht in der Kirche, sondern im Wohnzimmer und so anders. Für meinen Vater, damals jünger als ich heute zumindest. So habe ich gelernt, dass die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen fließend sind: An einem Tag mit großem Orchester, Chor und Solisten im Gottesdienst oder als Konzert, am anderen von der Venylplatte oder jetzt sogar als mp3: jazzig, poppig, wild, ungestüm: Toccata, Fuge, Air. Und nicht nur jener Pianist aus Frankreich, der nur zwei Jahre jünger ist als mein Vater. Die „Air“ immer wieder, immer wieder anders auch im zu Ende gehenden Jahr: David Garett auf seiner Geige während einer Autofahrt, Maybebop bei der Einführung des neuen Landesbischofs in Hannover.

Zum Start ins Jahr der Kirchenmusik nun das: „Dieter Falk & Sons“ zelebrieren Bach auf ihre Art. Wieder ganz anders – und noch einmal die Air. „Bach swingt und rockt“, weiß der 17jährige Max Falk. Sein Vater, eher in meinem Alter, schwelgt in den ähnlichen Erinnerungen: „Bei uns zu Hause gab's das volle Bach-Programm: Matthäuspassion, Weihnachtsoratorium, Kantaten, Motetten, Choräle...,“ sagt er über seine Jugend. Er hat mitgesungen im Kirchenchor. Für den Popmusikproduzenten, der mehr als 20 Millionen CDs verkauft hat, ist klar: „Mir geht’s wie Tausenden von Kollegen: Ohne Bach wäre ich wohl nicht Musiker geworden.“ Deshalb für das Jahr der Kirchenmusik: „Celebrate Bach“: der großartige Thomaskantor als eingängig groovende Popmusik, der musikalische Prediger als Partymusik, die das Bein zum Wippen bringt.

„Jazz, das geht doch noch, aber Pop?“, höre ich all die Puristen murren. Irrtum! Schon mit seiner 40.000fach verkauften CD zum Paul-Gerhardt-Jahr (A tribute to Paul Gerhardt) hat er gezeigt, dass guter, durchdachter Pop auch mit traditioneller Kirchenmusik kann. Bach bringt zudem all das mit, was guten Pop ausmacht, lobt Dieter Falk das Unkonventionelle an Bach, „seine grandiose Art, damals höchst gewagte Akkorde mit synkopischen Rhythmen zu verbinden“. Der Kirchenmusiker, der zum Juror eine TV-Castingshow geworden ist, kann seine Begeisterung nicht verhehlen. Und geht einen Weg, den zumindest ich nicht bei Jacques Loussier entdeckt habe: Er mischt auf der CD „Celebrate Bach“ Stücke von Bach, die eindeutig in die Kirche und in Gottesdienste gehören, mit der Musik, die Johann Sebastian Bach für andere Zusammenhänge geschrieben hat – sozusagen weltliche Musik. In Facebook erklärt der Popmusiker, warum es bei Bach beides gibt: Bach sei zwar angestellter Kirchenmusiker gewesen, aber das Einkommen gering, deshalb sei er immer wieder auf weltliche Zusatzhonorare angewiesen gewesen. Bösartig, wer auch darin – und nicht nur in der Musik – aktuelle Zusammenhänge erkennt.

So swingt die „Air“, die „vielleicht schönsten langsame Musik, die je komponiert“ wurde, ebenso wie Bachsche Tanzmusik – der Pop seiner Zeit?. „Jesu bleibet meine Freude“ rockt über drei Minuten. Es endet in der Zugabe einer Melodie von Giacomo Gestoldi: „In dir ist Freude“, allerdings nicht mehr im schwungvollen Drei-Viertel-Takt, sondern als rockige Vier-Viertel: Das alles – wie könnte es bei Bach anders sein: „Soli deo gloria“ - allein Gott zur Ehre.

Von Christof Vetter (Evangelische Zeitung)

Klavierspieler des Jahre 2012: Dieter Falk

Seit vielen Jahren verleiht der Bundesverband Klavier e.V. (BVK) während der Musikmesse in Frankfurt die Auszeichnung „Klavierspieler des Jahres“ an Persönlichkeiten, die sich um das Klavierspielen verdient machen. Dass sich das Musizieren positiv auf das Sozialverhalten und die Intelligenz von Menschen auswirkt, haben inzwischen einschlägige Langzeitstudien bewiesen.

Dieter Falk wurde im Dezember 1959 in Siegen-Klafeld geboren. Nach dem Schulabschluss studierte er von 1979 bis 1985 Jazz und Schulmusik an der Musikhochschule Köln. Dieter Falk gehört mit fünf ECHO-Nominierungen und über 20 Millionen verkauften CDs als Produzent (u.a. für PUR, Monrose, Patricia Kaas, Roger Chapman, Paul Young, Daliah Lavi und viele andere) zur Spitze der deutschen Musikszene. Der ehemalige Kirchenmusiker und mehrfache „Keyboarder des Jahres" (Fachblatt Musikmagazin) saß zwei Jahre in der Pro7-„Popstars“-Jury neben Nina Hagen und veröffentlichte als Pianist 2007 mit „A Tribute to Paul Gerhardt“ eines der erfolgreichsten Instrumentalalben der letzten Jahre (40.000 verkaufte CDs). Sein Gospel-Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ füllte zuletzt die großen Arenen mit über 80.000 Besuchern. Als Pianist arbeitete Falk - dessen dynamischer Klavierstil stark vom Gospel geprägt ist - schon in den 80er Jahren in den USA für Künstler wie Edwins Hawkins („Oh happy day“), Kenny Rogers oder Amy Grant. Lange Zeit war er musikalischer Wegbegleiter von Katja Ebstein, Gitte Hænning oder Daliah Lavi. Bei seiner Produzententätigkeit steht das Klavier oft im Mittelpunkt und viele dieser Songs sind aus der deutschen TV-und Radiolandschaft nicht wegzudenken.

Inzwischen ist Dieter Falk mit seinen Söhnen unterwegs und präsentiert sein neues Album „Celebrate Bach“. Dieses Album widmet sich dem wohl bedeutendsten deutschen Komponisten Johann Sebastian Bach und wurde mit dem Jazz-Award ausgezeichnet. Es enthält großartige Interpretationen der bekannten Bach-Melodien: voller Energie und ordentlichen Prisen an Pop, Rock, Klassik und Jazz.

Die Jury stellt deshalb fest. „Dieter Falk sorgt also in der ihm einzigartigen Weise dafür, dass Menschen an das Musizieren und Klavierspielen herangeführt werden.“ Mit Dieter Falk sei ein würdiger Preisträger gefunden worden .

Und im Übrigen ist Sonntag...

meinsonntag

Mein Sonntag -  
Junge Reporter über den ersten Tag der Woche

Ein Gesellenstück gibt Einblick in die bundesdeutsche Wirklichkeit: 16 Volontärinnen und Volontäre der renommierten Evangelischen Journalistenschule in Berlin haben sich auf die Suche nach dem Sonntag begeben, Fotografinnen undFotografen aus der Abschlussklasse des Lette-Vereins haben sie dabei begleitet. In Reportagen und Porträts, mit Interviews und in Essays machen sie Nahaufnahmen: Was bedeutet der Sonntag für alte, was für junge Menschen? Für Verkäuferinnen und Wirte, die an diesem Tag arbeiten müssen? Für den Hobbygärtner und den Fußballspieler?

Oscar Tiefenthal Hg., Mein Sonntag. Junge Reporter über den ersten Tag der Woche, Verlagedition chrismon, 116 Seiten, Illustrationen mit zahlreichen Fotos.

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