2012_02_25

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Fastenzeit: Aussteigen - Besinnen

Tagesthema 24. Februar 2012

„Downshifter“ schalten in der Karriere freiwillig den Rückwärtsgang ein

Sprung aus dem Hamsterrad

Die Karriereleiter sollte möglichst immer aufwärts gehen. Manche Menschen entscheiden sich aber bewusst dafür, eine Stufe hinabzutreten. Sie tauschen Erfolg im Job gegen mehr Lebensqualität. „Downshifting“ nennt sich dieser Trend aus England.

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Raus aus dem Hamsterrad von Beruf und Alltagszwängen. Bild: Bildagentur Waldhäusl

Werner Müller (Name geändert) hat den Kurs in seinem Leben geändert. Der Bergbauingenieur aus dem niedersächsischen Peine wagte vor fast vier Jahren einen Schritt, den manche kritisch beäugen. Um mehr Zeit für seine Tochter zu haben, ging er die Karriereleiter abwärts. Freiwillig wechselte der stellvertretende Betriebsführer auf die Stelle eines Sachbearbeiters. Von „downshifting – runterschalten“ sprechen Fachleute.

In Großbritannien sei das eine echte Bewegung, sagt Wiebke Sponagel, Business-Coach aus Frankfurt am Main. „Schon heute hat auch jeder dritte Deutsche darüber nachgedacht, einen anderen Job anzunehmen, der weniger Geld, aber mehr Lebensqualität bietet.“ Sponagel berät Menschen, die aus dem Hamsterrad Karriere aussteigen und sich eigene Ziele setzen wollen. „Die Wege sind dabei ganz individuell“, unterstreicht die 51-Jährige. Manche versuchten, von Überstunden runterzukommen. Andere wechselten auf eine schlechter bezahlte Stelle. Wieder andere gingen von einem zeitfressenden Job in die Selbstständigkeit. Das nehme nicht unbedingt weniger Zeit in Anspruch, fülle sie aber aus. „Die Kernfrage lautet: Was ist wichtig in meinem Leben?“

Für Arnd Brummer ist ein Runterschalten schon im Kleinen möglich. „Ich kann zum Beispiel überlegen, ob ich rund um die Uhr erreichbar sein will und am Wochenende berufliche Mails abrufen muss“, sagt der Geschäftsführer der Fastenaktion der evangelischen Kirche „Sieben Wochen ohne“. Die noch bis zum 8. April laufende Aktion steht unter dem Motto „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Es sei gut, wenn jemand sich stark engagiere und seine Begabungen einbringe, betont Brummer. Die Aktion rege aber an, sich selbst und andere dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.

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Logo 7 Wochen ohne

Wer einen Sinn in etwas sehe, gebe dafür gerne seine Zeit, sagt der Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher von der Universität Münster. Doch die Fremdbestimmung drohe zuzunehmen. „Jobs haben sich verdichtet. Durch Stellenkürzungen wird die gleiche Arbeit auf weniger Schultern verteilt.“ Der „lange Arm des Jobs“ reiche bis in die Freizeit, wenn Menschen nach Dienstschluss nicht „einfach nur abhängen können“. Die Arbeit am Wochenende habe zugenommen, und immer mehr Flexibilität sei gefordert, ergänzt der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler aus Hannover. Das treffe vor allem diejenigen, die sich ein Kürzertreten im Job finanziell kaum leisten könnten – Zeitarbeiter und Pflegekräfte. In der „Rushhour“ des Lebens mit 20 bis 30 Jahren wiederum wollten die meisten viel erreichen und sähen keine Chance, vom Gas zu gehen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes gab 2009 jeder zehnte Erwerbstätige an, mehr als 48 Stunden in der Woche zu arbeiten.

Werner Müller kennt den Druck. Heute würden Ingenieure oft nur mit Zeitverträgen angestellt, sagt er. Nicht jede Firma verzeihe den Schritt, den er gegangen ist: „Wäre ich nicht im Betriebsrat gewesen und gut vernetzt, wäre es schwierig geworden.“ Bevor sich im eigenen Betrieb eine Alternative bot, hatte er seine Fühler nach anderen Arbeitgebern ausgestreckt. Er ist froh, nicht gewechselt zu haben. In der Branche gab es Entlassungen. Er wäre wohl inzwischen arbeitslos, vermutet Müller. 2010 schieden Untersuchungen zufolge bundesweit 70 000 Arbeitnehmer wegen einer seelischen Erkrankung frühzeitig aus dem Beruf aus. Immer mehr gerät die Belastung am Arbeitsplatz gesellschaftlich in den Blick.

Nach Beobachtung der Beraterin Wiebke Sponagel wächst dadurch das Verständnis für Menschen, die nach neuen Wegen suchen. „Früher hätte man gesagt, er kann im Hamsterrad nicht mitrennen. Heute sagt man, das Rad läuft zu schnell.“ Doch sie betont auch: „Beim Runterschalten geht es keineswegs um eine Kur für Stressgeschädigte.“

Ausgebrannte, die bereits an Grenzen gelangt seien, berate sie nicht. Sie benötigten therapeutische Hilfe und hätten nicht die Kraft dazu, sich neu zu orientieren, erläutert Sponagel. „Downshifter“ verließen die Komfortzone vertrauter Bahnen mit manchmal ungewissem Ausgang.  „Karriereberater sagen, suchen Sie sich ein Ziel. Ich sage, nehmen Sie einen Umweg. Dazu braucht es Mut und eine gute Portion Selbsterkenntnis.“ Es müsse zudem geklärt werden, ob Freunde und Familie mitmachten. „Wenn ein Mann entscheidet, runterzuschalten, hängt die ganze Familie daran. Viele harren deshalb aus in einem Job, der sie auslaugt.“

Werner Müller hat heute netto monatlich 600 Euro weniger. Die Schreibtischarbeit als Sachbearbeiter füllt ihn weniger aus als die verantwortliche Tätigkeit im Bergwerk. „Das war eigentlich mein Traumjob“, sagt er.
Doch er bezieht seine Zufriedenheit nicht mehr nur aus seiner Arbeit. Vor dem Wechsel hatte er immer das Gefühl, zu wenig für seine damals fünfjährige Tochter da zu sein. Jetzt hat er einen Freundeskreis und ein ausgefülltes Privatleben. Der 54-Jährige ist überzeugt: „Der Schritt war richtig.“

Von Karin Miether (epd)

Gott ist nur eine „Stille“ entfernt

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Neben der goldenen Gottesperle liegt (im Uhrzeigersinn) die erste Perle der Stille, deneben die Ich-Perle und die Tauf-Perle, nach einer weiteren Perle der Stille folgen als weitere große Perle die Wüsten-Perle, die Perle der Gelassenheit, die beiden roten Perlen der Liebe, die drei Geheimnis-Perlen, die Perle der Nacht und die Perle der Auferstehung. Bild: Perlen des Glaubens

„Nun lass mich kurz zur Besinnung kommen, dann bin ich gleich bei Dir“, so sagte immer meine Oma zur mir, wenn sie zur Tür hereinkam, und ich sie sofort mit Fragen bestürmte. Ich wusste, sie braucht ein paar Minuten, nur eine kurze Zeit und dann ist sie für mich da – voll und ganz.

Inzwischen bin ich selbst Mutter und weiß nun viel besser, was sie damals meinte, und merke, mir geht es genauso. Ich brauche kurze Momente, in denen ich von dem einen zum anderen gehen kann. Momente, in denen ich eine Sache innerlich abschließen kann, um mich dem nächsten zuwenden zu können. Aber es geht nicht nur darum meine Aufmerksamkeit neu zu fokussieren, sondern auch darum, einen Moment innezuhalten. Ich nehme mir Zeit nur für mich, mitten im Alltag – bevor ich vom Büro in den Supermarkt und dann in den Kindergarten fahre. Ich nehme mir Zeit am Abend, um in mich zu schauen und auf das, was ich an diesem Tag erlebt habe.

Ich brauche diese Momente im Alltag, um bei mir zu bleiben und um meine Kraftquellen zu erreichen. Verliere ich sie zwischen den täglichen Anforderungen und scheinbaren Banalitäten, wie Wäsche waschen, Altpapier entsorgen und dem kurzen Plausch mit der Kollegin, dann ist es auch mit meiner Energie vorbei. Ich werde ungeduldig, kurzatmig und ungerecht. So mag ich mich selbst nicht leiden – und spätestens dann nehme ich die Perlen des Glaubens zur Hand. Sie sind wie ein „Vergissmeinnicht“ und erinnern mich daran, mir diese Zeit zu nehmen – für mich selbst und Gott.

Aber die Perlen des Glaubens sind mehr als eine Erinnerung, mehr als ein Wecker, der schrillt oder die Eieruhr, die abläuft und signalisiert, dass das Nächste zu tun ist. Sie sind griffbereit, wenn ich das will, aber keine zusätzliche Aufgabe, die es zu erledigen gilt. Die Perlen bieten sich mir an, mit ihren Themen, aber auch mit ihren Farben und Formen. Sie schmeicheln meinen Händen. Ich bewege sie gerne zwischen meinen Fingern. Dabei muss ich nichts in mir aufnehmen, sondern kann fließen lassen, was da ist und dem nachfühlen. Manches, was vom Alltag verschüttet ist, treibt dann an die Oberfläche und ich werde mir bewusst, was mich bewegt. Oft greife ich nach den schmalen beigen Perlen, die sich so gut zwischen Daumen und Zeigefinger hin- und herrollen lassen – den Perlen der Stille.

Von ihnen gibt es sechs am Perlenband und jede führt mich ein bisschen mehr in die Tiefe. Das tut gut und streichelt meine Seele, aber nicht immer. Dann wende ich mich anderen zu. Momentan sind es Gottesperle, Perle der Stille, Tauf-Perle, Ich-Perle. Mit diesen Perlen wird mir bewusst, wie nahe ich Gott bin. Er ist nur „eine Stille“ von mir entfernt. In der perlmuttfarbenen Ich-Perle spiegelt sich der Glanz der Gottesperle, das heißt Gottes Glanz liegt auf mir, leuchtet in mir. Segnend habe ich die Tauf-Perle als Schutz in meinem Rücken und weiß mich angenommen. Dieser Zuspruch liegt für mich in diesen Perlen. Im kräftezehrenden und nervenraubenden Alltag tut es mir gut, daran erinnert zu werden, durch ein einfaches Perlenband. Nur für Minuten unterbreche ich dafür das, was ich gerade tue und gehe dennoch gestärkt daraus hervor. Oft bleibt mir noch ein Gedanke im Hinterkopf, der mich weiter beschäftigt, durch den sich mir Neues erschließt oder anderes einen Sinn bekommt.

Das Perlenband soll zur Hand sein, wenn man es braucht, sagte der pensionierte schwedische Bischof Martin Lönnebo, der das Perlenband während eines Urlaubs in Griechenland entwickelte und sich von den dortigen Perlenbändern inspirieren ließ. Schon lange hatte er beobachtete, wie beschäftigt Menschen heute sind. Gleichzeitig nahm er aber auch die große Sehnsucht nach Spiritualität war. Die Menschen hatten und haben Sehnsucht nach Zeit für Einkehr und Besinnung. Manche können sogar sagen, Sehnsucht nach einem Gespräch mit Gott, nach einem Gebet, aber sie wissen nicht wie. Diesem Bedürfnis begegnete Bischof Lönnebo mit dem „Frälsarkrans“ (deutsch: Rettungsring/Erlöserkranz), den er von der goldenen Gottesperle ausgehend geschaffen hatte.

Wichtig war ihm, Menschen mit der christlichen Botschaft zu erreichen, aber so, dass sie sie verstehen und wirklich „begreifen“ können. Er wollte den Menschen etwas Greifbares in die Hand legen, von dem sie berührt werden. Schon lange habe ich den Wunsch, meine Zeiten der Besinnung etwas mehr auszudehnen, ihnen mehr nachzugeben, als es bisher der Fall war und meinen Alltag zu verändern. Die Passionszeit hat mich darin bestärkt. Mit einer Kollegin tauschte ich mich darüber aus, auf was wir in diesen sieben Wochen verzichten wollten. Doch in diesem Jahr steht für mich die Passionszeit nicht nur unter der Überschrift „7 Wochen ohne“, sondern auch unter „7 Wochen mit“– mit mehr Auszeit im Alltag, mit mehr Zeit für Besinnung. Ab Aschermittwoch werde ich mit meinem Perlenband, unter der Anleitung des Buches „ewig nahe – Exerzitien mit den Perlen des Glaubens“ von Kirstin Faupel-Drevs auf den Weg machen. In ihrem Buch lädt die Autorin zu vier Wochen Zeit für sich selbst und Gott ein. In sieben Briefen erklärt sie, was „Exerzitien“ sind, führt in das Perlenband und in das Beten ein. Sie gibt eine Anleitung dafür, wie ich meine Auszeit in den Alltag bekomme und wie ich sie gestalten kann. Die Inhalte folgen in einem Kurs, in dem ich, von den Perlen des Glaubens begleitet, an meinen Lebens- und Glaubensthemen entlang gehe. Dies geschieht durch Texte, Meditationen, Fragen und Übungen, die zu kreativem Schreiben oder Malen anregen, Körperübungen und Bildern der Künstlerin Benita Joswig.

Pastorin Sandra Peters-Hilberling, Projektleiterin für die „Perlen des Glaubens“ beim Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordelbischen Kirche (aus der Evangelischen Zeitung)

Weitere Informationen und Materialien zu den Perlen des Glaubens

Landessuperintendent Klahr: Fasten ist keine moralinsaure Qual

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Landessuperintendent Detlef Klahr (Bild) hat zur Teilnahme an der zehnten Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ aufgerufen. „Durch Fasten wird man nicht zu einem besseren Menschen, aber man lernt vielleicht, sich in seinem Menschsein besser zu verstehen“, ermutigte Klahr am Dienstag. „Es geht um freiwilligen Verzicht und nicht um moralinsaure Qual.“

Die Fastenaktion steht in diesem Jahr unter dem Motto „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Die jährliche Kampagne wurde 1983 von Hamburger Pastoren und Journalisten gegründet. Anfangs hatte sie lediglich 70 Teilnehmer. Heute beteiligen sich nach Angaben der Organisatoren etwa zwei Millionen Menschen. Sie versuchen, die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern bewusst zu erleben und zu gestalten - häufig mit dem Verzicht auf liebgewordene, aber ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen oder Alkoholkonsum.

Traditionell greifen viele Kirchengemeinden das aktuelle Thema auf und gründen Fastengruppen. Ein Kalender und Fastenbriefe bieten Anregungen für eine intensive Beschäftigung. Dabei gehe es nicht darum, ein paar Pfunde loszuwerden und eine gute Frühjahrsfigur zu bekommen, bekräftigte Klahr. „Es geht um eine innere Haltung und um die Wahrnehmung für das, was unsere Freiheit zum Leben und Handeln einschränkt oder belastet.“

Manche Gewohnheit und manche Vor- und Selbsturteile „hängen viel schwerer an uns als ein paar Pfunde Übergewicht“, mahnte der Landessuperintendent des evangelisch-lutherischen Sprengels Ostfriesland. Fasten könne dann auch bedeuten, in der Passionszeit einen falschen, krank machenden Ehrgeiz loszulassen. „Oder den selbst auferlegten Druck, immer das Beste bringen zu wollen.“ Niemand müsse von sich und anderen dauernd Höchstleistungen verlangen. „Vielmehr dürfen wir das menschliche Maß zurückgewinnen und so dem Leben mit Respekt begegnen.“

Ausstieg – jetzt

Es gibt den Tag lang viele Gründe, die uns hindern, uns auch nur einmal auf uns selbst zu besinnen. Nicht nur das Hamsterrad der Erwerbsarbeit, auch die vielen kleinen Zeit- und Kräftefresser davor, währenddessen und danach. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie ziehen unsere Sinne auf sich – und zugleich von uns weg.
„Mensch, wo bist du gerade?“ Die Frage, der Paradieserzählung entnommen, können wir ohne weiteres öfter an uns stellen. Wir können sie auch als Frage Gottes hören. Das hat den Vorteil, dass die andere, die verborgene Stimme mitschwingt, etwa so: „Ich habe dich doch nach meinem Bild geschaffen – und siehe, es war sehr gut. Du wendest dich zwar gerade wieder einmal ab von mir. Doch ich bleibe in Kontakt mit dir. Denn ich möchte doch, dass du wachsen kannst – hin zu meinem Bild von dir. Gerade jetzt. Gerade hier nimm das Unwahrscheinliche wahr: dass ich da bin, für dich. Höre dies als mein Wort an dich. Das ist meine Liebe zu dir.“
Ob wir es auch hören wollen? Die gelegentliche Sehnsucht, zur Ruhe und zu uns selbst zu kommen, ist ein Indiz. „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ Doch wenn mehr daraus werden soll, braucht es Zeit dafür, Zeit nur für uns. Und es braucht einen Rückzugsort, an dem anderes außen vor bleibt. Das bedeutet Weglassen und Loslassen, Verzicht auf einiges Nützliches und Angenehmes. Auf Distanz gehen ist angesagt, für einen Moment oder auch für länger. Es braucht den Entschluss, das verborgene Wort im Alltag zu erinnern in der Ahnung: Ja, da ist doch noch etwas Besseres als meine ausgetretenen Pfade.
Das Bessere – oder auch für mich Nötige – erfahre ich jenseits des Betriebs. Etwa da, wo mich ein biblisches Wort so anspricht, dass ich zu merken beginne: Meine Gegenwart ist doch die Gegenwart Gottes, sie ist mir immer schon nah! Aus der gefühlten Leere entsteht etwas Neues, eine belebende Fülle, eine aufrichtende und ordnende Kraft, die mir hilft, meinen nächsten Schritt im Alltag zu finden.
Ich habe als Pastor in einem Hamsterrad aus Selbst- und Gemeindeansprüchen vor über dreißig Jahren den Segen der meditativen Stille entdeckt. Sie hat mich auf die Spur geführt. Ich lernte das Herzensgebet kennen, das „hörende Beten“ eines biblischen Wortes im immerwährenden Rhythmus des Atems, im Achten auf meinen Körper. Es hat mich neu auf die Füße gestellt. Es lässt mich Gottes verborgene Nähe entdecken, wo ich auch bin. Es hat mich gelehrt, in meinen starken und schwachen Zeiten von Gottes Erbarmen zu leben. Erbarmen in seinem ursprünglichen Sinn: „Ich möchte, dass du leben, dass du immer noch wachsen kannst.“
Dass es einer gewissen Übung bedarf, auf die Stille zu hören, ist klar. Und es ist auch gut, sich dabei von einem erfahrenen Menschen begleiten zu lassen. Es ergibt gute Gespräche …

Von Kurt Dantzer, Pastor i. R. in Nienburg (Weser), Kontemplationslehrer Via Cordis und Autor des Oratoriums „Jehoschua“ von Helge Burggrabe (aus der Evangelischen Zeitung)

Das Herzensgebet – ein uralter Weg, neu entdeckt

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Das Herzensgebet oder Jesusgebet ist eines der ältesten christlichen meditativen Gebete. Bild: epd-Bild/Jens Schulze

Die Wüstenmönche in der frühen Kirche fragten sich, wie man beten kann, ohne ständig von Gedanken, Leidenschaften und Gefühlen abgelenkt zu werden. Sie entdeckten das „Wiederholungsgebet“: Ein kurzer Satz oder ein einziges Wort, häufig der Name Jesus Christus, wurde zunächst mit den Lippen, dann innerlich „im Herzen“ fortwährend wiederholt. Das führte allmählich zur Sammlung und zur Herzensruhe, der „Hesychia“. Dieser Weg wird in der Orthodoxie bis heute gepflegt. Jetzt entdecken ihn auch immer mehr Menschen des Westens als Möglichkeit, mitten im Alltag gesammelt und „betend“ zu bleiben.
Man kann das Herzensgebet sitzend einüben: Zunächst ist ein stabiler Sitz nötig, auf einem Hocker oder Stuhl. Füße und Po spüren der Bodenhaftung nach. Dann richtet sich die Wirbelsäule auf. Wie eine Blume aus der Erde emporwächst, der Sonne entgegen, so wendet sich der Körper dem Licht zu. Die Hände liegen im Schoß.
Dann kann man beginnen, dem eigenen Atem zu lauschen, ohne ihn zu beeinflussen. Wie atmet es in mir? Das biblische Wort für Heiliger Geist bedeutet eigentlich „Odem“. Danach kann man beginnen, das Ausatmen mit dem Namen Jesus zu verbinden, den man nicht spricht, sondern gleichsam in sich erklingen lässt. Es geht dabei nicht um Bilder, Glaubensinhalte oder religiöse Gefühle, sondern nur um den Klang des Namens. Später kann man dann beim Einatmen den Namen Christus hinzufügen. Jesus Christus – der herabsteigende und aufsteigende Gottessohn, der in uns lebt und wirkt. Wir beten zu ihm – aber eigentlich betet er in uns.
Diesem stillen Lauschen auf den Namen Jesus kann man täglich einige Minuten widmen, zum Beispiel am Morgen nach dem Aufstehen. Man kann das Jesusgebet aber auch mitnehmen in den Alltag: In einer Warteschlange, im Bus, in einer langweiligen Sitzung – überall können wir uns sammeln in jenem Namen, der bedeutet: „Gott rettet“. Man kann mit dem inneren Gebet auch spazieren gehen. Atem, Schritt und inneres Gebet koordinieren sich dabei nach und nach.
Dieser Gebetsweg ist einfach, aber nicht leicht. Denn immer wieder werden Störungen und Ablenkungen auftreten. Dann gilt es, sich sanft in die Gegenwart des Namens zurückzuholen. Menschen, die das Jesusgebet üben, berichten, dass sie gesammelter sind. Das wirkt sich heilsam aus und verändert unsere Beziehungen und unsere Achtsamkeit im Alltag. Wer diese Gebtsweise tiefer einüben will, sollte einen Schweigekursus mit kompetenter geistlicher Begleitung besuchen.
Der heilige Franz von Sales hat das Wesentliche so ausgedrückt: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn. Und selbst, wenn du in deinem Leben nichts getan hast, außer dein Herz zurückzubringen und weiter in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“

Von Andreas Ebert, evangelischer Theologe, Meditationslehrer und Autor in München (aus der EVangelischen Zeitung)

Gute Nachrichten für den Norden

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Die Evangelische Zeitung ist das wöchentliche Sonntagsblatt für die Landeskirchen Braunschweig, Hannover und Oldenburg. Ihr Schwerpunkt ist die regionale Berichterstattung. Die Evangelische Zeitung hält ihre Leserinnen und Leser auf dem Laufenden, wenn es um Fragen des Glaubens, der Gemeindearbeit oder um die Entwicklung der Kirche geht. Sie bietet das Forum für offene und faire Auseinandersetzung bei kontroversen Themen. Jede Ausgabe erscheint 52 mal im Jahr – pünktlich zu jedem Wochenende.

Und in jeder Woche beschäftigen sich die Redakteurinnen und Redakteure der „Evangelischen Zeitung“ mit einem Schwerpunktthema - in dieser Woche (Erscheinungstermin 26. Februar) ist es das Thema: „Ausstieg jetzt“ - Eine Einladung die Fastenzeit nachdenklich und besinnlich zu begehen. Einige davon bei „landeskirche-hannovers.de“, noch mehr in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung.

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