2012_02_29

Bild: Claudia Hautumm / pixelio.de 

Ein gewonnener Tag

Tagesthema 28. Februar 2012

Rituale und Rätsel: Der Schalttag ist nicht nur für Geburtstagskinder etwas Besonderes

Schaltjahr 1
Die pensionierte Grundschullehrerin Emma Hirt aus Stade bei Hamburg ist am 29. Februar 1924 geboren. Sie feiert, wie sie selbst sagt, 2012 eine doppelte Schnapszahl: Einerseits ihren 22. Geburtstag mit 22 Kerzen auf dem Kuchen und dann ist sie natürlich seit 88 Jahren auf der Welt. Bild: Dieter Sell

Es soll ein großes Fest werden. „Ich hab' schließlich zwei Schnapszahlen zu feiern“, sagt Emma Hirt mit einem Augenzwinkern. Vor 88 Jahren wurde sie geboren - und zwar am 29. Februar, den es als Schalttag nur alle vier Jahre gibt. Streng genommen wird die Pensionärin in Stade bei Hamburg also erst 22 Jahre alt. Nicht nur diese Rechnung gehört zu den Geschichten, Rätseln und Ritualen, die sich um den 29. Februar ranken.

Schon tags zuvor ging ihre Mutter in die Klinik, doch Emma wollte und wollte nicht kommen. „Es war eine Quälerei“, erzählt die ehemalige Lehrerin aus den Familienerinnerungen. Die Hebamme wollte ihrer Mutter die Geburt erleichtern und tat das mit einem zweifelhaften „Medikament“: Immer, wenn die Wehen kamen, reichte sie ihr einen Schnaps. Als Emma dann endlich das Licht der Welt erblickte, war ihre Mutter betrunken - und der Kalender zeigte den 29. Februar.

Schaltjahr 3
29 Tage im Februar. Bild: Steffen Schellhorn

Ein Tag, den Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe 1802 zu einem Rätsel an seinen Freund Friedrich Schiller inspirierte. „Ein Bruder ist's von vielen Brüdern, In allem ihnen völlig gleich, Ein nötig Glied von vielen Gliedern, In eines großen Vaters Reich“, reimte Goethe und sprach von einem „eingeschob'nen Kind“. Schiller antwortete stilgerecht in Versform und schloss mit den Worten: „Es ist der Schalttag, den du meinst.“

Schätzungsweise 55.000 Deutsche sind an dem rätselhaften Tag geboren. In diesem Jahr werden sie mit Glückwunschsendungen beispielsweise bei Radio Bremen oder Geburtstagsgottesdiensten etwa in der Wiesbadener Marktkirche gefeiert. „Auf der Orgel erklingt die 29. Kantate von Johann Sebastian Bach“, verspricht der Wiesbadener Pastor Jeffrey Myers, der auch Rituale zum Schalttag kennt. Etwa die irische Tradition, dass ein Mann, der an einem 29. Februar einen Heiratsantrag bekommt, einwilligen muss.

„Lehnt er ab, muss er zahlen - die Strafe reicht von einem Kuss über Handschuhe bis zum Stoff für ein neues Kleid“, amüsiert sich Myers und ergänzt: „Die Griechen glauben, dass es Unglück bringt, am Schalttag zu heiraten." Auch in Deutschland ist das Datum für das Ja-Wort nicht sonderlich gefragt. "Normalerweise sind besondere Termine immer beliebt“, sagt Kerstin Godenschwege aus dem Standesamt in Hamburg-Altona. „Doch der 29. Februar ist da eine Ausnahme.“ Nur alle vier Jahre Hochzeitstag feiern, das schreckt wohl ab.

Schaltjahr 2
 Als Emma Hirt das Licht der Welt erblickte, zeigte der Kalender den 29. Februar. Schätzungsweise 55.000 Deutsche sind an dem rätselhaften Tag geboren. Bild: Dieter Sell

Doch nicht nur für Geburtstagskinder wie Emma Hirt ist der 29. Februar ein Geschenk. Auch der Wirtschaft kommt der Einschub im Kalender gerade recht, denn durch den zusätzlichen Werktag lockt ein Produktivitäts-Plus in Milliardenhöhe. Bloß: Den gewonnenen Tag wird wohl kaum jemand als solchen bemerken, meint der Soziologe und Zeitforscher Hartmut Rosa. „Die Logik des Schnell-noch-was-erledigen hält sich nicht an definierte Zeitrahmen“, weiß der Professor der Universität in Jena. „Gib uns einen Tag mehr, und die Aufgaben werden uns finden. Der Zeitgewinn ist gleich null.“

Das ist dem Geburtstagskind Hirt herzlich egal. Und Cornelius Bauerochse in Heidelberg auch. Er wird Ende des Monats acht Jahre alt und will ebenfalls groß feiern. „Ich habe die Einladungen schon im Januar verschickt“, berichtet er aufgeregt. Selbst der Kuchenwunsch für die Feier steht schon: „Es soll Schoko-Sahne-Windbeutel geben und einen Marmorkuchen“, freut sich der Steppke, dem zusätzlich in der Schule ein großes Fest winkt. Einzelheiten? Da hüllt sich die Lehrerin in Schweigen.

Den Achtjährigen und die 88-Jährige verbindet, dass sie zwischen den Schaltjahren jeweils am 1. März feiern - so, wie das die meisten Schaltkinder tun. „Vorfeiern bringt Unglück“, ist Cornelius überzeugt. Er empfindet den Geburtstag am 29. Februar jedenfalls nicht als Nachteil, sondern sieht das Datum als etwas Besonderes. Emma Hirt dagegen hat früher schon mal vom Opa zu hören bekommen, sie habe ja außerhalb von Schaltjahren gar nicht richtig Geburtstag. „Dann gab's zum Trost Rosinenstuten mit dick Butter von Oma Sophie.“

Als Geschenk, so empfindet auch die Bremerin Renate Thiele ihren Geburtstag am 29. Februar vor 60 Jahren. „Ich bin nicht ganz einfach auf die Welt gekommen“, sagt sie, will aber Näheres nicht verraten. So viel erzählt die evangelische Krankenhaus-Seelsorgerin: Irgendwann in den dramatischen Minuten nach der Geburt hat sie sich für das Leben entschieden und der erste Schrei kam. Noch heute sei es für sie nicht selbstverständlich, dass sie lebe: „Das begleitet mich auch im Dienst.“

Von Dieter Sell (epd)

Nicht nur für Schalttage

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Die Regel besagt: Alle Jahre, die sich durch vier teilen lassen, sind Schaltjahre. Bild: Steffen Schellhorn

Jeder Tag ist ein besonderer Tag, nicht nur der alle vier Jahre auftauchende Schalttag. Besonders ist, was jeder einzelne an diesem Tag erleben darf, neue Aufbrüche und ein neuer Begin: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu“ hat Johnannes Zwick um 1541 gedichtet und Johann Vulpius hat dies zu einem der bekanntesten Gesangbuclieder vertont (EG 440). Das besondere an jedem Tag wird auch deutlich, dass es für jeden Tag eine neue Herrenhuter Losung zum Nachdenken gibt - dazu einen Lehrtext. und viel anderes Wissenswertes - zusammengestellt von der Internetredaktion auf dem täglichen Kalenderblatt.

Das tägliche Kalenderblatt

Das Stichwort: Schaltjahr

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Jedes vierte Jahr ist ein "Schaltjahr" mit 366 Tagen - wie 2012. Bild: Steffen Schellhorn

Das Jahr 2012 ist wieder einmal ein Schaltjahr und hat einen 29. Februar. Die Regel besagt: Alle Jahre, die sich durch vier teilen lassen, sind Schaltjahre. Ausgenommen davon sind Jahreszahlen auf glatte Hunderter, es sei denn, sie lassen sich durch 400 teilen. So war 1900 kein Schaltjahr, 2000 dagegen war eins. 2400 wird wieder eins sein, 2100, 2200 und 2300 aber nicht.

Die Erklärung für die Schaltjahre liefert die Astronomie. Denn für einen Kalender gibt es natürliche Zeitmaße: Das Jahr als die Umlaufzeit der Erde um die Sonne, den Monat als die Umlaufzeit des Mondes um die Erde. Dazu den Tag, der durch die tägliche Sonnenbahn festgelegt wird. Das große Problem ist, dass alle diese Zahlen nicht rund sind.

940 Millionen Kilometer legt die Erde jährlich auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne zurück. Obwohl sie dabei mit rund 107.000 km/h unterwegs ist, braucht sie 365,24 Tage für die Strecke. 365 Tage sind ein normales Jahr. Die restlichen 0,24 Tage summieren sich in vier Jahren fast zu einem ganzen Tag.

Darum ist jedes vierte Jahr ein "Schaltjahr“ mit 366 Tagen - wie 2012. Mit den Ausnahmen an den Jahrhundertwenden wird ausgeglichen, dass vier mal 0,24 Tage nicht exakt einen ganzen Tag ergeben, sondern etwas weniger. Die dann noch bleibenden minimalen Abweichungen vom Sonnenjahr werden durch das gelegentliche Einfügen von Schaltsekunden ausgeglichen.

Der heute in Wirtschaft, Verkehr und Wissenschaft international gültige Kalender geht auf die Kalenderreform von Papst Gregor XIII. (1502-1585) zurück. Dessen Gelehrte und Hofastronomen hatten 1582 den bis dahin geltenden Julianischen Kalender weiterentwickelt, der von Julius Caesar 46 v. Chr. verordnet worden war. Caesar wiederum hatte die Ideen für seinen Kalender aus Ägypten mitgebracht: Am Nil gab es bereits einen Sonnenkalender mit zwölf Monaten und diversen Schalttagen.

Wieso aber ist ausgerechnet der 29. Februar der Schalttag? Denkbar wäre schließlich auch ein 32. Dezember zum Jahreswechsel. Doch bereits Caesar wählte mit dem Februar zugleich das Jahresende, weil das alte römische Jahr am 1. März begann. Davon zeugen noch die heutigen Monatsnamen September bis Dezember, die vom März aus gezählt der siebte bis zehnte Monat waren. Die Namen blieben, nur die Bezifferung änderte sich - gegen die Wortbedeutung.

epd