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Bild: Dieter Sell

Gottesklang am Sonntag: Neue Orgel

Tagesthema 03. März 2012

Maßgeschneidert für Bach – Musikexperten sehen die neue Orgel im Künstlerdorf Worpswede als Meilenstein

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Orgelbaumeister Hendrik Ahrend arbeitet an einem Orgelneubau in der Worpsweder Zionskirche bei Bremen. Bild: Dieter Sell

Die Worpsweder Maler, Galerien und das Teufelsmoor: Die klassischen Publikumsmagneten im Künstlerdorf begeistern das Auge. Jetzt kommt was für's Ohr. Denn in der Zionskirche inmitten des Ortes ist eine Orgel entstanden, die Fachleute schwärmen lässt.

Mal steht Orgelbaumeister Hendrik Ahrend im Mittelgang der Worpsweder Zionskirche, mal beim Altar. Konzentriert spitzt er die Ohren, während von der Empore die Pfeifen der neuen Orgel schallen, die in seiner Werkstatt für das berühmte Künstlerdorf bei Bremen entstanden ist. Nun wird ihr Klang an das Kirchenschiff angepasst - Ahrend „intoniert“. Da sind Maßarbeit und ein feines Gehör gefragt, denn überall im Raum soll es gut klingen. An diesem Sonntag wird die Orgel eingeweiht, die auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt unterstützt hat.

Das Instrument mit mehr als 1.400 Pfeifen und 22 Registern sei „ein Meilenstein in der Orgellandschaft“, schwärmt der Organist und Kunstprofessor Harald Vogel. „Ihr Klang ist kammermusikalisch orientiert und eignet sich in besonderer Weise für das Orgelwerk von Johann Sebastian Bach.“ Typisch dafür ist der Einsatz des Pedals, einer Klaviatur für die Füße, die das extrem komplexe Spiel der Bach-Werke ermöglicht. Obwohl schon in den Nachbarorten bedeutende Instrumente aus der Barockzeit wie die Schnitger-Orgel in Grasberg und die Bielfeldt-Orgel in Osterholz-Scharmbeck stehen, hat der Bau nach Vogels Fachverstand gefehlt: „Er füllt eine Lücke in der reichen norddeutschen Orgellandschaft.“

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Das neue Instrument mit seinen mehr als 1.400 Pfeifen wird vom Orgelsachverständigen Professor Harald Vogel als „Meilenstein“ bezeichnet.  Bild: Dieter Sell

Gebaut hat Ahrend das Instrument in seiner Werkstatt im ostfriesischen Leer in Anlehnung an eine Barockorgel von Dietrich Christoph Gloger (1705-1773), die von 1763 bis 1900 in der Zionskirche stand. Dann folgten weitere Bauten wie zuletzt 1959 eine Nachkriegsorgel, die aber konstruktive Mängel aufwies. Vor zehn Jahren kam dann aufgrund ständiger Reparaturen die Idee auf, sie durch einen hochwertigen Neubau zu ersetzen - nach dem Vorbild von Gloger.

Qualität hat ihren Preis: Knapp 540.000 Euro hat die Orgel gekostet, die der Stader Regionalbischof Hans Christian Brandy als angemessenen „Leuchtturm“ im Kulturort Worpswede sieht. „Bis auf das elektrische Gebläse kamen nur natürliche Materialien in Frage“, erläutert Orgelbaumeister Ahrend. Tatsächlich: Das Gehäuse ist aus bester Eiche. Andere Bauteile bestehen aus Palisander, Bein, Eben-, Fichten- und Schlangenholz. Bälge, Dichtungen und Mechanikmuttern sind aus Schafs- und Rindsleder. Messing, Zinn und Blei stecken in den Pfeifen.

EU und Kirche gaben sechsstellige Beträge. Aber vor allem durch Privatspenden wurde die Finanzierung gesichert. „Wir mussten unsere Fantasie wachkitzeln, um Geld zu beschaffen“, bilanziert Kirchenmusikerin Ulrike Dehning eine anstrengende Zeit. So wurde das Orgelprojekt zur Initialzündung für eine beispielhafte Spendenkampagne. Künstler verzichteten über Jahre auf ihre Gage in nahezu 300 Konzerten, deren Erlös in das Neubauprojekt floss. Viele folgten dem Vorbild von Altbundeskanzler Schmidt, stellten sich als „Paten“ für Orgelpfeifen zur Verfügung und spendeten Geld.

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Pfeifenbauerin Haidy Ronke, Mitarbeiterin von Orgelbaumeister Hendrik Ahrend aus Leer, arbeitet an einem Orgelneubau in der Worpsweder Zionskirche bei Bremen.  Bild: Dieter Sell

Wein, Uhren, Schlüsselanhänger, selbst gebackene Kekse und Kuchen, Strümpfe und Lesezeichen - was wurde nicht alles verkauft, um das Konto aufzubessern. Tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit kamen zusammen. Bei allem Engagement blieb die Aktion in der Gemeinde aber nicht ohne Widerspruch, denn es gab auch Stimmen, die lieber mehr Geld etwa in die Jugendarbeit investiert hätten. „Man soll Gutes tun, man kann aber auch Schönes tun“, sagt dazu Karl-Heinz Voßmeier, Orgelrevisor der hannoverschen Landeskirche. Er ist überzeugt: „Das Schöne ist in unserer Welt ebenso wichtig und wertvoll wie das Gute.“

Nun steht das Schöne auf der Empore der Zionskirche - vis-à-vis von Engelsputten und Blumenornamenten, mit denen Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker die Kirche einst als Strafarbeit für übermütiges Glockenläuten schmücken mussten. Zusammen mit dem Orgelklang werden sie zukünftig wohl für ein visuell-akustisches Raumerlebnis sorgen, das viele Touristen anzieht. Und virtuose Künstler, denn schon im Spätsommer klingt das neue Instrument zur Finalrunde und zu einem Preisträgerkonzert im Rahmen des Bremer Musikfestes.

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Ein Mitarbeiter von Orgelbaumeister Hendrik Ahrend aus Leer setzt große Pfeifen in einen Orgelneubau der Worpsweder Zionskirche bei Bremen ein. Bild: epd-bild/Dieter Sell

„Die neue Orgel eröffnet Studien- und Aufführungsmöglichkeiten, die das kulturelle Profil des Ortes sehr bereichern werden“, ist Professor Vogel überzeugt. Schon zur Einweihung trägt er dazu bei und spielt am Sonntag „Bach und seine Zeit“, mit dem er die Orgel erstmals klanglich zum Glänzen bringen will. Das Programm ist gleichzeitig Auftakt zu einer konzertanten Festwoche. Sie kann nach den Worten von Gemeindepastor Kurt Liedtke Kraft und Mut für soziales Engagement geben und damit den vermeintlichen Gegensatz zwischen Schönem und Guten aufheben: „Mit den Klängen des Himmels in Ohr und Herz wenden wir uns den Sorgen der Erde zu.“

Von Dieter Sell (epd)

Zur Information: Über Johann Sebastian Bach

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Johann Sebastian Bach im Alter von 61 Jahren, von Elias Gottlob Haussmann, Kopie oder Zweitversion seines Gemäldes von 1746, Privatbesitz von William H. Scheide, Princeton, New Jersey, USA

Johann Sebastian Bach (1685-1750) zählt zu den weltweit bedeutendsten Komponisten überhaupt. Er wurde in Eisenach geboren und gilt als der Orgel- und Klaviervirtuose des Barock überhaupt. Seine Werke beeinflussten nachfolgende Komponistengenerationen und inspirierten Musikschaffende zu zahllosen Bearbeitungen. Bachs Musik steht heute für den Gipfelpunkt der lutherischen Kirchenmusik und ist musikalischer Ausdruck der Reformation. Zahlreiche Werke haben Eingang in das Evangelische Gesangbuch gefunden.

Neben Hunderten Konzerten, Kantaten und Oratorien widmete sich Bach dem Orgelspiel. Experten zufolge sind seine Orgelstücke norddeutsch geprägt. Zwischen 1700 und 1702 lernte er in Lüneburg die Werke der norddeutschen Komponisten kennen. Typisch dafür ist der Einsatz des Pedals, einer Klaviatur für die Füße, die ein extrem komplexes Spiel ermöglicht.

Bach verlangt Instrumenten und Musikern mehr ab als andere Komponisten. Viele seiner großen Orgelwerke galten lange Zeit wegen ihrer Komplexität als unspielbar. Seine Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565) ist wohl das mit Abstand bekannteste Orgelwerk europäischer Kunstmusik. Das zwischen 1703 und 1707 im thüringischen Arnstadt geschaffene Werk gilt als charakteristisch für den jungen ungestümen Bach.

Seine wichtigste Schaffenszeit erlebte Bach von 1723 bis zu seinem Tode am 28. Juli 1750 in Leipzig. Zu seinen Amtspflichten als Thomaskantor gehörte die wöchentliche Aufführung von Kantaten für den sonn- und festtäglichen Gottesdienst. Etwa 60 Kantaten für Solisten, Chor, Orgel und oft auch Orchester wurden dafür pro Kirchenjahr benötigt. Fünf solcher Kantatenjahrgänge soll er komponiert haben, von denen jedoch nur drei erhalten sind. In Leipzig wurden auch seine berühmtesten Werke wie etwa die h-Moll-Messe (Missa tota, BWV 232), die Johannes-Passion (BWV 245) oder das Weihnachtsoratorium (BWV 248) erstmals aufgeführt.

Nach zwei Augenoperationen starb Bach am 28. Juli 1750 an den Folgen eines Schlaganfalls. Obwohl Schüler seine Tradition weiter pflegten, gerieten seine Werke fast ein Jahrhundert lang in Vergessenheit. Erst mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion (BWV 244) unter Leitung von Felix Mendelssohn im Jahre 1829 wurde er in der breiten Öffentlichkeit wiederentdeckt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehören seine Werke weltweit zum festen Repertoire der klassischen Musik. Bestattet wurde er in der Leipziger Thomaskirche.

Von Jörg Nielsen (epd)

Mehr über Bach

Reformation und Musik: Gottesklang 2012

Musik und Evangelium hat sich in der Geschichte der Christenheit unauflöslich verbunden. „Davon ich sing'n und sagen will“ - so dichtet der Reformator Martin Luther in seinem berühmten Weihnachtslied. Musik war für ein Mittel des Heiligen Geistes. Und das biblische Wort inspirierte begnadete Menschen immer wieder zu überwältigender Musik - zum Beispiel den „fünften Evangelisten“ Johann Sebastian Bach.

Mehr über die EKD-Aktivitäten: Reformation und Musik

Gottesklang am Sonntag

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Der Sonntag ist nach dem Grundgesetz als Tag der Arbeitsruhe und der „seelischen Erhebung“ geschützt. Musik kann zu dem, was mit „seelischer Erhebung“ gemeint ist, helfen.

Immer wieder sonntags wird die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim ein kirchenmusikalisches Thema aufgreifen: Jahr der Kirchenmusik - Gottesklang 2012. Start ist in dieser Woche mit dem Thema „Vokalmusik“. Überschrift dieser besonderen Tagesthemen ist „Gottesklang am Sonntag“.

Mehr zum Jahr der Kirchenmusik „Gottesklang 2012“

Festwoche zur Einweihung der Worpsweder Ahrend-Orgel

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Am 4. März wird die neue Orgel in einem Gottesdienst festlich eingeweiht. Bild: Dieter Sell

An diesem Sonntag wird die neue und knapp 540.000 Euro teure Orgel aus der Werkstatt von Hendrik Ahrend (Leer) in der Worpsweder Zionskirche eingeweiht. Daran schließt sich eine Festwoche an. Das Programm im Einzelnen:

  • 4. März Festgottesdienst ab 10 Uhr. Um 17 Uhr spielt Professor Harald Vogel das Einweihungskonzert zu „Bach und seine Zeit“.
  • Montag, 5. März, 20 Uhr: Dorothea Voßmeier (Sopran), Karl-Heinz Voßmeier (Orgel), Kompositionen von Bach, Buxtehude und anderen.
  • Dienstag, 6. März, 20 Uhr: Wolfgang Baumgratz (Orgel), Kompositionen von Bach, Krebs, Sweelinck und anderen.
  • Mittwoch, 7. März, 20 Uhr: Martin Böcker (Orgel), „Bach und Luther“ - ein Gang durchs Kirchenjahr.
  • Donnerstag, 8. März, 20 Uhr: Tillmann Benfer (Orgel), Kompositionen von Rossi, Bach, Krebs, Duruflé und anderen.
  • Freitag, 9. März, 20 Uhr: Hans Davidsson (Orgel), Kompositionen von Scheidemann, Weckmann, Bach, Böhm und anderen.
  • Sonnabend, 10. März, 15 Uhr: Orgelkonzert für Kinder, „Dornröschen“ nach der Ballettmusik von Peter Tschaikowsky.
  • Sonnabend, 10. März, 20 Uhr: Bachkantaten, unter anderem mit Tobias Gravenhorst (Orgel) und dem Bremer Rathschor.
  • Sonntag, 11. März, 17 Uhr: Portraitkonzert zum 80. Geburtstag von Sofia Gubaidulina. Die Komponistin ist anwesend.

Vielfältige Klänge

Musizierende Engel Freiberger Dom, Foto: Klaus-Uwe Nommensen

Im Laufe der Jahrhunderte brachte die evangelische Kirchenmusik eine Vielzahl von Kompositionen hervor. Instrumentalisten, Organisten und Organistinnen, Chöre, Solistinnen und Solisten, Posaunenchöre und Bands bringen sie in den Kirchen zum Klingen. Alte und neue Texte, alte und neue Melodien werden so in die Welt hinaus und in die Menschen hinein getragen.

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Orgellandschaften in Niedersachsen

Orgelansicht Marienhafe
Orgel Marienhafe (Ostfriesland). Bild: Ulrich Ahrensmeier

„Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele!“ So hat Albert Schweitzer die Bedeutung der Orgel ausgedrückt. Mozart nannte sie die „Königin der Instrumente“. Wenn sie im Gottesdienst schweigt, fehlt vielen Menschen etwas. Unsere Landeskirche ist reich an bedeutenden Orgeln. Im Norden und Nordwesten zwischen Ems und Elbe finden wir eine der bedeutendsten Orgellandschaften der Welt. Instrumente aus sechs Jahrhunderten mit ihren verschiedenen Klangfarben sind dort in Gottesdiensten und Konzerten zu hören.

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