2012_02_28

Bild:  view7 / photocase.com 

Gegen sexualisierte Gewalt

Tagesthema 27. Februar 2012

Null Toleranz in der Landeskirche

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Null Toleranz gegenüber den Taten und Transparenz bei deren Aufarbeitung bestimmen das Handeln der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Drei neue Broschüren sollen helfen, Betroffenen die Möglichkeit zur „Information - Kommunikation - Intervention“ zu geben. Unterstützt wird dies von einem Internetauftritt, auf dem zahlreiche Informationen abrufbar sind.

2005 wurden erste Hinweise dazu in der Broschüre „Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch“ durch das Landeskirchenamt grundlegend festgehalten und veröffentlicht. Inzwischen sind sowohl die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs wie auch die Arbeit zur Prävention sexualisierter Gewalt fortgeschritten. Daher wurden die Leitlinien von 2005 überarbeitet und ein Konzept zur Prävention sexualisierter Gewalt in der Landeskirche weiter entwickelt. Dazu gehören

Information - Kommunikation - Intervention: Das Konzept der Landeskirche

Missbrauch wird konsequent verfolgt

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Arend de Vries

Die Landeskirche will sexualisierte Gewalt weiter konsequent verfolgen. „Das ist die Linie in unserer Landeskirche, und diesen Anspruch haben wir an uns selbst“, sagte der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries.

De Vries sagte, das wichtigste Ziel der Landeskirche in einem Missbrauchsfall sei, den Kontakt zwischen dem Verdächtigen und dem Opfer sofort zu unterbrechen, um weiteren Missbrauch zu verhindern. So sei der Erzieher nach Bekanntwerden der Vorwürfe entlassen worden und habe ein Hausverbot erhalten.

Die Landeskirche hat bereits vor sieben Jahren für ihre rund 25 000 hauptamtlichen Mitarbeitenden und Pastoren eine Broschüre mit „Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch“ veröffentlicht. Im Februar wird eine aktualisierte Schriftenreihe zum Thema an alle Pfarrämter und Einrichtungen verschickt. Der landeskirchliche Krisenplan sieht unter anderem vor, dass bei einem begründeten Verdacht unverzüglich der Vorgesetzte zu informieren ist. Die vordringlichste Aufgabe sei es dann, die Opfer durch Seelsorge oder Beratungen zu begleiten. Aber auch die Verfolgung der Täter müsse im Blick sein, sagte der Vizepräsident: „Unser Bestreben ist es, die Opfer so zu stärken, dass sie den Missbrauch zur Anzeige bringen.“

Eine kirchliche Besonderheit sei das Seelsorgegeheimnis, betonte de Vries. Pastoren sowie Mitarbeitende mit einer Seelsorge-Ausbildung und einem entsprechenden Auftrag seien zur Verschwiegenheit gegenüber Dritten verpflichtet – auch gegenüber der Justiz. Wenn ein Seelsorgegespräch zu einer Beichte führe, gelte absolute Verschwiegenheit. Aber auch in diesem Fall sollte der Pastor darauf hinwirken, dass der Täter ein Geständnis ablegt.
„Wenn wir außerhalb von Seelsorge und Beratung Kenntnis von einem Missbrauch erhalten, werden wir ihn zur Anzeige bringen, vor allen Dingen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass noch andere Personen als Opfer betroffen sind“, sagte de Vries. Über den konkreten Fall hinaus setze die Landeskirche auf Prävention: „Wir wollen alles tun, um unsere Haupt- und Ehrenamtlichen für das Missbrauchsthema zu sensibilisieren.“

epd/Evangelische Zeitung

Null Toleranz für Täter

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 Dr. Reiner Mainusch

Zwei Prozesse wegen sexuellen Missbrauchs rückten in den vergangenen Wochen auch die Kirchen in den Blick. Für die Evangelische Zeitung befragte Michael Eberstein den hannoverschen Kirchenjuristen, Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch, wie die Kirche nach Bekanntwerden solcher Straftaten reagiert.

Wenn ein Missbrauchsfall bekannt wird, suchen die Medien einen Ansprechpartner. Wie sollte sich ein Kirchenvorstand verhalten?

Rainer Mainusch: Grundsätzlich möchte ich statt von „Missbrauch“ von sexualisierter Gewalt reden – der andere Begriff suggeriert, dass es auch einen legitimen Gebrauch gäbe. Jedenfalls gibt es in der Landeskirche Hannovers schon seit 2003 einen Krisenplan für Fälle schwerwiegender Pflichtverletzungen, der 2009 noch einmal überarbeitet wurde. Wir haben den Krisenplan auch den Generalstaatsanwaltschaften in Celle, Braunschweig und Oldenburg zur Verfügung gestellt. Er ist von drei Grundsätzen bestimmt: rasche Hilfe für die Opfer, null Toleranz gegenüber den Tätern und enge Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden. Der Krisenplan enthält auch Regelungen für die Öffentlichkeitsarbeit. Die Abgabe von Erklärungen ist nach dem Krisenplan nicht Sache der einzelnen Kirchengemeinden. Sie obliegt vielmehr – in Absprache mit der landeskirchlichen Pressestelle – den Superintendenten oder der Pressestelle selbst.

Wenn die Auskunft für die Medien nicht befriedigend ausfällt, ist damit zu rechnen, dass die Medien andere Quellen suchen und finden. Will und kann die Kirche das verhindern?

Rainer Mainusch: Bei Presseerklärungen wird mitgeteilt, welche Maßnahmen zum Schutz der Opfer getroffen und welche Sanktionen gegenüber den Tätern verhängt wurden. Angaben zum Sachverhalt werden gemacht, wenn und soweit dies ohne Verletzung von Persönlichkeitsrechten der beteiligten Personen, vor allem der Opfer, möglich ist. Restriktionen in der Öffentlichkeitsarbeit entsprechen dabei nicht der landeskirchlichen Linie.

Wie lässt sich der Eindruck verhindern, mit zu knappen Informationen „schwarze Schafe“ in den eigenen Reihen zu schützen?

Rainer Mainusch: In Fällen sexualisierter Gewalt muss die Kirche aber berücksichtigen, dass es sich um Straftaten handelt. Deren Verfolgung ist Sache der Staatsanwaltschaft und der Polizei. Eine schnelle Unterrichtung der Strafverfolgungsbehörden hat für die Landeskirche daher Vorrang vor einer Information der Öffentlichkeit. Angaben zum Sachverhalt sind aus unserer Sicht vorrangig Sache der Strafverfolgungsbehörden. Soweit die Landeskirche Erklärungen abgibt, werden die Erklärungen vorab mit der zuständigen Staatsanwaltschaft abgestimmt. 

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Kann die Kirche oder Gemeinde selbst gegen einen Täter Klage erheben, etwa wegen Rufschädigung? Wie kann sie sich als Institution schützen?

Rainer Mainusch: Klagen einer kirchlichen Institution gegen einen Täter wegen Rufschädigung hat es bislang nicht gegeben, sie sind auch schwer vorstellbar. Denn auch wenn jede Anwendung sexualisierter Gewalt zu einer Rufschädigung der Kirche führen kann, ist sie nicht wegen dieser Rufschädigung untragbar. Untragbar ist sie, weil die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern oder Jugendlichen verletzt wird. Darum reagiert die Kirche auf Fälle sexualisierter Gewalt nicht mit einer Klage wegen Rufschädigung, sondern bei privatrechtlich Beschäftigten mit einer fristlosen Kündigung und bei Pastoren mit einem Disziplinarverfahren, das mit dem Ziel einer Entfernung aus dem Dienst durchgeführt wird.

Läuft die Kirche mit restriktiver Informationspolitik Gefahr, sich selbst schuldig oder strafbar, mindestens aber unglaubwürdig zu machen?

Rainer Mainusch: Diese Frage stellt sich für uns so nicht aufgrund der genannten Kriterien „Null Toleranz“, „Transparenz“ und der engen Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden. Darüber hinaus setzen wir in der hannoverschen Landeskirche auf Prävention sexualisierter Gewalt auf allen Ebenen. Ziel ist es, für die Problematik zu sensibilisieren und Präventionskonzepte wirksam zu implementieren. Wir wollen dem uns entgegengebrachten Vertrauen in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gerecht werden. In Kürze wird eine neue Publikationsreihe für hauptberuflich und ehrenamtlich Verantwortliche an die Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche verschickt. Sie enthält Leitlinien, Rechtstexte, eine Handreichung für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie theologische Beiträge und wird weiter ergänzt. Parallel dazu wird eine Internetseite mit aktuellen Krisenplänen, Kontaktdaten, Schulungsmaterial sowie Link- und Literaturlisten aufgebaut. Schon seit Mai 2010 gibt es eine Hotline für Fälle sexualisierter Gewalt. Die Einrichtung einer festen Ansprechstelle für Betroffene wird vorbereitet. Sie soll in diesem Sommer ihre Arbeit aufnehmen.

Das Gespräch führte Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Notfallnummer

Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung dürfen nicht mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werden. Die Opfer und ihre Anliegen stehen dabei im Mittelpunkt. Unter der zentralen Rufnummer

0511 - 700 88 12

Dienstags von 9 bis 12 Uhr und Donnerstags von 14 bis 17 Uhr bieten erfahrene Mitarbeitende von Beratungsstellen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers allen eine Beratung an, die aktuell oder in der Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt oder sexueller Belästigung sind oder waren.

Die Mitarbeitenden der Hotline sind zur seelsorglichen Verschwiegenheit verpflichtet, auch gegenüber kirchlichen Stellen. Sie bieten Gelegenheit zum Gespräch über das Erlittene, zeigen mögliche Hilfen auf und können Hinweise für weitere mögliche Schritte geben. Wie diese weiteren Schritte konkret aussehen, entscheiden dann die Betroffenen selbst.

Für die Verfolgung von Fällen sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs gelten in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers klare und transparente Regeln:

  • Anschuldigungen und Verdachtsmomenten wird unverzüglich und konsequent nachgegangen.
  • Wenn sich daraus ein Verdacht ergibt, werden betroffene kirchliche Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen sofort vom Dienst suspendiert. Bei privatrechtich Beschäftigten wird das Arbeitsverhältnis fristlos gekündigt, bei Pastoren und Pastorinnen wird ein Disziplinarverfahren eingeleitet.
  • Eine enge Zusammenarbeit mit den Justizbehörden ist selbstverständlich. Wenn ein Verdacht strafrechtliche Bedeutung besitzt und die Staatsanwaltschaft noch nicht selbst ermittelt, wird nach Anhörung der beschuldigten Person Strafanzeige erstattet.

Zu den Downloads

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Information-Kommunikation-Intervention:

Das ist das Ziel der neuen Publikationsreihe zur Prävention sexualisierter Gewalt, die das Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers aufgelegt hat. Vier Teilbände sind nun veröffentlicht und an die Kirchengemeinden und Einrichtungen in der Landeskirche verschickt worden, weitere Broschüren sollen folgen. Die gedruckten Materialien werden ergänzt durch die Internetseite praevention.landeskirche-hannovers.de, die kontinuierlich ausgebaut und aktualisiert wird.

  • Die erste Broschüre ist das Ergebnis einer Überarbeitung der 2005 vom Landeskirchenamt veröffentlichten Broschüre „Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch“. Inzwischen sind sowohl die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs wie auch die Arbeit zur Prävention sexualisierter Gewalt fortgeschritten. Teil 1 der Publikationsreihe stellt das weiterentwickelte Präventionskonzept vor.
  • Im zweiten Teil der Publikationsreihe wurden Rechtstexte zusammen gestellt, die im Zusammenhang mit der Problematik sexualisierter Gewalt relevant sind.
  • Die Arbeitshilfe „Kindeswohl“ richtet sich an Verantwortliche sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Broschüre thematisiert pädagogisches Handeln bei Kindeswohlgefährdung, Kriterien für den Verdachtsfall und einen Interventionsfahrplan. Dieser dritte Teil der Publikationsreihe zum Thema Prävention sexualisierter Gewalt wurde gemeinsam mit dem Landesjugendpfarramt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und in Zusammenarbeit mit dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) herausgegeben.
  • Die theologischen Beiträge reflektieren Erfahrungen zum Thema Prävention und zur Aufarbeitung von Situationen sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche
Alle Broschüren zum Download