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 Bild: Jens Schulze

Singen überwindet Grenzen

Tagesthema 10. März 2012

Singende Ökumene

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Fritz Baltruweit

Zur Vorbereitung und Durchführung der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1983 gab es eine „interkontinentale Musikgruppe“ – mit Musikerinnen und Musikern aus fast allen Erdteilen. Wir haben zusammen gespielt und voneinander gelernt. Wenn ein Gesang aus Afrika „dran war“, dann hat jemand aus Afrika das Lied angeleitet. Wenn es eins aus Europa war, waren Dieter Trautwein oder ich „dran“. Das war ein wunderschönes Musizieren und voneinander und miteinander lernen. Schon damals war mir klar, dass für das ökumenische Lernen gilt: „Paper doesn’t work“. Für uns konnte man fast sagen: „Words don’t work“. Denn wir bekamen durch dieses Miteinander ausgesprochen viel vom „Feeling“ und der Atmosphäre auch der entsprechenden Kulturen mit, die durch die Musik „transportiert“ wurde.

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Singen überwindet Grenzen. Bild: Jens Schulze

Die Lieder hatten eine wirkliche „ausstrahlende“, ja „missionarische“ Dimension. Bischöfe aus einigen Ländern hörten in Vancouver weit entfernt von ihrer Heimat zum ersten Mal: Es gibt nicht nur die europäischen oder amerikanischen Lieder und Hymnen, die wir normalerweise in der Kirche singen, sondern es gibt auch Lieder aus unserer ureigenen Kultur. Die nehmen wir mit und probieren sie in unserer Kirche aus.

Zu dem gemeinsamen Musikmachen kamen die Gespräche. Einmal fragte mich Simei Monteiro, Animateurin, Komponistin und Professorin in Sao Paulo, Brasilien (später war sie beim Weltkirchenrat in Genf für Gottesdienste zuständig): „Wer setzt eigentlich die Kriterien für die Kirchenmusik? Das ist doch eine Frage der Macht! Es gibt eine Geschichte des Sexismus und des Rassismus auch in der Kirchenmusik. Bei uns waren es zum Beispiel bestimmte Volksinstrumente, die im Gottesdienst verboten waren. Die ‚Offiziellen’ sagten: ‚Eine Blockflöte ist ein Sexsymbol!’ ...und wollten damit die Musik des Volkes aus dem Gottesdienst verbannen. Oder: ‚Die Trommel ist ein Instrument der Schwarzen!’ – Man durfte zeitweise auch keine schwarzen Klaviertasten benutzen, und keine ‚schwarzen’ Noten, also Viertel- und Achtelnoten usw. – Damit wurde der uns eigene Rhythmus unterdrückt. Es ist auch eine Frage der Theologie, ob mehrere oder nur ein Instrument im Gottesdienst vorkommen dürfen. Die Orgel spiegelt die Allmacht Gottes wider. Instrumente, die miteinander musizieren, betonen eher die Partizipation, die Gemeinschaft. – Ja, wer setzt die Kriterien für die Musik in der Kirche?“

So habe ich erlebt, wie wichtig es Menschen ist, die eigene Kultur nach Jahrhunderten wieder musikalisch im Gottesdienst zu erleben. Wie wichtig es ist, den Glauben in der eigenen Kultur, im eigenen Lebensgefühl auszudrücken. Und auch: Wie wichtig es mir ist, „meine“ Kultur (z.B. der neuen Lieder) im Gottesdienst (er)leben zu können!

Jahrhundertlang hatten wir Musik, hatten wir Kirchenlieder „exportiert“. Und es ist auch eine wunderschöne Erfahrung: Wir haben ein gemeinsames „Erbe“, das uns miteinander verbindet und dass es zu bewahren lohnt. „Unsere“ (bei bestimmten Liedern kann man das für Christinnen und Christen fast um den Globus sagen) „alten“ Lieder aus dem Gesangbuch.

Aber spätestens seit der Vancouver-Konferenz hat sich etwas verändert: Es kommt etwas zurück, was unsere Gottesdienste lebendiger macht, frischer, auch „geistvoller“ – Lieder, die die Steifheit und „das Museum“ aufbrechen.
Natürlich sollen wir diese Lieder aus aller Welt nicht einfach so vereinnahmen. Es gehört auch dazu, dass etwas von dem spürbar wird bzw. bleibt, was diese Lieder kulturell ausmachen, wenn wir sie singen. Ein Lied z.B. aus Afrika ohne Bewegung und Percussion ist sehr schnell in einer Weise „eingemeindet“, dass gar nichts mehr von dem übrig bleibt, was es ausmacht. Aber das gilt für „unsere“ Lieder ja genauso: Auch ein Renaissance-Tanz aus dem Gesangbuch kann sehr schnell musikalisch eingeebnet werden. Aber wenn wir bewusst Lieder aus der weltweiten Ökumene singen, dann ist das ein großes Geschenk – zu wissen: Durch dieses Singen wird es bei uns im Gottesdienst lebendiger.

Auch in dem Wissen: Das geschieht nicht nur bei uns. Wie „Inkulturation“ im Gottesdienst gerade auch durch die Musik wirklich wird und geschieht, konnte ich im „Zeitraffer“ auch an vielen anderen Orten miterleben, z.B. in Bethlehem.
Dreimal habe ich dort den Gottesdienst in der lutherischen Kirche besucht. Bei meinem ersten Besuch 1981 fühlte ich mich wie zuhause, da die Liturgie exakt derjenigen folgte, die mir aus Deutschland vertraut war. Ich konnte zwar das Arabische nicht mitlesen, aber ich wusste an jeder Stelle der aus Deutschland übernommenen Liturgie, wo wir im Gottesdienst waren. 1987 war die Liturgie noch genauso, aber ein Mädchen sang im Gottesdienst an drei Stellen jeweils ein palästinensisches Lied. Das waren für mich die Momente, die mich am meisten berührten in dem Gottesdienst. 1993 hatte die Gemeinde ihre Liturgie kontextualisiert: Liturgie, Gebete, Lieder im arabischen Kontext – ein Prozess, wunderbar mitzuerleben.

Wie überall auf der Welt geht es auch bei uns darum, „unsere“ Kultur einzubringen. Auch bei uns galt und gilt es fragen: Was ist Evangelium, und was ist Kultur? Welche Kultur dominiert die Gottesdienste? Und welche brauchen wir? Ich erinnere mich noch gut an die Frage (in den 70er Jahren): Was hat ein Schlagzeug im Gottesdienst zu suchen? Ja, wie können wir dadurch, dass das Evangelium in die entsprechende Kultur (die ja je nach Milieu auch unterschiedlich sein kein) „übersetzt“ bzw. „implantiert“ oder eben „inkulturiert“ wird, unser eigenes Lebensgefühl im Gottesdienst wieder entdecken?

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Gemeinsam Musik zu machen verbindet Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, von verschiedenen Kontinenten und diferierender Konfessionen. Bild: Jens Schulze

Ich möchte abschließend nochmal einen kurzen Ausflug in die europäische Ökumene machen. In Sibiu/Hermannstadt (Rumänien) fand 1997 im „Land der Orthodoxen“ die 3. Europäische ökumenische Versammlung der Konferenz Europäischer Kirchen und der Europäischen Bischofskonferenzen statt. Musikalisch war für mich die Konferenz und ihre Vorbereitung im Gottesdienst-Team eine echte Überraschung. Bis dahin habe ich die Musik der Orthodoxie eher als einen monolithischen Block wahrgenommen, in dem jede Komposition in einer tausendjährigen Tradition steht. Das löste sich auf einmal auf. Auch orthodoxe Musiker komponieren Neues, bringen Osten und Westen in ihrer Musik zusammen – und kommen dann noch musikalisch zusammen mit Lutheranern, Reformierten, Anglikanern, auch Gruppierungen wie IONA und TAIZE.
In München beim Ökumenischen Kirchentag knüpften wir daran an und brachten ähnliche Erfahrungen in „unserer“ Kultur zusammen zu einem miteinander durchkomponierten Gottesdienst. Ich habe das in München bei der Ökumenischen Feier zu Christi Himmelfahrt miterlebt. Ein altes Kreuz, eine alte Toaka (ein hölzernes Instrument, das zum Gottesdienst ruft wie eine Glocke), alte und neuere orthodoxe Gesänge – aber dann auch „unsere Musik“ – in diesem Fall u.a. eine „hochkulturellen“ Komposition (eines katholischen Kirchenmusikers) zu dem biblischen Text, der sich wie ein roter Faden durch die Feier zog, die mit modernen, aber auch sehr volkstümlichen und gut mitsingbaren Momenten (eines evangelischen Liedermachers) durchsetzt war. Ein Miteinander von ganz verschiedenen kulturellen Elementen, verwoben und komponiert zu einem (fast) homogenen Ganzen.

Wenn Menschen sich in einem gemeinsamen Lernprozess befinden, der durch Begegnungen wächst, dadurch, dass verschiedene Menschen verschiedener Herkunft miteinander lernen und Lieder aus der EINEN Welt singen und so Gottesdienst miteinander feiern, dann entsteht etwas Neues - auch die Vision von der EINEN Kirche.

Von Fritz Baltruweit

Lieder aus der Ökumene
Ein Beispiel

Aus der Ökumene kommen durch das gemeinsame Singen auch Lieder anderer Kulturen, anderer Konfessionen, anderer Kontinente und Länder in das gottesdienstliche Singen der evangelischen Kirchen in Deutschland. Manche davon haben auch ihren Weg in das Evangelische Gesangbuch gefunden. Einige sind mehrsprachige abgedruckt, andere haben Hinweise darauf, dass sie ursprünglich in anderen Sprachen gesungen wurden.

Eines davon soll - der Zeit im Kirchenjahr entsprechend - hier vorgestellt werden: