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Gottesklang am Sonntag: „Sollt ich meinem Gott nicht singen“

Tagesthema 25. Februar 2012

We only win, when we are singing

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Im Chor singen. Bild Jens Schulze

Es gehört zu den besonderen „Markenzeichen“ des evangelisch-lutherischen Gottesdienstes, dass hier nicht nur das Wort Gottes recht ausgelegt und die Sakramente evangeliumsgemäß ausgeteilt werden (vgl. Art. 7 der Augsburger Konfession), sondern die Musik, namentlich die Vokalmusik, eine herausragende Rolle spielt. Damit ist nicht nur das Lied der Gemeinde gemeint, die sich singend an Gott wendet oder gegenseitig das Evangelium zusingt. Vielmehr können auch Einzelne bzw. ein ganzer Chor aus der Gemeinde heraustreten, um besondere musikalische Kompositionen vorzutragen und damit den christlichen Glauben darzustellen bzw. Gott anzurufen.1 Welche liturgische Rolle der Chor dabei einnimmt, bildet sich schon an seiner Aufstellung im Kirchenraum ab: Der verkündigenden Dimension entspricht es, im Chorraum der Gemeinde gegenüber zu treten. Der Gebetsdimension der gottesdienstlichen Musik folgend, kann der Chor auch von der Empore aus der Gemeinde „den Rücken stärken“. Je nach dem, wie die räumlichen Gegebenheiten sind und welche Stücke gesungen werden (!), sollte man darin unbedingt abwechseln. Es lassen sich also gleichsam eine prophetische und priesterliche Funktion des Chors unterscheiden.

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Solo oder Chor. Bild Jens Schulze

Insgesamt kann Chormusik oder Sologesang in unterschiedlichsten Stilen im Gottesdienst erklingen: von der Gregorianik bis zum Gospel, vom einfachen vierstimmigen Choralsatz bis zur komplexen Kantate (mit Orchesterbegleitung und Solisten). Innerhalb des Gottesdienstes sind fast alle liturgischen Orte denkbar. Vokalmusik kann im Eröffnungsteil mit Klage und Lob Gott anrufen und sich in den Traditionsstrom des Psalters hinein begeben (z.B. Psalmmotette). Sie kann im Verkündigungsteil biblische Geschichte erzählen, von einfachen Spirituals wie „When Israel was in Egypt’s Land“ bis hin zu anspruchsvollen Evangelienmotetten und Kantaten. Sie kann mit und anstelle der Gemeinde den Glauben bekennen und aneignen, was gehört worden ist, und am Ende den Segen musikalisch erbitten oder zusprechen.

Was ist das Besondere an der Vokalmusik gegenüber anderen Klängen in der Schöpfung?

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Gesang im Gottsdienst. Bild Jens Schulze

Der Reformator Martin Luther hat ihre herausragende Rolle so beschrieben: „In den unvernünftigen Tieren aber, Saitenspielen und anderen Instrumenten, da höret man allein den Gesang, Laut und Klang, ohne Rede und Wort. Dem Menschen aber ist allein vor den andern Kreaturen die Stimme mit der Rede gegeben, dass er sollt können und wissen, Gott mit Gesängen und Worten [verbo et musica] zu loben, nämlich mit dem hellen, klingenden Predigen und Rühmen von Gottes Güte und Gnade, darinnen schöne Worte und lieblicher Klang zugleich würde gehöret.“ (Luther, WA 50, 371) Damit steht das kirchenmusikalische Singen prominent neben dem gesprochenen Wort, ja mehr noch wird deutlich: Der frohen Botschaft und dem schönen Lob soll auch ein herausragendes, ästhetisches Medium entsprechen.

Dass das Singen nicht verstummt und kunstvolle, ja mitreißende Chormusik weiterhin unsere Gottesdienste festlich gestaltet, ist eine der zentralen Herausforderungen, denen wir als Kirche gegenüber stehen. Dazu braucht es gut ausgebildete Kantorinnen und Kantoren, die große Kirchenmusik aufführen können, engagierte begeisterungsfähige Choristen, aber auch eine Gemeinde, die gerne zuhört und weiß, dass nur bei einer entsprechenden Stellen- und Budgetausstattung weiterhin gute Musik im Raum der Kirche möglich sein wird.

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Klasse! Wir singen. Bild: Jens Schulze

Ich wünsche mir Gemeinden, die das wissen und wollen und die sich auch auf ungewohnte, andersartige Klänge einlassen, denn Kirchenmusik ist nicht nur schmückendes Beiwerk, oder „nette Atmo“, sondern tragende Kraft unseres Glaubens. Es ist gut, dass wir besonders in Kinder- und Gospelchören momentan eine neue Renaissance erleben und der Verdacht des „Spiegel“ (2003: Das Jaulen der Trauerklöße) dass „die Deutschen nicht mehr singen“, sich nicht bewahrheitet hat. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen erleben beim Chorsingen eine intensive Art von Gemeinschaft, die durch ein gegenseitiges Hören und Aufeinandereinschwingen geprägt ist und Milieu-, Generationen- und Frömmigkeitsgrenzen rasch hinter sich lässt. Viele möchten die (empirisch nachweisbaren) Glücksgefühle, die beim Singen entstehen, nicht mehr missen. Tausende von Kindern haben in Niedersachsen bei der Aktion „Klasse wir singen“ mitgemacht…

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Überzeugend, einladend, attraktiv. Bild: Jens Schulze

Fragen wir aber noch einmal grundsätzlich: Was lässt uns denn heute noch erlöst, begeistert und deshalb hoffentlich auch begeisternd singen? Martin Luther verweist in seiner Vorrede zum Babstschen Gesangbuch von 1545 auf die österliche Basis des „neuen Liedes“: „Singet dem Herrn ein neues Lied. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kann’s nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen. “

Es liegt also auf der Hand: Wir sind nicht nur Kirche des Wortes, sondern auch klingende Kirche. Was im Fußballstadion eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, frei nach dem Motto der Fans vom FC Liverpool: „They only win, when we are singing!“ gilt auch für uns: We only win, when we are singing. Nur als singende Kirche sind wir überzeugend, einladend, ja attraktiv.

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„Ich singe Dir mit Herz und Mund“. Bild: Jens Schulze

Programmatisch ist die zentrale Bedeutung des Singens bei Paul Gerhardt so formuliert: „Ich singe dir mit Herz und Mund.“ Das beste und höchste Ziel jeder Musik ist es, Gott zu loben und ihm die Ehre zu geben. Menschen erheben ihre Herzen und machen mit bewegten Stimmen den Schöpfer groß. Wer singt, betet doppelt! Mit dieser hymnischen Dimension korrespondiert die kerygmatische: „Ich sing und mach auf Erden kund!“ Das besondere Profil protestantischer Kirchenmusik ist die gesungene Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Sie lädt zum Glauben ein und ermutigt zu einem erfüllten Leben mit Gott.
Den beiden liturgischen entsprechen zwei spirituelle Aspekte des Singens: „Herr, meines Herzens Lust!“ Wenn ein Mensch vor Gott singt und musiziert, geschieht das nicht nur mit der Stimme oder mit den Händen; vielmehr kommt der ganze Mensch zum Klingen, summt und lacht, jubelt und klatscht, hüpft und tanzt. Singen macht Freude, darf im besten Sinne des Wortes lustvoll sein und begeistern.

„Was mir von dir bewusst.“ Kirchenmusik im Allgemeinen und Vokalmusik im Beonsderen eröffnen uns neue Zugänge zu den Inhalten des Glaubens. So geschieht Vergewisserung und „Bewusstseins-Bildung“; wir werden durchklungen vom „Sound des Geistes“, der uns aufbaut und bildet.

Jochen Arnold, Direktor des Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim

Sollt ich meinem Gott nicht singen
Über das Lied im Evangelischen Gesangbuch Nr. 325

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Chormusik im Gottesdienst. Bild: Jens Schulze

Georg Kallweit, international agierender Konzertmeister der Akademie für Alte Musik Berlin und anderer renommierter Ensembles, bekennt in einer Umfrage 2011 „Die Lieder unseres Gesangbuches ‑ vor allem die alten ‑ sind für mich ein wesentlicher Grund, weshalb ich überhaupt zum Gottesdienst gehe und dort oft eine Gänsehaut bekomme. Wenn sich mir Auslegungen der Bibeltexte mitunter nicht vollständig erschließen, verstehe ich mental beim Singen alles, mit jeder Silbe und mit jedem Ton.“ Ich bin sicher, dass es vielen Menschen so geht – insbesondere bei den Liedern Paul Gerhardts, der es, wie nach ihm in diesem Volksliedton nur Joseph von Eichendorff, verstand, schon die Worte derart poetisch zu rhythmisieren, dass es immer nur eine Frage der Zeit war, wann diesen Worten auch von anderer Seite die Töne zuflogen. Schrieb Paul Gerhardt in seinem von Schicksalsschlägen übervollen Leben diese Lieder für sich – als eigene Gehhilfe, um dergestalt aufrecht und heiter zu bleiben? Dient Sollt ich meinem Gott nicht singen, das er 1653 in persönlich wohl glücklichster Zeit wenige Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges im märkischen Mittenwalde schreibt, gleichermaßen einer Glaubensvergewisserung wie der Lebensbewältigung überhaupt? Wie es seine Lieder schaffen, ganz in seinem Raum und seiner Zeit zu stehen, und gleichermaßen unseren Raum und unsere Zeit nicht nur zu streifen, grenzt an ein Wunder, das sich womöglich mit der unmittelbaren ‑ inhaltlichen wie sprachlichen ‑ Lebensnähe seiner Verse erklärt. Paul Gerhardt dreht und wendet nicht, er sucht nicht das neue, nicht das besondere Bild als Verständigungsanreiz. Er lehrt nicht. Und er belehrt nicht. Er blickt in sich und um sich und singt „mit Herz und Mund“, was ihm aus der Seele drängt – in einer beherzt vielfarbigen Alltagssprache, in einer mit wachem Auge wahr-genommenen Bildwelt des Alltags.

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Sollt ich meinem Herrn nicht singen... Bild: Jens Schulze

Sollt ich meinem Gott nicht singen scheint ein Paradebeispiel dessen zu sein. Wiewohl in einer relativ komplexen Strophenstruktur abab cddc ee aufgesetzt, die sich an der schon vorhandenen, im tänzerischen 6/4-Takt im Charakter der altfranzösischen Courante komponierten Melodie Johann Schops der Ältere (1590-1667) orientiert, gehen auch in diesem Lied dankbar gläubiges Selbstgespräch und meditative Bildsprache Hand in Hand. Erleichternd ziehen sich die beiden letzten Verse ee im gleichen Wortlaut (Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.) wie ein Refrain durch alle Strophen, derer Paul Gerhardt in jedem seiner Lieder mit Vorliebe viele geschrieben hat. Noch eine und noch eine, in der Lust am Singen und Sagen – mit in der heutigen Schnelllebigkeit kaum mehr vorstellbarer Detailfreude in staunender, mystischer Erkenntnis. Nach den rhetorischen Fragestellungen im Aufgesang der ersten beiden Zeilen (1, Zeile 1-2 „Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“) eröffnet Paul Gerhardt in den cddc-Zeilen der einzelnen Strophen, warum er dieses Lied überhaupt schreibt: In ungezwungener Zwiesprache und aus tiefem Vertrauen heraus drängt es ihn, Danke zu sagen. Er tut dies in Form der Anbetung (Strophe 3, Zeile 5-8 „O du unergründ´ter Brunnen, Wie will doch mein schwacher Geist, Ob er sich gleich hoch befleißt, Deine Tief ergründen können?“), in Form der Bewunderung (Strophe 5, Zeile 5-8 „Wenn mein Können, mein Vermögen / Nichts vermag, was helfen kann, Kommt mein Gott und hebt mir an, Sein Vermögen beizulegen.“), in der Erinnerung der Errettung aus innerer und äußerer Bedrängnis (Strophe 7, Zeile 5-8 „Wäre mein Gott nicht gewesen / Hätte mich sein Angesicht / Nicht geleitet, wär ich nicht / Aus so mancher Angst genesen.“) und mit der Bitte um fortwährende Gnade (Strophe 12, Zeile 5-8 „Bitte, wollst mir Gnade geben, / Dich aus aller meiner Macht / Zu umfangen Tag und Nacht / Hier in meinem ganzen Leben“). Darüber hinaus spielt Paul Gerhardt eine seiner großen Stärken aus – er eröffnet im auch für Kinder verständlichen Duktus die Vielfalt der Schöpfung (Strophe 6, Zeile 5-8 „Tier und Kräuter und Getreide / In den Gründen, in der Höh, In den Büschen, in der See, Überall ist meine Weide.“) und lässt die Natur als Allegorie der Ewigkeit für sich sprechen, um unser und sein Erleben und Erwarten unmittelbar zu verknüpfen (Strophe 11, Zeile 5-8 „Wenn der Winter ausgeschneiet / Tritt der schöne Sommer ein / Also wird auch nach der Pein / Wer’s erwarten kann, erfreuet.“)

Wer mit gleichem Urvertrauen ausgestattet ist, wem ähnlich gefühlte Gottesnähe Schutz und Schirm ist, der betet hier in tänzerischer Lust mit. Wer grübelnd daneben steht, bestaunt doch die Poesie Paul Gerhardts, die Strohe um Strophe mehr Mitsingende um sich schart, weil sie in beinahe perfektem Maß von Hebungen und Senkungen inhaltlich immer neue Möglichkeiten auftut, sich zu den Singenden dazu zu gesellen. Oder er lässt sich schließlich von der Melodie und ihrer elementaren Rhythmik und zentrifugalen Kraft bezwingen, in den Reigen einzutreten. Dann wird das Bekenntnis von Georg Kallweit zu einem Phänomen der Gemeinschaft, dann „verstehe ich mental beim Singen alles, mit jeder Silbe und mit jedem Ton.“

Von Martin Bresgott; aus: Jochen Arnold/ Klaus-Martin Bresgott (Hg.), Kirche klingt - 77 Lieder für das Kirchenjahr, ggg Bd 19

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Gottesklang am Sonntag

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„Immer wieder sonntags“, haben Cindy und Bert in en 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesungen. Dieser deutsche Schlager beginnt mit den Zeilen: „Jeden Sonntag kamen sie herüber, unsre Musikanten aus Athen...“

„Immer wieder sonntags“ wird die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim ein kirchenmusikalisches Thema aufgreifen: Jahr der Kirchenmusik - Gottesklang 2012. Start ist in dieser Woche mit dem Thema „Vokalmusik“. Überschrift dieser besonderen Tagesthemen ist „Gottesklang am Sonntag“.

Mehr zum Jahr der Kirchenmusik

Musik vertreibt den Teufel

Aufgeschlagene Partitur
Bild: Jens Schulze

Die Musik „vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“, erklärt der Reformator Martin Luther die Wirkung der Musik. Luther, seine Anhänger und im Gefolge viele Musiker machten das volkssprachliche Kirchenlied wie überhaupt die Musik zum wesentlichen Bestandteil ihres Glaubens und der Feier des Glaubens.

Das Thema „Kirchenmusik“

Chöre und Ensembles

Chorsänger
Bild: Jens Schulze

Es ist ein Verdienst der lutherischen Reformation, dass alle an der Musik in der Kirche, vor allem in den Gottesdiensten aktiv teilhaben. Bis dahin war der Gesang dort allein den Geistlichen oder ausgewählten Sängern einer Kantorei vorbehalten, instrumentale Musik gab es bis auf die Orgel kaum. Einen ersten evangelischen Gottesdienst mit reicher musikalischer Gestaltung durch Gemeinde, Chor und Pfarrer erlebte die Gemeinde in Wittenberg im Oktober 1525.

„Alle haben teil“ - gemeinsames Singen in der Kirche

Reformation und Musik

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Zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums stehen 2012 „Reformation und Musik“ im Zentrum der Lutherdekade. In ganz Deutschland erklingt im Themenjahr der musikalische Schatz der Reformation.

Die EKD-Internetseiten zu „Reformation und Musik“