2012_03_08

Bild: fanny18 / photocase.com

Seelsorge - Dienst der Christen

Tagesthema 07. März 2012

Reicht das offene Ohr?

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Sonja Domröse

Es war Ende November. Ich stand an der Kirchentür und verabschiedete die Gemeinde, die zum Ewigkeitssonntag in großer Zahl zusammengekommen war. Auch ich hatte in den zurückliegenden Wochen sehr Schmerzhaftes erlebt. Da kam sie zu mir, die Kirchenvorsteherin mit dem herben Charme der Norddeutschen und sah mich an. „Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie heute besonders schwer war zu predigen. Auch ich habe schon einmal ein Kind durch eine Fehlgeburt verloren. Das ist sehr traurig.“ Noch heute weiß ich, wie gut es mir als gestandene Seelsorgerin getan hat, diese unspektakulären Worte zu hören, die trösteten. So wünsche ich mir eine seelsorgliche Gemeinde: Ein offenes Ohr füreinander zu haben, empfänglich zu sein für die Nöte und Sorgen anderer, sich selbst ohne Eitelkeit in Stärken und Schwächen zeigen zu können. Seelsorge als Alltagsseelsorge.

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Spontanes Gespräch bei frühlingshaftem Sonnenschein auf der Friedhofsbank. Situationen wie diese gehören im Gemeindeleben zum Alltag und sind doch mehr als bloßes Geplauder. Die Grenzen zur Seelsorge sind fließend. Bild: epd-Bild

Nach wie vor ist sie das Alleinstellungsmerkmal der Kirche. Seelsorge ist das, was Menschen nur bei uns suchen und hoffentlich auch finden. Das kann in ausdrücklichen Seelsorge-Gesprächen geschehen, in denen Ratsuchende einfühlsam und auf Augenhöhe begleitet werden. Und vielleicht durch ein gemeinsames Gebet an Leib und Seele gestärkt werden. Denn Seelsorge heißt ja: Ich kann mich öffnen für meine Gottesbeziehung, weil ich auch spirituell begleitet werde. Aber auch jedes andere Gespräch im kirchlichen Kontext kann seelsorgerliche Dimensionen haben. Das leuchtet bei einem Beerdigungsgespräch unmittelbar ein. Aber auch gute Gespräche zu Taufe und Trauung können Tiefe erreichen. Dazu benötigen Geistliche innere und äußere Freiräume, ja, sie müssen sich vornehmlich als Seelsorgende verstehen. Bei immer höheren Gemeindegliederzahlen und einem zunehmend disparater werdenden Berufsbild ist das eine große Herausforderung. Sie kann nicht nur individuell bewältigt werden, sondern muss als kirchenleitende Aufgabe angegangen werden.

Wenn wir uns weiterhin als seelsorgliche Kirche verstehen, muss es Rahmenbedingungen geben, in denen dies möglich ist. In speziellen Arbeitsbereichen wie der Krankenhaus- oder Telefonseelsorge beispielsweise. Aber auch durch professionelle Aus- und Fortbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Wer selbst eine Beziehung zu seiner Seele gewonnen hat und hält, der kann Seelsorgerin und Seelsorger sein. Dies gilt ausdrücklich auch für ehrenamtlich Tätige. Ja, für jede Christin und jeden Christen. Das habe ich erlebt, damals an der Kirchentür.

Von Sonja Domröse, Pastorin und Kommunikationsmanagerin in Stade (Evangelische Zeitung)

„Geht rein in die Gemeinden“

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Für Pastor Ulrich Schweingel geschieht Seelsorge in jeder Begegnung. Kontakt mit Menschen hat er in den 39 Jahren seiner Arbeit für die St.-Nikolai-Gemeinde in Hannover-Limmer reichlich gehabt. Er ist der Arbeit an der Basis treu geblieben und warnt vor der Tendenz, zu viele Aufgaben aus der Gemeinde in Sonderpfarrämter auszulagern. Bild: Michael Eberstein

Gut lutherisch weiß Ulrich Schweingel Person und Werk zu unterscheiden. „Und diese Grundhaltung wirkt sich dann auch in jedem Fitzelchen Gemeindearbeit aus“, sagt der Pastor, der seit fast vier Jahrzehnten seiner ersten Gemeinde treu geblieben ist – und sie ihm.

1973 trat Schweingel die Pfarrstelle an St. Nikolai in Hannover-Limmer an. Er bezeichnet sie seither als eine seelsorgliche, kommunikative Gemeinde, denn „Seelsorge geschieht in jeder Begegnung von Menschen, die sich erkennbar wahrnehmen, und sei es noch so kurz.“ Wenn er etwa beim Einkauf einer Frau begegne, und die nach wenigen Worten sage, es tue gut, sie habe schon seit drei Tagen niemanden mehr gesprochen, dann sei das Seelsorge. „Es kommt nicht darauf an, wie tiefgründig das Gespräch ist.“

Vielleicht hat Schweingel deshalb auch die Angebote als Superintendent abgelehnt. Einer Grundhaltung „Leitung heißt sich durchsetzen“ habe er nichts abgewinnen könne, „ich habe ein anderes Leitungsverständnis.“ Wer alle Menschen als Gottes Geschöpfe betrachte, müsse ihnen mit Achtung und Wertschätzung begegnen. „Das heißt nicht, dass im Streit nicht auch mal die Fetzen fliegen“, sagt Schweingel lachend, aber es komme eben drauf an, den Menschen von seiner Funktion unterschieden zu sehen.

Seelsorge, so betont der Pastor, sei kein pastorales Tun, das könne jeder tun. Er erwarte aber von seinen Berufskollegen, dass sie bewusst und – auch durch eine Ausbildung – reflektiert seelsorglich handelten. „Das kann niemand immer durchhalten, auch ich nicht“, räumt Schweingel ein. Denn nicht immer sei man „richtig sortiert“. Dann sei es besser, dem Gegenüber zu sagen, jetzt passe es nicht, er oder sie solle doch bitte noch mal anrufen oder vorbeikommen. „Eine klare Ansage hat auch etwas mit Seelsorge zu tun.“

Sie gebe es in jedem Feld der gemeindlichen Arbeit, etwa im Konfirmandenunterricht. „Gerade in diesem schwierigen Alter sind die Jugendlichen leicht verletzbar. Da ist besonders viel Liebe nörig." Konfirmandenunterricht gibt Schweingel heute nicht mehr, weil er nur noch mit einem Viertel seiner Arbeit in der Gemeinde ist, den Rest in der Ausbildung. Dort erklärt er den angehenden Pfarrern, dass zur Seelsorge immer auch Supervision gehöre. „Man braucht ein Gegenüber, um für sich das richtige Maß zu finden.“

Seine Sorge ist, dass sich die Kirche selbst schadet, wenn sie zu viel aus den Gemeinden in die Sonderpfarrämter verlagert. Es dürfe nicht, wie schon weitgehend in der Diakonie geschehen, auch noch die Seelsorge aus den Gemeinden auswandern. Sicher sei gelegentlich ein Ortspfarrer überfordert, und auch er verweise manche Hilfesuchenden an Fachleute. Doch eine „übertriebene Institutionalisierung“ schade. Viel zu schnell werde so aus einem munteren Kindergartenkind ein ADHS-Kind (mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsmangel). Manches Defizit ließe sich wahrscheinlich besser im gemeindlichen Umfeld ausgleichen.

Früher hatte die Nikolai-Gemeinde einen angemieteten Treffpunkt im Zentrum des Stadtteils, den „Laden“. Bis zu 20 „Ladenhüter“ waren hier abwechselnd Ansprechpartner, Seelsorger, der Pastor nur einer von ihnen. Mehr als zwei Jahrzehnte konnte der Laden aufrechterhalten werden. Inzwischen hat das Gemeindehaus, etwas dezentral, diese Funktion übernommen. Auch der Kindergarten ist seit zwei Jahren ein „Familienzentrum“. Das ist nicht nur ein neuer Name; verbunden ist damit auch eine unterstützende Funktion für Familien aus dem Stadtteil.

Hilfreich ist für sie auch, dass einmal im Monat eine Kinderkirche angeboten wird, sonnabends von 9 bis 12 Uhr. „Dann haben die Eltern einen freien Vormittag.“ Als seelsorglich habe sich auch erwiesen, den Sonntagsgottesdienst auf 11 Uhr zu verschieben. Anfängliche Kritik sei durch die größere Zahl jüngerer Familien im Gottesdienst erloschen.

Noch zahlreiche weitere Angebote – von Geburtstagsbesuchen über Tauferinnerungsfeste zu Pfingsten oder die manchmal zweistündigen Treffen nach dem Gottesdienst bis zum Anschreiben der Neuhinzugezogenen – machen die Nikolai-Gemeinde zu einer Seelsorge-Gemeinde. Entscheidend aber sei die Einstellung der Mitarbeitenden, betont Pastor Schweingel. Die seelsorgliche Verantwortung sei (fast) durchgängig bei allen vorhanden. „Sonst würde doch niemand kommen“, ist der Pfarrer überzeugt. Aus dem Stand nennt er -zig Beispiele, wie Hilfesuchenden ohne großes Federlesen unter die Arme gegriffen wurde.

Der Grundgedanke finde sich in den Aussegnungsworten „Es segne dich der Heilige Geist, der dich zu seinem Tempel bereitet hat“, erklärt Schweingel. „Wenn Gottes Geist in einem lebendig wohnt, wenn der Mensch zu dieser Gewissheit einen Zugang hat und so lebt, dann wird er seelsorglich mit sich und seinen Mitmenschen umgehen, ob privat in Familie und Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.“ Wer Jesus als Vorbild präsent habe, wirke seelsorglich – ohne missionarischen Anspruch, aber wirksam.
Seinen Berufskollegen könne er immer wieder nur raten: „Geht rein in die Gemeinden, damit sie gestärkt werden.“ Diese nötige Stärkung gelinge aber nur durch direkte Begegnungen und Gespräche. Dass der Seelsorger dadurch selbst gestärkt werde, sei ein nicht unwillkommener Nebeneffekt.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Tröster an den Wendepunkten des Lebens

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Dr. Christiane Burbach ist Professorin für Praktische Theologie an der Hochschule Hannover und Mitherausgeberin von „Wege zum Menschen – Zeitschrift für Seelsorge und Beratung“. Bild: Evangelische Zeitung

Als sich die Lehre von der Seelsorge, die Poimenik (von ποιμήν: der Hirte), in den ausgehenden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts neu ausrichtete, vollzog sie einen Paradigmenwechsel. Der Ruf nach der „Auslegung der „lebendigen menschlichen Dokumente“ als Aufgabe der Seelsorge, bei der „historische Texte nur eine untergeordnete Rolle“ spielen, erreichte aus den USA kommend den Kontinent. Mit dieser theologischen Akzentverschiebung in der Seelsorgelehre von der Orientierung an biblischen und dogmatischen Texten zum Thema „Mensch“ hin zum Verständnis konkreter lebendiger Menschen in bestimmten Situationen wurde ein neuer Raum betreten. Damit setzt die Poimenik eine Tendenz fort, die unter anderem Martin Luther anstieß, als er die Seelsorge aus der Bußpraxis herauslöste und der Freiheit des vor Gott selbstverantwortlichen Menschen zuordnete. Friedrich Schleiermacher stellt auf diesem Weg einen weiteren Markstein dar, indem er die Mündigkeit und Individualität des Menschen betont. Doch, wie können theologisch und kirchlich gebildete Menschen andere Menschen zu verstehen versuchen, wenn sie sie nicht als erstes in das Kategoriensystem von Sünder und Gerechtfertigter, endliches Geschöpf im Gegenüber des ewigen Schöpfers, Gottes Ebenbild und „gefallener Mensch“ einordnen? Vertreterinnen und Vertreter der neuen Seelsorgelehre wie zum Beispiel Joachim Scharfenberg haben sich auf den Weg gemacht, um Kommunikationstheorien und –praxis zu erlernen und für das Seelsorgegespräch fruchtbar zu machen. Sie haben sich mit psychologischen und soziologischen Ansätzen und Erkenntnissen auseinandergesetzt, haben von unterschiedlichen therapeutischen Schulen verschiedene Modelle zum Verständnis menschlicher Verhaltensweisen gelernt. Schließlich haben sie sich auch mit sich selbst auseinanderzusetzen gelernt. Es stellt eine Herausforderung dar, nicht – wie menschlich verständlich – jemandem Trost zuzusprechen, bevor er etwa alle Trauer und alle Wut, die er hegt, auch zur Sprache bringen konnte, sondern sich zu fragen oder auch fragen zu lassen, wem der schnelle Trost jetzt hilft: dem Seelsorger oder dem trauernden Menschen. Menschen in ihrer Individualität, in ihrer besonderen Lebenssituation besser zu verstehen, dazu haben auch Gender- und Milieustudien wie interkulturelles Wissen beigetragen.
Seelsorge hat sich in den letzten 40 Jahren stark ausdifferenziert. Es gibt Gemeinde-, Krankenhaus-, Altenheim-, Kinder-, Schul-, Gefängnis- und Notfallseelsorge. Seelsorgeräume finden sich auf dem Flughafen, dem Bahnhof und auf einem Kreuzfahrtschiff. Dem Wunsch nach Anonymität kommen besonders die Telefonseelsorge, SMS- und die Chatseelsorge entgegen. An den Wendepunkten des Lebens, den Kasualien, wie Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung, können Menschen seelsorgliche Begegnung erfahren.

Glücklich aber ist der Mensch, der seine Hoffnung auf den Herrn setzt!
Denn er hat Himmel und Erde geschaffen,
das Meer und alles, was darin lebt. Niemals bricht er sein Wort! 
(Psalm 146, Vers 5 bis 6)

Seelsorge als menschliche Begegnung im Horizont der Zuwendung Gottes hat sich aus vergangenen Engführungen befreit. Zu ihnen gehörte die Position Eduard Thurneysens, die davon ausging, dass das Seelsorgegespräch dann zu ihrem Anliegen komme, wenn die Situation eines Menschen explizit in das Licht Gottes gestellt wird (Seite 11). Demgegenüber rechnen heutige Seelsorger in jedem Gespräch mit der göttlichen Zuwendung zum Menschen. In Seelsorgegesprächen haben die unterschiedlichsten Themen ihren Platz: religiöse wie Glaubens- und Lebensfragen ebenso wie soziale oder auch ethische Fragen. Zu den wichtigsten Zielen der Seelsorge gehört es, Menschen den Raum zu bieten, zu Worte zu kommen, über sich, ihr Leben, ihre Erfolge, ihr Glück, ihre Segenserfahrungen sprechen und im Sprechen darüber nachsinnen zu können. Seelsorger sind Zuhörer, teilen die Gefühle ihres Gegenübers, ohne sie sich zu eigen zu machen, geben Affekten und Vorstellungen Raum, geben neue Impulse, die das Erzählte in einem anderen Licht erscheinen lassen, bringen ihr Gegenüber in Kontakt mit (christlichen) Symbolen, beten mit Menschen und segnen sie. Das alles jedoch nur mit dem Einverständnis ihres Gegenübers.

Dieser vor 40 Jahren eingeleitete Paradigmenwechsel hat wichtige neue Impulse, auch für die Systematische Theologie gebracht. Die Erfahrungsorientierung der Poimenik erlaubt ein tieferes Verständnis theologischer Begriffe: So ist die Erfahrung von Trost, das Ergreifen eines anderen Verstehensrahmens, das vorläufige Stehenbleiben bei schockierenden Erkenntnissen, des Findens neuer Perspektiven etwas anderes als innertheologisches Beschreiben von Begriffen wie Gnade, Versöhnung oder Menschwerdung Gottes.

Dr. Christiane Burbach ist Professorin für Praktische Theologie an der Hochschule Hannover und Mitherausgeberin von „Wege zum Menschen – Zeitschrift für Seelsorge und Beratung“ (Quelle: Evangelische Zeitung)

Leuchtfeuer an!

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Oberkirchenrätin Inken Richter-Rethwisch/Referentin für Seelsorge bei der EKD. Bild: Evangelische Zeitung

Mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ wollte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor sechs Jahren eine breite Diskussion über die zukünftige Gestalt der Kirche auslösen. Zwölf Handlungsfelder („Leuchtfeuer“) benannten die Herausforderungen, Aufgaben und Ziele. Die Seelsorge wurde damals nur am Rande erwähnt. Ein Fehler, wie man heute einsieht. Deswegen soll die Seelsorge ein weiteres Leuchtfeuer werden.

„Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ (Matthäus 5, 14-15)
Vielleicht trifft dieses Zitat aus der Bergpredigt ganz gut die Tonlage, um einzustimmen in das Thema „Seelsorge und ihre Bedeutung als weiteres EKD-Leuchtfeuer.“

So sagt Gott: Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir und will dich segnen. (1.Buch Mose 26, Vers 24) Die Ausgangslage war in etwa die folgende: Eine sich seit der Reformation stetig verändernde Kirche unterzieht sich einer Bestandsaufnahme, misst sich selbst den Puls, um festzustellen, wo die Hauptschlagadern liegen, Quellen der Lebendigkeit, Feuer die leuchten!

Inmitten der Formulierung der großen Linien vernachlässigt sie die intimste Sprachform des Glaubens: die Seelsorge. Vielleicht, weil dieses Feld mit nahezu beiläufiger Selbstverständlichkeit die Hauptadern von Kirche mit Leben versorgt; vielleicht aber auch, weil die Seelsorge zu den Feldern zählt, die scheinbar erst einmal im Verborgenen wirkt und gar nicht dem Zweck dienen will, ein leuchtendes Feuer darzustellen; vielleicht auch, weil Seelsorge ein kirchliches Querschnittsthema verkörpert: Gottesdienst, Predigt, geistlich Führen und Leiten, überall steckt Seelsorge drin.
Wie man es auch dreht und wendet; die Seelsorge, ob im Verborgenen oder zum Vorschein kommend, ist für Kirche so wichtig, so grundlegend, so fundamental, dass sie im Nachtrag zu mancher Vernachlässigung durch Seiten der EKD, ihre gebührende Wertschätzung erfahren soll.
Der Reformprozess hat sich diesem Anliegen verschrieben und dafür eigens ein EKD-Gremium eingerichtet, welches dem Rat in dieser Hinsicht zuarbeitet. Und dies sollen keine leeren Worte bleiben, sondern in der Tat die Kraft, den Glanz und die Stärke, mit der Seelsorge Kirche darstellt, hervorheben.
Für die eingerichtete „Ständige Konferenz für Seelsorge in der EKD“ unter Vorsitz von Prof. Dr. Kerstin Lammer (Freiburg) und Pastor Sebastian Borck (Hamburg) bedeutet dies vor allem einen deutlichen Akzent darauf zu setzen, dass Kirche ihre Muttersprache, „die Seelsorge“, pflegt.
„Pflegt“ ist hier in mehrfachem Sinne gemeint: einmal in dem Sinn, dass ihre Bedeutung und Strahlkraft nicht ausgehöhlt oder gar unter den Scheffel gestellt, sondern deutlich benannt wird und zum anderen, dass sie ihre Stärke und Kraft mit achtsamem und kritischem Blick auf die gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit in ihrer Fort- und Weiterbildung pflegen kann. Und schließlich noch in einem ganz banalen Sinne: so wie man eine Sprache pflegt, indem man sie spricht, pflegt man auch die Seelsorge in ihrer Ausübung.
Der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider formuliert es folgendermaßen: „Die Evangelische Kirche in Deutschland und ihre Gliedkirchen sehen in der Seelsorge eine der Kernaufgaben kirchlichen Handelns. Sie nimmt den Menschen umfassend in seiner Lebenssituation wahr, spricht ihn an, begleitet ihn. In dieser unmittelbaren Nähe entfaltet die „Muttersprache der Kirche“ ihre Wirkung. Sie bezieht ihre ursprüngliche Sprachkraft, ihre Weisheit und ihren Geist aus dem Evangelium Jesu Christi.

Denn so hoch, wie der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Liebe zu allen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen. (Psalm 103, Vers 11) Sie tritt in Dialog mit dem Menschen, der Sorge um seine Seele trägt und ringt im gemeinsamen Prozess nach dem Wort, das tröstet und befreit, das heilt und erneuert, das Perspektiven entfaltet und neue Zugänge zu Gott, zum Mitmensch und zu sich selbst erschließt. Ihre Grundmotivation obliegt dabei nicht etwa einem missionarischen Eifer, sondern vielmehr der bedingungslosen Zuwendung zu allen Menschen, freilich ohne dabei den Ursprung und die Wurzeln der eigenen Sprachfähigkeit zu leugnen.“
In den vielfältigsten und phantasievollsten Formen können Menschen heute die Angebote von Kirche in der Gestalt von Seelsorge auffinden. In ihrer evangelischen Erkennbarkeit und in ihrer kontextuellen und theologischen Sprachfähigkeit muss ihre Gestalt weiter gepflegt werden, um ihre Ausstrahlung und ihr Leuchten zu bewahren.

Oberkirchenrätin Inken Richter-Rethwisch ist Referentin für Seelsorge bei der EKD. (Evangelische Zeitung)

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Jede Woche widmet sich die Evangelische Zeitung neben aktuellen Nachrichten, kommentaren und Reportagen einem Schwerpunktthema. Dieses Mal ist es das Thema „Seelsorge“ - mehr dazu lesen Sie in der Ausgabe, die am 11. März erscheint.

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