2012_03_12

 Bild: Thorsten Freyer / pixelio.de

Ein Jahr Fukushima

Tagesthema 11. März 2012

Meine Meinung: Ein Jahr Fukushima

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Landessuperintendent Dieter Rathing

Zum ersten Mal jährt sich die Katastrophe in Fukushima. In der „Evangelischen Zeitung„ schrieb Landessuperintendent Dieter Rathing seine Meinung. Im Sprengel Lüneburg liegt unter anderem auch das Zwischenlager Gorleben.

Bis vor einem Jahr hatte ich von Fukushima noch nie etwas gehört. Das änderte sich am 11. März. Seitdem verbinden wir den Namen der japanischen Stadt mit einer Katastrophe. Sonntag ist Jahrestag. Auf Veranstaltungen und in Gebeten gedenken wir der Opfer. Hinter der Reaktorkatastrophe von Fukushima standen ein Erdbeben und ein Tsunami. Naturereignisse. Kühle Wissenschaftler verweisen auf die Unberechenbarkeit der Natur. Der Mensch ist allein zu Haus, heißt das. Gott ist aus dem Spiel.

Wir geben uns damit nicht zufrieden. Der Mensch ist nicht allein zu Haus. Deshalb mahnen wir zu Anstrengungen, mit der Schöpfung achtsamer umzugehen als in der Vergangenheit. Wir verweisen auf unsere Verantwortung, die wir vor Gott für das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen haben. Wir kritisieren unseren Lebensstil, der Erde, Luft und Wasser Schaden zufügt. Bei manchen Christen hält sich hartnäckig die Meinung, eine Naturkatastrophe müsse als göttliche Strafe gedacht werden. Reaktion auf Sünde und Schuld der Menschen.

Natur gut, Mensch böse. Darauf läuft es meistens bei uns hinaus. Bei den einen, die Erdbeben und Wasserfluten ausschließlich mit menschlichem Schuldverhalten in Verbindung bringen. Sie sehen uns überall am bösen Werk, diesen Planeten ins Unwirtliche zu verändern. Natur gut, Mensch böse. So denken es auch die anderen, die in Naturkatastrophen Gottes Zorn auf übles Menschentun erblicken. Beide Male dasselbe. Irgendwie müssen doch Menschen verantwortlich sein! Oder wenigstens verantwortlich gemacht werden können!

Dass Gott unmittelbar damit etwas zu haben könnte, schließen wir eher aus. Wir weisen ihm die Rolle des Zusehenden und Mitleidenden zu. Einen Gedanken haben wir kaum noch: Es könnte Naturereignisse geben, die nicht von Menschen verursacht sind. Katastrophen, die wir nicht verhindern können. Eine dunkle, verborgene Seite Gottes. Kein Grund, um nachzulassen in der Anstrengung, achtsamer mit der Natur umzugehen. Aber viel Grund für eine Demut, die weiß, dass nicht alles von Menschenhand zu richten ist.

Dieter Rathing Landessuperintendent im Sprengel Lüneburg (Aus der Evangelischen Zeitung, Ausgabe vom 11. März)

Zum ersten Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima haben am Sonntag in Hannover nach Veranstalterangaben rund 6.000 Menschen gegen die Kernenergie demonstriert. Bei einer Kundgebung forderten sie die konsequente Stilllegung aller Atomanlagen in Deutschland und weltweit. Mit einer Schweigeminute erinnerten sie zugleich an die Opfer des Reaktorunglücks in Japan. Mit Fahnen und Transparenten, Trommeln und Trillerpfeifen sowie „Abschalten“-Rufen zogen sie anschließend vom Opernplatz durch die Innenstadt.

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Hans-Martin Heinemann

Hannovers evangelischer Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann forderte eine „konsequente Ausstiegspolitik, die nicht ständig bejammert wird“. Die Atomenergie könne zu viele Fragen nicht beantworten, insbesondere nicht die nach der Endlagerung des Atommülls. Die Kernkraft sei deshalb „zur bedrückenden öffentlichen Last“ geworden.

Niedersachsen sei besonders von den Folgen der Atomenergie betroffen, sagte Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD). Das marode Endlager Asse bei Wolfenbüttel sei ein Symbol für den verantwortungslosen Umgang mit Atommüll. Und die Debatte um das geplante Endlager in Gorleben zeige, wie eine ganze Region gegen die Atomenergie aufbegehre.

epd/Red